Mittlerweile war es Herbst geworden. Die Tage waren kühl, die Nächte schon recht kalt. Wieder einmal hörten wir seltsame Gerüchte. Diesmal hieß es, die Kinder aus dem Königsberger Lager sollten nach Deutschland geschickt werden. Wie diese Nachricht durch das vollständige Informationsvakuum zu uns gelangen konnte, weiß ich nicht mehr. Nach Deutschland zu kommen, das war ein Gedanke, der uns mit Begeisterung erfüllte. Wenn wir bloß auch dorthin könnten! Uns wurde ganz warm ums Herz. Aber nur die Königsberger Kinder sollten angeblich dorthin. Was mit uns Kindern in Pobethen geschehen sollte, darüber hörten wir nichts. Horst und Gerhard fragten mich daraufhin, ob wir nicht nach Königsberg abhauen sollten. »Mensch, Burkhard, du kennst das Lager doch! Und da ist doch auch der nette Kapitan, von dem du so viel erzählt hast. Der schickt uns bestimmt mit den anderen nach Hause!«
Zwei Tage dachten wir über eine solche Flucht nach, am Ende beschlossen wir, es zu wagen. Mehrere Tage lang hoben wir uns etwas Brot auf, steckten uns die alte Landkarte meiner Kameraden ein und zogen schließlich eines Morgens nach dem Frühstück von den anderen unbemerkt los. Außer den kleinen Brotreserven und drei dreieckigen Wehrmachtszeltbahnen, die man wie einen Poncho tragen konnte, und der alten Landkarte nahmen wir nichts mit. Wir rechneten damit, dass wir zwei Tage unterwegs sein und die eine Nacht entweder draußen oder in einem verlassenen Haus verbringen würden.
Da ich die Strecke Königsberg-Pobethen schon einmal gefahren war, aus Königsberg stammte und dort im Lager gewesen war, meinten die anderen, ich würde den Weg schon finden. Die Straße führte meistens geradeaus, es waren etwa zweiundzwanzig Kilometer, an drei Kreuzungen musste man in die richtige Richtung abbiegen, zweimal links, einmal rechts.
Die zerstörte Kirche auf unserem Gelände war damals noch von großen Eichen umgeben. Dort trafen wir uns an dem Morgen unserer Flucht und warteten eine Weile, ob jemand bemerkt hatte, dass wir uns davongeschlichen hatten. Dass wir auch ein paar Zweifel in uns trugen, ob unser Unternehmen richtig war, gestanden wir uns nicht ein. Als alles ruhig blieb, zogen wir los. Wir hatten abgesprochen, immer dicht am Rand der Straße zu gehen, damit wir uns jederzeit im Straßengraben verstecken konnten. Jedes Mal, wenn wir ein Auto kommen hörten, warfen wir uns hinein. Wir waren sehr gespannt, wann man wohl unsere Flucht bemerken würde.
Am Nachmittag begann es, stark zu regnen. Wir wären im Nu durchnässt gewesen, hätten wir nicht unsere Zeltbahnen dabeigehabt. Wir knöpften den Schlitz ein wenig auf und steckten die Köpfe hinaus, und es war, als trügen wir einen Poncho.
Wir fanden unseren Weg und kamen immer näher an Königsberg heran. Wir hatten auf der Karte gesehen, dass wir die dritte Kreuzung erreicht hatten. Als es Abend wurde, beschlossen wir, in der Scheune eines verlassenen Bauernhofs zu übernachten. »Es ist besser, wir kommen nicht zu spät im Lager an, wer weiß, was die sagen? Besser wir gehen morgens hin und können in Ruhe mit dem Kapitan verhandeln«, sagte ich.
In der Scheune sah es ebenso trostlos und gespenstisch aus wie in allen anderen verlassenen Scheunen. Man konnte sich nicht vorstellen, dass da vor ein paar Jahren noch Korn und Heu gewesen waren, dass auf dem Hof Bauern mit ihren Familien und ihrem Vieh ein recht gutes Leben geführt hatten. Vor dem Einschlafen kauten wir an unserem bisschen Brot, unseren Hunger konnten wir damit nicht stillen. Wir schliefen erschöpft ein.
Am nächsten Tag wachten wir müde und durchgefroren auf. Gegen Mittag erreichten wir das Oberteichufer und waren ganz in der Nähe meines alten Lagers. Es regnete noch immer kräftig und wir bauten zunächst ein Zelt auf. Mit den drei Bahnen konnte man, wenn man sie richtig zusammenknöpfte, mit einem dicken Ast als Mittelpfahl ein dreieckiges Pyramidenzelt schaffen. Wir krochen hinein, waren pitschnass und froren jämmerlich. Dann machte ich mich bangen Herzens auf zu meinem alten Lager. Dort fand ich tatsächlich den Kapitan und ging in einer Mischung aus Wiedersehensfreude und Angst auf ihn zu.
