N un musste auch Jack sterben.
Bewegungslos trieb er in der eiskalten Ostsee, mehrere Meter unter der Oberfläche. Sein mit Sauerstoff unterversorgtes Gehirn trübte sich ein, und die brennenden Lungen flehten um einen letzten, wässrigen Atemzug.
Aber er weigerte sich.
Wie ein Engel schien ihn der schimmernde Halbmond zu sich zu winken. Jack stieß die Arme nach oben, als ob er das Wasser packen und sich daran festklammern könne. Seine Kleider, schwer wie bleierne Gewichte, hielten ihn fest, zogen ihn abwärts, die verkrampften Beine ließen sich kaum noch bewegen, aber er kämpfte und schlug und kickte, immer noch gut fünf Meter unter der Oberfläche.
Mit jeder Faser seines Körpers kickte und kämpfte er sich nach oben, aber die Anstrengung war so groß, dass sie ihn den letzten, kümmerlichen Rest Sauerstoff kostete. Der Drang wurde übermächtig; ein krampfartiges Zucken riss ihm den Mund auf, und ein Schwall Wasser drang ein, gerade als er durch die Oberfläche brach. Er hustete das üble Gemisch von Schleim und Salzwasser aus, keuchend, spuckend. Dann drehte er sich auf den Rücken und rang keuchend um Atemluft, bis sich sein panisches Atmen ein wenig beruhigte.
Er blickte sich um, suchte den schwarzen Horizont ab. Seine Zähne klapperten vor Kälte. Nichts – nur ein einziges Licht in der Ferne. Wie groß … wie weit …? Spielte keine Rolle. Er hatte die Wahl: entweder sofort aufzugeben und wegen Unterkühlung zu ertrinken, oder noch ein paar Sekunden zu schwimmen und zu ertrinken.
Schwimmen wäre vielleicht besser.
Er brüllte, rief ein zweites und dann noch ein drittes Mal um Hilfe. Es gab keinerlei Anzeichen, dass ihn jemand gehört hatte. Er wusste, dass das Wasser seine Stimme weit tragen würde, aber wenn ihn ohnehin niemand hören konnte, spielte das keine Rolle.
Wieder hustete er Meerwasser aus; Nebenhöhlen, Kehle, alles brannte vom Salzwasser. Er versuchte, die Jacke auszuziehen, schaffte es aber nicht. Auch die Schuhe auszuziehen würde bestimmt nicht leichter sein, außerdem schien es keine gute Idee, noch mehr nackte Haut dem eiskalten Wasser auszusetzen.
»Wie schnell kannst du laufen?«, stieß er zwischen vor Kälte starren Lippen mit schlecht nachgemachtem australischem Akzent hervor, während er mühsam erste Schwimmzüge in die Richtung machte, in der er ein Licht in der Ferne gesehen hatte. »So schnell wie ein Leopard«, antwortete er sich selbst im Flüsterton. »Dann zeig’s uns.« Seine Lieblingszitate aus dem Kriegsfilm Gallipoli , die er aus einer vagen Erinnerung an den ersten Film hervorkramte, der ihn zum Weinen gebracht hatte.
Schon nach wenigen Schwimmzügen verblassten seine Gedanken und Erinnerungen. Das Sprintschwimmen hin zu Lilianas Fass hatte ihn erschöpft; jetzt war er völlig ausgelaugt. Die vor Schmerz schreienden Arme und die verkrampften Beine wurden nur noch durch reine Willenskraft angetrieben.
Heiser schrie er zwischen immer schwächer werdenden Schwimmzügen noch ein paarmal um Hilfe, schaffte es sogar, die Hände als Trichter kurz vor den Mund zu halten, obwohl er dadurch noch langsamer wurde. Aber seine Hände waren ohnehin fast völlig taub geworden, und er konnte nur hoffen, dass die völlig gefühllos gewordenen Füße noch irgendwie an den Beinen hingen, die schwer wie Blei am Rest des Körpers zogen.
Er versuchte, den linken Arm hochzurecken, ließ ihn aber sofort wieder ins Wasser zurückfallen – selbst für diesen schwachen Versuch war der Arm viel zu schwer geworden. Schon nach ein paar Kraulbewegungen war er zu einer jämmerlichen Parodie von Brustschwimmen übergegangen, konnte aber zwischen den Schwimmzügen den Kopf nicht weit genug heben, um den Mund über Wasser zu halten. Nach ein paar mühseligen Frog-Kicks verkrampften sich die Beine wie die eines gefesselten Kalbs.
Ein letztes Mal drehte er sich auf den Rücken, streckte die Arme seitwärts aus wie ein Gekreuzigter und bewegte die Unterarme nur so sehr, dass er sich über Wasser halten konnte.
Schier unerträgliche Schmerzen quälten seinen zitternden Körper, Brust- und Rückenmuskeln zuckten unkontrollierbar. Doch die Schmerzen waren jetzt nicht mehr wichtig. Sein trübe gewordener Blick nahm noch einmal den schwarzen Himmel mit seiner unermesslichen Zahl von Sternen auf. Er fürchtete sich nicht vor dem Tod, jetzt nicht mehr, da er unvermeidlich geworden war.
Doch in seinem betäubten Gehirn überstürzten sich plötzlich die Gedanken. Ein Leben zog vor seinen Augen vorbei – aber es war nicht sein Leben.
Liliana.
Er sah ihr Gesicht in der Dunkelheit versinken. Ihr Mund, der ihm ein Wort zuschrie.
Was war es?
Verzweifelt versuchte er sich zu erinnern.
Was war es?
Seine Arme bewegten sich kaum noch im Wasser, nicht mehr genug, um ihn an der Oberfläche zu halten. Sein Mund schlug mit Salzwasser voll.
Nur noch Sekunden …
Bitte, lieber Gott. Ich muss es wissen.
Das Wort.
Ein Wort.
Ein Wort …
Und plötzlich wusste er es.
Natürlich.
Das einzige Wort, das ihr wichtig war.
Tränen stiegen in seine vom Salzwasser brennenden Augen. Jack weinte.
Tomasz.
Er lächelte.
So müde.
Er schloss die Augen.
Zeit zu schlafen.