Ende Mai hatten wir meine Großmutter beerdigt, und schon fünf Wochen später ging das Unglück weiter. Meine Mutter, durch Schwangerschaft, Geburt, die Entbehrungen des Krieges, die Misshandlungen durch die Russen stark geschwächt, war nach dem Tod ihres Babys und ihrer Mutter am Ende ihrer Kräfte. Sie wurde krank und nahm stark ab. Trotz aller Nahrungsmittel, die ich von unterwegs mit nach Hause brachte, trotz aller Hilfe, die ich ihr geben konnte, wurde sie von Tag zu Tag schwächer. Ich machte mir große Sorgen um sie. Der Gedanke, auch sie zu verlieren, war schrecklich.
Auch unsere Mitbewohnerin war der Meinung, dass Mutter dringend zum Arzt müsse. Wir hatten gehört, dass das städtische Krankenhaus in der Nähe des Dohnaturms wieder in Betrieb genommen worden war. Ich kannte es schon, denn dort hatte Mutter ja mein Brüderchen zur Welt gebracht. Aber wie sollte sie in ihrem Zustand dort hinkommen? War sie dort auch willkommen? Wurden überhaupt deutsche Patienten aufgenommen? Mutter und ich überlegten, wussten aber keine Antwort. Auch sonst konnte uns niemand diese Frage beantworten, und so gab es nur eins: Ich musste zum Krankenhaus gehen und es herausfinden.
So machte ich mich auf den langen Weg. Unsere Kaserne lag fünf Kilometer vom Stadtzentrum entfernt. Es war das erste Mal, dass ich, seit wir aus der Stadt geflohen waren, wieder dorthin kam. Wie es da wohl aussehen würde? Bisher hatte ich nur Gerüchte gehört, und die verhießen nichts Gutes.
Ich nahm all meinen Mut zusammen. Die Angst um Mutter beschleunigte meinen Schritt. Der Weg in die Innenstadt war durch Panzer und Mannschaften freigeräumt worden. Große Teile der schmalen Fahrbahn bestanden aus Trümmern, zugeschütteten Granat- und Bombentrichtern. Von einer glatten Straße konnte keine Rede sein. Trümmer türmten sich auch hoch zu beiden Seiten. Unversehrte Häuser gab es nicht mehr, bis auf Ausnahmen, da und dort ein einzelnes Haus, das wie durch ein Wunder stehengeblieben war. In diesen Häusern wohnten, wie ich später erfahren sollte, russische Offiziere.
Auch sonst sah ich überall Spuren des Krieges. Alle schweren Waffen und Fahrzeuge standen noch so da, als wäre der Kampf erst kürzlich zu Ende gewesen, deutsche wie russische, wobei die russischen weit in der Überzahl waren. Es lagen alle Arten von Handfeuerwaffen herum, notdürftig unbrauchbar gemacht durch Abschlagen der hölzernen Kolben. Mit der überall verstreuten Munition hätte man eine ganze Armee ausrüsten können. Die Russen wussten offenbar, dass die halbverhungerten Deutschen, die überlebt hatten, zumeist Frauen und Kinder, kaum zu den Waffen greifen würden, und so ließen sie einfach alles herumliegen.
Nachdem ich die beiden großen Bombenangriffe auf Königsberg in unserer Straße erlebt hatte, war ich der Meinung gewesen, mehr könne man gar nicht zerstören. Aber je weiter ich in die Innenstadt kam, desto mehr erkannte ich, wie sehr ich mich geirrt hatte. Ich kam an so vielen Trümmern vorbei, dass ich mich öfter fragte: Wo bin ich hier eigentlich? Schließlich entdeckte ich das Krankenhaus nach einigem Suchen. Ich wusste noch, dass es dicht an der Uferpromenade des Schlossparks lag, und das half mir, den Weg zu finden. Als ich mich daraufzubewegte, kam mir eine Erinnerung an schöne Zeiten in den Sinn und für einen Augenblick vergaß ich alle Schrecken der Gegenwart.
