I ch habe ihn verloren«, meldete Tyler.
Sandra Kyle stellte ihr Handy stumm und fluchte.
Tyler war der letzte Neuzugang ihres Teams. Momentan waren sie unterbesetzt, und das Ryan-Projekt hatte absoluten Vorrang, denn Senatorin Dixon stand für sie an oberster Stelle. Kyle hatte angenommen, dass eine einfache Beschattung für einen ehemaligen Pinkerton-Detektiv wie Tyler kein Problem sei.
Offenbar hatte sie sich geirrt.
Der aknenarbige Mitarbeiter hatte seine Zielperson verloren. Sie hob die Stummschaltung des Handys wieder auf. »Hat er bemerkt, dass Sie ihm gefolgt sind?«
»Ich glaube nicht. Er ist eine Überwachungserkennungsroute abgefahren.«
»Nur so zum Spaß?« Kyle konnte sich nicht vorstellen, dass Clark eine bestimmte Strecke abgefahren war, nur um festzustellen, ob er beschattet wurde.
»Das ist das übliche Prozedere bei hochrangigen Zielpersonen in einem Umfeld mit hoher Gefährdung.«
»Ich würde Clark nicht als hochrangige Zielperson bezeichnen. Und Washington, D.C. ist nicht gerade die Grüne Zone in Bagdad.«
»Vielleicht ist ja nicht Clark die hochrangige Person.«
»Wer hat mit ihm im Wagen gesessen?«
»Ein unbekannter Mann. Ende zwanzig, vielleicht Anfang dreißig. Bart. Kurzes schwarzes Haar, ordentlich geschnitten. Blaue Augen. Weit über eins achtzig groß. Sportlich gebaut, an die hundert Kilo. Hatte eine Ledertasche und eine Computertasche dabei.«
Kyle trommelte mit den Fingern auf den Schreibtisch. Sie ließ im Kopf ein paar Dates Revue passieren. Alles bis auf den Bart passte.
Tatsächlich hatte sie Jack Ryan junior – damals noch College-Student – kennengelernt, als sie noch bei der Capitol Police war. Ein netter Junge. Attraktiv. Und ein Bücherwurm, wie sie sich erinnerte. In Georgetown, oder? Ja, genau. Genau wie sein alter Herr. Das bedeutete, er war clever.
Es war gar nicht so abwegig, dass jemand wie er für einen Finanzladen wie Hendley Associates arbeitete. Gerry Hendley und Präsident Ryan kannten einander schon ewig. Sie konnte sich gut vorstellen, wie der Präsident zum Telefon griff und Gerry bat, ihm einen Gefallen zu tun und seinen Jungen einzustellen. Auch für Hendley eine gute Connection.
Aber wieso spielte Clark für einen Schlipsträger wie Junior den Chauffeur? Clark musste inzwischen doch über siebzig sein. Zu alt für einen Bodyguard, und davon abgesehen war für derlei Dinge der Secret Service zuständig.
Aber wo zum Teufel war der Secret Service?
Irgendwas war hier faul.
»Haben Sie ein Foto von dem Mitfahrer?«
»Ich schicke es Ihnen.«
Sekunden später summte ihr Handy. Sie sah sich das Foto an.
Ja. Es war Junior, kein Zweifel. Interessant.
Der Präsidentensohn.
»Wo hat Clark ihn abgeholt?«
»In einer Wohnung in Alexandria. Von dort sind sie zu Hendley Associates rübergefahren und runter in die Tiefgarage. Ich konnte ihnen nicht folgen. Etwa zwanzig Minuten später sind sie wieder rausgekommen und nach Westen gefahren.«
»Nach Westen?«
»Ja, hat mich auch überrascht. Ich vermutete, dass sie zum Flughafen wollten. Aber dann fing das Theater mit der Ausweichroute an. Nach drei Kehrtwendungen habe ich abgebrochen, gemäß meinem Prozedere.«
Kyle seufzte. Es war einfach nicht möglich, mit nur einem Fahrzeug eine bestimmte Zielperson zu beschatten. Es war richtig gewesen, abzubrechen. Tyler war vielleicht doch kein kompletter Idiot.
»Haben Sie das Kennzeichen des Wagens?«
»Schon unterwegs.«
Wieder summte Kyles Handy. »Gute Arbeit. Sie können für heute Schluss machen.«
»Tut mir leid, dass ich’s vermasselt habe, Boss.«
»Das geht auf mein Konto. Ich übernehme jetzt.«
Kyle legte auf und wählte eine andere Nummer. Ein Captain vom D.C. Metro Police Department schuldete ihr einen Gefallen. Letztes Jahr hatte seine Frau Kyles Agentur kontaktiert, um ihren Mann beschatten zu lassen, weil sie glaubte, er habe eine Affäre. Sie wollte Beweise – genauer gesagt ihr Scheidungsanwalt wollte welche. Kyle nahm den Auftrag an, wurde aber nicht fündig.
»Sie sind sicher?«, fragte die Frau des Captains erstaunt und ungläubig.
