Der Weg nach Hause

Wenn Kinder hören, dass sie nach langer Abwesenheit nach Hause kommen, denken sie an ihre Eltern, ihre gewohnte Umgebung, ihre Spielsachen, ihre Freunde. Ihnen wird warm ums Herz, ihre Freude kennt keine Grenzen und der Wunsch, alles möge ganz schnell gehen, ist riesengroß. So erging es wohl uns allen, wir waren aufgeregt und voller Freude und Hoffnung.

Was aber bedeutet »zu Hause« für Waisenkinder, die alles verloren haben außer dem nackten Leben? Was war das für uns jubelnde Kinderschar im großen Saal des Russenlagers eigentlich? Darüber dachte ich im ersten Moment gar nicht nach, und die anderen wohl ebenso wenig. Erst später, als ich abends in unserem Zimmer war und auf meiner Pritsche lag, begann ich, mir Gedanken zu machen. In mir war eine riesengroße Freude, zugleich zitterte ich innerlich. Mich beschäftigten viele Fragen, sodass ich nicht einschlafen konnte. Wann würden sie uns in Pobethen abholen und nach Königsberg bringen? Würden die Russen Wort halten? Oder würde das ewige saftra, saftra auch jetzt wieder gelten? Na ja, vielleicht morgen, aber es konnte auch übermorgen heißen oder noch viel später oder gar nicht.

Wir hatten schon so viel von verschleppten Menschen gehört, die nicht wieder aufgetaucht waren, ich hatte es selbst bei meiner Tante Christel erlebt, und so war ich von tiefem Misstrauen. Vielleicht war das alles nur eine Finte, um uns ruhigzuhalten, vielleicht sollten wir alle doch nach Russland gebracht werden. Meine Zweifel waren so groß, dass ich gar nicht auf den Gedanken kam, mir »zu Hause« vorzustellen. Das war noch zu weit weg. Ich hatte gelernt, meine ganze Kraft darauf zu konzentrieren, das Nächstliegende zu tun. Damit war ich bisher gutgefahren, ich hatte überlebt, und daran hielt ich mich auch jetzt. Irgendwann schlief ich in dieser Nacht doch noch ein.

Die nächsten Tage waren für uns alle sehr aufregend. Wir wussten, dass das Leben dort im Lager bald zu Ende sein würde, dass wir nie wieder dort arbeiten mussten. Zugleich spürten wir eine gewisse Beunruhigung. Was wäre, wenn die Russen uns am Ende doch nicht gehen ließen? Jeden Tag warteten wir mit Spannung darauf, wann wir wohl endlich, endlich abgeholt würden. Viel vorzubereiten gab es nicht. Das machte das Warten noch schwerer. Wir hatten kaum etwas, das wir einpacken und mitnehmen konnten. Jedes Kind besaß einen russischen Rucksack aus braunem Stoff für seine wenigen persönlichen Dinge.

Wir erfuhren von der Lagerleitung, dass wir unsere blauen Arbeitsanzüge abgeben sollten und auf keinen Fall auch nur Teile davon behalten durften. Ich hatte schon beim Abschied aus dem Königsberger Lager mit Bedauern die Komsomolzenuniform zurückgegeben und nur heimlich zur Erinnerung das Koppel mitgenommen. Jetzt legte ich es zu dem blauen Anzug, aus Angst, sonst vielleicht zur Strafe bei den Russen bleiben zu müssen. Alle Kinder waren in diesen Tagen vorbildlich und gehorsam, um ja nicht von den Russen festgehalten zu werden. Auch die Schuhe sollten wir abgeben, aber viele von uns hatten keine anderen und durften sie schließlich behalten. Nachdem wir den blauen Anzug nicht mehr hatten, zogen wir unsere alten Sachen an, die uns eigentlich gar nicht mehr hätten passen können. Ich hatte noch meine Joppe und die Skihose aus dem Jahr 1944, das war drei Jahre her. Die Sachen passten mir recht gut, so wenig war ich aufgrund der Mangelernährung gewachsen. Ich machte mir darüber keine Gedanken.

