Aufgrund meiner »Lehrzeit« bei den Wehrmachtssoldaten fanden wir noch andere Möglichkeiten, Nahrung zu finden. Unter den vielen Waffen, die überall herumlagen, gab es auch kistenweise Eierhandgranaten. Ich kannte von »meinem« Soldaten die Farbcodierung der Köpfe, die die Verzögerungszeit zwischen Abzug und Detonation angab. Wir benutzten die Granaten zum Fischen auf dem Oberteich. Auf die Idee hatten uns die Russen gebracht. Sie fischten auf diese Weise weiter stadteinwärts. Zunächst bauten wir uns ein Floß aus zehn zusammengebundenen Benzinkanistern und einer darübergelegten Tür. Mit einer langen Stange stakten wir auf den Teich hinaus. Wir hatten uns auch einen Kescher gebaut, aus einem mit Draht versteiften Beutel und einem Besenstil. Das erste Modell des Keschers funktionierte nicht. Wir verbesserten es, indem wir lauter kleine Löcher in den Stoff schnitten, damit das Wasser abfließen konnte, sonst hätten wir den Kescher gar nicht aus dem Wasser bekommen, so schwer wäre er gewesen. Kurt, der am weitesten werfen konnte, wurde ausersehen, die Granaten zu werfen. Gleich nach der ersten Handgranate kamen etliche Fische nach oben, die wir mit dem Kescher abschöpften. Am ersten Tag beließen wir es bei diesem Fischzug, um kein Aufsehen zu erregen. Wir stakten an Land, versteckten das Floß am Ufer und rösteten die Fische in unserer Ruine, die inzwischen schon so etwas wie ein zweites Zuhause für uns vier geworden war. Bald versiegte diese Nahrungsquelle leider. Irgendwann kamen keine Fische mehr nach oben. Der Teich war leergefischt. Eigentlich, so dachten wir, hätten viel mehr Fische im Wasser sein müssen bei den vielen Leichen, die dort ihre letzte Ruhe gefunden hatten.
Nun also war es mit dem Fischsegen vorbei. Das war besonders schlimm, denn im Herbst 1945 wurde die Nahrung immer knapper. Wir suchten in verwilderten Parks und Gärten nach Brennnesseln und Melde, damit die Schwestern daraus Wassersuppe kochen konnten. Wir untersuchten die russischen Abfallhaufen und sammelten dort die letzten Kartoffelschalen ein, wir brachten Eicheln mit und rösteten alles auf dem kleinen Kanonenofen in der Eingangshalle. Uns erschien das wie der reinste Luxus im Vergleich zu der Wassersuppe aus Zuckerrüben. Unterwegs pflückten wir die roten Mehlbeeren und knabberten die dünne Fruchtfleischschicht von außen ab. Auch Hagebutten aßen wir, doch es war schwierig, die kleinen Härchen zu entfernen, die unangenehm juckten.
Im Spätherbst starben viele Kinder, die schwach waren und es dennoch bis hierher geschafft hatten, an Krankheiten und Unterernährung. Immer wieder fanden wir sie morgens reglos in ihren Betten, täglich wurden tote Kinder bestattet. Doch nahm die Zahl der Heimkinder nicht ab. Immer mehr Mädchen und Jungen kamen zu uns, die zuvor allein im zerstörten Königsberg gehaust hatten, aber nun ohne die Hilfe des Heims verhungert wären. Hinzu kamen weitere Kinder aus dem östlichen Ostpreußen, die Richtung Königsberg gezogen waren, in der Hoffnung, in der Stadt mehr zu essen zu finden. Sie waren viele Kilometer ganz auf sich gestellt nach Westen geirrt.
Im Schlafsaal wurde Platz gebraucht, und so durften wir vier Musketiere ins Haupthaus umziehen. Im Souterrain richteten wir uns selber einen Raum ein. Wir bauten uns Pritschen aus drahtbespannten Eisenrahmen von alten Krankenhausbetten, unter die wir an jeder Ecke jeweils kreuz und quer zwei Ziegelsteine stapelten. Die Decken hatten wir aus dem Schlafsaal mitgenommen. Im Keller fanden wir weiße Blechnachtschränkchen, wie es sie in Krankenhäusern gibt. Niemand wusste, wie sie dorthin gekommen waren.
Als wir eines Abends auf unseren Pritschen lagen und überlegten, wo wir am kommenden Tag versuchen sollten, etwas Essbares aufzutreiben, oder Dinge finden könnten, die sich für Tauschgeschäfte mit den Russen eigneten, hörten wir draußen einen lauten Vogelruf. Als Stadtkind hatte ich einen solchen Schrei noch nie gehört. Außerdem waren wir alle erstaunt, seit langer Zeit einen Vogel zu hören. Wir verstummten und lauschten, und plötzlich war da wieder dieser Ruf. Kiwitt! Kiwitt! Es klang unheimlich. Dann flüsterte Peter auch noch: »Komm mit, komm mit ins kühle Grab, da reiß ich dir die Haare ab. Komm mit, komm mit, komm mit!« Danach erklärte er. »Das ist ein Käuzchen, und immer wenn es so schreit, muss jemand sterben. Hat jedenfalls meine Mutter gesagt.«
Wir schwiegen und nach einer langen Pause begannen wir darüber zu diskutieren, ob das wirklich stimmte. »Du hast deine Mutter bestimmt falsch verstanden«, sagte ich. Das meinte Kurt auch. »Das mit dem Haare-Ausreißen kann uns doch egal sein«, sagte er. »Wir haben doch sowieso keine auf dem Kopf.« Tatsächlich trugen wir immer den typischen Einheitsschnitt, der uns vor Kopfläusen bewahren sollte, nämlich eine Glatze.
Nur das kühle Grab ängstigte uns etwas, und wir wollten es vermeiden. Zwar sagten wir laut, das sei doch bestimmt Unsinn, aber um sicherzugehen, beschlossen wir, immer wenn das Käuzchen wieder schreien sollte, unsere nächtlichen Ausflüge zu Orten, die wir am Tag erkundet hatten, zu unterlassen und das Kellerfenster fest zu verschließen.
Wir hatten dort unten sogar Licht, obwohl es noch keinen elektrischen Strom gab. Irgendwo in einem Haus hatten wir eine Flasche Cuprex gefunden, ein Mittel zum Desinfizieren und zur Vernichtung von Ungeziefer. Darauf stand »feuergefährlich«, und das brachte mich auf eine buchstäblich zündende Idee. Aus Cremedosen, die wir in einem anderen Haus tonnenweise gefunden hatten, machten wir uns kleine Ölfunzeln. Der untere Teil der Dosen war aus braunem Glas, der Deckel aus Blech. In den Deckel schlugen wir ein Loch und zogen einen Baumwollfaden als Docht hindurch, gaben Cuprex hinein, zündeten es an, und so hatte jeder seine Nachttischlampe. Wir waren mehr als stolz auf diese zivilisatorische Errungenschaft. Die Fäden hatten wir aus den Fußlappen gezogen, die wir immer trugen. Strümpfe gab es schon seit langem nicht mehr, so hatten wir uns bei den Russen abgeschaut, wie man seine Füße in Lappen einpackt, ohne dass diese drücken oder scheuern.
Wir vier hatten jetzt so etwas wie ein eigenes Zuhause, und das tat uns allen sehr gut. In unserem Zimmer konnten wir über alles reden, uns trösten, wenn jemand Kummer hatte, konnten Probleme besprechen. Aber wir machten auch viel Spaß, lachten, machten uns über andere lustig und verbrachten so auch ganz gute Zeiten, so weit das in unserer Lage möglich war.