Beutezüge

Von unserem Kellerzimmer aus hatten wir, wie gesagt, die Möglichkeit zu nächtlichen Ausflügen. Eines Nachts gingen wir zu einem Gebäude, in dem ich am Tag zuvor beim Betteln hinter einem stoffverhängten Regal im ersten Stock zwei halbe Brote entdeckt hatte. Was für ein Schatz! Dafür lohnte es sich gewiss, bei dunkler Nacht aufzustehen und etwas zu riskieren. Wir kletterten aus unserem Fenster, schlichen durch den Garten, stiegen über den Zaun, liefen zu dem Haus, und während meine Freunde draußen Schmiere standen, ging ich lautlos ins Haus hinein und die Treppe hinauf. Ich fand das Regal, nahm die beiden Brothälften, steckte sie unter meine Joppe und mit klopfendem Herzen, leise und unbemerkt, verließ ich das Haus wieder.

Wie freuten wir uns auf das besondere Frühstück am nächsten Morgen in unserem Zimmer. Wir holten die Brote hervor, die ein bisschen sehr hart waren, so hart, dass wir sie mit unserem Messer nicht zerschneiden konnten. Ich nahm einen Ziegelstein unter dem Bett hervor, um damit die Brotlaibe aufzuschlagen, und stand unmittelbar danach in einer grünen Wolke aus feinstem pulverisiertem Schimmel. Unter der steinharten Kruste war nichts als Schimmel gewesen. Umsonst gezittert!

Ein andermal hatten wir mehr Glück. Nicht weit von unserem Heim hatten die Russen eine Art Offizierskasino eröffnet, in dem es einen Mittagstisch für die in der Gegend überall verstreut wohnenden Offiziere gab. Eines Nachmittags beobachteten wir, wie eine ganze Ladung Weißkohlköpfe ankam, eine unglaubliche Kostbarkeit! Muschkoten, einfache Soldaten, schütteten sie durch das offene Kellerfenster. In der Nacht schlichen wir mit einem leeren Kartoffelsack aus dem Haus. Am Kasino angelangt, kletterte Kurt durch das Fenster in den Keller, Gunther und ich hielten den Sack auf, Peter packte die Kohlköpfe hinein, die Kurt ihm reichte. Niemand bemerkte unsere Aktion, wir schleppten glücklich unsere Beute nach Hause und versteckten sie unterm Bett. An den nächsten Abenden, spät genug, dass kein unvorhergesehener Besucher uns überraschen konnte, machten wir uns über den Weißkohl her. Wir kauten mit solcher Begeisterung, dass es sich anhörte, als wäre man in einem Karnickelstall. Die gasbildende Wirkung des Weißkohls blieb nicht aus. Es brauste wie Donnerhall durch unser Kellerzimmer, und wir konnten nicht mehr vor Lachen.