Eine Woche nachdem wir erfahren hatten, dass wir nach Hause durften, fuhren drei Lastwagen auf unseren Hof, amerikanische GMC-Trucks. Wie üblich sollten wir auch jetzt während der Fahrt hinten auf der Ladefläche sitzen. Gemeinsam mit uns fuhren die älteren deutschen Frauen, die im Lager gearbeitet hatten. Ich war schon aufgestiegen und saß neben meinen beiden Freunden, als mir plötzlich in den Sinn kam, wie schade es sei, ohne mein Koppel abzureisen. Ich sprang noch einmal vom Wagen, rannte nach oben in unser Zimmer und steckte es unter meine Jacke. Mein geliebtes Koppel war später der einzige Gegenstand, der mich an die Zeit bei dennerte.

Der Abschied von Pobethen war kurz und schmerzlos. Der Kommandant war nicht einmal da, als wir abfuhren, und die anderen Russen standen nur neugierig herum. Es war ganz anders als in Königsberg, wo sich wenigstens so etwas wie eine Beziehung zwischen dem Kapitan und uns Kindern entwickelt hatte. Umso leichter fiel es uns, Pobethen endlich den Rücken zu kehren.

Im Vorüberfahren warfen wir drei einen letzten Blick auf »unseren« Wachturm, und dann hatten wir fürs Erste alles vergessen, was mit diesem Lager zusammenhing. Das alles war nun Vergangenheit. Wir redeten von da an nur noch über die Zukunft, überlegten, wie es in Deutschland wohl aussehen würde, ob wir Angehörige treffen, wo und wie wir dort leben würden.

Ich hatte immer noch die zaghafte Hoffnung, dass mein Vater am Leben war. Aber es gab viele Kinder, deren Vater schon früh im Krieg gefallen war und die nicht wussten, ob ihre in Ostpreußen verlorengegangene Mutter noch lebte. Andere wieder waren Vollwaisen und fuhren in eine ungewisse Zukunft, in irgendeinem Kinderheim. Diesen Gedanken fand ich schrecklich und hoffte, dass mir das nicht passieren würde. Am schlimmsten war es auch jetzt wieder für die Kinder, die bei Kriegsende zu klein gewesen waren, um sich zu erinnern, wer ihre Eltern waren, woher sie kamen, wie sie hießen. Sie waren immer noch ohne jede Orientierung und ganz auf die Hilfe anderer angewiesen.

Nach etwa zwei Stunden Fahrt über größere und kleinere Straßen erreichten wir Königsberg. Dort wurden wir gleich zu einem Güterbahnhof gebracht. Wir waren nicht die Ersten, die eintrafen. Vor uns waren bereits Kinder aus anderen Teilen Ostpreußens hergebracht worden, auch aus meinem alten Königsberger Lager. Die Russen hatten einen riesigen Sammeltransport organisiert. Immer mehr LKWs kamen, und am Ende waren wir etwa tausend Kinder, Mädchen und Jungen, zwischen sieben und fünfzehn Jahren, alle blass, hager und müde, alle mit dem braunen russischen Zieh auf dem Rücken. Es herrschte große Aufregung unter uns, wir waren neugierig auf unseren Zug und darauf, was es wohl zu essen geben würde. Überall Gemurmel, Schreien, Lachen, helle Kinderstimmen, die durcheinandersprachen. Wir standen in der Kälte und warteten und warteten. Neben uns Kindern waren auch noch Erwachsene da, aber nur alte Männer und Frauen.

Auf einem der Gleise stand ein langer Güterzug, mit dem wir fahren sollten. Noch aber durften wir nicht einsteigen. Die Schiebetüren auf der einen Seite der Waggons waren zugenagelt. Drinnen waren deutsche Kriegsgefangene damit beschäftigt, eiserne Kanonenöfen einzubauen. Neben den Ofen schaufelten sie einen Berg Lokomotivensteinkohle und legten auch Brennholz hin. Auf jede Seite des Ofens stellten sie einen Eimer, einen für Trinkwasser, den anderen als Kübel.

In der einen Hälfte des Waggons hatten sie auf halber Höhe eine hölzerne Zwischendecke eingebaut, auf der die Reiseverpflegung lag: ein Stapel Brote, etwas Margarine und Zucker zum Draufstreuen. So viel Nahrung auf einmal hatten wir schon lange nicht mehr gesehen. Margarine und Zucker zu bekommen, das war zudem etwas ganz Besonderes. Am Boden lag Stroh, um darauf zu sitzen und zu schlafen. Die Waggons waren also recht zweckmäßig eingerichtet. Das war für damalige Verhältnisse erstaunlich. Die Russen hatten dafür gesorgt, dass wir einigermaßen bequem reisen konnten.

