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Französisch Guayana
Centre Spatial Guyanais (CSG)

D ie Schwerlastrakete der G-Serie (»Goddard«) von SpaceServe stand auf der erst kürzlich gebauten SS -1-Startplattform. Mit dem geplanten nächtlichen Start sollte die Rakete nicht nur einen, sondern gleich drei der neuesten malaysischen MEASAT -Kommunikationssatelliten in eine geostationäre Erdumlaufbahn auf die Position 91,5 ° Ost bringen. Der Countdown sollte in knapp 30 Sekunden beginnen.

Der Start der Rakete an diesem Abend fand erstmals vom Raumfahrtzentrum Guyana aus statt. Der erste Start dieses Raketentyps war vor acht Monaten vom Weltraumbahnhof Cape Canaveral erfolgt; die Rakete hatte den aserbaidschanischen Intelsat 39 erfolgreich auf die Position 45 ° Ost transportiert.

Zwei Monate danach war die zweite Rakete der G-Serie von der Vandenberg Space Force Base, einem Luftwaffenstützpunkt in Kalifornien, gestartet. Sie hatte einen der neuen AEHF -Kommunikationssatelliten (die Abkürzung bedeutete Advanced Extremely High Frequency) für die Air Force in eine Erdumlaufbahn gebracht. Der Satellit hatte auch geheime Kommunikationssysteme der CIA an Bord, für deren Operation das National Reconnaissance Office zuständig war und die in die IC -Cloud integriert worden waren.

Für SpaceServe war der Start an diesem Abend von größter Bedeutung. Die malaysische Regierung hatte sich vertraglich verpflichtet, bei einem erfolgreichen Verlauf vier weitere Starts von SpaceServe durchführen zu lassen. Singapur und Thailand zeigten sich ebenfalls stark an dieser außerordentlich erfolgreichen zweiten Generation der SpaceServe-Raketen interessiert. Auch die kleineren SpaceServe-Raketen der N-Serie (»Newton«) waren erfolgreich gewesen, doch tummelten sich auf dem Markt für geringere und mittlere Raketennutzlasten inzwischen zu viele private und staatliche Auftragnehmer, von denen nicht wenige durch Steuergelder subventioniert wurden. Die Zukunft von SpaceServe hing daher vollständig von den Schwerlastraketen der G-Serie ab.

Tatsächlich war die G-Serie die derzeit stärkste Rakete, die weltweit im Einsatz war. Ihre Starteinheit umfasste die zylindrische Hauptstufe (Core) mit zwei seitlich angebrachten Boostern und insgesamt 30 Triebwerken, die beim Start eine Schubkraft von weit über 22 000 Kilonewton erzeugten – was mehr als 16 Airbus-A380-Flugzeugen entsprach.

Ihr wichtigster Konkurrent war die zukünftige europäische Ariane-6-A64-Schwerlastrakete, die aber von gravierenden Entwicklungsproblemen geplagt war, weshalb ihr Erstflug noch eine ganze Weile auf sich warten lassen würde.

Doch die beste Nachricht überhaupt war der Anruf, den Elias Dahm gestern vom Administrator der NASA erhalten hatte. Der oberste Boss der Raumfahrtbehörde hatte ihm mitgeteilt, dass Präsident Ryans Regierung dringend nach Alternativen für die ultrazuverlässige Atlas-V-Rakete suche, weil diese auf das Haupttriebwerk RD -180 angewiesen sei, das in Russland gebaut werde. Eine in Amerika konstruierte Rakete wie die der G-Serie war daher die naheliegende erste Wahl für einen Ersatz. Dahm lehnte zwar die Politik der Ryan-Regierung grundsätzlich ab, hatte aber absolut nichts dagegen, von ihr gut bezahlte Aufträge zu übernehmen.

Der heutige Start würde daher von vielen Regierungen aufmerksam beobachtet werden. Für SpaceServe standen dabei milliardenschwere zukünftige Aufträge auf dem Spiel, darunter auch mehrere Aufträge der US -Regierung. Ein erfolgreicher Start heute Abend war daher so gut wie eine Zukunftsgarantie.

SpaceServe war eine Tochterfirma von CloudServe – und Elias Dahms Lebenstraum: Eine Plattform, die es ihm ermöglichen würde, eine Raketenflotte aufzubauen, die mit den Flotten der Raumfahrtnationen und ihrer privaten Auftragnehmer konkurrieren könnte. Sein ultimatives Ziel war, die erste bemannte Kapsel auf den Mars zu schicken und damit die Kolonisierung des Roten Planeten einzuleiten. Kaum jemand wusste, dass Dahm CloudServe nur als Mittel zu dem einen Zweck gegründet hatte, seine Vision mit SpaceServe Wirklichkeit werden zu lassen.

Die G-Serie war für schwere Nutzlasten bestimmt und letztendlich auch für bemannte Raumflüge geeignet. Dahm hatte faktisch die Zukunft von CloudServe abhängig gemacht vom Erfolg von SpaceServe und insbesondere der G-Serie, wobei er die Vermögenswerte von CloudServe als Sicherheiten für die gewaltigen Kredite eingesetzt hatte, die er für die Finanzierung der kapitalintensiven Operationen seiner Raumfahrtprojekte benötigte. Allein für die Entwicklung der SS -1-Integration und der Startanlagen in Guayana sowie für das Design einer speziellen »SpaceCloud« für sämtliche CSG -Operationen hatte SpaceServe über eine Milliarde Dollar investieren müssen.