Ich dachte daran, wie ich hier sonntags mit meiner Mutter spazieren gegangen war, sie im eleganten weißen Kleid mit lila Spitze, dazu einen großen weißlila Hut, und ich in meinen Bleylehosen schwitzend. Manchmal, wenn die Lebensmittelmarken reichten, waren wir sogar zu Gelhaar gegangen, der berühmten Marzipan-Konditorei. Wir gingen »konditern«, wie meine Mutter es nannte. Dann saß ich mit ihr in dem feinen Café, glücklich und stolz, und hinterher berichtete ich meinen Großeltern in Maraunenhof, wie schön es dort war. Großmutter schaute missbilligend drein wegen solcher Schlemmereien mitten im Krieg, und Großvater meinte nur: »So wasjer aber auch!«
Da gab es noch die wunderschöne weiße Brücke über den Schlossteich, eine Art Seebrücke, die später von englischen Bomben zerstört wurde. Oft gingen wir auch nachmittags in das Kino »Alhambra« am Steindamm, der großen Geschäftsstraße. Auch hier lag gegenüber ein Café, daneben die Dresdner Bank, gleich dahinter die Steindammer Kirche, in der ich getauft worden war. Wenn wir über die Brücke gegangen waren, kamen wir zur Buchhandlung »Graefe und Unzer«, und staunend blickte ich durch die Fenster auf die vielen Bücher. Da man sonntags nicht hineinkonnte, bat ich meine Mutter inständig, mit mir in der Woche wieder herzukommen. Da durfte ich die Bücher sogar anfassen und darin blättern.
Wie lange war das alles her. Mit einem Schlag war ich wieder in der Wirklichkeit, im Hier und Jetzt. Mutter war schwerkrank. Ich musste mich darum kümmern, dass sie ins Krankenhaus kommen konnte. Ich ging schneller. Ich betrat das Gebäude durch den Haupteingang. Alles sah noch so aus wie früher. Doch im Empfang war niemand, und so lungerte ich verlegen in der Eingangshalle herum, bis endlich eine deutsche Krankenschwester kam und mich fragte, was ich dort wolle.
Ich war erleichtert, dass es keine Russin war. Also gab es vielleicht auch noch deutsche Ärzte, die deutsche Patienten behandelten. Eine Hoffnung für Mutter. »Meine Mutter ist krank«, sagte ich. »Was fehlt ihr denn?«, fragte sie. »Ich weiß es nicht, aber sie ist sehr schwach.«
Die Krankenschwester erklärte mir, dass in diesem Krankenhaus russische und deutsche Ärzte seien und in dem anderen Krankenhaus gegenüber nur Russen. Sie hätten aus Personalmangel alle deutschen Mitarbeiter, die überlebt hätten, behalten. Im Krankenhaus seien die Schwestern vor Übergriffen der Russen sicher gewesen und hätten auch etwas zu essen bekommen. Wie erleichtert war ich, als die Schwester schließlich sagte: »Bring deine Mutti hierher, und dann sehen wir weiter.« Ich mache mich gleich auf den Rückweg, wieder fünf Kilometer. Sicher würde Mutter froh sein, wenn ich ihr erzählte, dass es das Krankenhaus noch gab und sie dort willkommen sei.
Da Mutter nicht mehr allein gehen konnte, mussten wir sie auf den Leiterwagen packen, und wieder zog ich zusammen mit meinem Freund los. Ich war froh, dass er mir half. Unsere Mitbewohnerin blieb zu Hause, für sie wäre es zu gefährlich gewesen, sich ins Gebiet der Russen zu begeben, meinte sie. Wie lange wir mit dem Leiterwagen für den Weg über die holperige Straße gebraucht haben, weiß ich nicht mehr. Wir kamen jedenfalls nur langsam vorwärts, und ich glaube, für Mutter muss es in diesem ruckeligen Karren alles andere als bequem gewesen sein. Doch es war die einzige Möglichkeit, sie ins Krankenhaus zu bringen.
Als wir dort ankamen, wurde Mutter gleich aufgenommen und kam in ein Zimmer im ersten Stock, in dem zwei Betten standen, eines davon war leer. Nachdem sie sich hingelegt hatte, verabschiedete ich mich von ihr. Ich war ein wenig erleichtert. Nun würden sich die Ärzte und Schwestern sicher gut um sie kümmern. Wir machten uns auf den Heimweg und zogen unseren Leiterwagen bis zur Kaserne zurück. Als wir endlich da waren, hatte ich an einem Tag zwanzig Kilometer zurückgelegt, mit wenig Essen, viel Kummer und großen Sorgen. Aber ich hatte es geschafft, auch weil ich hoffte, dass es Mutter bald besser gehen würde.
