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Ostsee

L il!«

Jack bekam das heranfliegende Stemmeisen zu fassen und rannte auf unsicheren, wackeligen Beinen über das Deck, wo das Fass gestanden hatte …

Und sprang.

»Viel Glück, Jack. Meine ich ehrlich!«, brüllte ihm Cluzet hinterher, aber Jack hörte nichts mehr, als er der schwarzen Wasserfläche entgegenstürzte.

Sein langer Fall durch die nachtkalte Luft fühlte sich wie ein HALO -Sprung an, mit den Füßen voraus. Er legte die Arme eng an den Körper, schloss die Knie und richtete die Zehen nach unten – und betete, dass ihm beim Aufschlag nicht das Stemmeisen aus der Hand gerissen würde.

Seine Füße schlugen so hart auf die Wasseroberfläche auf, dass es sich anfühlte, als sei er durch eine Glasscheibe gebrochen. Die geballte Wucht von Geschwindigkeit und Gewicht bewirkte, dass er wie ein Pfeil ins Wasser schoss und Salzwasser in seine Nase getrieben wurde. Das eiskalte Wasser traf hart wie ein Schlag auf seinen bereits lädierten Schädel. Sein Griff um das Eisen lockerte sich, aber schiere Willenskraft verhinderte, dass es ihm entglitt.

Sobald er spürte, dass das Wasser seinen Sturz genügend abgebremst hatte, kraulte er, außer sich vor Wut und Angst, wieder nach oben. Er brauchte mehrere kräftige Armbewegungen, um wieder an die Oberfläche zu kommen, wo er Schleim und Salzwasser aus der Nase schnaubte, bevor er nach Luft schnappte.

Er drehte den Kopf gerade noch rechtzeitig, um zu sehen, dass die Lichter der Baltic Princess ausgeschaltet wurden. Das Schiff war jetzt nur noch ein gigantischer stählerner Schatten, der in der Dunkelheit davonglitt. Nur die schwach schimmernde Heckwelle der beiden Schiffsschrauben markierten ihre Fahrt.

Schnell drehte sich Jack wieder um und entdeckte das Fass in ungefähr 30 Metern Entfernung; es lag noch aufrecht im Wasser, war aber bereits zur Hälfte eingesunken. Verzweifelt, wie ein Besessener, kraulte er durch das Wasser, aber das Stemmeisen verlangsamte die Schwimmbewegungen der rechten Hand. Er durfte es nicht fallen lassen, um schneller schwimmen zu können, konnte sich auch nicht die Zeit nehmen, seine Jacke oder die Schuhe abzustreifen. Wütend kickte er durch das Wasser, wühlte das Wasser ringsum hoch auf, das so eiskalt war, dass es Arme und Beine bereits gefühllos machte, vor allem aber sein Gesicht.

Als er näher kam, hörte er Lilianas verzweifelte Schreie.

»LIL ! Ich komme!«, brüllte er, während er mit äußerster Kraft weiterschwamm. Ihre Verzweiflung trieb seinen wilden Kampf gegen die Wellen noch weiter an – in jeden Schwimmzug legte er seine ganze Kraft, während das Salzwasser in den Augen brannte, die Lungen in Todesangst nach Luft schnappten und er instinktiv versuchte, Kälte, Schmerzen, Verzweiflung niederzukämpfen … bis seine linke Hand plötzlich hart gegen das Fass stieß, das jetzt nur noch zu einem Drittel aus dem Wasser ragte und schnell weiter sank. Rings um das Fass schäumten die aufsteigenden Luftblasen.

»LIL ! HALTE DURCH

»JACK ? JACK

Nur Sekunden blieben ihm.

»ATEM ANHALTEN !«, schrie er, während er mit der linken Hand die Klampe des Spannrings zu fassen bekam und mit der rechten die Klaue des Stemmeisens unter die Klampe rammte.

Aber das Fass sank immer tiefer, und die Eisenklaue rutschte wieder unter der Klampe hervor, als der Deckelrand unter der Oberfläche verschwand und Jack unter Wasser zog. Er schaffte gerade noch einen halben Atemzug, bevor das kalte Wasser über seinem Kopf zusammenschlug, während die letzten Luftblasen aus dem Fass an seinen Ohren vorbeistiegen.

Der Auftrieb drückte das Eisen erneut von der Klampe weg, doch Jacks linke Hand klammerte sich mit der Kraft der Verzweiflung an den Fassrand und gab ihm in der fast völligen Dunkelheit den einzigen Orientierungspunkt. Wieder trieb er die Eisenklaue unter die Klampe, doch das Fass sank nun immer schneller in die Tiefe, der zunehmende Druck stach in seine Trommelfelle wie die Zacken eines Eispickels. Seine Lungen schienen zu brennen, als er das Stemmeisen als Hebel gegen die Klampe benutzte, aber die Klaue fand nicht genügend Halt und rutschte wieder heraus.

Ein drittes Mal rammte er die Klaue unter die Klampe. Inzwischen schmerzte sein Schädel, als würde er vom Wasserdruck wie in einem Schraubstock zerquetscht. Er legte die letzte Kraft in seinen längst erschöpften Arm, versuchte verzweifelt, genug Hebelwirkung gegen den stählernen Verschlussring zu bekommen, aber die Anstrengung nahm ihm die letzten Sauerstoffreserven, bis …

Selbst unter Wasser war ein metallischer Knall zu hören, der Deckel gab nach. Er spürte, dass Liliana den Deckel vollends wegschob.

Jack ließ das Stemmeisen los und packte ihre Hände, seine Lunge presste die letzten Reste schaler Atemluft heraus, während ihre Augen voll Verzweiflung und Hoffnung zugleich durch die Dunkelheit schimmerten.

Plötzlich verspürte er einen starken Ruck in den Händen, und ihr Gesicht verzerrte sich in entsetzlicher Todesangst.

Jacks Augen brannten vom Salzwasser, und doch konnte er schemenhaft das Fass sehen, das weit unter ihr tiefer sank – und die fahl schimmernde Kette, die sich vom Fass zu ihrem Knöchel spannte.

Ihre linke Hand entglitt ihm, aber er hielt ihre andere Hand fest. Zusammen wurden sie vom Fass immer weiter in die Tiefe gezogen. Jack wehrte sich nicht mehr.

Niemals würde er ihre Hand loslassen.

Doch sie tat es, mit einer letzten, verzweifelten Anstrengung, einem scharfen Ruck ihrer kleinen, im Wasser schlüpfrigen Hand.

Jack versuchte in Panik, sie wieder zu fassen zu bekommen, aber sie war bereits weiter hinuntergesunken.

Die Hoffnung in ihren Augen war von reiner Todesangst verdrängt worden.

Sie schrie Jack etwas zu. Ein Wort.

Er konnte es nicht hören, nicht verstehen.

Sie streckte beide Hände nach ihm aus, eine flehentliche Bitte, ein Gebet, und während sich ihr blondes Haar wie ein Heiligenschein um ihr Gesicht legte und ihre flehenden Augen verhüllte, versank sie in der ewigen Dunkelheit.