In der Wohnung der Eltern

Eines Tages ging ich einmal allein zu der Wohnung am Preyler Weg, in dem wir vor den schweren Bombenangriffen gelebt hatten. Der gesamte Wohnblock und alle benachbarten Häuserzeilen waren weitgehend bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Auch das Mercedes-Ausbesserungswerk hatte eine Menge abbekommen. Es war ein schlimmer Anblick. In diesem Viertel hatte ich die schönsten Jahre meiner Kindheit verbracht, jetzt lag alles in Schutt und Asche. Und ich war als Einziger der Familie übrig. Von meinem Vater wusste ich nichts, vielleicht war auch er längst tot, so wie all die anderen deutschen Soldaten, deren Leichen ich gesehen hatte. Und ich wusste nicht, wie ich irgendetwas von ihm erfahren sollte. Ich fühlte mich mehr denn je von aller Welt verlassen.

Trotz aller Zerstörung zog es mich zu unserem Haus. Man konnte es sogar noch betreten. Das Treppenhaus stand, allerdings gab es weder Geländer noch den Holzbelag der Treppenstufen und auch keine Seitenwand. Ich ging vorsichtig Schritt für Schritt nach oben, sorgfältig auf das Knistern im Mauerwerk achtend, und betrat das, was von der Wohnung übrig war. Vorsichtig tastete ich mich bis zum Eingang des Wohnzimmers vor, dann blickte ich nach unten und sah zwei Etagen tiefer einen riesigen Schutthaufen, die Reste von vier Etagen Fußböden, Zimmerdecken und Dach. Da unten müssen auch die Reste meiner kleinen Waffen- und Munitionssammlung liegen, sagte ich mir. Sicher hat es schön geknallt, als sie explodierte.

Ich ging zur Küche und Speisekammer. Sie waren völlig ausgebrannt. Hier hatte mich Mutter in der Zinkbadewanne gebadet, hier hatte ich mit einer Gummispritze durch das Fenster auf meine Spielkameraden oder auch auf Erwachsene gespritzt, hier hatte ich die einzige Tracht Prügel meines Lebens bekommen, nachdem Mutter meinem Vater, der auf Fronturlaub war, erzählt hatte, dass ich immer noch die Brotrinden von meinen Brotscheiben abschnitt. Nie würden wir hier wieder zusammen sein. Nie mehr würde Vater auf Urlaub kommen. Und auch Siegbert, mein kleiner Bruder, würde nie wieder lebendig werden.

In der Speisekammer fand ich einen braunen Klumpen verbrannten Zuckers. Ich lutschte daran und schaute mich weiter in der ehemaligen Küche um. Gleich links neben der Tür stand der ausgeglühte Gasherd. Daneben hatte der Stuhl gestanden, auf dem ich immer am Esstisch gesessen hatte. Oft hatte Mutter dort ihre Arbeiten erledigt, während ich auf dem Tisch mit meinem Stabilbaukasten Kräne, Lastwagen oder Lokomotiven baute. Dabei unterhielten wir uns meistens angeregt, überlegten, wohin wir Ausflüge machen oder was sie am besten mit den Lebensmittelkarten besorgen könnte oder welchen Film wir uns ansehen sollten. Auch meine Hausaufgaben hatte Mutter sich an dem Tisch angesehen.

Ohne es zu merken, hockte ich mich, während ich an früher dachte, in den Brandschutt auf dem Fußboden genau an den Platz, an dem mein Stuhl gestanden hatte. Dort in der vertrauten, wenn auch verbrannten Umgebung wurde mir wieder bewusst, wie allein ich jetzt war. Da liefen mir die Tränen herunter. Alle hatten mich verlassen, nur ich blieb zurück. Mutter war im Himmel, mein kleiner Bruder Siegbert und Großmutter auch, und Tante Christel war verschwunden. Ob Papi und die Großeltern noch lebten, war mir nicht bekannt. – Ich weiß nicht mehr, wie lange ich so im Schutt gegessen habe. Irgendwann rappelte ich mich auf und beschloss, mit aller Kraft am Leben zu bleiben, damit Vater wenigstens mich wiedersehen würde, wo doch alle anderen fort waren.

In der Küche lag da, wo früher der Schrank gestanden hatte, verglühtes Besteck. Die Messergriffe waren geschmolzen, die Klingen blau angelaufen. Ich steckte sie dennoch ein. Später brachte ich sie mit meinen Freunden zum Erglühen, dann schreckten wir sie ab und härteten sie auf diese Weise wieder. Aus Holz schnitzten wir uns neue Griffe und machten uns mit von Kupferdraht umwickelten Weidenrinden so etwas wie Scheiden. So hatten wir jeder ein Messer, das wir Tag für Tag bestens für alles Mögliche gebrauchen konnten.

Das ganze Wohngebiet um den Preyler Weg wurde später von den Russen dem Erdboden gleichgemacht, die Trümmer wurden um den Rodelpark geschüttet, und aus dem kleinen Berg wurde ein großes Plateau. Dahinter steht bis heute noch meine alte Volksschule mit dem kleinen Uhrtürmchen.