Auf der anderen Seite des Baches stieg die Landschaft sanft an. Dort hatten sich russische Familien kleine Felder angelegt, und es gab etwas, was wir nicht hatten, nämlich Kartoffeln. »Wie kommen wir bloß an die Dinger ran?«, fragte Gerhard. »Das schaffen wir nie«, meinte Horst.
Tatsächlich war es unmöglich, einfach auf die Felder zu gehen und Kartoffeln auszugraben, denn immer war jemand dort, der jätete, hackte, goss oder erntete. Tagsüber waren meistens Frauen dort, erst am Nachmittag kamen auch die Männer in ihren Uniformen und halfen.
Die Gemüsebeete der Russen nachts heimzusuchen, erschien uns zu gefährlich. Vielleicht hatten auch sie nächtliche Bewacher für ihre Felder organisiert. Am Tag liefen wir Gefahr, entdeckt, eingeholt und mit dem Harken- oder Spatenstiel verprügelt zu werden. Da die Russen mit Sicherheit wussten, wer wir waren, würden sie es auch bestimmt unserem Kommandanten melden. Und dann hätten wir schlimme Strafen wie Essensentzug zu befürchten.
Wir beschlossen, es trotzdem zu versuchen. Da wir sowieso oft zum Bach gehen mussten, um Wasser zu holen, konnten wir uns, ohne Verdacht zu erregen, immerhin in der Nähe der russischen Felder aufhalten. Wir beschlossen, dass einer von uns sich dort hinsetzen und Wache halten sollte, während ein Zweiter einen kleinen Raubzug auf den Feldern versuchte. Der Bewacher sollte laut pfeifen, falls Gefahr drohte. Der »Dieb« sollte, wenn niemand hinsah, zum Feld laufen und sich in eine Furche zwischen zwei Kartoffelreihen werfen. Dann sollte er innerhalb der Furche weiter durch die Reihen der Kartoffelpflanzen rutschen, immer flach auf dem Boden, damit die Pflanzen nicht in Bewegung gerieten.
Für diesen Auftrag wurde ich ausgewählt. Mit starkem Herzklopfen rannte ich zum Feld, legte mich flach hin und kroch dicht am Boden durch die Furchen, wobei ich sorgfältig durch die Blätter spähte, ob vielleicht ein Russe in die Nähe kam. Darauf buddelte ich Kartoffeln aus, immer nur wenige an einer Stelle, damit es niemand merkte, und steckte sie in meine alte deutsche Skihose, die um die Knöchel mit Bändern zugebunden war. Der ideale Sack für einen Kartoffeltransport. Ich steckte die Kartoffeln durch den Hosenschlitz und ließ sie in die Hosenbeine gleiten, bis diese prall gefüllt waren. Der Rückweg war nicht einfach. Wie ein Krebs bewegte ich mich rückwärts bis ans Furchenende. Dort musste ich warten, bis der Bewacher mir das Signal gab, dass ich ungesehen bis zum Bach laufen konnte. Erreichte ich den Bach, hatten wir gewonnen. Natürlich war an richtiges Laufen nicht zu denken. Wie soll man das mit vollgestopften Hosenbeinen schaffen? Ich watschelte eher wie eine wohlgenährte Ente. Mehrfach habe ich diese Diebestour unternommen, jedes Mal mit großer Aufregung, aber immer mit der guten Aussicht, dass es wieder Kartoffeln zu essen gab. Lange Zeit suchten zudem diejenigen, die keine Wache hatten, in der Umgebung nach Schmalz oder Butter, aber ohne Erfolg. Eines Tages entdeckten wir einen gerippten Behälter, eine Art Trafo, auf halber Höhe zwischen zwei Strommasten befestigt. Horst meinte: »Ich habe gehört, da soll Öl drin sein.« »Da holen wir uns welches«, sagte ich. »Aber wie kommen wir da hoch?« »Wir schlagen Nägel rein und klettern an den Masten hoch.«
Gesagt, getan. Wir besorgten im Dorf Hammer, Nägel und einen Eimer und schnitzten uns einen Holzdübel, um unsere Ölquelle immer wieder verschließen zu können. Wir kletterten also die Masten hinauf und schlugen mit dem dicken Nagel als Meißel kräftig auf das Stahlblech. Es gelang uns nicht, den Tank zu durchlöchern, wir hieben nur ein paar prächtige Dellen hinein. Am nächsten Tag unternahmen wir einen neuen Versuch, aber auch der scheiterte. Es wurde nichts mit dem Öl. Wieder hatten wir einen Schutzengel: Denn dieses technische Öl ist stark giftig, es enthält PCB, was ich natürlich damals nicht wusste. Und zum Glück für uns funktionierte die Stromversorgung noch nicht, sonst wären wir bei unserem Versuch, den Umspanntrafo zu öffnen, als Aschehäufchen zur Erde gerieselt.