Als der Sommer kam und der Weißkohl und die Rote Beete halbwegs reif wurden, genoss unser Feld plötzlich die besondere Aufmerksamkeit all jener, die von Königsberg kommend über die Landstraße zwischen Pobethen und der Ostsee fuhren, also vor allem jener Russen, die sich in den ehemaligen Kurorten an der Küste einquartiert hatten. Sie klauten wie die Raben.
Der Kommandant wollte Abhilfe schaffen und das Feld bewachen lassen. Er schickte zunächst seine Lagersoldaten los, um Bäume zu fällen. Dann besorgte er Bretter und Nägel, die man in den leerstehenden Scheunen in großer Menge fand. Die Soldaten und wir Jungen schleppten sie den ansteigenden Weg zum Feld hinauf. Genau in dessen Mitte bauten wir mit den Russen einen hohen Wachturm. Als Werkzeug hatten wir nichts anderes als eine alte Bügelsäge, eine Axt und zwei Hämmer. Deswegen dauerte dieser Bau ziemlich lange.
Der Kommandant wurde ungeduldig und kam ständig mit seinem Zündapp-Gespann angefahren, um sich von der vermuteten Faulheit seiner Muschkoten zu überzeugen. Dabei stellte er meist fest, dass einfach nur Material fehlte. Dann kehrte er um und kam nach ein paar Stunden mit dem Fehlenden zurück. Bestimmt musste er manchmal bis Neukuhren oder Rauschen an der Küste fahren. Während wir tagsüber arbeiteten, wurde nie etwas gestohlen, erst in der Nacht ging es wieder los, denn es waren weit und breit kein Gehöft und kein Mensch in der Nähe.
Jeden Morgen fluchte der Kommandant, wenn wieder eine neue kahle Stelle zu sehen war, und trieb uns an. Für den Bau des Wachturms hatten wir vier Löcher im Quadrat in den Boden gegraben, alle einen Meter tief. In jedes Loch kam ein Baumstamm, den wir alle zusammen unter lautem Geschrei langsam aufrichteten. Wir füllten das Loch mit Erde auf, sodass der Stamm einigermaßen fest stand und man ihn relativ leicht senkrecht halten konnte. Die Zusammenarbeit mit den russischen Soldaten klappte sehr gut, mit Gesten, unserem Russisch und ein paar deutschen Worten der Russen.
Nach dem ersten Stamm folgte der zweite. Die Spitzen der beiden Stämme wurden einfach nach Augenmaß leicht zueinandergedrückt, und während wir Jungen sie in dieser Position festhielten, nagelten die Russen in Kopfhöhe quer an beide Stämme ein Brett, um sie miteinander zu verbinden.
Mit dem zweiten Paar Stämme verfuhren wir ebenso. Dann wurden auch die beiden Paare mit Brettern verbunden, und die Spitzen aller vier Stämme zeigten leicht zueinander geneigt in den Himmel. Danach wurden alle vier Löcher noch mal mit Sand gefüllt, den wir feststampften. Wir nagelten Bretter ringsherum an die Stämme, legten oben Bretter als Dach darüber, und schon war das Gehäuse unserer Wachstube fertig. Als Inneneinrichtung kamen drei Pritschen hinein, die aus zwölf kurzen Pfählen bestanden, die über Eck in den Boden geschlagen und auf die Bretter genagelt wurden. Darauf kam loses Stroh, auch vom Kommandanten im Beiwagen herbeigeschleppt.
Eine andere Gruppe hatte eine Tür gebaut, die nun eingesetzt wurde und zwar mit russischen Türangeln: Lederstreifen von Pferdetrensen, die an Tür und Seitenbrettern festgenagelt wurden. Beim Öffnen musste man die Tür immer leicht anheben.
Am nächsten Tag bauten wir eine lange Leiter zusammen. Über diese stiegen zwei Russen auf das Dach und nagelten vier Balken als Rahmen rings um die senkrechten Stämme. Darauf wurden wieder Bretter festgemacht, und so entstand eine neue Etage, die mit einem Geländer umgeben wurde. Zum Schluss wurde auch diese Etage mit Brettern überdacht, und nachdem die Leiter fest angenagelt war, stand der fertige Wachturm da.
