Die Russen hatten eine Vorliebe für Bodenkunst in knalligen Farben, die der Propaganda und dem Personenkult diente. Besonders gern platzierten sie solche Kreationen vor öffentlichen Gebäuden und Kasernen. Unser Kapitan schien ein solches Kunstwerk bei uns im Lager zu vermissen, und so schickte er ein paar Jungen mit dem Auftrag los, rote und weiße Steine aus den Ruinen zu holen. In mühsamer Arbeit zerschlugen wir sie zu pflaumengroßen Stücken und trennten sie nach Farben. Danach führte uns der Kapitan zu dem großen Fahnenmast auf unserem Appellplatz und wies uns an, einen großen Kreis von vier Metern Durchmesser um den Fahnenmast zu zeichnen. Zwei Jungen nahmen eine Schnur von zwei Metern Länge, an deren Ende ein Stock gebunden war. Einer der Jungen hielt das freie Ende an den Mast, während der andere mit dem Stock einen Kreis in den Sand malte. Es folgte ein zweiter Kreis, dessen Durchmesser geringer war als der erste.
Der Kapitan hatte uns nicht erklärt, wie sein Kunstwerk aussehen sollte, wir wussten aber bereits, was kommen würde, hatten wir doch schon Ähnliches kennengelernt. Es überraschte uns also nicht, als der Kapitan mit seinem Krückstock einen Sowjetstern in die Kreise zu zeichnen begann. Es dauerte lange, bis das fünfeckige Emblem eine einigermaßen regelmäßige Form hatte. Ein Junge durfte den Kreis betreten und musste mit der Hand die nicht gelungenen Linien immer wieder wegwischen. Wir standen drumherum und lachten lauthals, wenn der Stern allzu windschief aussah und unser Kapitan laut fluchend tschort wasmie rief, was in etwa »Hol mich der Teufel« bedeutet. Irgendwann einmal waren die Umrisse des Sterns fertig. Rote, nicht zerschlagene Ziegelsteine wurden auf die Kreislinie gelegt, um dem Bild feste Form und Halt zu geben. Danach – und da mussten wir besonders vorsichtig sein – schütteten wir Jungen auf Anweisung des Kapitan die laufend in Eimern herangeschleppten roten Ziegelbrocken in den Stern und füllten ihn ganz aus. Der Kapitan lief mit seinem Krückstock hin und her und rief: »Hier noch ein Stein ... da noch einer ... hier einen wegnehmen!«, bis ein schöner roter Sowjetstern entstanden war. Die weißen Steinbrocken mussten rings um den Stern geschüttet werden, bis der ganze Kreis ausgefüllt war und das Sowjetemblem in voller Schönheit prangte. Jetzt erst war der Kapitan mit seinem Appellplatz zufrieden.
Wenn die Fahne gehisst oder eingeholt wurde, mussten wir von nun an sehr vorsichtig sein, um das Kunstwerk nicht zu beschädigen. Der Kapitan achtete sorgfältig darauf und warnte uns, den Kreis zu betreten. Dafür gäbe es strenge Strafen, beteuerte er. Wir wussten allerdings, dass er es nicht so ernst meinte. Wir mochten ihn überhaupt sehr; ihn zu fragen, was eigentlich aus Deutschland geworden sei, das allerdings hätten wir uns nicht getraut.