Ich machte mich alle zwei Tage ins Krankenhaus auf, um sie zu besuchen. Der weite Weg machte mir nicht so viel aus, war ich doch froh, Mutter sehen zu können, denn ich fühlte mich sehr einsam in der Kammer ohne Großmutter, ohne Mutter. Die Schwestern und Ärzte im Krankenhaus konnten nur wenig für sie tun. Es ging ihr jedes Mal, wenn ich kam, schlechter. Sie konnte kaum essen. Das Brot im Krankenhaus kam aus deutschen Wehrmachtsbeständen, es lag in Dosen, war staubtrocken und bestand fast nur aus Schlauben. Wenn man die Dose schüttelte, klapperte das Brot darin. Das konnte nicht die richtige Nahrung für eine Schwerkranke sein, sagte ich mir. Deshalb erbettelte ich immer auf dem Weg ins Krankenhaus von den Russen etwas Brot. Manchmal, wenn ich zu ihnen sagte: »Matka bolneuj, niema kuschatj«, Mutter ist krank und hat nichts zu essen, bekam ich sogar etwas Weißbrot. Das konnte sie besser kauen und schlucken.
Alle zwei Tage ging ich also die zehn Kilometer, ein langer Fußmarsch in der Sommerhitze. Wenn ich ankam und meine Mutter sah, wurde mir die Kehle eng, mein Herz klopfte heftig, und ich war dem Weinen nahe. Sie fragte mich jedes Mal, wie ich denn allein zurechtkäme, aber ich glaube, sie verstand nicht so genau, was ich ihr antwortete. Sie konnte es kaum noch aufnehmen. Das merkte ich deutlich und fühlte mich umso mehr allein, es erschien mir, als wäre sie gar nicht mehr richtig da.
Mutter war furchtbar dünn geworden, die Folgen der Misshandlungen zehrten weiter an ihr, und womöglich hatte sie auch der Typhus erwischt, der in der Stadt grassierte. Ihr fröhlich-rundliches Gesicht war zu einem richtigen Skelettkopf geworden. Wie groß und stattlich hatte sie immer ausgesehen, wenn wir zusammen in die Konditorei gegangen waren.
Wenn sie mich kommen sah, sagte sie zur Begrüßung: »Bullerchen, ich werde schon wieder gesund, ganz bestimmt, und der Papi kommt ja auch bald nach Hause!« Ob sie mich, wenn sie das sagte, schon darauf einstimmen wollte, dass ich bald nur noch einen Vater haben würde? Ganz sicher hat sie meine Angst erkannt und versuchte, mich zu trösten, so gut es ging.
Eines Tages, nach etwa drei Wochen, als ich Mutter wie üblich besuchen ging, öffnete ich die Tür zu ihrem Zimmer, aber das Bett war leer. Ging es Mutter vielleicht besser und sie war in ein anderes Zimmer verlegt worden, damit sie nicht mehr so allein war und sich mit anderen unterhalten konnte? Oder hatte man sie vielleicht zu einer Untersuchung gebracht? Nach einigem Überlegen sagte ich mir: Nein, das kann nicht sein, ihr Bett ist ja leergeräumt. Tatsächlich war da nur das nackte Eisengestell, das unheimlich auf mich wirkte. Ich ging zurück auf den Flur, um nach der Schwester zu suchen, der einzigen Person, die ich bei meinen Besuchen auf diesem Flur im ersten Stock je gesehen hatte.
»Ach, da bist du ja«, sagte plötzlich eine Stimme hinter mir. »Du hast bestimmt Hunger. Du kannst die Suppe deiner Mutter haben.« Wo Mutter war, sagte sie mir nicht. »Setz dich da an den kleinen Tisch im Flur, da sind auch zwei Stühle.« Ich gehorchte und setzte mich. Aber welche Gedanken schossen mir durch den Kopf. Warum war Mutter nicht mehr in ihrem Zimmer? Warum hatte sie ihre Suppe nicht gegessen? Warum brachte mich die Schwester nicht gleich zu Mutter? Essen könnte ich doch später noch. Irgendetwas stimmte da nicht.
Die Schwester brachte die übliche Wassersuppe und setzte sich zu mir an den Tisch. Ich hatte furchtbaren Hunger, denn ich hatte lange nichts gegessen. Das für Mutter erbettelte Brot steckte noch in meiner Hosentasche. Nach ein paar Löffeln sagte die Schwester plötzlich: »Deine Mutter ist nicht mehr.« Sie hatte mich mit dem Angebot, die Suppe meiner Mutter zu essen, auf diesen Moment vorbereiten wollen, ohne dass ich es gemerkt hatte.
