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Washington, D.C.

G erry Hendley war seit annähernd zwei Jahrzehnten kein US -Senator mehr, doch auf dem Capitol Hill immer noch eine Legende. Außerdem verschaffte ihm seine enge Freundschaft zu Präsident Ryan jenen Einfluss und Respekt, nach dem im Washingtoner Sumpf zwar jeder gierte, den aber kaum einer jemals erlangte.

Hendleys unbestreitbare Verdienste als ehrlicher politischer Makler und sein in der skrupellosen Finanzwelt rechtmäßig erworbener Reichtum bewiesen, dass auf sein Urteilsvermögen Verlass und er selbst ein wertvoller Verbündeter war, besonders in einem Präsidentschaftswahlkampf, was auch der Grund war, warum sich Senatorin Dixon sofort bereit erklärte, ihn so kurzfristig in ihrem Büro zu empfangen.

»Gerry, wie schön, Sie zu sehen«, sagte sie und kam hinter ihrem Schreibtisch hervor, während ihre Assistentin von draußen die Tür schloss. Sie streckte Gerry die Hand hin, und er ergriff sie mit beiden. Er drückte sie sanft. Sein Lächeln erstarb.

»Stimmt was nicht?«, fragte Dixon.

»Sandra Kyle. Erzählen Sie mir von ihr.«

»Eine alte Freundin. Früher bei der Capitol Police. Ihr gehört ein Schießstand, den ich regelmäßig besuche.«

»Warum lässt sie meine Leute beschatten?«

»Woher soll ich das wissen?«

»Weil Sie es veranlasst haben.« Er ließ ihre Hand los. Sie flüchtete hinter den Schreibtisch.

»Ich habe keine blasse Ahnung, wovon Sie reden.«

»Ein Mann namens Tyler arbeitet für sie, und er hat Jack beschattet. Tyler hat einem Freund von mir erzählt, dass er auf Anweisung von Kyle gehandelt habe und dass Kyle behauptet habe, sie arbeite im Auftrag von jemandem ›mit sehr viel Einfluss‹ in Washington, D.C.«

»Damit können eine Menge Leute gemeint sein«, sagte Dixon und nahm am Schreibtisch Platz. »Sogar Sie.«

»Ich bin es aber nicht. Was geht hier vor?«

»Ehrlich, ich weiß es nicht. Ab und zu beauftrage ich sie, politische Gegner ein wenig unter die Lupe zu nehmen. Wenn man einem potenziellen Kontrahenten Fotos zeigt, auf denen er sein jamaikanisches Au-pair-Mädchen vögelt, hat das einschneidende Auswirkungen auf seine Wahlkampfpläne. Kommen Sie, Gerry. Sie wissen doch, wie das Spiel läuft.«

»Was hat das mit Jack junior zu tun? Er kandidiert für kein Amt.«

»Wie gesagt, ich weiß es nicht. Irgendwas muss sie in diese Richtung geführt haben.«

Gerry sah sich im Büro um. An den Wänden hingen all die üblichen Fotos, Plaketten und Verdiensturkunden, wie sie vor Jahren auch sein Büro geschmückt hatten. »Ich liebe dieses Spiel, Deb, genau wie Sie. Manchmal vermisse ich es sogar. Es erstaunt Sie vielleicht, wenn ich Ihnen sage, dass Sie meines Erachtens das Zeug zu einer erfolgreichen Präsidentin haben.«

Gerry trat an den Schreibtisch, setzte sich auf die Ecke und beugte sich zu ihr hinüber. »Ich kann Ihnen helfen, Deb, ich kann Sie aber auch fertigmachen. Und so wahr mir Gott helfe, wenn Sie etwas tun, was Jack junior in irgendeiner Form schadet, werde ich Sie so fertigmachen, dass Sie wünschen, Sie wären nie geboren worden.«

»Ist das jetzt eine Drohung von Ihnen oder von Präsident Ryan?«

Gerry erhob sich. »Er weiß nicht, dass ich hier bin. Aber Sie wissen jetzt Bescheid. Wenn Sie etwas gegen Präsident Ryan finden, nur zu. In der Politik ist alles erlaubt. Aber lassen Sie die Familie eines Mannes aus dem Spiel, vor allem seine Kinder.«

Das Pathos in Gerrys Stimme brachte eine Saite in ihrem kinderlosen Herzen zum Schwingen. Der Mann hatte seine gesamte Familie verloren, und sie wusste, dass die Ryans jetzt für ihn wie seine eigene waren.

