Das Katharinenstift – ein neues Zuhause

Am nächsten Morgen ging ich los, ohne Besitz außer meinen Kleidern am Leib. Ich trug die für den Sommer viel zu warme Joppe meiner Großeltern, dazu Skihosen und Schnürstiefel. Bei diesem Wetter eher eine Last. Auf dem Weg zum Krankenhaus sagte ich mir: Ich muss mir den Tag merken, an dem Mutter gestorben ist. Es war der 26. Juli 1945. Ein Jahr zuvor waren wir noch gemeinsam in den Ferien am Meer und auf dem Bauernhof gewesen. Ich hatte noch meine Großmutter und Tante Christel und die Großeltern in Maraunenhof gehabt. Jetzt war ich ganz allein auf der Welt. In einem Monat würde ich neun Jahre alt. Wer sollte mit mir Geburtstag feiern?

Ich weiß nicht, wie ich mit meiner Verzweiflung fertiggeworden bin. Ich bin immer weitergegangen, über die Hohe Brücke, die noch stand, am anderen Ufer des Sees entlang, über die Promenade bis in mein neues Zuhause. In dem Gartenpavillon hinter dem Krankenhaus waren schon viele Kinder. Nachdem ich mich dort angemeldet und eine kleine Pritsche zum Schlafen bekommen hatte, fragte ich die Schwestern, wo denn Mutter beerdigt worden sei. Ich dachte dabei voll Schrecken an das Massengrab, in das Großmutter gekippt worden war. »Junge, hier sterben so viele Mütter, sie alle werden drüben im Park gemeinsam beerdigt.« Ich habe meine tote Mutter nicht mehr gesehen.

Sie war auch in ein Massengrab gekommen, wie die anderen Toten dort in Verdunkelungspapier gewickelt und in die Grube geworfen worden. Dann hatte man die Grube voller Leichen zugeschüttet. Dass wegen der Seuchengefahr alles ganz schnell gehen musste, erklärte mir niemand. Man sagte mir nur, es gäbe eine Namensliste, aber die habe ich nicht zu Gesicht bekommen.

Dort war es also genau wie draußen in Rosenau. Es war einfach nicht möglich, bei den vielen Toten Kreuze oder irgendwelche Markierungen anzubringen, von Grabsteinen ganz zu schweigen. Nicht einmal die Plätze, an denen die Toten verscharrt wurden, bezeichnete man. So war Großmutter beerdigt worden und nun auch Mutter, und auch der kleine Siegbert hatte kein richtiges Grab bekommen. Das stimmte mich sehr traurig.

Wir Kinder im Gartenhaus hatten alle unsere Mütter verloren. Man kann nicht sagen, dass wir eine besonders fröhliche Gruppe waren. Viele von uns weinten, wir waren unglücklich und verzweifelt. Wir verbrachten die Zeit damit, zum Schlossteichufer zu laufen, aufs Wasser zu blicken, zu träumen, zu weinen. Wir haben auch ein bisschen gespielt, Verstecken und Nachlaufen, aber nicht mit besonderem Vergnügen. Es lenkte uns nur ab und zu von unseren traurigen Gedanken ab.

Immerhin gab es regelmäßig etwas zu essen. Das hatte ich seit vielen Wochen nicht mehr erlebt. Die Mahlzeiten bestanden zwar aus Wassersuppe und Dosenbrot, aber dennoch. Ich dachte, nun müsse ich nicht mehr jeden Tag in den zerstörten Häusern nach Nahrung suchen. Doch ich vermisste meine Freunde aus dem Haus bei der Kaserne. Drei Tage war ich schon fort. Am vierten Tag kam eine Schwester und erklärte uns, dass eine Geschwisterschar von acht Kindern zusammenkommen solle. Vier von ihnen seien schon da, die anderen würden folgen. Dafür müssten vier andere Kinder fort. Man könne sich freiwillig melden.

Ich meldete mich, weil ich gerne den Ort verlassen wollte, an dem Mutter gestorben war. Alles dort erinnerte mich an sie und ständig musste ich losheulen. Und die anderen Mädchen und Jungen waren alle so traurig, dass es keinen Trost gab. Ich zog also um, zusammen mit den drei anderen Kindern, die sich gemeldet hatten, zwei Jungen, etwa in meinem Alter, und einem Mädchen. Wohin wir kamen, wussten wir nicht, als wir uns zu Fuß auf den Weg machten. Unser Bettzeug war auf einen Malerkarren gepackt worden. Ein deutscher Krankenpfleger begleitete uns. Unterwegs stellte ich fest, dass mir der Weg, auch wenn wir uns durch Unmengen von Trümmern bewegten, vertraut war. Wir gingen offensichtlich nach Maraunenhof, wo ich so oft bei den Großeltern gewesen war. Ich war sehr froh darüber.