Nach dem Abendessen rief der Kommandant alle Jungen, die am Turmbau beteiligt gewesen waren, zu sich auf den Hof. Er hatte uns bei der Arbeit beobachtet, ohne dass wir es in unserem Eifer bemerkt hatten. Er lobte uns für unseren Fleiß und belohnte jeden mit einem Stück Brot. Dann zeigte er auf mich und zwei weitere Jungen und sagte: »Ihr otschin charascho, ihr Milizia.«
So wurde ich mit Horst und Gerhard Mitglied einer echten russischen Miliz. Sie waren ebenso gute Kameraden wie die, die ich in Königsberg gehabt hatte, und etwa im gleichen Alter wie ich. Wir hielten zusammen wie Pech und Schwefel. Wir waren also zum Bewachungstrupp des Wachturms ernannt worden und verantwortlich dafür, dass in Zukunft Kohlköpfe und Rote Beete prächtig weiterwachsen konnten.
Wir hatten keinerlei Aufpasser. Nach unserer Ernennung kümmerte sich niemand mehr um uns. Das lag wohl auch daran, dass der Kommandant sah, dass er mit uns eine gute Wahl getroffen hatte. Wenn er ab und zu den Feldrand entlangfuhr, gewann er den Eindruck, dass der Diebstahl abgenommen hatte.
Wir waren damit auch von der lästigen Feld- und Gartenarbeit sowie vom Heumähen befreit. Gleich am Morgen nach unserer Ernennung machten wir uns mit ein paar Sachen wie Blechnapf und Besteck und einer alten Decke auf den Weg und bezogen unsere neue Wirkungsstätte. Der Kommandant brachte mit dem Motorrad unser Bettzeug sowie eine große leere Autofelge und eine lange Eisenstange. Wir zogen die schwere eiserne Felge gemeinsam hoch und banden sie an einem überstehenden Geländebalken fest. Das war unsere Alarmglocke. Sie war laut und schallte besonders nachts weit über das Land, wenn man die Felge kräftig mit der Eisenstange bearbeitete.
Der Kommandant ermahnte uns, wachsam zu sein, besonders in der Nacht, und entschwand mit seinem Motorrad. Nachdem jeder eine Pritsche bezogen hatte, teilten wir die Wachzeiten ein. Jeder hatte einen Turnus von vier Stunden, jeder hielt also innerhalb von vierundzwanzig Stunden zweimal Wache. Mein Turnus war von zwölf bis sechzehn und von null bis vier Uhr.
Für uns fing ein neues Leben außerhalb des Lagers an. Wir genossen die Befreiung von der mühsamen Arbeit und fühlten uns sehr wohl. Tagsüber kamen unsere Lagerkameraden und besorgten die Feldarbeit, jäteten, hackten, holten Wasser aus dem Fluss. Wir genossen die langen Sommertage, an denen wir nichts zu tun brauchten, nur einer musste immer auf dem Wachturm sein. Die beiden anderen konnten Streifzüge unternehmen, mit dem ewigen Ziel, etwas Zusätzliches zu essen aufzutreiben, meistens ohne Erfolg.
Jeden Morgen brachten die Kinder, die zur Feldarbeit kamen, unser Frühstücksbrot mit. Da sie zu mehreren waren, wurde nichts von unserer Portion entwendet. Mittags wurde uns Brennnessel- oder Meldesuppe gebracht und abends das Stück »Abendbrot«. Da dann nur zwei Kinder kamen, mussten wir diese immer streng verwarnen, ja nichts von unserer Suppe und unserem Brot wegzuessen. Wir drohten ihnen schlimme Strafen an, falls etwas fehlen sollte.
Wenn die Kinder nach der Feldarbeit wieder nach Pobethen zurückgekehrt waren, beobachtete niemand, was wir machten. Wir beschlossen, gezielt etwas gegen den ständigen Hunger zu tun. Zuerst bauten wir uns eine Vorratskammer, indem wir in der Mitte unserer Hütte ein Loch aushoben, gut versteckt unter den Fußbodendielen. Wir wollten sichergehen, dass in unserer Abwesenheit niemand etwas von unseren Kostbarkeiten finden konnte. Aus der Dorfkirchenruine holten wir uns Ziegelsteine und bauten eine Feuerstelle. Ferner besorgten wir uns einen Kochtopf und eine Schöpfkelle. Wir fanden sie in den unbewohnten Häusern des Dorfes, die ein ganzes Reservoir an nützlichen Sachen boten. Man konnte nie wissen, ob wir die nicht einmal brauchen würden. Bei einer günstigen Gelegenheit, dem glücklichen Fund von etwas Essbarem, konnten wir uns auch ohne den Suppentopf aus dem Lager, den die Kinder abends immer wieder mitnahmen, dort draußen etwas kochen. Was das sein sollte, wussten wir allerdings nicht.