Dixon griff zum Telefon. »Ich werde Kyle sofort anrufen und zurückpfeifen.«

»Tun Sie das.«

Gerrys Gesicht nahm einen freundlichen Ausdruck an und zeigte das Lächeln eines bodenständigen Politikers vom Land.

»Und viel Erfolg in Ihrem Wahlkampf, Senatorin. Ich werde ihn verfolgen.«

Cielo Santo, Peru

Jack stand, den Rucksack auf dem Rücken, unter dem überdachten Vorbau des Vicuña Roja, lauschte dem Regen, der auf das Wellblech prasselte, und blickte in die Fluten aus Schlamm und menschlichem Elend, die an ihm vorbeirauschten. Sands’ Flucherei nahm ein Ende, als er den Betrunkenen am Ellbogen aus der Tür bugsierte und die Straße hinunter wies. Der Mann dankte ihm auf Spanisch und torkelte auf wackligen Beinen nach Hause.

»Der Bürgermeister unserer schönen Stadt«, brummte Sands auf dem Weg nach drinnen. »Eine arme Sau.«

Jack beschloss, sich ein wenig im Ort umzusehen, machte sich aber nicht die Mühe, wegen des Regens von Vordach zu Vordach zu flitzen. Es war ihm egal, wenn er nass wurde. Hatte er seit Lilianas Tod bereits mit einer Depression zu kämpfen, so hatte ihn Sands’ Warnung vor dem Berg obendrein wütend gemacht.

Der Rest der Straße bestand aus einer Reihe kleiner Läden, überfüllten Mietshäusern und improvisierten Behausungen. Ein endloser Strom von verdreckten Minenarbeitern und ihren Frauen zog durch die schlammige Straße. Gruppen von Betrunkenen und Drogensüchtigen bevölkerten die Seitengassen. Sie standen entweder im Regen oder lagen unter Plastikplanen, die an zwischen den Häusern gespannten Seilen hingen. Der Gestank nach Fäkalien, verbranntem Holz und altem Kochfett verfolgte ihn auf Schritt und Tritt. Was dieser Ort jemals an Schönheit und Charme besessen hatte, war von drückender Armut und Hoffnungslosigkeit verschlungen worden. Jacks ohnehin schon schlechte Laune wurde noch schlechter. Er beschloss umzukehren.

Als er sich wieder Sands’ Bar näherte, kam an der Tankstelle gerade ein Bus ohne Kennzeichen zum Stehen. Die Tür schwang auf, und ein bärtiger Latino stieg aus. Er spähte die Straße rauf und runter. Jack fing kurz seinen Blick auf, ehe sich der Mann abwandte und eine Zapfsäule ansteuerte.

Da sprang plötzlich ein Quechua im Teenageralter aus der offenen Bustür und kam in Jacks Richtung gerannt, das Gesicht eine Maske des Schreckens.

Der Mann an der Zapfsäule schrie »¡Alto!« und zog eine Pistole unter seiner Regenjacke hervor.

Jack wollte dem verängstigten Jungen gerade entgegenlaufen, da packte ihn eine starke Hand an der Schulter und drehte ihn herum.

»Halten Sie sich da raus«, knurrte Sands.

»Aber der Junge …«

Hinter ihm krachte ein Schuss.

Jack fuhr herum und sah gerade noch, wie der Junge rutschend im Schlamm stehen blieb und seine zitternden Hände in die Höhe streckte. Der Mann, der in die Luft geschossen hatte, packte ihn im Genick und schleppte ihn zum Bus zurück.

»Das ist doch Scheiße«, sagte Jack und riss sich von Sands los. Darauf umschlang ihn Sands mit beiden Händen und zog ihn an sich.

»Wenn Sie sich abknallen lassen, hilft das weder dem Jungen noch sonst jemandem in dem Bus, und auch nicht Ihrem Freund, den Sie um den Hals hängen haben! Kapiert?«

Jack wollte ihm eine reinhauen, dass es ihn auf den Arsch setzte, und dem Jungen hinterher, aber dann meldete sich Clarks Stimme in seinem Hinterkopf und mahnte ihn zur Zurückhaltung.

Ein zweiter Mann mit einem kurzläufigen Karabiner pflanzte sich vor dem Bus auf, während der andere mit der Pistole den Jungen die Stufen hinaufzerrte.

Sands löste seinen Griff. Jack funkelte den Ex-Ranger wütend an.

»Können Sie mir verraten, was das alles soll?«

»Gehen Sie was essen und anschließend ins Bett, und morgen fahren Sie wieder nach Hause. Hier gibt es nichts für Sie außer Armut und eventuell eine Kugel in den Hinterkopf.«