Die Tränen schossen mir aus den Augen und fielen in die Wassersuppe. Ich aß tapfer weiter, wahrscheinlich, weil ich nichts zu sagen wusste. Alles war so leer in mir. Was würde jetzt nur geschehen? Wie durch einen Schleier hörte ich die Stimme der Schwester: »Deine Mutter ist jetzt im Himmel und dein Brüderchen Siegbert auch, sie hat mir von ihm erzählt. Ich soll dir sagen, dass sie dich sehr lieb hat und dass sie immer auf dich aufpassen wird. Und dass dein Vater bestimmt noch lebt.« Und sie fragte: »Hast du jetzt noch Angehörige oder bist du ganz allein?« »Ich habe niemand«, sagte ich schluchzend. »Du kannst zu uns ins Krankenhaus kommen. Hier gibt es viele andere Kinder, die auch allein sind. Überleg es dir, und wenn du zu uns kommen willst, geh gleich nach hinten durch den Garten zu dem Haus. Da weiß man schon Bescheid.«
Zuerst machte ich mich auf den Weg zu unserem Haus bei der Kaserne. Je länger ich ging, desto trauriger wurde ich. Während ich durch die zerstörten Straßen meiner Heimatstadt ging, wurde es mir immer mehr bewusst: Ich war ganz allein, ich hatte niemanden mehr, der sich um mich kümmerte. Wieder schossen die Tränen hervor, sodass ich gar nichts mehr richtig sehen konnte. Ich setzte mich auf einen Trümmerhaufen, die Tränen wollten und wollten nicht aufhören. Es war ein warmer Sommertag, die Sonne schien; alles hätte so schön sein können, aber nun war Mutter tot, und ich fühlte mich so hilflos.
Irgendwann stand ich auf und ging weiter. Langsam begann ich zu überlegen. Die Krankenschwester hatte mir von meiner Mutter ausgerichtet, dass sie mich sehr lieb hätte und immer über mich wachen würde. Wie sollte ich das verstehen, wo sie doch im Himmel war? Mir fiel ein, was Großmutter Caroline, die ja aus einer katholischen Familie im Sauerland stammte, mir erzählt hatte: »Dort oben im Himmel gibt es ganz viele Engel, denn alle guten Menschen kommen dahin und werden zu Engeln. Und die passen auf die Menschen hier unten auf der Erde auf. Sie sind ihre Schutzengel.«
Jetzt verstand ich: Mutter war mein Schutzengel geworden, das hatte sie gemeint, als sie mir ausrichten ließ, sie werde immer auf mich aufpassen. Sie muss es wirklich getan haben. Ich habe im Gegensatz zu vielen anderen Kindern aus Ostpreußen überlebt.
Ich fühlte mich ein wenig besser und konnte auch wieder klarer denken. Wie sollte ich mich entscheiden? Würde Mutter mir vielleicht etwas sagen? Ich horchte, aber niemand sprach zu mir. Die Stadt war totenstill, denn Verkehr gab es ja nicht, und wo ich ging, waren keine Menschen zu sehen oder zu hören.
Mutti, was soll ich tun?, fragte ich leise immer wieder. Am Ende beschloss ich, zu den anderen Kindern ins Krankenhaus zu gehen. Dort gab es auch etwas zu essen, und ich würde nicht ganz allein sein. Mutter hatte sich immer für das Praktische entschieden, und bestimmt hätte sie mir geraten, der Einladung der Schwester zu folgen.
Ich kam im Haus bei der Kaserne an. Dort erklärte ich der fremden Frau von der Wäscherei, dass Mutter tot sei und ich ins Krankenhaus gehen würde.
»Ja, tu das, geh nur. Den Pelzmantel deiner Mutter und den Brustbeutel deiner Oma behalte ich hier und hebe ihn auf, bis Tante Christel wiederkommt. Der sage ich dann, wo du bist.« Mir gefiel dieser Vorschlag gar nicht, ich wusste aber nicht, was ich erwidern sollte. Außerdem war ich sicher, dass ich Tante Christel bald wiedersehen würde. Ich stimmte also zu, und nahm nur meine Joppe, das Geschenk der Großeltern vom letzten Herbst, viel mehr besaß ich ja nicht. Sicher hat die Frau mithilfe der Sachen eine Weile überlebt, und das sei ihr gegönnt. Ob ihr wohl klar gewesen ist, dass sie ein Kind bestohlen hat?