Dort stand ganz nah am Oberteichufer die Villa des ehemaligen Luftgaukommandeurs. Sie war unversehrt geblieben und die Nonnen vom Katharinenstift hatten sie gemeinsam mit einem katholischen Pfarrer besetzt und darin ein Auffangheim für elternlose Kinder eingerichtet. Dies war in jener Zeit eine außerordentlich couragierte Tat, und man kann den Mut dieser Nonnen nur bewundern. Ich denke noch heute mit Hochachtung an sie.

Ich war das Kind Nr. 28, eine Nummer, die ich nie vergessen werde. Von Anfang an fühlte ich mich dort wohler als im Krankenhaus. Ich kam auf andere Gedanken und dachte nicht ständig an Mutters Tod. Sehr bald erkundete ich zusammen mit anderen Kindern das Terrain. Die meisten Häuser in dieser Villengegend waren zwei bis drei Stockwerke hoch, viele von ihnen waren beschädigt. Nur eine schmale Straße trennte unser Grundstück vom baumbestandenen Uferstreifen. Unsere Villa war unversehrt, doch die nebenan hatte eine Sprengbombe abbekommen und war zusammengefallen. Man sah überall zerfetzte Bücher liegen. Offenbar hatte es darin eine große Bibliothek gegeben. Auf der anderen Seite war eine katholische Hauswirtschaftsschule für Mädchen gewesen. Dieser Bau war bis zum Parterre niedergebrannt, nur der Keller war noch erhalten. Darin gab es einen großen Saal, offenbar die frühere Lehrküche, denn dort standen viele Kochherde und ein großer eingemauerter Suppenkessel. Im Park, der zu der Villa gehörte, lag ein Sommerpavillon mit einem großen Zimmer, das eine verglaste Fensterfront hatte, und einem kleinen Raum mit Kachelofen und Waschküche. Vielleicht hatten die Mädchen dort im Sommer Nähen und Handarbeiten gelernt.

Der Zaun zu unserem Grundstück war niedergerissen, sodass alle Gebäude und Gärten zusammen eine große Einheit bildeten, in der wir uns frei bewegen konnten. In unser Heim kamen Kinder aus Ostpreußen, die auf den Trecks verlorengegangen waren, und Waisenkinder, deren Mütter bei Bombenangriffen in Königsberg umgekommen oder wie meine Großmutter und Mutter an den Folgen von Krieg und Entbehrung gestorben waren. Sankt Katharinen war für viele von uns die Rettung, auch wenn bei weitem nicht alle überlebten.

Die Ältesten von uns waren etwa zwölf, alle Größeren waren von den Russen verschleppt worden. Wir Jungen hatten unsere Pritschen im Gartenpavillon der Hauswirtschaftsschule, die Mädchen waren im Haupthaus untergebracht. Fast täglich wurden neue Kinder gebracht, die allein und ziellos in den Ruinen herumgeirrt waren. Niemand hatte sich um sie gekümmert, bevor die Russen begonnen hatten, ein wenig Ordnung in der besiegten Stadt zu schaffen. Alle diese Kinder waren in einem erbärmlichen Zustand, und viele starben bald, nachdem sie ins Heim gekommen waren.

Die Zwei- bis Fünfjährigen hatten kaum eine Chance zu überleben. Dazu musste man fähig sein, wie ein Erwachsener zu handeln, das heißt überlegen, woher man etwas zu essen bekommt, die Kraft und Energie haben, in Ruinen und Kellern danach zu suchen, sein Leben von einem auf den anderen Tag zu planen. Wir etwas größeren Kinder waren dazu schon in der Lage, wir konnten zielgerichtet handeln, auch wenn es unsere Kräfte fast überstieg. Diese Kleinen konnten es nicht allein schaffen. Auch die kranken Kinder hatten so gut wie keine Chance, da es keine medizinische Versorgung gab.

Bald wurde es für uns zur Routine, andere Kinder sterben zu sehen. Wenn wir morgens im Schlafsaal des Gartenpavillons aufwachten und ein Junge nicht mehr aufstehen konnte, riefen wir die Nonnen. Sie schickten uns fort, wickelten die Kinder in Verdunkelungspapier, von dem es immer noch Unmengen gab, trugen sie hinten in den Garten und begruben sie.

