In Pobethen

Sehr lange dauerte die Fahrt nicht. Schon bald erreichten wir ein Dorf von etwa zweihundert Häusern mit einem alten und einem neueren Teil. Nach dem Ortsschild zu urteilen hieß es Pobethen. Der Name sagte mir nichts, ich wusste nicht, wo wir uns befanden. Jedenfalls hatten die Russen die deutschen Namen noch nicht durch russische ersetzt. »Wo sind wir hier bloß?«, fragte ich die anderen. »Keine Ahnung, nie gehört. Wohl irgendwo auf dem platten Land«, meinten sie. Da wir wegen der im Krieg zerstörten Landstraßen oft Umwege fahren mussten – es ging dann über kleine Feldwege –, war es schwer zu sagen, wie weit wir von der Stadt entfernt waren.

Die Lastwagen bogen plötzlich nach links in einen gepflasterten Weg ein. Er führte zu einem langgestreckten Haus, das etwa hundert Meter oberhalb der Landstraße lag. Davor, gleich an der Straße, stand noch ein dreistöckiges Haus, ungewöhnlich für ein Gebäude in einem Dorf. In der Nachbarschaft stand eine Backsteinkirche, die bis auf die Grundmauern abgebrannt war – das einzige zerstörte Gebäude im Dorf. Schwer zu sagen, was dort geschehen war.

Unser Haus war vermutlich einmal das zur Kirche gehörige Gemeindehaus gewesen. Im oberen Stockwerk gab es eine Reihe kleiner Zimmer, in denen ich mit anderen Jungen untergebracht wurde. Im Parterre lag ein großer Saal, der als Ess-Saal diente. Nebenan befanden sich die Küche und einige Nebenräume. Es waren nur wenige Mädchen mitgekommen. Sie zogen in das andere Haus, das an der Straße lag. Dort wohnten auch einige Jungen, die schon vor uns in diesem Lager gewesen waren, außerdem der Kommandant und einige Russen. Die Kinder, die im Austausch von Pobethen nach Königsberg gebracht wurden, fuhren mit unseren Lastwagen los. Wir bekamen sie nicht zu sehen, konnten daher nichts von ihnen erfahren und sie auch nichts von uns.

Nach unserer Ankunft mussten wir gleich zum Appell antreten. Der Lagerkommandant, auch ein Offizier, allerdings nicht in Uniform, sondern in einer langen Lederjacke, begrüßte uns in verständlichem Deutsch. »Ihr müsst hier alle arbeiten, sonst bekommt ihr nichts zu essen«, sagte er streng. Für den Fall, dass jemand stehlen würde, drohte er Strafen an. »Wer etwas klaut, bekommt drei Tage lang kein Essen.«

Bei diesen Worten lief mir ein Schauer über den Rücken. So etwas hätte der Kommandant in Königsberg, unser Kapitan, nie gesagt. »Wenn ihr etwas zu fragen habt, könnt ihr zu mir kommen. Ich bin hier der Kommandant, und nur ich habe etwas zu sagen und niemand sonst.« Er erklärte noch, dass die russischen Soldaten nur seine Befehle ausführten. Die deutschen Frauen, die im Lager arbeiteten und unter anderem für die Küche zuständig waren, erwähnte er nicht. Mir war nach dieser Ansprache nicht sehr wohl zumute. Ich dachte sehnsüchtig an den Kapitan und wünschte, ich könnte zu ihm zurückkehren.

Zu essen gab es im Dorf weniger als in Königsberg. Wenn wir gedacht hatten, auf dem Land könne man Nahrung finden, dann irrten wir uns sehr. Schon seit 1944 war wegen des Krieges auf den früher so ertragreichen Feldern nichts mehr angebaut worden, und alle Vorräte waren von den Trecks mitgenommen worden oder die übriggebliebene Bevölkerung hatte sie verzehrt. Und was dann noch da gewesen war, hatten erst fliehende deutsche und danach russische Soldaten auf ihrem Vormarsch aufgebraucht.

