Ein Scharmützel

Bei unserer schweren Arbeit blieben wir nicht immer ungestört. Als wir eines Tages mit unserem Karren durch die Nachbarstraßen zogen, lauerten uns russische Jungen in unserem Alter auf. Es waren Kinder von Offizieren, die uns Schimpfwörter nachriefen und uns, hinter ihrem Gartenzaun versteckt, mit Steinen bewarfen. Damit begann eine Art kleiner Bandenkrieg, wie er unter Jungen zu allen Zeiten häufiger vorkommt. So kurz nach Kriegsende hatte er allerdings eine besondere Note, denn da begegneten sich »Sieger« und »Besiegte«.

Bevor wir das nächste Mal dort vorbeikamen, bewaffneten wir uns gut. Wir hatten selbstgebaute Katapulte aus Astgabeln, Streifen aus Motorradschläuchen und Leder in unserem Malerkarren und viel Übung beim Schießen. Als Geschosse dienten Stücke aus zerschlagenen Dachpfannen, unser Karren war voll davon. Die »Feinde« brauchten nur anzufangen, wir waren bereit.

Kaum hatten wir die Hecke erreicht, die ihr Grundstück umschloss, da beschimpften sie uns wieder und warfen mit Steinen. Der Kampf wurde jedoch ein voller Erfolg für uns. Wir schlugen die russischen Jungen in die Flucht.

Nach diesem Ereignis kam ein russischer Vater zu unserem Kapitan. Sein Sohn war heulend zu ihm gelaufen und hatte sich bitter über uns beschwert. Der Kapitan ließ uns holen, und wir mussten ihm berichten, was geschehen war. Wir erzählten ihm die ganze Geschichte aus unserer Sicht. Er schickte uns fort und blieb mit seinem Offizierskollegen allein. Nachdem dieser fort war, rief der Kapitan uns wieder und erklärte: »Die Jungen lassen euch jetzt in Ruhe. Es wird nicht mehr passieren. Aber warum seid ihr denn nicht eher zu mir gekommen? Ich hätte die Sache doch geregelt!« Die richtige Antwort auf diese Frage wäre wohl gewesen, dass wir elternlose Kinder völlig verlernt hatten, zu Erwachsenen zu gehen und sie um Hilfe zu bitten. Wir waren ganz darauf eingestellt, uns in jeder Lebenslage selbst helfen und notfalls auch verteidigen zu müssen. Nun wurde uns zum ersten Mal bewusst, dass der Kapitan so etwas wie ein Vater war. Von jetzt an war er »unser Kapitan«.

Wir verwendeten unsere Katapulte also nicht mehr als Waffe gegen russische Kinder. Wir hatten sie auch eigentlich zu einem anderen Zweck gebaut, nämlich, um unseren Hunger mit erlegten Vögeln zu stillen, bis uns bald aufgefallen war, dass es – außer besagtem Käuzchen – gar keine Vögel mehr gab. Diese armen Tiere waren wohl alle im Feuersturm um Königsberg verbrannt. Wie hätten sie auch in dem mehrtägigen Sturmgewitter fliehen sollen.

Die Temperaturen sanken immer mehr, und bald fror der Oberteich dick zu. Wir konnten dort kein Wasser mehr holen. Unser Kapitan hatte aber einen Kesselwagen der Roten Armee besorgt, der uns regelmäßig Wasser brachte. Woher es kam, wussten wir nicht. Trotz der Kälte gingen wir weiter auf Essenssuche. Und wir kämpften erfolgreich gegen unsere Traurigkeit an, machten aus der Situation das Beste, amüsierten uns, wo immer wir konnten. Wir organisierten Schneeballschlachten, an denen auch der Kapitan teilnahm, so gut es mit seinem steifen Bein eben ging. Schlittschuhe, die aus den Ruinen stammten, befestigten wir mit Riemen an unseren Schuhen und probierten sie auf dem Oberteich aus. Oder wir legten Rutschbahnen an, indem wir den hohen Schnee beiseitefegten und immer wieder über diese Stellen glitten, bis sie spiegelglatt waren. Mit den zerbrochenen Dachziegeln spielten wir auf dem Eis Springstein. So erlebten wir trotz bitterer Kälte und Hunger in jenem Winter auch schöne Momente.