»Ich habe ihn nie mit einer anderen Frau ertappt«, lautete Kyles ehrliche Auskunft. Ehrlich deshalb, weil sie selbst die Frau war, mit der der Captain schlief, und weil sie von keiner weiteren wusste. Sie hatte dem Captain den Verlust der halben Pension und Anwaltskosten in sechsstelliger Höhe erspart.
»Sandra? Was verschafft mir das Vergnügen?«, fragte der Captain.
»Du musst mir einen Gefallen tun.«
Der Captain kicherte mit heiserer Stimme. »Einen kurzen oder einen langen?«
»Ich dachte, ihr seid wieder zusammen, du und dein Frau?«
»Sind wir auch. Aber du weißt ja, wie das ist.«
»Nun, der Gefallen, um den ich dich bitte, ist vertikaler, nicht horizontaler Natur. Ich möchte, dass du mit dem DAS ein Fahrzeug für mich aufspürst, und zwar so, dass keiner was mitbekommt.«
»Ich wollte gerade Feierabend machen.«
»Es ist wichtig.«
»Dann schieß los.«
Kyle nannte ihm das Kennzeichen, dazu Marke, Modell und Farbe des Fahrzeugs. Außerdem sein vermutliches letztes Fahrziel.
»Wie lange wird es dauern?«
»Hängt davon ab, wo der Wagen am Ende landet. Wenn du mit deiner Vermutung richtig liegst, wahrscheinlich nicht länger als eine halbe Stunde.«
»Danke. Ich bin dir was schuldig.«
»Du weißt, wie du die Schuld begleichen kannst, nicht wahr?«
»In der Horizontalen.«
»Nächsten Dienstag. In meiner Wohnung in Georgetown. Acht Uhr.«
»Abgemacht.« Sie hatte nichts dagegen. Captain Merriweather war eine Kanone im Bett.
Dreiundzwanzig Minuten später rief Merriweather zurück.
»Ich habe dir gerade eine Datei geschickt. Dein Wagen ist vor zehn Minuten am Flughafen Dulles eingetroffen. Er wollte zum Terminal für Privatjets.«
»Danke.«
»Nächsten Dienstag. Nicht vergessen.«
»Ich werde mit Pauken und Trompeten einlaufen.«
Er lachte bei der Vorstellung. »Hoffentlich wecken wir die Nachbarn nicht.«
Sie legte in dem Moment auf, als seine Nachricht eintraf. Es waren lauter Fotos, aufgenommen vom D.C. DAS – dem von Microsoft entwickelten Domain-Awareness-Überwachungssystem, bei dessen Entwicklung die Fernsehserie Person of Interest Pate gestanden hatte. Das DAS war ein Überwachungssoftware-Paket, das Tausende von Kameras im Washingtoner U-Bahn-Bereich miteinander vernetzte und dadurch den Strafverfolgungsbehörden ermöglichte, die Bewegungen von Personen und Fahrzeugen in Echtzeit zu verfolgen. Es war sogar möglich, sie vierundzwanzig Stunden zurückzuverfolgen – alles wurde aufgezeichnet, allerdings ließ das Budget der Stadt nur eine eintägige Speicherung der Daten zu.
Die Verfolgung eines Fahrzeugs war besonders leicht, wenn sein Kennzeichen bekannt war. Das DAS lieferte sogar ein durch die Windschutzscheibe aufgenommenes Foto von Clark und Ryan, die auf den Vordersitzen ihres unauffälligen Wagens saßen. Das war genau die Art von Bestätigung, die Kyle brauchte.
Clark war tatsächlich aggressiv gefahren, um entweder einer Beschattung zu entgehen oder einen Verfolger abzuschütteln. Kyle hoffte, dass Ersteres zutraf. Tyler war sich ziemlich sicher gewesen, dass sie ihn nicht bemerkt hatten. Auf dem letzten Foto, das Merriweather geschickt hatte, war zu sehen, wie der Wagen durch das Flughafentor zum FBO -Terminal für Privatjets rollte.
Aber warum Dulles? Zum Reagan National Airport war es von Hendley Associates aus viel näher. Dann erinnerte sich Kyle: Der Reagan National eignete sich nur für Inlandsflüge mit Privatmaschinen. Für Auslandsflüge musste man nach Baltimore oder Dulles. Der Reagan National hatte keine Zoll- und Grenzschutzeinrichtungen, die bei internationalen Flügen in Privatflugzeugen erforderlich waren.
Ryan flog also ins Ausland. Aber wohin?
Das ging aus den Fotos nicht hervor. Aber Kyle hatte eine Idee. Sie sprang zu ihrem Laptop und fing an, ihre bevorzugten Datenbanken zu durchforsten. Innerhalb einer Stunde hatte sie die Lösung. Hendley Associates besaß eine Gulfstream G550. Nachdem sie das Luftfahrzeugkennzeichen ermittelt hatte, war es ein Leichtes, in der Datenbank der Luftfahrtbehörde den eingereichten Flugplan zu finden.
Bingo.
Ryan flog nach Warschau.
Sie rief Dixon an und informierte sie.
Komischerweise wirkte die Senatorin nicht überrascht.