Er erkannte mich sogleich und sah nicht so aus, als ob er mir böse sei, sagte aber: »Warum habt ihr das gemacht?« Ich sagte: »Das ist doch mein altes Lager, ich gehöre doch hierher! Und wir haben gehört, dass die Kinder aus dem Lager hier nach Deutschland kommen. Dürfen Gerhard, Horst und ich hierbleiben, damit wir auch dorthin fahren können?«
»Das ist leider unmöglich«, sagte er. »Ihr seid in dem anderen Lager registriert und könnt nicht einfach tauschen. Ich kann daran nichts ändern. Geht wieder nach Pobethen zurück, dort fragen sie sich bestimmt schon, wo ihr geblieben seid.«
»Aber wir möchten auch nach Deutschland und deshalb wollen wir hierbleiben.«
»Nicht nur die Kinder aus Königsberg, alle deutschen Kinder können dorthin, auch ihr aus Pobethen.«
Ich ließ den Kopf hängen und verabschiedete mich traurig vom Kapitan. Sollte ich ihm wirklich glauben? Als ich zu meinen Freunden kam, waren sie sehr niedergeschlagen. »Davon stimmt kein Wort, der will uns nur loswerden«, sagten sie. Und ich gab ihnen im Grunde Recht. Der Kapitan sah in mir nicht mehr den Jungen, der ihm anvertraut war, sondern den Ausreißer, der seinen Offizierskollegen in Pobethen hinters Licht geführt hatte. Und das veränderte alles. Meine Zuneigung zum Kapitan bekam einen Knacks. Ich spürte so etwas wie Trotz. Schließlich war ich eines der ersten Kinder gewesen, die ins Lager gekommen waren. Ich hatte mit Herrn Düsselbach die ganze Elektrik des Lagers repariert, hatte die Sachen aus Leningrad betreut und verwaltet, hatte mit an dem alten Steyr, dem liebsten Stück des Kapitan, gebaut, und das galt jetzt alles nichts mehr! Mein Gerechtigkeitsgefühl litt schwer. Aber was sollte ich tun?
Wenn meine Kameraden nicht so gebettelt hätten, es am nächsten Tag noch einmal zu versuchen, wäre ich auf der Stelle nach Pobethen zurückgegangen. Aber ich sagte ihnen nichts davon, um sie nicht zu enttäuschen. Wir beschlossen also, es am nächsten Tag wieder zu versuchen und noch eine Nacht dort zu verbringen. Müde und hungrig krochen wir in unser Zelt.
Am Morgen sahen wir einen Lastwagen ins Lager fahren. Wir kannten zwar das Auto nicht, aber sehr wohl die beiden russischen Soldaten auf der Ladefläche. In der Fahrerkabine saßen der Kommandant und ein weiterer Russe. Ganz offensichtlich waren sie gekommen, um uns wieder einzufangen. Vier Leute waren für diesen Job eigentlich zu viele, aber vermutlich hatten die Männer die Gelegenheit genutzt, einmal nach Königsberg zu kommen. Blitzschnell bauten wir unser Zelt ab und liefen in die Ruine der Hauswirtschaftsschule, um uns dort zu verstecken und erst einmal abzuwarten.
Wie das Lager in Pobethen herausbekommen hat, wo wir waren, ist mir schleierhaft. Vielleicht hatte uns jemand belauscht und unsere Pläne verraten, vielleicht hat sich der Kommandant gedacht, dass wir dorthin gegangen seien, weil ich aus Königsberg stammte und dort im Lager gewesen war. Da wir verschwunden waren und niemand wusste, wo wir uns hingewandt hatten, suchte er mit seinen drei Leuten die Gegend ab. Lange konnten wir uns nicht verstecken. Wir waren durchgefroren, hatten furchtbaren Hunger und waren mutlos, sodass wir uns bald freiwillig zu erkennen gaben, obwohl wir eine schlimme Strafe befürchteten.
Unser Kommandant war in der Tat sehr verärgert, aber mein alter Kapitan kam zu uns, als wir schlotternd und ängstlich dastanden, und redete beschwichtigend auf ihn ein. Er hatte Verständnis für unsere Flucht nach Königsberg und überzeugte seinen Kollegen offenbar, dass unser Vergehen nicht allzu gravierend war. Dessen Wut schien sich etwas zu legen. Wir kletterten schließlich auf die Ladefläche. Der Kapitan blickte dem Wagen hinterher, der schnell um die Ecke verschwand. Es war das letzte Mal, dass ich ihn sah.
Der LKW brachte uns nach Pobethen zurück. Während wir müde, frierend und deprimiert auf der Ladefläche durch die Landschaft fuhren, sagte Gerhard: »Vielleicht hat der Kapitan doch die Wahrheit gesagt und alle Kinder, auch die aus Pobethen, dürfen nach Deutschland zurück. Uns lassen sie jetzt vielleicht nicht weg, weil wir ausgerissen sind.« Wir erschraken. Das konnte tatsächlich passieren. Wir machten uns ernsthaft Sorgen, trauten uns aber nicht, als wir wieder in Pobethen waren, den Kommandanten danach zu fragen.
Im Lager bekamen wir drei Tage Stubenarrest ohne Essen. Das war zwar eine schlimme Strafe, aber an Hunger waren wir gewöhnt. Trotzdem war es bitter, denn wir waren ja auch vorher schon halbverhungert gewesen.