F ung stand an seiner Workstation in seinem eigenen gläsernen Büro im dritten Stock. Das Büro war eine besondere Anerkennung für seine Arbeit und signalisierte auch den Sonderstatus, den er in dem Unternehmen genoss. Der überdimensionale Monitor stand mit der Rückseite zur Tür auf seinem Schreibtisch. Die übrigen Mitglieder seines Teams waren zum Mittagessen in das neue Restaurant gegangen, das ein paar Straßenblocks entfernt war und asiatische Fusionsküche anbot. Fung hatte mit der Begründung abgelehnt, dringende Termine einhalten zu müssen, außerdem habe er einen schwachen Magen. Beide Ausreden stimmten. Mehr als dreihundert ungelesene E-Mails hatten sich in seinem Postfach angesammelt, und sein Reizdarm brachte seine Eingeweide zum Brodeln. Warum zum Teufel hatte er sich darauf eingelassen? Der Extrabonus von fünfundzwanzigtausend Dollar war einen Dreck wert, wenn er dafür irgendwo in einem Hochsicherheitsknast verrotten musste.
Wieder ließ er den Blick durch das jetzt leere Großraumbüro schweifen. Die meisten Schreibtische waren verlassen; die paar Programmierer, die noch arbeiteten, waren kleine Blender, die sich als Profis ausgaben und sich mit einem Projekt für eine Lebensmittelkette im Nordosten abrackern mussten.
Diese Loser.
Fungs Finger schwebten über der Tastatur. Ein paar Anschläge, und er würde sich wieder unsichtbar und körperlos auf den Desktop des National Reconnaissance Office schleichen. Das NRO , einer der militärischen Nachrichtendienste, war direkt mit einem der wichtigsten Kommunikationssatelliten der CIA verlinkt. Sobald Fung den Zugriff eingerichtet hatte, würde er in der Lage sein, die Daten eines bestimmten Computers des NRO zu spiegeln, ohne dass der betreffende Operator es bemerkte oder die Sicherheitsalgorithmen alarmiert wurden, die die Aktivitäten dieser Workstation überwachten. Es war sozusagen eine heimliche Nachahmung des vom Apple-Tech-Support genutzten Screen-Sharing, der Übertragung des Bildschirminhalts, durch die dem Support bei einem Serviceabruf der Fernzugriff auf den Computer eines Nutzers ermöglicht wurde.
Tatsächlich blieben Fungs Aktivitäten auch den NRO -Zugriffsprotokollen automatisch verborgen, sodass die digitalen Fingerabdrücke, die er rein theoretisch hinterlassen haben könnte, nirgendwo aufgezeichnet wurden.
Obwohl er wusste, dass er nicht erwischt werden konnte, und obwohl die Transaktion mit einem sechsstelligen Gesamtbetrag auf seinem Konto belohnt werden würde, zögerte Fung. Seine Chefin war schließlich nicht auf den Kopf gefallen: Als Gegnerin wäre sie ihm ebenbürtig. Was wäre, wenn sie über Nacht irgendein neues Sicherheitspaket hochgeladen hatte? In diesem Fall würde er geradewegs in eine Falle tappen.
»Larry? Ich dachte, Sie sind beim Mittagessen?«
Fung fuhr fast aus der Haut. Amanda Watson, seine unmittelbare Vorgesetzte bei CloudServe, stand in der Tür.
»Oh! Amanda. Hi.« Er tippte schnell auf eine Taste, die einen falschen Desktop auf den Monitor lud.
Watson runzelte besorgt die Stirn. »Alles okay? Sie sehen aus, als hätten Sie gerade ein Gespenst gesehen.«
»Sorry. Fühle mich heute nicht besonders gut.« Fung spürte, dass ihm ein paar Schweißperlen auf die Stirn traten.
»Sie sehen tatsächlich krank aus. Vielleicht sollten Sie nach Hause gehen und sich ein wenig ausruhen. Ich kann es mir nicht leisten, meine Nummer zwei zu verlieren.«
»Nicht so schlimm, wirklich nicht. Ich brauche nur ein paar Aspirin.«
»Ich habe eine Packung im Schreibtisch. Soll ich sie holen?«
»Äh, ja, bitte. Wenn es Ihnen nichts ausmacht. Wäre super.«
Watson lächelte. »Mache ich gerne. Bin sofort zurück mit dem Aspirin und einem Fiji.«
»Danke.«
Fung schaute ihr nach, während sie zum Pausenraum ging, um eine Flasche Fiji-Wasser zu holen.