Die Ställe waren längst leer, auch dort war nichts zu finden. So zog jeden Tag eine Gruppe los, um in der Umgebung Brennnesseln und Melde für eine wenigstens etwas schmackhafte Wassersuppe zu pflücken. Im Dorf gab es eine Molkerei, in der gearbeitet wurde. Es musste also irgendwo in der Umgebung Kühe und Milch geben. In großen Milchkannen holten wir dort Molke mit dem typischen säuerlichen Geschmack. In dieser Flüssigkeit wurden die Brennnesseln gekocht. Morgens und abends gab es je ein Stück Brot. Das war alles, ich hatte ständig großen Hunger. Da im Dorf ein paar russische Familien lebten, vermutete ich, dass sie es waren, die irgendwo Kühe hielten, aber die Milch war leider nicht für uns bestimmt. In Pobethen waren wir immerhin besser untergebracht als in Königsberg. Unser Zimmer war hell, es hatte richtige Fenster, die nicht zerstört waren, einen Tisch mit Stühlen und richtige Bettgestelle. Das war ein ungewohnter Luxus. Es gab sogar eine Zentralheizung, die tatsächlich funktionierte und mit Kohle beheizt wurde.

In dem Zimmer, in das ich kam, wohnten sechs Jungen, die schon vor mir dorthin gekommen waren. Ich war der Neue und wurde von ihnen zuerst mit Argwohn betrachtet. Die Kinder stammten nicht wie die meisten im Königsberger Lager aus der Stadt. Sie kamen alle aus ländlichen Gebieten und von den Trecks, die durchgezogen waren. Es dauerte eine ganze Weile, bis wir uns besser verstanden. Zunächst wollten sie von mir viel über die Stadt erfahren. So erzählte ich von meiner Heimatstadt, dem Krieg, dem Lager. Königsberg war für sie ein attraktiver Ort, zu dem es sie mächtig hinzog. Ich als »alter« Königsberger genoss plötzlich hohes Ansehen. Vermutlich hatten sie auch von ihren Eltern früher viel über das schöne Königsberg, die Hauptstadt Ostpreußens, gehört.

Auf die Frage, wo wir eigentlich seien, erklärten sie mir, wir seien nur sechs Kilometer von der Ostseeküste entfernt, südlich vom Ostseebad Neukuhren und zehn Kilometer von den Seebädern Rauschen und Cranz entfernt. Diese Namen sagten mir etwas, denn ich hatte ja die letzten Sommerferien dort verbracht. Sie zeigten mir alles auf einer zerschlissenen Landkarte, die sie auf dem Tisch ausgebreitet hatten. Sie stammte aus einem der verlassenen Häuser. Ich sah, dass es bis Königsberg ungefähr fünfundzwanzig Kilometer waren.

Die Jungen erzählten mir auch, dass sie, genau wie ich in Königsberg, sämtliche Häuser des Ortes, in die sie hineingekommen waren, weil keine Russen darin wohnten, durchstöbert hätten. Somit war mir klar, dass ich das gar nicht erst zu versuchen brauchte.

Wir überlegten, was für Nahrungsquellen wir sonst erschließen könnten, und kamen auf eine Idee: Wenn die Ostsee so nah war, müsste es doch möglich sein, dort Fische zu bekommen. Der Weg war nicht weit, vielleicht hätten wir Glück und bekämen eine ganzen Eimer voll. Die anderen Jungen vom Land waren aber noch nie an der See gewesen, und mir fiel ein, dass ich in meinen Ferien mit Mutter am Strand nie jemanden angeln gesehen hatte. Deshalb verwarfen wir den Plan. Wahrscheinlich hätte uns der Marsch nur sehr angestrengt und wir wären hungriger zurückgekommen, als wir losgegangen waren.