Ein Festmahl

Seit es unseren Wachturm gab, hatte der Diebstahl an unserem Feld fast aufgehört. Ein bisschen Schwund war unvermeidlich, aber er war kaum zu sehen. Umso überraschter waren wir, als eines Abends ein T34-Panzer oben am Feldrand hielt. Die Soldaten stiegen aus und sahen sich um, einer kam über das Feld zu uns. Gerhard war schnell auf den Turm geklettert, um Alarm zu schlagen, und hatte schon den Eisenklöppel in der Hand. Der Soldat erklärte jedoch, die Mannschaft wolle neben ihrem Panzer im Straßengraben übernachten und sich vorher eine Suppe kochen. Er schlug uns einen Handel vor. Sie hätten Fleischkonserven im Panzer, und wenn wir ihnen kapusta, Weißkohl, geben würden, dürften wir mitessen. Uns gefiel die Idee, endlich mal wieder Fleisch zu essen, sehr gut, und so boten wir ihnen auch noch kartoschki, Kartoffeln, an. So war der Handel perfekt.

»Wir haben nur wenig Holz für das Feuer«, sagte ich ihnen, denn ich hatte gesehen, dass sie auch keines hatten. »Nix Problem«, sagten sie daraufhin und führten uns gleich vor, wie man mühelos und schnell an Feuerholz kommt.

Der Panzerfahrer ließ den Motor an, visierte den nächsten Telegrafenmast und drückte ihn um, sodass er quer über dem Straßengraben lag. Er fuhr einige Male vor und zurück und zermalmte den Mast zu handlichem Feuerholz.

Damit richtete er keinen größeren Schaden an, denn dort draußen auf dem Land war, wie gesagt, die Stromversorgung noch nicht wiederhergestellt, und telefonieren konnte man ebenfalls noch nicht wieder. Alles war zerschossen, umgestürzt, die Kabel zerrissen. Die Russen sahen uns ob ihres Einfallsreichtums stolz an, als erwarteten sie Lob. Offenbar war dies nicht das erste Mal, dass sie sich auf diese Art ihr Feuerholz beschafften. Wir konnten uns das Lachen kaum verbeißen.

Darauf fuhren die Soldaten ihren T34 von der Straße mit der linken Kette in den Graben, mit der rechten stand er am Feldrand. Einer von ihnen ging mit seinem Kochtopf zum Bach, um Wasser zu schöpfen, während wir zwei Kohlköpfe aus der Mitte des Feldes und Kartoffeln aus unserer Vorratskammer holten.

Sie hatten mit ein paar Feldsteinen eine Feuerstelle gebaut, dazwischen brannte das Feuer. Wegen der Teerimprägnierung an den Masten blakte es allerdings ziemlich. Wir putzten den Kohl und die Kartoffeln, und ein Russe öffnete mit dem Seitengewehr zwei Fleischbüchsen aus deutschen Wehrmachtsbeständen. Wir ließen Kohl und Kartoffeln kochen, gaben das Fleisch dazu, und ein Russe schüttete noch aus einem deutschen Wehrmachtskochgeschirr Graupenkascha dazu.

Es wurde ein wahres Festessen. Seit 1944 hatte ich nicht mehr eine so prächtige Mahlzeit bekommen, die freilich auch damals schon eine Seltenheit gewesen war. Wir Jungen aßen mit Genuss und viel mehr als die Russen. Zum ersten Mal seit langem wurde ich richtig satt.

Nach dem Essen wuschen wir den Topf der Russen im Bach ab, um uns dankbar zu erweisen. Sie hatten inzwischen aus dem Kochfeuer ein richtig großes Lagerfeuer gemacht. Dann zog einer seine Mundharmonika heraus, eine »germanski Hohner«, wie er stolz sagte, und nun sangen die Russen Soldatenlieder, meistens etwas melancholisch, immer in Moll. Zu ihrem großen Erstaunen sang ich mit. Schließlich hatte ich all diese Lieder im Lager des Kapitan in Königsberg gelernt und trotz aller schlimmen Erlebnisse liebgewonnnen. Wie oft hatte ich gehört, wie die Soldaten und oft auch Soldatinnen diese schwermütigen Gesänge anschlugen, mit kehliger Stimme und in dem ungewohnten Tonfall. So wurde es ein beinahe romantischer Abend in dieser seltsamen Gemeinschaft aus russischen Soldaten und deutschen Kindern. Nach ein paar Stunden verabschiedeten wir uns, dankten den Russen und gingen zu unserem Turm zurück. In dieser Nacht konnten wir uns die Wache sparen. Angesichts des Panzers würde wohl niemand versuchen, etwas vom Feld zu klauen.

