L iliana bog in einer Tankstelle ab und rief ihren Vorgesetzten an, während sie den Audi volltankte.
Jack wusste, dass es in Alexandria noch zu früh am Morgen war, um Gerry anzurufen und ihm einen Lagebericht zu geben. An der Ostküste war es sechs Stunden früher, und noch konnte er nicht mit harten Fakten aufwarten. Ob ihn der Abstecher nach Krakau einen Schritt weiterbringen würde, wusste er nicht. Es war nur eine vage Spur, aber die einzige, die er hatte.
Liliana hängte die Zapfpistole wieder an die Tanksäule, drückte die Tankklappe zu und rutschte auf ihren Sitz.
»Fertig?«
»Ich freue mich auf die Fahrt.«
»Ich auch. Und ich glaube, Krakau wird Ihnen gefallen.«
Sie ließ den Wagen an und trat das Gaspedal durch, dass die Reifen qualmten und ein paar Köpfe herumfuhren.
Jack und Liliana fuhren schweigend dahin.
Liliana hatte das Gefühl, dass sie mit ihrem leidenschaftlichen Geschichtsvortrag zu weit gegangen war, und Jack hatte noch mit seinem Jetlag zu kämpfen; seine Augenlider waren bleischwer. Sie konzentrierte sich auf die Straße, und er hing mit der Nase über dem Handy und versuchte, mehr über Stapinsky und seine Geschäfte herauszubekommen.
Abgesehen von ein paar Werbeanzeigen für Firmen, von denen er annahm, dass sie Stapinsky gehörten, oder zumindest einem Mann dieses Namens, fand er nichts. Er konnte nicht einmal eine Verbindung zwischen Baltic General Services und Stapinsky Transportowe herstellen, geschweige denn zwischen Stapinsky und Christopher Gage beziehungsweise Senatorin Dixon, der eigentlichen Zielperson seiner Ermittlungen.
Am liebsten hätte er Gavin auf die Sache angesetzt. Er spürte alles auf, was einen digitalen Fußabdruck hinterließ. Aber Gerry hatte erklärt, dass Gavin für diesen Auftrag nicht zur Verfügung stehe, und so war das keine Option.
Langsam kam ihm das Ganze wie ein sinnloses Unterfangen vor, und dabei hatte er Besseres zu tun, als seine Zeit mit der Jagd nach einem Phantom zu verschwenden. Er hatte eine Verpflichtung gegenüber Cory zu erfüllen. Je früher, desto besser.
Als auch sein nächster Recherche-Versuch in einer Sackgasse endete, gähnte er und legte sich das Handy zwischen die Beine. Er blickte auf die Szenerie hinaus, die am Fenster vorüberzog. Die Betriebe, Einkaufszentren, Lagerhäuser und Plakatwände – manche mit chinesischer Werbung – am Straßenrand wurden mit zunehmender Entfernung von Warschau spärlicher und wichen Traktorenhändlern, Gewächshäusern und Baumschulen.
Liliana deutete auf das Radio. »Musik?«
»Gerne.«
Sie drückte die Bluetooth-Taste an ihrer Audiokonsole. Klaviermusik rieselte aus der Anlage von Bang & Olufsen.
»Chopin?«, fragte Jack.
Liliana lächelte erfreut. »Sie kennen ihn?«
»Nicht gut genug. Ich weiß, dass er der berühmteste polnische Komponist ist.«
»Ich hoffe, es stört Sie nicht. Das Stück ist das Klavierkonzert Nr. 1 in e-Moll. Die Pianistin ist Martha Argerich. Einfach brillant.«
Die Musik passte ideal zu der idyllischen Landschaft, die sich nun draußen zeigte. Blauer Himmel brach durch die graue Wolkendecke, und Sonnenstrahlen brachten die verschiedenen Grüntöne ringsum zum Leuchten.
»Woran denken Sie?«, fragte Liliana.