Die meisten der kleinen Kinder kannten nicht einmal ihre Namen, sie wussten nicht, wie ihre Mutter hieß, woher sie kamen und wie alt sie waren. Wir Größeren gaben ihnen Vornamen, damit wir sie anreden und ihnen ein wenig helfen konnten. Manche von ihnen mussten schreckliche Dinge erlebt haben. Sie waren psychisch so gestört, dass sie den ganzen Tag auf ihren kleinen Betten saßen und ihre Oberkörper rhythmisch-monoton hin- und herbewegten. Andere pendelten unaufhörlich mit ihrem Kopf von rechts nach links, von links nach rechts. Ihr Anblick war kaum zu ertragen. Claus, ein Junge, der vielleicht zehn Jahre alt war, saß da und schlug unablässig die Hände gegeneinander, dabei lallte er unverständliches Zeug. Mit ihm reden konnte man nicht. Auch er starb nach ein paar Tagen. Viele Kinder hatten neben den psychischen Schäden zudem die Kontrolle über ihre Körperfunktionen verloren. Auch hier leisteten die Nonnen großartige, aufopferungsvolle Arbeit.

In einer großen Schar von Kindern in misslicher Lage – irgendwann, als die Schwächsten gestorben waren, blieben ungefähr zweihundert übrig – entstehen Verhältnisse wie in jeder Gesellschaft von Erwachsenen. Es gibt einige, die auf Kosten der anderen ihren Vorteil suchen. So war es auch bei uns im Katharinen-Heim. Immer wieder versuchten manche Jungen, den armen, schwergestörten Kindern ihre Brot- und Suppenrationen wegzunehmen oder abzuschwatzen. Und wir hatten große Mühe, sie davon abzuhalten. Manchmal kam es deswegen auch zu lautem Geschrei und zu Prügeleien.

Im Ganzen waren wir mehr Jungen als Mädchen. Das hing auch damit zusammen, dass die Jungen eher die Möglichkeit hatten, in Ruinen und auf den Straßen nach Essbarem zu suchen und bei den Russen zu betteln. Das wäre für die Mädchen zu gefährlich gewesen. Die Nonnen hatten die Situation erkannt und deshalb jedem von uns Jungen ein Mädchen anvertraut, eine Art Patenkind, um das wir uns besonders zu kümmern hatten. Das bedeutete auch, dass wir ihnen etwas zu essen mitbringen sollten. Im Gegenzug war es Aufgabe der Mädchen, unsere Kleider zu flicken. Da hatten sie allerdings eine Menge zu tun, denn wir hatten ja nur wenige Sachen, alles nur einmal, und beim Durchstöbern der Ruinen wurden die nicht gerade geschont. Sehr haltbar war die Arbeit der Mädchen nicht. Immer wieder verlor ich meine Knöpfe, die mit brüchigem Garn befestigt waren. Damit sie ein für alle Mal hielten, nähte ich sie mir schließlich selbst an, mit dünnem Kupferlackdraht, den ich von elektrischen Geräten abgewickelt hatte. Ich brauchte nicht mal eine Nadel dazu, und es hielt ewig.

Der Priester und die fünf Nonnen taten, was sie konnten, um uns zu ernähren. Jeden Tag gab es eine gelbe klare Wasserbrühe aus Zuckerrübenschnitzeln, die ekelhaft süß schmeckte. Der Pfarrer hatte die Schnitzel, ein Abfallprodukt der Zuckergewinnung, säckeweise aufgetrieben. Es war eine Qual, diese Suppe zu essen, aber wir hatten keine Wahl. Manchmal, wenn wir es gar nicht mehr ertrugen, kippten wir heimlich den Tellerinhalt aus dem Fenster und verwischten auch draußen die Spuren. Wie gekochter holziger Kohlrabi oder Apfelspelzen im Apfelmus, so ungefähr fühlte es sich an, wenn man Rübenschnitzelsuppe aß.

Ab und zu bekamen wir ein wenig Brot, aber das war kaum der Rede wert, und wir ergänzten die Suppe, so gut wir konnten, mit gefundenen essbaren Dingen, zum Beispiel etwas Sauerampfer. Im Grunde wurden wir nie richtig satt, und doch waren wir froh, dass wir wenigstens ein bisschen zu essen bekamen. Auf unseren täglichen Beutezügen nämlich sahen wir viele Leute, die auf der Straße oder in Ruinen lebten und langsam am Hunger zugrunde gingen.