Verdammt, das war knapp.
Aber plötzlich verspürte er den Drang, laut loszulachen.
Die dumme Bitch hatte keinen blassen Schimmer, wie nahe sie an dem Mann dran war, der ihre angeblich »unhackbare« Cloud gehackt hatte. Sie kannte die Schwachstellen des Systems und hatte ihr Red Team, zu dem auch Fung gehörte, beauftragt, sie auszumerzen. Im Laufe des Jahres hatte Watson verschiedene Angriffsszenarien sowie einige Strategien vorgeschlagen, mit denen sich diese potenziellen Szenarien auskundschaften ließen. Was sie allerdings nicht wusste, war, dass es Fung bereits gelungen war, einen einzigen, winzigen Spalt im System aufzuspüren, durch den er vor ungefähr einem Monat hatte eindringen können. Das hatte ihm einen Dopaminschub von geradezu epischer Dimension beschert. Er hatte das System geschlagen! Was bedeutete, er hatte auch Watson geschlagen! Sein erster Drang war gewesen, sofort in ihr Büro zu stürmen, ihr seinen Durchbruch triumphierend unter die Nase zu reiben und ihr damit zu zeigen, wer denn nun wirklich die cleverste Person im Gebäude war.
Aber das hatte er nicht getan.
Warum hätte er es ihr auch sagen sollen? Es sollte sein eigenes, süßes Geheimnis bleiben. Ein hämischer Triumph über seine Chefin hätte ihm zwar Befriedigung verschafft, sie wäre jedoch nur von kurzer Dauer gewesen. Aber den goldenen Schlüssel vor ihr und allen anderen geheim zu halten? Das war mehr als nur befriedigend. Es gab ihm das Gefühl absoluter Überlegenheit.
Und als ihn dann CHIBI immer wieder kontaktiert und ihn gebeten hatte, für einen richtig großen Haufen Greenbacks etwas für ihn zu finden? Ohne dabei jemals erwischt werden zu können?
Das war sogar noch besser als Sex.
Aber in letzter Zeit hatte er das Gefühl, dass Watson misstrauisch geworden war. Sie ließ ihn kaum mehr aus den Augen. Wusste sie etwas? Nein, das war unmöglich. Dann wäre er längst im Gefängnis gelandet. Aber vermutete sie etwas? Vielleicht.
Wieder schaute Fung zu der Seth Thomas Mid-Century Sunburst Clock an der Wand hoch – natürlich ein Original. Die Zeit lief ihm davon; sein Auftrag war an einen ganz bestimmten Termin gebunden. Aber er wusste auch, dass Watson in ein paar Minuten zu ihrem Pilatestraining aufbrechen würde. Wenn es um ihren Pilateskurs ging, war sie pünktlicher als die Atomuhr. Fung beschloss, noch ein wenig zu warten und in der Zwischenzeit ein paar Schlucke kühles Fiji-Wasser zu genießen.
Watson kehrte wieder zurück, reichte ihm eine Flasche Wasser und eine kleine Packung Aspirin.
»Danke.«
»Gern geschehen.« Watson lehnte sich an den Türrahmen. »Sie tun so viel für so viele Menschen. Sind Sie sicher, dass Sie auch für sich selbst genug tun?«
»Ich muss nur ein wenig Schlaf nachholen, das ist alles.«
»Kann ich Ihnen irgendwie helfen?« Sie wies mit einem Kopfnicken auf seine Workstation.
»Wenn hier irgendjemand schon genug um die Ohren hat, dann sind Sie das. Aber danke für das Angebot.«
»Ich kann Ihnen jemand zur Unterstützung schicken.«
»Alle hier haben mehr als genug zu tun. In ein paar Stunden bin ich über den Berg. Danach gehe ich vielleicht nach Hause.«
Watson zuckte die Schultern. »Gut. Zögern Sie nicht, mich zu fragen, wenn Sie etwas brauchen. Wir gehören doch alle zum selben Team, nicht wahr?«
»Absolut.«
Watsons iWatch summte. »Oh. Pilates ruft.«
»Viel Spaß dabei.« Fung zwinkerte ihr zu. »Sie wissen ja, wo Sie mich finden können.«
Watson zwinkerte ihm ebenfalls zu und eilte zu ihrem Tisch zurück, um ihre Autoschlüssel zu holen. Kaum hatten sich die großen Lifttüren endlich hinter ihr geschlossen, als sich Fung wieder seinem Monitor zuwandte.
Höchste Zeit, sich an die Arbeit zu machen.