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San Francisco, Kalifornien

D er scharlachrote Porsche 911 Targa 4S glitt auf seinen reservierten Stellplatz in der Tiefgarage des Glas-Stahl-Gebäudes in der Nähe des Embarcadero.

Lawrence Fung, ein schlanker, gut aussehender Dreißigjähriger, eilte von seinem Fahrzeug zum Lift, die Laptoptasche eng an den Körper gepresst. Wütend stieß er den Zeigefinger auf den sogenannten Anholer, als könne er so die Lifttür zwingen, sich sofort zu öffnen. Er warf einen Blick auf die TAG Heuer, die auf seinem schmalen Handgelenk überdimensioniert wirkte.

Mist!

Endlich glitt die Tür auf, und der Lift brachte ihn schnell zum zwölften Stock hinauf, auf dem sich sein geräumiges Apartment mit Blick über die Bay befand. Fung tippte den Code auf dem Tastenblock der schlüssellosen Apartmenttür ein, aber das Schloss gab nur einen Piepton von sich. Er verfluchte sich selbst für sein Ungeschick. Noch einmal gab er den Code ein, und dieses Mal war ein Klicken zu hören. Er stieß die Tür auf, kickte hinter dem Eingang seine Kalbslederschuhe von den Füßen und warf den Autoschlüssel sowie seine schmale Geldbörse aus Polycarbonat in die Silberschale auf dem handgeschnitzten Konsolentisch im Flur.

Barfuß rannte Fung über das Bambusparkett zur Küche. Es war ihm klar, dass ihm nur noch wenige Minuten Zeit blieben. Er war praktisch fast am Verhungern, aber er hatte jetzt gerade nicht genug Zeit, um sich etwas zu essen zuzubereiten; es reichte nicht einmal für eine Tasse Tee. Er riss die Tür des Viking-Kühlschranks auf, nahm eine Flasche Bio-Proteinshake heraus und trank sie gierig leer, während er hinüber zum Schlafzimmer ging.

Er ließ sich auf seinen Schreibtischstuhl fallen und bootete gerade den Desktop-PC , als sein Timer piepte. Fung ignorierte die atemberaubende Aussicht auf die hell beleuchtete Bay Bridge, die tief unter ihm durch den leichten Nebel über dem Wasser schimmerte. Er öffnete Skype, scrollte durch seine Kontakte und klickte das Videosymbol an. Sein Gesicht erschien in einem kleinen Fenster auf dem Monitor. Was er sah, gefiel ihm nicht; er fuhr sich durch die Haare und rieb die Lippen, um sich ein wenig präsentabler zu machen. Im selben Moment trillerte und summte die internationale Telefonverbindung. Ein weiteres Bild erschien.

»Liebster«, sagte Fung. »Es ist wunderbar, dich zu sehen.«

Ein hübsches, aber schmollendes Gesicht schien den breiten Monitor fast zu sprengen. Torré war ein junger Mann gemischter Abstammung – koreanisch, haitisch und irisch. Noch vor ein paar Jahren hätte er mit seinem exotischen Aussehen als Model großen Erfolg haben können, aber diese Karriere war durch seine starke Drogenabhängigkeit schon nach kurzer Zeit ruiniert worden. Jetzt erholte er sich vom Entzug und richtete seinen Ehrgeiz auf ein ganz anderes Ziel, denn inzwischen war er überzeugt, dass er wieder in der Drogenhölle landen würde, wenn er seine Modelkarriere weiter verfolgte.

»Hallo, Larry. Wie geht’s dir? Du siehst müde aus.«

Fung unterdrückte seinen Ärger über die VoIP -Technologie. Torrés Lippen bewegten sich nicht synchron mit seiner Stimme, wie in einem schlechten Kung-Fu-Film, die außerdem knisternd und knackend aus den Lautsprechern kam. Schlechte Verbindung.

»Du fehlst mir.«

Torrés düstere Miene hellte sich ein wenig auf. »Du mir auch.«

Fungs Herzschlag setzte kurz aus. Das Gesicht auf dem Monitor war immer noch hübsch – sogar richtig schön. Er hatte schon fast vergessen, wie sehr ihm Torré fehlte. Die Sonne fiel in Streifen durch die Palmenwedel hinter der offen stehenden Glastür hinter Torré, und das Rauschen der Meereswellen klang krächzend und unecht aus den Lautsprechern.

