In den Ruinen von Königsberg

Unsere Gemeinschaft gab uns die seelische Kraft zu überleben und versetzte uns in die Lage, gezielt zu handeln. Wir machten Pläne, wir überlegten, was wir am nächsten Tag tun könnten, um etwas Zusätzliches zu essen zu finden. Zwischen uns gab es wenig Gerangel und keine Prügeleien, dazu war unsere Situation viel zu ernst, und wir waren froh, wenn wir etwas Ruhe und Frieden hatten.

Neben unseren »Beutezügen« bei den Russen – wir hatten dabei niemals das Gefühl, etwas zu stehlen, denn wenn man in Not ist, hat man schließlich keine Wahl – hatten wir im Heim auch Pflichten zu erfüllen und durften erst weggehen, wenn wir sie erledigt hatten. Zu den Aufgaben der Jungen gehörte es, Wasser aus dem Oberteich zu holen, da es immer noch kein Leitungswasser gab. Unsere gesamte Wasserversorgung stammte aus diesem Gewässer, in dem viele Leichen liegen mussten. Bei uns allerdings schwammen sie nicht herum.

Auch Brennholz musste besorgt werden, das sich in Ruinen und aufgegebenen Gebäuden finden ließ. Der ostpreußische Winter nahte, und wir hatten noch keinerlei Heizreserven. Auch für die Küche wurde Holz benötigt. Wenn wir keine Vorräte anlegen würden, müssten wir unweigerlich erfrieren. Mit Brennholz mussten wir äußerst sparsam umgehen. Die Gebäude waren schwer zu heizen. Im Haupthaus stand in der Halle nur ein kleiner, etwa einen Meter hoher Kanonenofen. In der Küche gab es einen großen Herd mit Holzfeuerung. Alle anderen Räume ließen sich sowieso nicht heizen, da die gesamte Zentralheizung ohne Brennmaterial war. Besonders Koks fehlte. Außerdem war die Heizung ständig »abgesoffen«, der Kessel stand in dem in den Keller eingedrungenen Wasser. Im Gartenpavillon, in dem der große Schlafraum untergebracht war, gab es gar keine Heizmöglichkeit, sodass die Kinder dort ständig froren.

Oft machten wir uns auch in größeren Gruppen auf, um Nahrung zu suchen. Da die wenigsten Kinder aus Königsberg stammten, ging ich meistens vorweg, weil ich die Wege kannte. Die anderen fürchteten sich vor der Großstadt, die mit den vielen Spuren des Krieges tatsächlich unheimlich wirkte. Bis zum Tod meiner Mutter war ich oft im östlichen Teil der Stadt gewesen, nun gingen wir weiter bis in die Innenstadt, und dort war alles noch viel schlimmer verwüstet. Zerschlagenes Kriegsmaterial war überall aufgetürmt. Wir schwärmten aus, um Essen zu finden, aber wir untersuchten auch die Geschütze, die Panzer und sonstigen Fahrzeuge. Meine Kenntnisse nahmen zu. Ich sah, was die Sprengung der Pregelbrücken bewirkt hatte, sie waren zumeist gründlich zerstört. Das war nicht allzu viele Wochen her. Und nun balancierte ich über zerrissene Eisenträger, um auf das andere Pregelufer zu gelangen. Stolz erzählte ich meinen Freunden von den Vorbereitungen der Sprengung, insbesondere meiner Mithilfe, und sie waren sichtlich beeindruckt.

In einem Keller, dessen Fenster auf den Pregel hinausging, fanden wir ein ganzes Regal voller Konservendosen. Was für ein Fund! Manche hatten gewölbte Deckel, andere waren aufgesprungen, aber das störte uns nicht, Essen war Essen.

In demselben Keller lagen zwei deutsche Soldaten, die auf einem unter das Kellerfenster geschobenen Tisch stehend mit einem MG über den Pregel hinweg auf die gegenüberliegende Stellung der Russen geschossen hatten. Sie waren von Handgranaten vom Tisch geschleudert und getötet worden. Wir konnten nichts mehr für sie tun und bedauerten vor allem, dass es auch einige Konservendosen erwischt hatte.

Was wir mitnehmen konnten, trugen wir nach Hause, den Rest versteckten wir in einem hinteren Kellerraum. Den größten Teil der Beute gaben wir in der Küche ab, einige Dosen behielten wir als Reserve, versteckt in einer der in der Nähe gelegenen Ruinen, in der wir eine Art Schatzkammer eingerichtet hatten.

Nicht immer waren unsere Aktionen ungefährlich, doch als Chef der Gruppe konnte ich es mir kaum leisten, Angst zu haben. Dabei lauerten in den zerstörten Gebäuden und verschütteten Kellern zahlreiche Gefahren. Sie hätten weiter einstürzen können, außerdem lagen überall Unmengen von Munition herum. Oft hatten wir einfach Glück, aber bevor wir irgendwo hineingingen, überlegte ich auch genau, was wir tun konnten und was wir besser sein ließen. Wie mit Waffen und Munition umzugehen war, wusste ich ja aus meiner »Lehrzeit« bei unseren Soldaten, sonst wäre ich wohl wie so viele, die in den Ruinen lebten, in die Luft geflogen oder hätte Hände und Füße verloren.