Die CSG -Anlagen in Französisch-Guayana waren für den heutigen Start wie geschaffen. Ursprünglich waren sie schon 1964 für die französische Raumfahrtagentur (CNES ) gebaut und seither kontinuierlich von französischen, europäischen und sogar russischen Raumfahrtagenturen auf den jeweils neuesten Stand gebracht worden. Sie waren daher für eine große Bandbreite kommerzieller, wissenschaftlicher und militärischer Satellitenstarts geeignet. Weil CSG auf 5,3 ° nördlicher Breite und somit näher am Äquator lag als jede amerikanische Raketenbasis, waren hier weniger Schubkraft und Treibstoff nötig, um einen Satelliten auf seine geostationäre äquatoriale Position zu bringen, als von einer Abschussrampe in Kalifornien oder Florida. Die Sicherheit der Basis wurde von einem Infanterieregiment der französischen Fremdenlegion gewährleistet.

Elias Dahm stand im SpaceServe Remote Mission Control Center in Fremont, Kalifornien, das gemeinsam mit dem CSG Missionskontrollzentrum den Start überwachte. Unverwandt starrte er auf den 85-Zoll-Monitor. Der Live Feed zeigte die SS -1-Startrampe in Guayana und die darauf turmhoch aufragende, 70 Meter hohe Rakete. 45 kleinere Displays waren an den 15 Workstations ringsum installiert; sie zeigten jeden technischen Aspekt des Startvorgangs, von der Hardware bis hin zur Software. Der Live Audio Feed vom Missionskontrollzentrum in Französisch-Guayana übertrug das Stimmengewirr des Missionsmanagementteams, das schließlich von den Stimmen des Sicherheitsoffiziers und des Raketenstart-Direktors übertönt wurde, die beide die Startfreigabe erteilten.

Die Flugcomputer hatten bereits die Kontrolle des Startvorgangs übernommen. Der Countdown lief in digitalen Ziffern auf dem Screen, war aber auch akustisch zu hören: eine weibliche Stimme sprach Englisch mit schwerem Akzent. Der Audio-Countdown war allerdings reine PR -Show für den Live Internet Feed und eine kleine Verneigung vor der Melodramatik in Fritz Langs Stummfilmklassiker Frau im Mond aus dem Jahr 1929.

»Three, two, one … go!«

Dreißig Triebwerke röhrten auf und erhellten den Nachthimmel. Das gigantische Konstrukt erhob sich majestätisch, als sich die sogenannten Hold-down arms und die Versorgungsleitungen von der Rakete lösten.

In beiden Startkontrollzentren brandete Jubel und Applaus auf. Dahm klatschte sich mit den Technikern ab, die um ihn herum saßen. Auf seinem ebenmäßigen Gesicht lag ein breites, triumphierendes Grinsen.

Eine Grafik wurde über das Videobild eingeblendet; es zeigte die telemetrischen Daten wie Geschwindigkeit und Entfernung. Siebzig Sekunden nach dem Start hatte die Rakete bereits eine Höhe von 10,5 Kilometern und eine Geschwindigkeit von 1234,8 Stundenkilometern erreicht – fast Schallgeschwindigkeit.

Noch während der Applaus in seinen Ohren widerhallte, sah Dahm, wie ein gewaltiger Feuerball aus einer der Boosterdüsen herausschoss. Innerhalb einer einzigen Sekunde wurde die gesamte zweite Stufe der Rakete von einer gleißend grellen Explosion eingehüllt.

Im Raum wurde es schlagartig totenstill, als hätte jemand den Ton abgeschaltet.

Mit ruhiger Stimme verkündete der Sicherheitsoffizier, dass er die Selbstzerstörungssequenz einleiten werde.

Einen Augenblick später leuchtete der Nachthimmel auf, so grell wie eine Supernova, verursacht durch brennenden Flüssigsauerstoff und den Raketentreibstoff RP -1. Die meisten brennenden Raketentrümmer regneten harmlos auf den Atlantik herab, aber ein paar Bruchstücke stürzten auf die berüchtigte Teufelsinsel, die man wie vor jedem Raketenstart aus Vorsicht vor genau einem solchen Ereignis evakuiert hatte.

Aufgeregtes Stimmengewirr erfüllte nun plötzlich den Raum und drang aus den Lautsprechern. Dahm stand reglos, starr, allein mitten im Raum; niemand wagte, ihn direkt anzublicken. Sie alle begriffen die Größenordnung dieser Katastrophe, aber niemand verstand sie besser als er.

Mit blutleerem, aschfarbenem Gesicht starrte er auf das Bild auf dem Widescreen.

Noch immer sanken flammende Trümmerteile wie Sternschnuppen durch den Nachthimmel herab und erloschen, als sie auf der kalten, dunklen Oberfläche des Atlantiks aufschlugen.