Wir lebten also in unserer Wachstube und sahen jeden Tag zu, wie die anderen auf dem Feld arbeiten mussten. Wir kosteten es weidlich aus, ihnen dabei zuzusehen und sparten nicht mit kleinen Neckereien. »Na, ist die Arbeit auch nicht zu schwer?« »Macht mal schön weiter, seid unbesorgt, wir passen ja auf euch auf!«
Wir selbst genossen untätig den Tag, denn kein Dieb traute sich auf das Feld, solange die vielen Kinder dort waren. Manchmal kamen der Kommandant vorbei oder russische Soldaten; auch dies hielt die Diebe davon ab, unsere Feldfrüchte zu stehlen. Damit niemand glaubte, wir täten gar nichts, stieg ab und zu einer von uns nach oben, postierte sich dort und sah sich um. So konnte niemand im Lager berichten, dass wir eine ruhige Kugel schoben.
Am Tag machte uns dreien unser neues Leben richtig Spaß. Dort draußen erlebten wir den wunderbaren ostpreußischen Sommer in all seiner Pracht – den strahlend blauen Himmel mit den wenigen weißen Wölkchen, die klare Luft, die kurzen erfrischenden Gewitter und dann wieder das wunderbare Blau. In der Nacht war es weniger angenehm. Mitten in der Nacht wachzubleiben, war nicht einfach. Zwar sah ich oft den schönen Sternenhimmel, aber jeder von uns sollte in seiner Schicht das ganze große Feld mindestens einmal umrunden. In meiner Schicht war es am dunkelsten. Bis Mitternacht nämlich war der Himmel im Hochsommer noch recht hell. Und um vier Uhr ging bereits die Sonne wieder auf. Bei meiner ersten Wache umrundete ich das Feld wie vorgeschrieben. Danach allerdings verging mir die Lust. Der Weg um dass Feld war weit und mühsam, und ein bisschen unheimlich war mir dabei auch.
Meistens saßen wir abends um unser Feuer, bis meine Wache um Mitternacht begann. Währenddessen stiegen wir abwechselnd auf den Turm und warfen einen Blick in die Runde. Wir hatten, wenn wir ums Feuer saßen, vor allem ein Gesprächsthema: Wo bekommen wir etwas zu essen her? Man kann sich kaum vorstellen, wie sehr der Gedanke an Nahrung einen beschäftigen kann, wenn man zu wenig davon bekommt. Zudem waren wir im Alter stärksten Wachstums und litten deshalb besonders unter dem Hunger.
Wir sprachen auch oft über Königsberg. Meine Kameraden, die beide vom Land stammten, wollten wissen, ob die Stadt wirklich so groß und schön sei, wie sie es von ihren Eltern gehört hatten, und ob es wirklich stimme, dass es dort Busse gibt, die ohne Motor fahren. Ich erzählte daraufhin von meiner Stadt und erklärte ihnen stolz, was ein O-Bus ist. Dabei wurden wieder die Erinnerungen an das Leben mit meinen Eltern wach und manchmal kamen mir die Tränen.
Wenn meine Wache begann, stieg ich auf den Turm. Dies war mir weniger unheimlich als das Umrunden des ganzen Feldes. Einmal ging ich herunter in Richtung Straße, kehrte zurück und schlug oben ab und zu auf die Felge. Wären wirklich Diebe gekommen, gewiss wäre uns keiner der Russen aus dem Dorf zu Hilfe gekommen. Aber der Kommandant war der Meinung, dass die Diebe das nicht wüssten und ganz bestimmt abgeschreckt würden. So war es am Ende auch.
Wann mein Turnus vorbei war, erkannte ich am Licht des Himmels. Dann weckte ich meinen Nachfolger und legte mich endlich schlafen.
Nach ein paar Tagen hatte sich alles gut eingespielt, und wir hatten Zeit, uns um zusätzliche Nahrung zu kümmern. Zuerst beschafften wir uns vom eigenen Feld Möhren, um der Suppe ein wenig Farbe zu geben. Hin und wieder entwendeten wir einen Kohlkopf. Dies alles verbargen wir in dem Vorratsloch unter den Bodendielen. Aus der Zeit am Preyler Weg kurz vor Kriegsende erinnerte ich mich noch an das Festmahl mit den Soldaten, wo es Bratkartoffeln mit Zwiebeln, Speck und Eiern gegeben hatte. Jetzt rösteten wir Zwiebeln und verfeinerten damit unsere Suppe. Da wir keine Bratpfanne hatten und auch kein Fett, verwendeten wir einfach den Deckel des Kochtopfes, als Koch fungierte ich.