Z ehn Minuten später zirpte Lilianas Handy. Eine Freundin vom polnischen Finanzamt hatte ihr eine Textnachricht und eine Datei geschickt. Sie öffnete die Datei und las.
»Jetzt haben wir eine Liste von Adressen, die wir aufsuchen können«, sagte sie.
»Perfekt. Wie viele?«
»Vier, sein Haus nicht mitgezählt.«
»Hoffentlich können wir sie schnell abklappern.«
»Haben Sie es so eilig, wieder nach Hause zu kommen?«
»Ich habe viel um die Ohren.« Er war nicht in der Stimmung, ihr von Cory zu erzählen.
»Eine Frau?«
Jack schüttelte lächelnd den Kopf. »Aber nicht doch.«
»Oh. Mehr als eine?«
»Machen Sie Witze? Ich habe nicht mal Zeit für einen Goldfisch.«
»Nie verheiratet gewesen? Keine Kinder?«
»Irgendwann beides, hoffe ich.«
»Familie ist wichtig.«
»Das Wichtigste«, sagte Jack. »Sie ist der Dreh- und Angelpunkt.«
»War Ihr Vater ein guter Vater?«
»Ja. Der beste. Und Ihrer?«
»Der wunderbarste Mann, den ich je gekannt habe.«
»Dann sind Sie eine glückliche Frau.«
Jack fühlte, dass sich etwas in ihm regte. Er bewunderte ihre Loyalität. Sie war eine sehr beeindruckende Frau.
Zeit, das Thema zu wechseln.
»Darf ich Sie was fragen?«
»Klar.«
»Mr. Wilczek war alles andere als ein gutmütiger Knuddelbär, besonders am Anfang. Doch als Sie Ihren Großonkel erwähnten, wurde er recht umgänglich. Was hatte das zu bedeuten?«
»Sind Sie mit der Geschichte des Zweiten Weltkriegs vertraut?«
»Hauptsächlich mit der amerikanischen Version. Mein Großvater hat als Fallschirmjäger in der 101. Luftlandedivision gegen die Deutschen gekämpft.«
»Der Name meines Großonkels war Witold Pilecki. Seine Geschichte ist eigentlich die Geschichte Polens. Wenn Sie verstehen, was für ein Mensch er war, dann verstehen Sie auch das Herz des polnischen Volkes.« Sie hielt inne. »Ich möchte Sie nicht langweilen.«
»Nein, bitte. Erzählen Sie mir von ihm.«
»Seine aktive Militärlaufbahn begann nach dem Ersten Weltkrieg, als er gegen die nach Westen vorstoßenden Truppen der Roten Armee kämpfte.«
»Warten Sie. Helfen Sie mir noch mal auf die Sprünge. Ich bin mit dieser Zeit nicht so vertraut.«
»Nachdem die Bolschewiken die konterrevolutionären weißen Armeen im russischen Bürgerkrieg geschlagen hatten, sahen Lenin und seine Mitstreiter ihre Chance, in Europa einzufallen. Die alliierten Armeen waren erschöpft und die Achsenmächte geschlagen. Lenin befahl Trotzki und Stalin, mit achthunderttausend Mann und dreißigtausend Pferden westliche Gebiete zu erobern. Sie hätten jede Regierung hinwegfegen und ein kommunistisches Reich vom Pazifik bis zum Atlantik errichten können. Nur gab es da ein Problem. Die polnische Armee unter Marschall Piłsudski warf sie 1920 vor den Toren Warschaus zurück. Wir nennen es das Wunder an der Weichsel.«
Jack konnte sich nicht erinnern, im Geschichtsstudium etwas darüber gelesen zu haben.
»Und das war auch nicht das erste Mal, dass Polen die westliche Zivilisation gerettet hat«, sagte Liliana.
