D as Lager der NFLA befand sich nicht weit vom Ufer des Lagoa Massabi, auch Lagoa Chicamba genannt. Es bestand lediglich aus drei einfachen Häusern aus Betonschalsteinen, die sich unter dem dichten Baldachin eines Palmenhains aneinander drängten. Die örtlichen Bauern und Lagunenfischer, die ringsum in dieser abgelegenen Gegend lebten, boten der NFLA nicht nur Deckung, sondern dienten ihr auch als eine Art Frühwarnsystem.
In den letzten Jahren war die arme Provinz Cabinda, eine angolanische Exklave im Kongo, von chinesischen Arbeitern förmlich überflutet worden, die sich von den Einheimischen abschotteten und jeden Kontakt vermieden. Sie lebten vor allem an der Atlantikküste, vor der die Offshore-Ölplattformen aus dem Wasser wuchsen. Unter den Einheimischen galten die NFLA -Kämpfer als Helden, die »Angola von der staatlichen Korruption und der chinesischen Vorherrschaft im Land und auf dem ganzen Kontinent befreien« wollten, wie auf ihrem handgedruckten Flugblatt zu lesen stand. Zu den Kämpfern gehörte auch ein ehemaliger Operateur des portugiesischen Auslandsnachrichtendienstes (Serviço de Informações Estratégicas de Defesa, SIED ), der die Angriffe der Gruppe koordinierte.
Der Angriff auf das Lagergelände der Chinesen vor vier Tagen hatte das ohnehin hohe Ansehen der NFLA noch weiter gesteigert. Die Einheimischen sahen in ihr eine echte Freiheitsbewegung, die sich die Ideale der Demokratie und der Einkommensgleichheit auf die Fahnen geschrieben hatte und den Sturz des korrupten politischen Systems in der Hauptstadt Luanda herbeiführen wollte.
Seit dem Angriff befand sich die kleine Kommandoeinheit in höchster Alarmbereitschaft, aber erst gestern hatten ihnen ihre Informanten in der Hauptstadt berichtet, dass die korrupten und hoffnungslos inkompetenten angolanischen Sicherheitsbehörden keine Ahnung hatten, wer die NFLA -Kämpfer waren oder wo sich ihr Lager befand.
Ihre Spitzel berichteten voller Schadenfreude, dass auch die Chinesen im Dunkeln tappten und jeden, von dem sie glaubten, er könne ihnen einen Hinweis auf die gesuchten »Schlächter, Killer und Mörder« geben, abwechselnd mit Geld oder mit Drohungen überschütteten, allerdings bisher vergeblich.
Daher war es durchaus verständlich, dass sich die NFLA -Kämpfer an diesem Abend eine kleine, harmlose Feier gönnten – nur ein paar Flaschen Bier und eine Platte gegrilltes Spanferkel, nichts weiter, bevor sie sich schlafen legten.
»Schnelles Schwert«, ein 24 Mann starker Sondereinsatztrupp der Volksbefreiungsarmee Chinas, kam zu Fuß, geleitet von ihren Nachtsichtgeräten sowie von Satellitenfotos, die dem Truppführer vom chinesischen Geheimdienst übermittelt worden waren. Sie waren zehn Kilometer entfernt von einem Harbin-Z-9-Transporthelikopter abgesprungen, einer lizenzierten Variante des französischen Eurocopters AS 365 Dauphin. Jedes einzelne Mitglied des Trupps war für diese Art von Einsatz hervorragend ausgebildet und konditioniert – und alle waren scharf auf den Kontakt mit dem Feind, als sie schnell und mühelos zwischen den Bäumen hindurch auf das NFLA -Lager vorrückten.
Um diese Zeit waren nicht einmal die Lagunenfischer noch oder schon wach. Der einzige Hund, dem sie begegneten, wurde mit einem einzigen Schuss aus einer schallgedämpften 22-Kaliber-Pistole in den Schädel zum Schweigen gebracht, bevor er auch nur einmal bellen konnte.
Ansonsten kamen sie unentdeckt an ihr Ziel, huschten geräuschlos an den primitiven Hütten der Dörfler vorbei und rückten auf die drei Häuser des NFLA -Lagers vor.