»Thailand sieht großartig aus.«

Torré seufzte. »Ja, wahrscheinlich ist es auch so.«

»Ist es so schlimm?«, fragte Fung schmunzelnd, um die Stimmung ein wenig aufzuhellen.

»Und wie ist es bei dir in der Stadt?«

»So wie immer. Hektisch, überfüllt, kalt. Auf jedem Gehweg Scheiße und eine Menge Spritzen, mehr als früher.« Schnell fügte Fung hinzu: »Kann es kaum erwarten, dich zu besuchen.«

»Yeah , das wäre super.« Torré rutschte auf dem Stuhl hin und her und rückte den Kragen seiner leinenen Klinikjacke zurecht.

»Super« war es anscheinend keineswegs.

»Stimmt etwas nicht?«, erkundigte sich Fung besorgt.

»Ein paar Freunde fliegen morgen für eine Woche nach Tokio.«

Fung runzelte besorgt die Stirn. »Sie werden wieder zurück sein, bevor du überhaupt merkst, dass sie weg waren.«

»Ich weiß. Aber hier ist es manchmal so langweilig! Ich hasse es, dass ich mir den ganzen Spaß entgehen lassen muss.«

»Kann ja nicht so teuer sein.«

»Ich habe diesen Monat schon alles ausgegeben.«

»Oh. Wow.«

»Aber mach dir keine Sorgen. Ich weiß, wie es ist. Du hast schon so viel für mich getan.«

Das ist noch sehr milde ausgedrückt, dachte Fung.

Die Kosten für Torrés Geschlechtsumwandlung stiegen immer weiter. Schon die Hormontherapie war sündhaft teuer, und die Operation würde noch viel kostspieliger werden. In Thailand wurden mehr Operationen zur Geschlechtsumwandlung durchgeführt als in jedem anderen Land auf der Welt, gefolgt von – ausgerechnet – der Islamischen Republik Iran, wo Homosexualität als vom Koran verboten angesehen wurde. Dort bot das Regime schwulen Männern die »Gelegenheit«, ihr Geschlecht umwandeln zu lassen, andernfalls müssten sie mit harten Gefängnisstrafen rechnen.

Vor die Wahl zwischen Thailand und dem Iran gestellt, hatte sich Torré für das südostasiatische Paradies entschieden. Beide Länder boten billigere Alternativen zu allem, was in den Vereinigten Staaten angeboten wurde, wo sich allein die rein medizinischen Behandlungskosten auf sechsstellige Beträge summierten. Leider ersparte das Fung keinen einzigen Dollar, weil Torré auch in Thailand beharrlich an seinem Lebensstil festhielt, der Fung teurer zu stehen kam als die gesamten Klinikrechnungen.

»Du hast doch noch die Kreditkarte, nicht wahr? Die kannst du benutzen.«

»Bist du sicher?«

»Absolut. Warum soll man sich nicht auch mal ein wenig Spaß gönnen?«

»Es ist mir so peinlich, dich darum bitten zu müssen … Danke! Du bist einfach der Beste.« Torré lächelte schüchtern. Es sah einfach reizend aus. Offenbar begann die Hormontherapie allmählich zu wirken. Im Moment sah Torré vollkommen androgyn aus. Fung konnte sich kaum vorstellen, wie wunderschön der Schmetterling sein würde, der in den nächsten Monaten aus seinem zarten karamellfarbenen Kokon schlüpfen würde.

Fung hoffte, dass das Eis zwischen ihm und Torré nun aufgetaut sein würde, sodass sich ihr Gespräch endlich interessanteren Themen zuwenden könnte – wenn auch nur virtuell. Sein Herz pochte vor freudiger Erwartung. Doch bevor er den Mund wieder öffnen konnte, leuchtete das Display seines Smartphones auf: eine verschlüsselte Textnachricht war eingegangen.

Was? Jetzt?

»Hey, Babe«, sagte Fung hastig, während er noch geschockt auf das Handy starrte, »ich muss aufhören, es ist gerade etwas dazwischengekommen. Vielleicht können wir morgen noch mal miteinander sprechen?«

»Ich rufe dich aus Tokio …«

Aber Fung hatte das Gespräch bereits beendet, wandte sich vom Computer ab und öffnete die Textnachricht auf dem Smartphone.