»Klären Sie mich auf.«
»1683 zogen Truppen des Osmanischen Reichs ungeschlagen durch Europa bis nach Wien, das sie mit zweihunderttausend Mann belagerten. Doch der polnische König Sobieski stellte ein deutsch-polnisches Entsatzheer zusammen, und trotz großer zahlenmäßiger Unterlegenheit griff er die Türken mit seinen Flügelhusaren an, schlug sie in Flucht und rettete Wien.«
»Warten Sie. Jetzt fällt es mir wieder ein. Die Flügelhusaren waren ganz harte Jungs. Schwere, auf Hochglanz polierte Rüstungen, fünfeinhalb Meter lange Lanzen, auf den Rücken geschnallte Holzbügel, an denen Adlerfedern befestigt waren, die laut raschelten, wenn sie in die Schlacht ritten.«
»Wären König Sobieski und die polnischen Husaren nicht gewesen, wäre möglicherweise ganz Europa von den Muslimen besetzt worden. Danach wurde das Osmanische Reich nie wieder zu einer Bedrohung für das christliche Abendland.«
»Als Abendländer und Christ sollte ich Ihnen wohl dankbar sein.«
»Zweifach. Vielleicht sogar dreifach.«
»Dreifach?«
»Polnische Mathematiker leisteten kurz vor dem Zweiten Weltkrieg wichtige Vorarbeiten, ohne die Turing nicht in der Lage gewesen wäre, den Code der deutschen Enigma zu knacken und seine Dechiffriermaschine zu bauen.«
»Ich hatte ja keine Ahnung. Aber erzählen Sie weiter von Ihrem Großonkel.«
»Er hat im Polnisch-Sowjetischen Krieg an der Front wie auch hinter den feindlichen Linien gekämpft und ist zweimal mit dem Tapferkeitskreuz ausgezeichnet worden.«
»Klingt nach einem Helden.«
»Das war erst der Anfang. Zwischen den beiden Weltkriegen gründete er eine Kavallerieschule, und später befehligte er eine Kavallerie-Schwadron. Er kämpfte gegen die Deutschen, als sie am 1. September 1939 einmarschierten, und dann gegen die Sowjets, als sie am 17. September einmarschierten. Seine Einheit wurde von den Kommunisten besiegt, also floh er nach Warschau und half beim Aufbau der polnischen Heimatarmee in dem von Deutschland besetzten Polen.«
»Hat er den Krieg überlebt?«
»Als einer der Kommandeure im Untergrund hörte er von Gerüchten, wonach in einem Lager namens Auschwitz nahe Krakau schreckliche Dinge geschahen. Das kennen Sie natürlich.«
»Grauenvoll. Unmenschlich.«
»Zu der Zeit dachten die meisten Leute, es sei nur ein weiteres Kriegsgefangenenlager. Meinem Onkel war klar: Wenn er die Wahrheit herausfinden wollte, musste er verhaftet und dort interniert werden.«
»Moment mal, soll das heißen, er ist in ein Konzentrationslager der Nazis eingebrochen ?«
»Er hat sich von den Deutschen unter einem anderen Namen gefangen nehmen lassen.«
»War er Jude?«
»Nein, er war Christ. Aber er war doch ein Mensch, nicht wahr?«
»Ist er im Lager umgekommen?«
»Nein. Sowie er drin war, organisierte er den Widerstand und schrieb Berichte, die den Weg nach London fanden. Er schilderte darin die Grausamkeiten und versuchte, die Alliierten davon zu überzeugen, gemeinsam mit dem polnischen Untergrund das Lager zu befreien. Aber Churchill und die anderen glaubten ihm nicht und lehnten ab.«
»Das ist schlimm. Wie hat Pilecki reagiert?«
»Er ist geflohen und hat sich in der polnischen Heimatarmee dafür eingesetzt, das Lager zu befreien, aber sie waren zu schwach, und auch die Russen verweigerten jede Hilfe, obwohl sie schon nahe genug waren, um militärische Unterstützung zu leisten.«
»Wie lange war er in Auschwitz?«
»Fast drei Jahre. Die meisten haben keine sechs Monate überlebt.«
»Und nach seiner Flucht?«
»Hat er beim Warschauer Aufstand mitgekämpft. Sie erinnern sich: Stalin lehnte es ab, die Weichsel zu überqueren und den Aufständischen zu Hilfe zu kommen. 16 000 polnische Kämpfer wurden von den Deutschen massakriert, sodass die Russen nach Kriegsende in Polen die Kontrolle übernehmen konnten.«
»Klingt so, als wären auch die Russen nie Freunde des polnischen Volkes gewesen.«
»Mein Großonkel hätte Ihnen darin zugestimmt. Nach dem Aufstand geriet er in deutsche Kriegsgefangenschaft, wurde dann aber von den Amerikanern aus dem Lager befreit. Nach dem Krieg kehrte er in die Heimat zurück, die jetzt von den Russen besetzt war. Er schloss sich der Widerstandsbewegung gegen den Sowjetkommunismus an und begann Nachforschungen zu dem Massaker im Wald von Katyn anzustellen.«
»Das war noch während des ›Sitzkriegs‹, nicht wahr?«
»Ja. Im Jahr 1940 ermordeten die Russen im Wald von Katyn 20 000 polnische Soldaten und Intellektuelle und begruben sie in Massengräbern. Stalin leugnete und schob den Nazis die Schuld zu.