Jack setzte sich wieder aufrechter hin. Es half ihm nicht, wach zu bleiben, wenn er sich in den weichen Ledersitz fläzte.
»Was können Sie mir noch über die OstBank sagen?«
»Offiziell darf ich Ihnen Folgendes sagen: Die OstBank ist ein deutsches Finanzinstitut mit Sitz in Berlin und Niederlassungen in Deutschland, Italien, Spanien und Polen.«
»Und inoffiziell?«
»Es gibt nichts Inoffizielles. Aber ich nehme an, Sie können Zeitung lesen? Besonders den Wirtschaftsteil?«
»Nicht ohne die Lippen zu bewegen.«
»Haben Sie jemals vom ›russischen Waschsalon‹ gelesen? Vor ein paar Jahren?«
»Helfen Sie meinem Gedächtnis auf die Sprünge.«
»Wegen der russischen Invasion in der Ukraine haben unsere beide Regierungen zusammen mit mehreren anderen westlichen Ländern harte Wirtschaftssanktionen gegen Russland verhängt, aber nicht nur gegen das Land, sondern auch gegen die einzelnen Oligarchen, die Präsident Jermilow zur Macht verholfen haben. Aber kein Russe, der reich ist und es auch bleiben will, lässt sein Geld im eigenen Land. Er muss seine Rubel in Dollar umtauschen und ins Ausland schaffen, bevor die Währung völlig zusammenbricht.«
»Und das unrechtmäßig erworbene Geld zu Spielgeld wird.«
»Der russische Waschsalon war ein raffiniertes Geldwäschesystem, mit dem über zwanzig Milliarden Dollar aus Russland heraus an eigens dafür eingerichtete Briefkastenfirmen geschleust wurden. Zwischen diesen Briefkastenfirmen wurden Scheinkredite ausgestellt, für die russische ›Investoren‹ bürgten. Dann meldeten diese Scheinfirmen Insolvenz an, und westliche Insolvenzgerichte zwangen die ›Investoren‹, die Scheinkredite zurückzuzahlen.«
»Soll das heißen, sie haben einen Weg gefunden, wie sie von unseren Gerichten gezwungen werden konnten, das Geld ins Ausland zu transferieren? Das ist verdammt clever.«
»Laut den Berichten, die ich gelesen habe, wurde in 732 westlichen Banken gewaschenes Geld gefunden. Von kleinen, regionalen Geldinstituten bis zu den größten Branchenriesen ist da alles vertreten. Viele wurden von ihren jeweiligen Regierungen der Mittäterschaft beschuldigt.«
»Und war eine von diesen Banken zufällig die OstBank?«
»Lustig, dass Sie mich das fragen.«
»Ich fasse das als ein Ja auf.«
»Das wäre ein Fehler.«
Jack runzelte verwirrt die Stirn. Was wollte sie ihm damit sagen?
Ach so. Okay.
»Aber das bedeutet nicht, dass die OstBank nicht in irgendein anderes Geldwäschesystem verwickelt gewesen sein könnte. Richtig?«
»Ich überlasse es Ihnen als Finanzanalyst, Ihre eigenen Schlüsse zu ziehen.«
»Und Sie glauben, der deutsche Agent wurde umgebracht, weil er den Machenschaften in der OstBank auf die Spur gekommen ist?«
»Das vermuten wir, aber die deutsche Regierung will es weder bestätigen noch ausschließen. Die OstBank hat einflussreiche Freunde im Bundestag.«
»Banken haben in jedem Parlament einflussreiche Freunde, und sie werden in den wirklich wichtigen Fragen selten zur Rechenschaft gezogen. Selbst Thomas Jefferson hat gesagt, dass Privatbanken gefährlicher sind als stehende Heere.«
»Merkwürdig, so etwas vom Finanzanalysten einer Private-Equity-Firma zu hören.«
»Ich arbeite mit Geld, ich bete es nicht an. Es ist ein Mittel zum Zweck oder sollte es sein. Für zu viele Leute wird Geld zum Lebensinhalt.«
»Sie reden wie ein Kommunist.«
»Ich rede wie mein alter Gemeindepriester. Soweit ich weiß, heißt es in der Bibel: Die Liebe zum Geld ist die Wurzel allen Übels oder so ähnlich.«
»Das klingt, als hätten Sie Ihren Beruf verfehlt.«
»Ich bin es nur leid, dass Politiker und Unternehmen immer nur das tun, was für sie selbst das Beste ist, und nicht das, was für das Land das Richtige wäre.«
»Das Thema liegt Ihnen offenbar sehr am Herzen. Haben Sie schon mal daran gedacht, in die Politik zu gehen?«
»Ich gehe lieber in die entgegengesetzte Richtung.«
Sie lachte.