Als im Frühjahr der Schnee zu schmelzen begann und das Eis auftaute, drang von unten Wasser in unser Gebäude. Der Oberteich mit seinem Schmelzwasser und die nicht funktionierenden Abwasserleitungen sorgten für eine Riesenüberschwemmung im Haus. Wir wachten eines Morgens auf und standen in zwanzig Zentimeter tiefem Wasser. Zunächst erhöhten wir unsere Bettfüße durch mehr Ziegelsteine. Und wir bauten aus Bohlen und Ziegelsteinen Stege, über die wir gehen konnten. Dann holten wir Eimer und begannen, das Wasser auszuschöpfen. Abwechselnd stand einer draußen barfuß im tiefen Schnee und nahm die vollen Eimer entgegen, um sie möglichst weit von der Kellertür auszuschütten. Der Erfolg war nur gering, und wir mussten einsehen, dass wir der Wasserflut nicht Herr werden konnten. Uns blieb nichts anderes übrig als umzuziehen.

Wir fanden eine neue Bleibe in dem kleinen Raum hinter dem Schlafsaal im Gartenpavillon und zogen mit unserer gesamten – winzigen – Habe dorthin. Wir richteten uns den Raum ein, wobei es uns sogar gelang, den Kachelofen in Betrieb zu nehmen. Damit ging es uns besser als allen anderen. Diesen Ofen benutzten wir das ganze Jahr über, auch im Sommer. Da brieten wir uns Froschschenkel über dem schnell entfachten Feuer. Frösche heißen in Ostpreußen Poggen, und ein Taschenmesser nennt man Poggenritzer. Von denen, also unseren selbstgebastelten Exemplaren, machten wir beim Zubereiten dieser Mahlzeit kräftig Gebrauch. All dies verbot uns niemand, und wir vier hatten noch mehr als zuvor ein Gefühl der Zusammengehörigkeit und Freiheit, die uns wie ein großes Privileg erschien.

Echter Luxus war es für uns, als es uns bald nach dem Umzug gelang, in unserer Kammer Licht zu installieren. Ich hatte aus mehreren Autos Glühlampen ausgebaut, so wie in den letzten Monaten vor dem Krieg. Zudem hatte ich einen Klingeltrafo gefunden. Eigentlich wollte ich mir nur Kupferdraht daraus nehmen, zum Beispiel, um damit Knöpfe anzunähen, aber dann kam mir eine Idee. Ein paar Tage zuvor hatten wir entdeckt, dass man sich an einer bestimmten nassen Wand einen Schlag holte. Das bedeutete, es gab wieder Strom, aber eben keine intakten Deckenlampen. Ich überlegte, dass eine Rücklichtbirne, wenn ich sie an den Trafo anschloss, eigentlich brennen müsste. Bei unseren Soldaten hatte ich gesehen, wie man lötete. Und Lötmaterial zu finden, war nicht schwer. Ich besaß einen kleinen kupfernen Lötkolben, der sich in der Ofenglut leicht erhitzen ließ. Mit diesem Kolben, Lötzinn und unter Verwendung von Salmiakstein lötete ich die Rückstrahlerbirne an die Sekundärwicklung des Trafos. An die beiden anderen Anschlüsse schraubte ich Drähte und hängte das ganze Gebilde am Lampenanschluss an der Decke auf.

Zwar passten Glühlampe und Trafowicklung elektrisch nicht zusammen, aber die Glühlampe erleuchtete unseren Raum trotzdem, wenn auch nur spärlich. Jetzt hatten wir elektrisches Licht und wurden von allen bewundert.