Auf einen einzigen Befehl flogen Blendgranaten durch die Fenster, die die elf NFLA -Kämpfer und die Frauen, die mit ihnen im Bett lagen, auf der Stelle ausschalteten. Akkurat platzierte 5,8x42-mm-Geschosse, abgefeuert von schallgedämpften QBZ -95B-1-Karabinern, schlugen in ungeschützte Köpfe und zerschmetterten Hirnschalen. Digitalfotos wurden angefertigt, Fingerabdrücke genommen, persönliche und sonstige Gegenstände mit potenziellem Erkenntniswert wurden eingetütet.
Die gesamte Operation, von den Blendgranaten bis zur Extraktion, dauerte nicht einmal sieben Minuten und entsprach genau den Ablaufszenarien des Trainings. Eine Stunde und einunddreißig Minuten später setzte der Z-9-Helikopter wieder auf der Militärbasis in Luanda auf, dem Stützpunkt des angolanischen dreiundzwanzigsten Lufttransportregiments.
Konzeptbeweis Nummer vier, wie angefordert.
Chens verschlüsseltes Smartphone klingelte. Ein Direktanruf des Kommandeurs der Operationseinheit »Schnelles Schwert«, der Chen von seinem Satellitentelefon aus anrief. Der Lärm der Z-9-Rotoren übertönte fast alles, sodass der Kommandeur seinen Bericht ins Telefon brüllen musste.
Chen erfuhr zu seiner Erleichterung, dass alle elf identifizierten NFLA -Kämpfer bei dem Angriff getötet worden waren, darunter auch die fünf Männer, die an der blutigen Schlächterei in der Ölraffinerie Lobito-1 beteiligt gewesen waren. Chinesische Opfer waren nicht zu beklagen. Man würde den gefangen genommenen portugiesischen Operateur, dem eine Beteiligung an der Ermordung von Fan Min zur Last gelegt wurde, durchaus nicht unvoreingenommen verhören, da man sein Geständnis der Beteiligung an der Ermordung chinesischer Staatsbürger als Druckmittel gegen Lissabon benötigte, wenn bei einem Wirtschaftsgipfel in der kommenden Woche um bessere Handelsbedingungen gefeilscht würde.
Alles in allem war es eine Operation wie aus dem Lehrbuch – eine, die schon bald an der Ausbildungsakademie der Spezialkommandos als Fallbeispiel verwendet würde. Chen bedankte sich überschwänglich beim Kommandeur der Operation und seinem Team und beendete das Gespräch, wobei er den Göttern, an die er nicht glaubte, dafür dankte, dass er die Z-19-Angriffs- und Aufklärungshelikopter »Black Whirlwind«, die zur Deckung eingesetzt worden waren, nicht benötigt hatte. Die Blue-Arrow-Panzerabwehrlenkraketen des Hubschraubers waren zwar so effektiv wie die amerikanische Hellfire, aber für chirurgische Operationen dieser Art kaum brauchbar. Denn dafür brauchte er Männer auf dem Boden, die ihm die Identität der getöteten NFLA -Killer eindeutig bestätigen konnten, damit er diese Informationen in seinen Bericht an seine Vorgesetzten in der Lobito-Arbeitsgruppe aufnehmen konnte.
Und was noch wichtiger war: Die von CHIBI gelieferten Informationen hatten sich erneut als zuverlässig erwiesen und waren nicht nur für China, sondern vor allem auch für seine eigene Karriere von unschätzbarem Wert. Er, Chen, hatte eindeutig das Potenzial unterschätzt, das CHIBI s ursprünglichem Angebot zugrunde lag. Diesen Fehler musste er umgehend korrigieren.
Chen rief die Nummer der Frau auf, die an der Spitze seiner Eliteeinheit APT 15, alias JADE SMOKE , stand. APT 15 war eine vorgeblich »in Privatbesitz befindliche« Cloud-Hacking-Einheit mit Sitz in Hongkong, die von Chens ultrageheimer Abteilung finanziert wurde. Sie meldete sich schon nach einem Klingelton.
»Sir?«
»Waren Sie«, fragte Chen, »schon jemals in London?«