Sobald die Russen am nächsten Morgen weggefahren waren, liefen wir zum Feldrand und sammelten eilig die Reste Feuerholz ein. Eines hatte ich in den letzten Jahren gelernt: Man musste immer sehr schnell sein, bevor andere kamen und die ersehnte Beute mitnahmen.

Noch ein zweites Mal wurde uns das Vergnügen zuteil, mit Russen gemeinsam zu essen. Zwei Soldaten kamen wenig später mit einem russischen LKW, einem Uralt-Modell ohne Anlasser und Batterie, mit Magnetzündung und Kurbelstart. Auch sie hielten am Feldrand. Wir liefen zu ihnen und fragten, ob sie etwas von unserem Feld haben wollten. Sie erklärten, sie hätten deutsches Dosenfleisch, Brot und Schmalz, und wir dürften mitessen, wenn wir wollten. Wir erhielten eine Einladung zum Essen ohne Gegenleistung, das war nahezu undenkbar.

Sie hatten sogar eigenes Feuerholz dabei, wie ich gleich mit Kennerblick sah. Sie hätten immer welches, um sich ihren tschai zu kochen, erklärten sie mir. Ich ahnte, dass das Holzbündel hinten auf der Ladefläche einmal ein Gartenzaun gewesen war. Warum auch nicht? Wir holten den Russen Wasser für den Tee aus dem Bach und verbrachten wieder ein paar angenehme Stunden.

Auch diese Russen hatten wie die meisten anderen, die wir kennenlernten, nichts gegen deutsche Kinder. Sie waren sehr nett zu uns und sagten etwas, was wir immer wieder gehört haben: »Germanski gut – Chitler kaputt.« Für sie waren längst nicht alle Deutschen Nazis. Und dass sie so dachten, war unser Glück.

Als die Erntezeit näherkam, wurde uns bewusst, dass unser schönes Leben in der Freiheit dort draußen bald zu Ende sein würde. Es gäbe bald nichts mehr zu bewachen. Wir stellten uns vor, dass wir bald wieder in der Stube hocken würden und womöglich Brennholz für den Winter sammeln und andere mühselige Dinge tun müssten. Zunächst aber wurde geerntet. Alle Kinder mussten aufs Feld. Sie schnitten sämtliche Kohlköpfe ab und zogen die Rote Beete heraus. Auch Kohlrabi, Karotten und Zwiebeln verschwanden und damit die Quelle unserer heimlichen Vorräte.

Für den Transport hatte der Kommandant einen Panjewagen mit Pferd und Kutscher aufgetrieben, vermutlich aus einem der Küstenorte, denn in unserer Gegend sah man so etwas nie. Damit wurde die Ernte ins Dorf gefahren und bis auf den Kohl im Keller des Haupthauses untergebracht. Die kapusta wurde verarbeitet.

Wir kamen zum ersten Mal seit langer Zeit wieder ins Lager zurück. Mit Erstaunen stellten wir fest, dass dort ein zwei Meter tiefes, dreimal vier Meter großes Bassin aus Ziegelsteinen entstanden war, innen ordentlich verputzt. Es war von deutschen Kriegsgefangenen errichtet worden, die der Kommandant sich eigens dafür ins Lager geholt hatte. Zu dieser Zeit gab es noch einige deutsche Kriegsgefangene in der Gegend, die nicht nach Russland gebracht worden waren. Sie dienten bei diversen Truppenverbänden und waren besonders wegen ihrer Qualifikation sehr geschätzt. Manche hatten sich Vertrauensstellungen geschaffen, waren nützlich und unentbehrlich für die Russen wie zum Beispiel Herr Düsselbach und Sigismund.

Das Becken sollte zur Herstellung und Aufbewahrung von Sauerkraut dienen. Der Kommandant hatte eine regelrechte Manufaktur, man müsste eigentlich eher sagen »Pedifaktur« eingerichtet. Im großen Saal standen die Mädchen und schnitten in stundenlanger Arbeit die Kohlköpfe zu Schnitzeln. Wir trugen diese zum Becken und füllten eine etwa dreißig Zentimeter dicke Schicht ein. Aus einem Sack schütteten wir kräftig Salz darüber. Andere Jungen sprangen hinein und stampften barfuß im Kohl herum, bis sich aus Kohlsaft, Salz und Fußdreck eine Lake zu bilden begann. Wem die Füße zu sehr brannten, der wurde abgelöst.

Danach kam die nächste Kohlschicht darüber, dann wieder Salz, und so ging es weiter, bis das ganze Becken voll war. Je voller es wurde, desto schwieriger wurde das Stampfen. Als es schließlich bis zum Rand gefüllt war, wurde es mit Brettern abgedeckt, die mit Feldsteinen beschwert wurden. Der Kohl sollte für den Winter zu Sauerkraut reifen, wegen der Vitamine ein wichtiges Mittel gegen Skorbut.