Fahrt in ein unbekanntes Land

Vater war in Begleitung seiner Freundin gekommen. Sie nannte sich Tante Ilse. Er erklärte mir, sie habe ihn auf der beschwerlichen Reise begleitet, es sei nicht einfach gewesen, vom Westen in die Ostzone zu kommen. So erfuhr ich zum ersten Mal von der Teilung Deutschlands. Ich schenkte Tante Ilse keine weitere Aufmerksamkeit. Ich war einfach nur froh, dass ich meinen Vater wiederhatte. Nach dem Abschied von den Betreuerinnen im Heim machten wir uns zu dritt auf den Weg in mein neues Zuhause. Vater erklärte mir, dass wir nach Norddeutschland gingen. »Da sind auch Oma und Opa, sie haben die Flucht über die zugefrorene Ostsee geschafft, und es geht ihnen gut. Ich wohne im selben Ort. Er heißt Soltau und liegt in der Lüneburger Heide.«

Vater hatte amerikanische Zigaretten bei sich, mit deren Hilfe wir die sowjetisch besetzte Zone ohne Fahrkarten mit der Bahn durchqueren konnten. Zunächst fuhren wir bis Erfurt, wo ein Kriegskamerad von Vater eine Buchhandlung hatte. Wir übernachteten bei ihm und fuhren am nächsten Tag nach Norden bis in die Nähe der Elbe. Zum Abschied schenkte mir der Buchhändler ein Bändchen mit dem Titel »Der gepfefferte Spruchbeutel«, eine Sammlung alter Bauern- und Volksweisheiten, manchmal poetisch, manchmal derb, auf jeden Fall amüsant und informativ. Ich war begeistert, zum ersten Mal besaß ich ein Buch. Ich las es auf der Reise und betrachtete es als große Kostbarkeit.

Irgendwann fuhr der Zug nicht weiter, eine Eisenbahnbrücke war gesprengt worden. Auf der anderen Seite begann die britische Zone. Es war unvermeidlich, wir mussten zu Fuß über die zerstörte Brücke gehen. Das war gefährlich und außerdem verboten. Niemand durfte damals einfach von der sowjetischen Zone in die Westzonen wechseln. Vater erklärte mir, eigentlich hätte er gar nicht kommen dürfen, um mich abzuholen, aber so ginge es vielen, die deswegen heimlich die Grenzen überquerten.

Im Schutz der Nacht schlichen wir mit vielen anderen Leuten, die auch gen Westen wollten, über die große Brücke. An manchen Stellen hingen die Schienen und die Schwellen frei in der Luft, hoch über dem dunklen Wasser des Flusses. Da ich so oft über die zerstörten Pregelbrücken in Königsberg geklettert war, fiel mir das nicht schwer. Ich nahm sogar Tante Ilse an der Hand, weil sie Angst hatte. Langsam, ganz langsam erreichten wir das andere Ufer. »Jetzt haben wir es geschafft«, sagte Vater. »Jetzt sind wir in Westdeutschland und können mit dem Zug bis nach Hause fahren.«

So fuhren wir von dort ganz legal mit der Eisenbahn nach Soltau. Während der Reise begannen wir, uns gegenseitig zu erzählen, was wir erlebt hatten. Ich wusste gar nicht, wo ich anfangen sollte. Und auch ich wollte viele Dinge wissen: wohin wir fuhren, wie es dort sei, wie groß die Stadt sei und wo die Großeltern wohnten?

Vater versuchte, meine Neugier zu befriedigen, so gut er konnte. Ich war von den neuen Erlebnissen überwältigt. Was im Krieg und seit dem Krieg alles geschehen war, das musste ich erst noch begreifen. Dazu kamen die vielen Fragen, die mein Vater mir stellte und die meine Erinnerungen wieder wachriefen. Ich war so angespannt, dass ich Tante Ilse kaum wahrnahm.

Sie hielt sich auch immer im Hintergrund, sodass ich das Gefühl hatte, Vater ganz für mich allein zu haben. Doch so schemenhaft ich Tante Ilse zunächst wahrnahm, sie gefiel mir und war wirklich nett zu mir. Ihren hellgrünen Mantel mit dem schlauchartigen Gürtel, der einfach zugeknotet wurde, fand ich richtig lustig.

Vater erzählte mir genau, wie er es geschafft hatte, mich wiederzufinden. Meine Postkarte aus Königsberg war tatsächlich bei den Verwandten im Sauerland angekommen, und zwar ein halbes Jahr, nachdem ich sie abgeschickt hatte. Wie an den Stempeln zu erkennen, hatte sie einen Umweg über Moskau genommen. Wahrscheinlich musste sie dort erst von der GPU, dem damaligen Geheimdienst, freigegeben werden. Die Verwandten schickten sie an meinen Vater weiter, der inzwischen aus britischer Kriegsgefangenschaft entlassen worden war und so, wie ich geahnt und gehofft hatte, dort gewesen war, um seine und meiner Großeltern Sachen abzuholen. In diesen Zeiten war es wie ein Wunder, wenn ein verlorenes Familienmitglied wieder auftauchte. Vater stellte gleich einen Suchantrag beim Roten Kreuz, aber jahrelang hörte er nichts von mir und war sich nicht sicher, ob ich immer noch am Leben war. »Ich habe immer sehr gehofft, dass ich dich bald finde«, sagte er. Offenbar war der Kindertransport aus Russland zwischen den Russen und dem Roten Kreuz ausgehandelt worden. Ich stand auf der Liste, die das Rote Kreuz von den Russen bekommen hatte, und so erfuhr Vater, dass ich noch lebte und in Deutschland war. Er hatte also auch ohne die Suchbilder in der Wochenschau von mir erfahren.

Die Fahrt nach Soltau dauerte viele Stunden. Erst spät am Abend kamen wir an. Je näher wir dem Ziel kamen, desto größer wurde meine Aufregung. Die Bahnhöfe an der Strecke waren kaum beleuchtet, der Zug fuhr lange durch absolute Dunkelheit, und mir wurde ganz unheimlich zumute. Auf einem Bahnhof las ich das Schild »Wintermoor«. Vater legte beruhigend den Arm um mich und sagte: »Die Landschaft hier ist sehr schön, das wirst du am Tag sehen. Es ist so wie in der Rominter Heide zu Hause in Ostpreußen.«