Schließlich nahmen die Russen meinen Onkel fest. Er wurde gefoltert und 1948 nach einem Schauprozess schließlich ermordet und in einem anonymen Grab verscharrt. Es dauerte bis zum Sturz des Kommunismus in Polen, ehe die Welt von Witold Pileckis Geschichte erfuhr, obwohl sie Menschen, die ihn persönlich gekannt hatten, natürlich vertraut war.«
»Und Mr. Wilczek?«
»Er hat mir erzählt, dass sein Großvater an der Seite meines Großonkels gegen die Deutschen gekämpft hat und dass mein Großonkel ihm sogar das Leben gerettet hat.«
Jack schüttelte den Kopf. »Jetzt verstehe ich, wenn Sie sagen, dass Geschichte für Sie nicht nur ein Schulfach ist, sondern Teil Ihres Alltags.«
»Was vielleicht auch der Grund ist, warum ich so viel darüber rede. Verzeihen Sie.«
»Sie müssen sich nicht entschuldigen. Es ist faszinierend und gleichzeitig schmerzvoll. Sie müssen sehr stolz auf Ihre Familie sein.«
»Name und Ehre einer Familie sind alles, finden Sie nicht auch?«
»Ohne Frage.«
Sie fuhren jetzt auf einer zweispurigen Straße nach Süden. Es herrschte viel Verkehr. Hauptsächlich Pkws, aber auch ziemlich viele Laster, die in beiden Richtungen unterwegs waren.
»Sie haben gesagt, Sie wüssten es zu schätzen, dass mein Land jenseits von NATO -Verpflichtungen in Polen eine Militärbasis errichten will. Warum? Weil Sie nicht darauf vertrauen, dass Ihnen Deutschland und Frankreich bei einer weiteren russischen Invasion zu Hilfe kommen würden? So ähnlich wie im Sitzkrieg?«
»Würden Sie darauf vertrauen? Wann haben sie ihre NATO -Verpflichtungen eingehalten? Die Franzosen und Deutschen könnten uns nicht vor einer russischen Invasion schützen, selbst wenn sie wollten.«
»Aber dass wir Ihnen zu Hilfe kommen, darauf vertrauen Sie?«
»Ich vertraue Präsident Ryan, ja.« Sie lächelte. »Ihrem Kongress weniger.«
»Bedauerlich, dass Sie das so sehen.«
»Ist es denn so verkehrt?«
Jack schüttelte den Kopf. »Nein, Sie haben ja recht.«
Liliana klopfte ihm auf die Schulter. »He, glauben Sie bloß nicht, wir Polen hätten etwas gegen Amerika. Wir lieben es. Wie Sie wissen, war unser Land 123 Jahre lang von allen europäischen Landkarten getilgt. Wir wurden von den Großmächten Österreich-Ungarn, Russland und Preußen aufgeteilt und geschluckt. Aber es war Präsident Wilson, der nach dem Ersten Weltkrieg einen unabhängigen polnischen Staat forderte. Deswegen können wir dieses Jahr unseren hundertsten Geburtstag feiern. Wir lieben Amerika, und wir wissen, dass wir uns auf euch verlassen können, wenn es drauf ankommt.«
»Solange Präsident Ryan etwas zu sagen hat, könnt ihr euch auf uns verlassen, ja.«