Jack war hingerissen. Liliana war schön und intelligent und hatte Sinne für Humor. Aber letztes Jahr hatte er sich in Bosnien-Herzegowina in eine andere Schönheit verliebt und dafür beinahe mit dem Leben bezahlt.
Und dann war da noch Ysabel.
»Mr. Ryan, jetzt erklären Sie mir mal, wie Sie sich Mr. Stapinskys Firmen ansehen wollen, wenn er gar nicht da ist?«
»Nun, wir können einfach in Krakau aufkreuzen, ein wenig herumfragen und versuchen, so viel wie möglich in Erfahrung zu bringen. Vielleicht haben wir auf Anhieb Glück. Oder wir brauchen mehrere Stunden oder sogar Tage. Wochen, verdammt.«
Jack suchte in Lilianas Gesicht nach einer Reaktion, doch da war keine.
»Oder …«, begann er.
»Oder?«
»Falls Sie mich vom Hals haben wollen, damit Sie sich wieder Ihren Fällen widmen können, könnten Sie vielleicht einen Blick in Ihre öffentlichen Steuerdaten werfen und uns ein paar Adressen besorgen.«
»Wer sagt denn, dass ich Sie vom Hals haben will?«
Ihre blonden Haare tanzten im Wind, der durchs offene Fenster wehte, und ihre Augen sahen ihn an. Jack spürte ein vertrautes Kribbeln im Rücken.
Flirtet sie? Vielleicht.
Vielleicht ist es auch ein Test.
»Sie lenken ab. Was sagen Sie dazu?«
»Das ist keine offizielle ABW -Angelegenheit.«
»Das wissen Sie nicht. Wir haben bereits eine Verbindung zur OstBank, die auf polnischem Boden Geschäfte macht und einer Sache verdächtigt wird, die der Grund für die Ermordung eines deutschen BKA -Agenten gewesen sein könnte. Ich bitte Sie ja nur um öffentlich zugängliche Informationen, für die man keinen richterlichen Beschluss braucht. Ich kann auf die polnischen Steuerdaten nicht zugreifen, und mein Polnisch ist ungefähr so gut wie mein Marsianisch.«
Wieder lächelte sie. »Okay. Ich ruf meinen Chef an und hole mir grünes Licht.«
»Es dürfte schneller gehen, wenn Sie das lassen.«
Sie blickte zu ihm herüber. »Einem alten Hasen kann man nichts vormachen, Mr. Ryan.«
Er grinste jungenhaft. »Das würde ich nie wagen.«
»Charmant, witzig, manipulativ. Sind Sie sicher, dass Sie nicht in die Politik wollen?«
»Ich? Gott bewahre.«
Liliana schüttelte ungläubig den Kopf. Nicht zu fassen, dass sie auf sein Süßholzgeraspel reinfiel. Sie gab dem sprachgesteuerten MMI -System des Audis einen Befehl, und eine Nummer wurde angezeigt.
Jack tat so, als höre er nicht hin, doch er hörte hin, denn die beiden Polinnen telefonierten über die fantastische Soundanlage des Wagens miteinander. Er verstand kein Wort.
Aber so weit, so gut.