Ich sehe meinen Vater wieder

Immer wieder kam es in diesem Winter vor, dass in der holzgetäfelten Empfangshalle der Villa Eltern standen, die ihr Kind abholten. Wir anderen sahen traurig und auch ein wenig neidisch zu, auch wenn wir uns für das andere Kind freuten. Wie oft dachte ich dann abends im Bett: Lebt Vati überhaupt noch? Konnte er nicht kommen? Hatte er meine Karte überhaupt bekommen und wusste er, dass ich am Leben war? War er vielleicht nicht im Kino gewesen und hatte die Wochenschau gar nicht gesehen? Und was wäre, wenn Vater nicht mehr lebte? Waren wenigstens meine Großeltern sicher über das Haff gekommen? Mit jedem Tag, der verging, mit jedem Mal, dass wieder Eltern ein Kind abholten, wurde meine Traurigkeit größer, wuchs meine Ungeduld.

Inzwischen rückte Weihnachten näher. Im Heim wurde alles für das Fest vorbereitet. Zum ersten Mal seit Jahren würde ich wieder einen Weihnachtsbaum sehen, vielleicht auch Sterne und Engel, bestimmt käme sogar der Weihnachtsmann. Ich hatte das alles in den letzten Jahren ganz vergessen. Als uns die Betreuerinnen sagten, wir dürften uns etwas zu Weihnachten wünschen, fiel mir nichts ein. Ich hatte das Wünschen einfach verlernt. Ich bekam jeden Tag zu essen, man war lieb zu mir. Mehr konnte ich mir nicht vorstellen.

Als das Fest vor der Tür stand, rief mich die Heimleiterin in ihr Büro. Sie saß auf dem Sofa und forderte mich auf, mich neben sie zu setzen. Was war das für ein Unterschied zu den Gesprächen mit dem Kapitan, bei dem man bestenfalls stehenblieb, froh war, wenn er nichts zu bemängeln hatte, und einen außerdem das ständige Hungergefühl plagte! Ich saß also neben der Heimleiterin auf dem warmen Sofa, und dann sagte sie freundlich: »Burkhard, ich habe ein ganz besonders schönes Weihnachtsgeschenk für dich. Kannst du dir vorstellen, was das wohl sein könnte?« Ich hatte keine Ahnung, überlegte eine Weile und sagte schließlich, nein, ich wüsste es nicht. »Du wirst es auch noch nicht zu Weihnachten bekommen können, sondern etwas später«, meinte sie. Es folgte ein Satz, den ich nie vergessen werde: »Dein Vater hat heute ein Telegramm geschickt, er holt dich am zehnten Januar ab.«

Ich war so überrascht, dass es mir die Sprache verschlug. Ich hatte seit Monaten an nichts anderes gedacht, doch jetzt war ich ganz außer mir vor Erstaunen. Nach einer Weile heulte ich vor Freude los, und die Heimleiterin hielt mich ganz fest in den Armen. Wenn ich mich an diesen Moment erinnere, heule ich heute mit meinen über siebzig Jahren immer noch.

Es wurde Weihnachten, es gab eine schöne Feier im Haus, wir freuten uns über den Glanz der Lichter, über das Weihnachtsessen, die Plätzchen und kleinen Geschenke, aber ich musste unablässig an meinen Vater denken. Mir gingen diese eigentlich so schönen Tage viel zu langsam vorbei.

Währenddessen trieb mich vor allem eine Frage um: Würde mein Vater mich wiedererkennen? Als wir uns zum letzten Mal gesehen hatten, vor dreieinhalb Jahren, war ich sieben gewesen, jetzt war ich elf. Damals war ich ein schlanker Junge, jetzt hatte ich wegen des Hungerns, der fehlenden wasserbindenden Eiweißstoffe, einen von Wasser aufgedunsenen Körper und dazu einen kahlgeschorenen Kopf. Und würde ich ihn wiedererkennen? Damals hatte ich ihn in seiner Soldatenuniform gesehen. Wie sah er wohl jetzt aus?

Am Abend des 9. Januar konnte ich vor Aufregung kaum einschlafen, am 10. selber trieb ich mich nach dem Frühstück in der Empfangshalle herum und platzte bald vor Ungeduld. Da ich allen im Weg war, schickten sie mich nach oben in mein Zimmer. Ich ließ die Zimmertür offen, um auch ja nichts zu verpassen, und lief aufgeregt hin und her. Mein Herz klopfte wie wild. Das war mir selbst in den schlimmsten Situationen der letzten Jahre nie passiert. Außerdem zitterte ich wie Espenlaub und fragte mich die ganze Zeit: Ob er auch wirklich kommt?

Nach einer Ewigkeit rief endlich jemand: »Burkhard, komm runter!« Mit zitternden Knien schlich ich langsam die Stufen bis zum ersten Treppenabsatz hinunter und schaute ängstlich, erwartungsvoll um die Ecke. Es konnte keinen Zweifel geben: Der Mann unten in der Halle war mein Vater, ich erkannte ihn sofort. »Er ist es, er ist es, er ist es«, dachte ich nur und flog förmlich den unteren Teil der Treppe hinab, nahm drei Stufen auf einmal und mit dem letzten Sprung landete ich in seinen Armen. »Papi, Papi!« Ich schrie, ich weinte, ich lachte. Vater drückte mich fest an sich, jetzt endlich war alles gut. Mein Vater war wirklich da, ich war bei ihm, niemand würde ihn mir je wieder nehmen können.