Eine Hand wäscht die andere

Wir Jungen hatten im Lauf der Zeit mit den Russen eine Art Partnerschaft entwickelt. Wir konnten miteinander reden, verständigten uns immer besser, hatten allerdings keine besonders hohe Meinung von ihnen. Sie waren zwar die Herren, aber wie oft erlebten wir, wie wenig sie wussten, wie plump und unbeholfen sie manchmal waren. Wir Acht- bis Zehnjährigen waren diesen ausgewachsenen Männern in unserem Allgemeinwissen, aber auch im Umgang mit den Errungenschaften der Zivilisation deutlich überlegen. Wie oft kamen sie mit einfachen, simplen Dingen, die sie in Häusern oder Ruinen gefunden hatten, zu uns, um zu fragen, was das denn sei.

Einer hatte eine elektrische Haustürglocke in der Hand und wollte uns nicht glauben, dass das keine besondere Art Uhr war. Er zupfte dauernd am Glockenklöppel, der plingpling machte, und fragte hoffnungsvoll: »Uri, Uri?« Natürlich gab es in der mongolischen Steppe an den Jurten keine Türklingeln, woher sollte er es also wissen. Manche kamen mit abgeschraubten Wasserhähnen und fragten uns, ob sie die zu Hause nur in die Wand zu stecken brauchten, damit Wasser fließt. Wir amüsierten uns darüber, denn uns war nicht so recht klar, dass diese Männer für ihre Unwissenheit nichts konnten.

Die Russen eigneten sich die Errungenschaften der deutschen Zivilisation schrittweise an. Nachdem so gut wie alle Uhren der Zivilbevölkerung in ihren Besitz übergegangen waren und es auf diesem Gebiet nichts mehr zu holen gab, richteten sie ihr Interesse auf Fahrräder. Die Russen, die ein Fahrrad ergattert hatten, übten das Fahren. Immer wieder sahen wir sie auf der Straße Schlangenlinien ziehen.

Wir Jungen hatten bald herausgefunden, dass wir mit Fahrradhandel etwas verdienen könnten. Wir begannen also, überall in den Ruinen nach Fahrrädern zu suchen. Meistens waren sie zerschossen oder ausgebrannt oder von herabgestürzten Mauern zermalmt. Aber nachdem wir alle Teile aufgesammelt hatten, die uns brauchbar erschienen, brachten wir sie in unseren Keller und begannen, sie neu zusammenzusetzen. Auch hierbei kam mir meine monatelange Lehrzeit bei den Soldaten zugute.

Werkzeug hatten wir in einer abgebrannten Halle gefunden, in der fünf Feuerwehrautos Opfer der Flammen geworden waren. In diesen hatten wir Werkzeugkästen entdeckt, in denen ausgeglühte und daher weiche Schraubenschlüssel lagen. Wir machten ein Feuer, brachten sie zum Glühen und schreckten sie in Wasser ab. Damit waren sie wieder hart.

Wir schafften es am Ende, drei Fahrräder zusammenzusetzen, wenn auch mit einigen Mängeln. Die drei Sättel waren verbrannt und deshalb lagen die Sprungfedern bloß. Schutzbleche fehlten (wir waren also die Erfinder der Crossräder!), und es gab keine Vorderradbremse. Auch Reifen hatten sie nicht.

Zuerst wollten wir die Räder mit nackten Felgen an die Russen verschachern. »Die fliegen auf die Fresse«, sagte ein Freund, »so können wir die nicht verhökern.« Da kam mir eine Idee. Die Flakscheinwerfer waren mit dicken isolierten Kupferkabeln mit den Stromgeneratoren verbunden gewesen, und diese Kabel lagerten in großer Zahl in einer Halle. Wir holten sie uns, sägten die Kabel in Stücke, legten diese um die Felgen und banden sie mit Draht fest. Beim Fahren holperte das zwar ein wenig, aber die Russen waren begeistert. Nur bremsen hätte man mit der Vorderradbremse nicht dürfen.

Wir gingen zum Kasernentor und fragten, ob jemand ein Fahrrad haben wollte. Der Posten telefonierte, und wenig später kam ein Offizier zum Tor. Er kaufte ein Rad und fragte, ob er noch ein zweites für seine Matka haben könne. Der Erlös waren ein großer Sack Graupen, in Hungerzeiten eine Delikatesse, eine ganze Speckseite und ein halber Wassereimer voll Schmalz. Das war für uns ein lukratives Geschäft.

Das dritte Fahrrad verkauften wir an eine Frau, eine Offizierin im Rang eines starsche ljutenant, eines Oberleutnants. Sie gab uns eine Wurst und fünf Eier dafür! Das waren die ersten Eier seit der Zeit, in der uns Großvater welche aus Maraunenhof mitbrachte, wenn er beim Mercedeswerk Nachtwache hatte!