Umzug wider Willen

Wie erleichtert waren wir, als es 1947 endlich Frühling wurde. Es würde wieder einfacher sein, Nahrung zu finden. So aßen wir die frischen Blatttriebe der Lindenbäume. Sie schmeckten nach gar nichts, aber die Blätter waren voller Saft und stillten unseren Hunger. Wir aßen sie bedenkenlos und machten uns keine weiteren Gedanken darüber, dass davon unsere Bäuche anschwollen. Irgendwann ging es wieder vorüber.

Jetzt war es schon fast zwei Jahre her, dass der Krieg zu Ende war, dass wir aus der brennenden Stadt getrieben und durch die Felder geirrt waren, dass Großmutter und Mutter gestorben waren. Ich war jetzt fast zwei Jahre ohne Verwandte, hatte jeden Tag auf abenteuerliche Weise Nahrung gesucht, das Leben im Kinderheim und im Lager der Russen einigermaßen heil überstanden. Inzwischen sprach ich recht gut Russisch, hatte viel über Russland und die Kultur der Sowjetunion gelernt. Ich konnte mich mit fremden Erwachsenen verständigen und verantwortlich für mich und andere sorgen. Und ich hatte in täglicher Praxis das Handwerk des Elektrikers erlernt.

Trotz alldem war ich ein Kind, ein Kind voller Sehnsüchte und mit dem Wunsch, wieder nach Hause zu kommen, ohne genau zu wissen, was »nach Hause« bedeutete. Ich dachte oft an meinen Vater und hoffte inständig, dass er noch am Leben war. Auf meine russische Karte mit dem zerstörten Schloss hatte ich bisher keine Antwort bekommen. Wie hätte das auch geschehen sollen? Aber ich hatte immerhin ein Lebenszeichen von mir gegeben, und das gab mir einen gewissen Mut. So war ich nicht ohne Hoffnung und glaubte daran, dass ich meinen Vater wiedersehen würde. Er war außer den Großeltern der einzige Mensch auf der Welt, der für mich Liebe, Geborgenheit und Familie bedeutete. Ihm fühlte ich mich ganz nah, auch wenn ich nicht wusste, wie weit Norwegen weg war. Aber war er überhaupt noch dort? Ganz gleich wo, er musste einfach leben, denn ich brauchte ihn doch. Bestimmt konnte er das fühlen. Wenn er aber auch tot wäre wie die anderen? Nein, das würde er mir nicht antun. Er lebte. Ich fühlte es.

Immer bei den Russen zu bleiben, war für mich unvorstellbar. Und trotzdem, auch wenn das Lager kein richtiges Zuhause war, eine gewisse Geborgenheit hatten wir Kinder dort gefunden. Umso erschrockener war ich, als ich eines Tages das Gerücht vernahm, wir sollten in ein anderes Lager verlegt werden. Von anderen Kindern, die aus dem ländlichen Ostpreußen zu uns gekommen waren, hatte ich gehört, wie es in anderen Lagern aussah. Außerdem war deren Anblick nicht gerade ermutigend. Sie hatten schlimmer Hunger gelitten als wir, steckten in zerlumpten Kleidern und sahen richtiggehend abgerissen aus. Durch sie war mir klar, dass wir vermutlich in dem besten Lager lebten, das es bei den Russen gab. Und wir wussten, dass wir das unserem Kapitan verdankten, der sich mit allen Kräften dafür einsetzte, uns am Leben zu erhalten. Wir hatten viele Kinder sterben sehen, aber diese Zeit war vorbei, bei uns hatte sich eine innere Ruhe eingestellt, wir hatten die Angst verloren, auch selbst bald sterben zu müssen. Ich musste nicht mehr ständig an die schlimmen Erlebnisse nach Kriegsende denken, an den kleinen Siegbert, der nur so kurze Zeit hatte leben dürfen und der bestimmt von halbverhungerten Hunden gefressen worden war. Ich blickte nach vorn und war froh, dass ich es vermochte, für mein Überleben zu kämpfen. In der Gemeinschaft des Lagers fühlte ich mich nicht so schrecklich allein wie nach dem Verlust der nächsten Verwandten.

Heute, da ich dies schreibe, wird der Kapitan nicht mehr am Leben sein. Ich kann mich auch an seinen Namen nicht erinnern; er war halt »der Kapitan«. Aber ich sage ihm an dieser Stelle meinen Dank. Wer weiß, ob wir ohne seine Fröhlichkeit, seine Zuneigung zu uns Kindern und seinen rastlosen Einsatz überlebt hätten. Trotz seiner Kriegsverletzung war er ständig um uns bemüht, niemals hat er uns als Feinde betrachtet, sondern als Kinder, die seine Hilfe brauchten. Und ich bin überzeugt, dass es für ihn eine große Genugtuung war, so viele wie möglich von uns durchzubringen.

Die Gerüchte, dass wir in ein anderes Lager kommen sollten, verdichteten sich. Immer häufiger hörten wir, unser Lager solle aufgelöst werden. Wir hatten Angst. Wenn wir den Kapitan danach fragten, sagte er uns nichts Genaues. Entweder wollte oder konnte er uns nichts sagen. Schließlich hatte er Vorgesetzte, nach denen er sich zu richten hatte, und die russische Armee war ein streng hierarchisch geführtes System, in dem es schlimme Repressalien gegen Abweichler gab. So schwieg er und ließ uns im Ungewissen.

Der Gedanke, von dort wegzumüssen, war schrecklich für mich. Irgendwann hieß es, dass die Kinder aus den anderen Lagern in unser Heim kommen sollten, damit es ihnen besser ging. Wir sollten dafür auf deren Lager auf dem flachen Land verteilt werden. Ich sträubte mich innerlich dagegen. Doch was ich befürchtet hatte, ließ sich nicht verhindern. Eines Tages erhielten wir Anweisung, unsere wenigen Sachen zu packen. Wir durften unsere Arbeitskleider behalten, die Paradeuniform mussten wir abgeben. Ich bedauerte dies sehr und steckte in letzter Sekunde heimlich mein geliebtes Lederkoppel ein. Es fuhren acht große Militärlastwagen, GMC-Trucks aus Amerika, vor, und wir mussten mit unseren Sachen auf die Ladeflächen klettern. Meine Gruppe, wahllos aus etwa hundert Kindern zusammengestellt, passte gerade auf zwei Lastwagen. Kaum waren wir aufgestiegen, da ging die Fahrt los. Keiner wusste, wohin es ging. Zu meinem Unglück waren meine drei Freunde Peter, Gunther und Kirpitsch nicht dabei. Es war sehr schmerzlich für mich, sie zu verlieren. Sie waren so lange Zeit eine große Hilfe gewesen. Niemand hatte auf die Kinderfreundschaften Rücksicht genommen. Die Russen hatten den Austausch rein administrativ geplant. Es hatte auch keinerlei Abschied gegeben, der Kapitan hatte nicht mehr mit uns gesprochen. Alles ging ganz schnell nach dem Motto »Befehl ist Befehl«, aus und vorbei.