Worte aus der Heimat

Mittlerweile waren Herr Düsselbach und ich bekannt wie zwei bunte Hunde und gingen bei manchen Russenfamilien ein und aus. Dabei wurden wir auch mit anderen Aufgaben betraut, zum Beispiel mit Babysitten. Ein Offizier ging einmal mit seiner Frau abends zu einer Einladung, und da sie ihr Kleinkind nicht so lange allein lassen wollten, hatten sie uns engagiert. Dies zeigte, dass sie uns, den Deutschen, wirklich vertrauten.

Wir ahnten nicht, was das für ein Abend sein würde. Zunächst fanden wir einen Tisch mit wunderbaren Essenssachen vor, in ausreichender Menge. Auf dem Tisch stand auch ein Fläschchen, für den Fall, das das Kleine aufwachte. Nachdem wir unter lustigem Geplauder gespeist hatten, machten wir uns daran, das alte deutsche Radiogerät zu reparieren, das der Offizier uns hingestellt hatte, um es wieder zum Spielen zu bringen. Dies gelang uns bald. Wir suchten die gesamte Skala ab und fanden tatsächlich einen Sender in deutscher Sprache! Vor lauter Begeisterung lagen Herr Düsselbach und ich uns in den Armen, ein ausgewachsener Mann und ein neunjähriger Junge. Es war ein ergreifender Moment, wir gaben uns beide vergeblich Mühe, nicht loszuheulen. Wir weinten eine Weile leise und unauffällig vor uns hin, aus Verlegenheit und um das Baby im Nebenzimmer nicht aufzuwecken. Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte ich das Gefühl, dass es Deutschland noch gab, und ich war darüber unendlich froh und erleichtert. Was wir im Radio genau hörten, weiß ich nicht mehr. Es war auch ganz unwichtig, das Entscheidende war die vertraute Sprache und der Beweis, dass unser Land noch existierte. Als ich am nächsten Tag meinen Freunden und anderen Kindern davon berichtete, war auch deren Freude und Begeisterung groß. Uns war, als wären wir nicht mehr so ganz von aller Welt abgeschnitten, als gäbe es Hoffnung, wieder nach Hause zu kommen und Menschen, die uns nahestanden, wiederzusehen.

Unsere Aktivitäten weiteten sich mit der Zeit immer mehr aus, und auch manche meiner Kameraden wurden einbezogen. Eine besondere Rolle spielte Peter. Er konnte herrliche Vögel aus Holz basteln. Dazu legte er astfreie Tannenholzstücke ein paar Tage ins Wasser. Daraufhin wurden sie auf komplizierte Weise gespalten, auseinandergefaltet und zu Vogelkörpern mit gefiederten Flügeln und Schwänzen geformt. Hinterher wurden sie getrocknet und mit Tusche bunt bemalt. Diese Vögel sahen wunderschön aus, und auch wir lernten, wie man sie macht.

Eines Tages sah unser Kapitan, wie wir sie anderen Kindern zeigten. Er war ganz begeistert von diesen hübschen Vögeln und schlug vor, sie seinen Offizierskameraden als Kinderspielzeug anzubieten. Da man in Königsberg kein Spielzeug kaufen konnte, waren die Familienväter froh, etwas für ihre Kleinen zu bekommen. Und bald schon spielten in den Häusern um uns herum die Kinder mit unseren Vögeln. Wir bekamen im Gegenzug schöne Sachen zu essen, das war immer noch die allerbeste Bezahlung.

Die nächste Handwerkerarbeit, mit der Herr Düsselbach und ich beauftragt wurden, war, alles für die Wiederherstellung der Wasserversorgung vorzubereiten. Diesmal machten wir uns in die Ruinen von Königsberg auf, um Hähne und Rohre zu finden. Da die Russen nach ihrem Sieg überall die Wasserhähne herausgerissen hatten – in der Hoffnung, sie zu Hause in die Wand zu stecken und damit fließendes Wasser zu bekommen –, mangelte es uns vor allem daran. Wieder ging ich bei Herrn Düsselbach in die Lehre und lernte, Hähne abzuschrauben und sie mit Hanf und »Bärenscheiße«, wie der Fachmann den Dichtungskitt nennt, wasserdicht einzuschrauben.

Im Garten der Schulruine setzten wir eine Schwengelpumpe wieder in Gang. Nachdem es schließlich überall Hähne gab und auch das Wasser wieder floss, wurden vom Kapitan neue hygienische Regeln eingeführt. Jedes Kind musste ab sofort regelmäßig seine Zähne putzen. Da es weder Zahnbürsten noch Zahnpasta gab, bekamen wir einen großen Sack Viehsalz. Die groben Körner wurden in kleine Stoffsäckchen gefüllt und mit dem Hammer zerkleinert. Dann zeigte uns der Kapitan, wie man damit seine Zähne putzt. Er tauchte den nassen Zeigefinger in das Salz, steckte ihn in den Mund, rieb ihn auf den Zähnen hin und her und spülte schließlich mit Wasser nach. So scheußlich dies auch schmeckte, keinem von uns Kindern blieb diese Prozedur erspart. Einer der beiden Soldaten wachte darüber, dass wir morgens und abends alle das Viehsalzritual durchführten.