Nach langem Warten durften wir endlich einsteigen. Froh und aufgeregt kletterten wir in die Waggons. Meine zwei Freunde und ich suchten uns schnell einen guten Platz auf dem Stroh. Die Seite unter der eingezogenen Decke mit den Lebensmitteln war für die Jungen, die andere für die Mädchen bestimmt. Im Ganzen waren wir sechsundfünfzig Jungen und Mädchen mit einem alten Mann und einer alten Frau als Betreuer. »56 + 2« war mit Kreide auf unsere Waggontür geschrieben. Der gesamte Zug bestand aus zwanzig Wagen, am Ende war der mit dem Bremserhäuschen angehängt, von dem aus man über die Dächer des Zuges schauen konnte. In diesem Wagen fuhren mehrere russische Soldaten als Bewacher mit. Auf ihrem Dach hatten sie ein Maschinengewehr montiert.

Wir hätten gern etwas mehr über unseren Weg und unser Ziel gewusst, aber da war niemand, den wir fragen konnten. Unser Begleitkommando war selbst uninformiert, sie wussten nur, dass sie den Zug bewachen sollten und auf jeden Verdächtigen zu schießen hatten, der sich bewaffnet dem Zug näherte. Es dauerte endlos lange, aber wir fuhren nicht ab. Wir hatten viel Zeit zum Nachdenken. Wo kamen wir jetzt eigentlich hin? Ob es überall in Deutschland so zerbombt aussah wie in Königsberg?

Wir hatten keine Ahnung davon, dass Deutschland im Begriff war, zweigeteilt zu werden in ein östliches, unter sowjetischen Einfluss, und ein westliches, unter Einfluss der Westmächte, und dass überall Soldaten der Besatzungsmächte stationiert waren. Ich kannte von Deutschland nur Königsberg, seine Umgebung und das Sauerland. Meine Heimat war russisch geworden. Wie würde die neue Heimat aussehen? Was stand mir bevor? Die Kinder, deren Eltern mit Sicherheit beide tot waren, hofften, irgendwo ein Zuhause mit lieben Menschen zu finden. Da hatte ich es doch einfacher, sagte ich mir. Im Grunde blickte ich zuversichtlich nach vorn und ohne Bitterkeit zurück.

Zweieinhalb Jahre hatte ich unter Russen gelebt und auch mit ihrer Hilfe überlebt. Wie hatte sich mein Verhältnis zu ihnen doch geändert! Die deutsche Propaganda hatte sie immer als blutrünstige Untiere dargestellt und mein Bild von ihnen während des Krieges geprägt. Sie waren einfach nur Feinde gewesen. Das Verhalten der Sowjetarmee nach ihrem Sieg bestätigte manches. Und trotzdem, mit der Zeit lernte ich Russen kennen, die kinderlieb waren, die von dem wenigen, das sie selbst besaßen, oft etwas abgaben. Langsam, ganz langsam wurden mir die Russen vertraut, einfache Soldaten wie Offiziere. Mein Misstrauen schwand. Ich war immer häufiger unter Russen, lernte mit ihnen umzugehen. Sie gehörten zu meinem Leben, ich stand ihnen in gewisser Weise nahe, ohne dass ich begonnen hätte, mich als Russe zu fühlen. Ihre Sprache war nicht meine Sprache geworden, aber ich verstand sie, ich mochte die so anders klingenden Wörter, die fremde Satzmelodie, ich lernte die richtige Aussprache ohne Mühe. Langsam war das Russische nicht mehr die Sprache der Feinde, der Sieger. Und ich liebte die russischen Lieder. Davon galt es Abschied zu nehmen, und das war nach der langen Zeit ein merkwürdiges Gefühl. Erst in meinem neuen Heimatort sollte ich merken, wie viele Dinge des Lebens ich besser russisch als deutsch ausdrücken konnte. Das war nicht verwunderlich, denn ich war ja erst neun Jahre alt gewesen, als ich zu den Russen gekommen war.