Im Sommer 1946 war ein Jahr vergangen, seit Mutter und Großmutter gestorben waren. Was hatte ich seitdem nicht alles erlebt! Wie lange war ich schon im Lager der Russen, ganz allein, ohne zu wissen, ob mein Vater noch lebte, ohne Nachrichten von meiner Familie. Jeden Tag dachte ich an sie und vermisste sie sehr, auch wenn ich froh darüber war, meine drei Freunde zu haben.
Eines Nachmittags wurde ich zum Kapitan gerufen. Ich konnte mir kaum vorstellen, warum ich zu ihm kommen sollte. Eine Arbeit als Hilfselektriker hatte ich ja schon. Was wollte er noch von mir? Hatte ich vielleicht etwas falsch gemacht? Ich war mir keiner Schuld bewusst. Mit einiger Neugier und ein bisschen aufgeregt ging ich zu ihm.
»Sdrastwui, Burkhard. Morgen gehst du zum Gefängnis beim Nordbahnhof. Frage beim Posten nach deiner Tante. Christel Pinnau ist doch deine Tante, oder?« Ich war völlig überrascht und überwältigt und konnte vor lauter Aufregung die ganze Nacht nicht einschlafen. Am nächsten Morgen nach dem Frühstück machte ich mich auf den Weg. Ich muss sagen, ich rannte eher, als dass ich ging, weil ich auf keinen Fall zu spät kommen wollte. Am Gefängnis ging ich zu dem Wachtposten und fragte nach Christel Pinnau. Der Soldat wusste tatsächlich Bescheid und brachte mich in die völlig überhitzte Wachstube. Vor Aufregung und Wärme wurde ich klitschnass. Ich musste nicht lange warten, und da kam tatsächlich Tante Christel in den Raum. Ich rannte auf sie zu, und wir hielten uns lange in den Armen und weinten vor Wiedersehensfreude. Dann hatte ich die schwere Aufgabe, ihr zu erzählen, was mit Mutter und Großmutter geschehen war. Sie war völlig ahnungslos und brach in herzzerreißendes Weinen aus. Ich musste ihr genau berichten, wie alles geschehen war, und sie fiel von einem Weinkrampf in den nächsten. Dabei war auch mir schlimm zumute. Ich gab mir sonst immer Mühe, nicht allzu oft an diese furchtbaren Erlebnisse zu denken, weil sie mich so traurig machten. Doch jetzt war es so, als sei alles gerade erst passiert, und deshalb weinte ich auch.
»Und was ist mit dir passiert?«, fragte ich die Tante. »Ich war die ganze Zeit, seit wir getrennt wurden, hier im Gefängnis.« Tatsächlich war sie schon Monate dort, zusammen mit den anderen, die an der Wegkreuzung aussortiert worden waren.
»Es kommen immer neue dazu, und es heißt, bald sollen wir weitertransportiert werden. Ich habe keine Ahnung, wohin. Hoffentlich werden wir nicht nach Sibirien gebracht. Davor habe ich große Angst.«
Sie erzählte mir, dass es ihr nicht allzu schlecht ergangen sei. Sie sei als Friseurin bei den russischen Offiziersfrauen sehr gefragt, und mit Kamm, Schere und Brennschere, die sie glücklicherweise habe retten können, habe sie alles, was sie brauche. Sie bekam von den Russinnen Essen für ihre Friseurdienste und hatte mir sogar ein halbes Brot und eine Tüte Zucker mitgebracht. Ich war sehr froh. Wie lange hatte ich keinen Zucker mehr gesehen? Endlich konnte ich mir wieder welchen aufs Brot streuen!
Außerdem hatten ihr die Russen geholfen, mich zu finden. Das war nicht so schwierig, weil es nur das eine Lager für deutsche Kinder in Königsberg gab. Der Kapitan organisierte dann unser Treffen. Es gab eben auch hilfsbereite Russen.
Als ich gegen Mittag gehen musste, fiel mir der Abschied von Tante Christel schwer. Endlich wieder jemand aus der Familie, dem ich mich anvertrauen, mit dem ich über alles sprechen konnte, was mich beschäftigte. Wir verabredeten uns für den übernächsten Tag. »Da kommst du wieder, Bullerchen, und wir reden weiter«, meinte sie. »Sicher hast du mir noch ganz viel zu erzählen.«
Voller Vorfreude machte ich mich am verabredeten Termin wieder auf den Weg. Doch als ich zum Gefängnis kam, war sie mit allen anderen Gefangenen abtransportiert worden. Vielleicht hat sie es gewusst, und wollte mir einen schmerzlichen Abschied ersparen. Sie kehrte erst in den fünfziger Jahren als lungenkrankes Wrack vom Schienenlegen in Sibirien nach Deutschland zurück und starb bald darauf.
Nachdem Tante Christel fort war, fiel mir ein, dass unsere frühere Mitbewohnerin noch Großmutters Brustbeutel und Pelzmantel hatte, die sie eigentlich meiner Tante hatte zurückgeben wollen. Deshalb ging ich gleich am nächsten Tag nach Rosenau zu unserem Haus bei der Kaserne. Ich nahm meine drei Freunde als Verstärkung mit. Doch als wir ankamen, war das Haus leer, und auch die Frau war fort. Ich habe sie nie wiedergesehen. Ob ihr unser Schmuck und unser Geld geholfen haben zu überleben?
Mutters Silberfuchsmantel mit dem kornblumenblauen Innenfutter habe ich im folgenden Winter dann doch wiedergesehen. Eine Russin trug ihn auf der Straße. Ich tat daraufhin wahrscheinlich das Beste, was ich tun konnte. Ich bemühte mich, es schnell zu vergessen. Es gab ja sowieso nichts, was ich hätte tun können.