Mein alter Kapitan hatte doch nicht gelogen. Mitten im Oktober – inzwischen war es schon winterlich kalt und hatte bereits geschneit – wurden alle Kinder im großen Saal zusammengerufen. Der Raum war brechend voll. Vorn stand der Kommandant und neben ihm drei höhere russische Offiziere.
Der Kommandant sagte feierlich: »Der Genosse Josef Stalin, Führer der ruhmreichen Sowjetunion, hat beschlossen: Alle deutschen Kinder aus Ostpreußen, die keine Eltern mehr haben, dürfen in der schönen siegreichen Sowjetunion bleiben. Russische Offiziersfamilien werden euch adoptieren, ihr bekommt alle neue Eltern und werdet Bürger der ruhmreichen Sowjetunion.«
Während er sprach, hätte man eine Stecknadel fallen hören können. Wir waren alle starr vor Schreck und Verblüffung.
Während wir ihn stumm anblickten, sagte er: »Wer neue Eltern bekommen und immer in Russland bleiben will, der soll die Hand heben.« Es herrschte eine unheimliche Stille im Raum, nichts regte sich. Dann fragte einer der Offiziere: »Wer will denn nach Deutschland?« Und in diesem Moment schossen alle Finger dieser verlorenen, verlausten, verkrätzten und unterernährten Kinder zwischen sieben und vierzehn Jahren blitzschnell in die Höhe.
Da sahen die russischen Offiziere einander an, und wieder herrschte Stille im Saal. Es war eine beängstigende Ruhe. Ob sie uns jetzt böse sind, fragten wir uns und warteten gespannt, wie sie reagieren würden. Nach einer Weile sagte der Offizier: »Nu charascho, saftra damoi, na gut, morgen alle Kinder nach Hause.« Darauf brach ein lauter Jubel los, mehr als hundert Kinder weinten, jauchzten, schluchzten und lachten. Voller Begeisterung liefen wir zu den Offizieren hin. Und plötzlich lachten auch sie und wehrten uns Kinder nur ganz sachte ab. Dann verabschiedeten sie sich und gingen.