J ack befolgte zähneknirschend Sands’ Rat und schlug den Weg zu dem Restaurant ein, das er ihm empfohlen hatte. Es lag im besten Teil der Stadt, was allerdings nicht viel hieß. Doch das Lokal selbst war sauber und das Steak mit Rührei gut – besser, als er zu hoffen gewagt hatte –, nur gelang es ihm nicht, wenigstens vorübergehend seine Sorgen oder das Höllenszenario da draußen zu vergessen. Was immer in diesem Bus mit dem Jungen geschehen mochte, es war nicht richtig, aber im Moment konnte er nichts dagegen tun.
Er dachte daran, über sein Handy die amerikanische Botschaft anzurufen, doch abgesehen davon, dass er hier gar kein Netz hatte, was hätte er schon sagen können? »Ich habe gesehen, wie ein Mann einen Jungen gepackt und mit einer Pistole bedroht hat?«
Mehr hatte er nicht zu bieten, keine Anhaltspunkte, keine Beweise, nicht einmal ein Autokennzeichen. Und was könnte das State Department schon tun? Der Arm der lokalen Behörden reichte offensichtlich nicht bis in diesen Ort. Vielleicht konnte er etwas herausbekommen, wenn er wieder in Lima war.
Trotzdem fühlte er sich zum Kotzen, doch ihm blieb keine andere Wahl. Der arme Junge war total verängstigt gewesen, aber nach dem wenigen, was Jack wusste, konnte er ebenso gut ein Krimineller sein, der in einem Polizeibus transportiert wurde.
Vielleicht hatte Sands ja recht.
»Du Versager«, murmelte er vor sich hin, als er die Gabel auf den Teller legte. Er hatte bei Liliana versagt, und er hatte bei dem Jungen versagt.
In beiden Fällen hatte er nichts tun können. Ja. Das hatte er kapiert.
Beschissen war es trotzdem.
Jack kehrte in die Bar zurück. Der Regen hatte nachgelassen und war in einen feinen Sprühnebel übergegangen. Mit etwas Glück würde er bald ganz aufhören.
Von Selbstvorwürfen bekommt jeder Mann Durst, vor allem, wenn das Blut Unschuldiger an seinen Händen klebte. Er schüttelte den Regen ab und trat ein.
Die dicke Mestizin lächelte ihn wieder an, gleichzeitig Hoffnung und Verzweiflung in den Augen, doch Jack ignorierte sie. Ihr Begleiter war nicht mehr da.
Jack besann sich anders.
Er ging zu ihrem Tisch. Ihr Gesicht erhellte sich vor Überraschung. Er zückte seine Brieftasche und warf ihr einen Hundert-Soles-Schein hin. Sie stand beflissen auf, um dem großen Amerikaner in einem Zimmer im Obergeschoss zu Diensten zu sein, doch Jack gab ihr durch einen Wink zu verstehen, dass sie sich wieder setzen solle. »Nimm dir den Abend frei, Süße. Auf meine Kosten.«
Sie verstand kein Wort. Verwirrt blickte sie zu Sands, der hinter der Bar in einem Taschenbuch las. Er schüttelte den Kopf und sagte etwas auf Quechua. Stirnrunzelnd schnappte sie sich den Geldschein und stürmte an Jack vorbei in die kühle, feuchte Nacht hinaus, ob verärgert oder dankbar, konnte er nicht sagen.
Vielleicht beides.
Shit. Er konnte nichts richtig machen.
Er schlenderte zum Tresen und setzte sich auf einen Hocker. Er und Sands waren die Einzigen in der Kneipe.
»Bier oder Whiskey?«, fragte Sands und legte das Buch weg. Steinbecks Die Reise mit Charley. Ein Pudel und ein Pick-up-Camper.
»Beides.«
Sands grinste. »Gute Wahl.«
Sands ließ Flaschen und Gläser auffahren, und dann tranken sie, fachsimpelten über Football und landeten schließlich bei den Aussichten von Jacks Redskins und Sands’ Chicago Bears auf den Gewinn des Super Bowl. Von Football kamen sie auf Baseball, und als die Wirkung des Alkohols einsetzte, machten sie einen Schlenker zu Steinbeck – das Buch lag noch auf dem Tresen – und kamen irgendwie auf die Lake Poets, speziell William Wordsworth, zu sprechen.
Dann versiegte die Unterhaltung, und die beiden Männer saßen schweigend da, beide über Sünden brütend, die sie sich nicht eingestanden, einer ein Spiegelbild des anderen – die Vergangenheit auf der einen, die Zukunft auf der anderen Seite.
Ein paar Runden später platzten zwei Männer in die Bar. Sie hatten den wiegenden Gang und die selbstbewusste Lockerheit von Leuten, die mit Schwierigkeiten umzugehen wussten. Einer war der Bärtige mit der Pistole aus dem Bus. Der andere war größer, Jack kannte ihn nicht.
Sie grüßten Sands mit einem stummen Nicken und setzten sich auf Hocker am anderen Ende des Tresens. Jack bemerkte die Pistolen in ihren OWB -Holstern.
»¿Qué quieren beber?«, fragte Sands.
»Cerveza«, antwortete der Kleinere.
»Kommt sofort.«
Sands öffnete zwei Flaschen Bier und stellte sie vor die bewaffneten Gäste hin. Er rührte sich nicht. Die drei Männer starrten einander an. Schließlich schaute der Größere zu Jack herüber, musterte ihn kurz und blickte wieder zu Sands. Sands beugte sich über den Tresen zu den beiden hinüber und flüsterte etwas auf Spanisch, das Jack nicht verstehen konnte.
Sands richtete sich wieder auf und kam dann zu Jack herüber.
»Noch ein Gedeck?«
Jack senkte die Stimme. »Das ist der Typ aus dem Bus von heute Nachmittag.«
Sands lehnte sich auf die Ellbogen vor, brachte seine rote Nase fast auf Tuchfühlung mit Jacks Gesicht und hüllte ihn in seine Alkoholfahne.
»Sie haben nichts gesehen. Sie wissen von nichts, und Sie werden auch keinen Scheiß anstellen. Kapiert?«
Jack wollte sich den beiden anderen zuwenden. Sands legte ihm fest die Hand auf den Unterarm.
»Was würde Ihnen Midas sagen, wenn er jetzt hier wäre?«
Jack stutzte, und Sands’ Griff verstärkte sich. »Jack, hören Sie zu. Sie haben keine Waffe, die schon. Das sind harte Hombres, mit denen man sich besser nicht anlegt. Glauben Sie mir.«
Jack war betrunken, aber nicht so sehr, dass er die Warnung nicht ernst genommen hätte. Er nickte kurz, doch heiße Scham kroch ihm den Hals herauf.
Die beiden Männer standen auf. Der Kleinere warf Geldstücke auf den Tresen, wedelte mit der Hand über dem Kopf, wie um Adiós zu sagen, und die beiden verschwanden in der Nacht.
»Was war das jetzt?«
»Eine freundliche Aufforderung, aus der Stadt zu verschwinden. Ich rate Ihnen, sie zu befolgen.«
Aha, eine freundliche Aufforderung. Aber von denen oder von dir?, fragte sich Jack.
Die drei Männer kannten sich offensichtlich. Gut möglich, dass Sands sie angerufen hatte, während er im Restaurant war.
»Ich fahre morgen.« Jack stand auf und griff nach seiner Brieftasche. Alles drehte sich um ihn. Ihm war schlecht, aber nicht vom Alkohol.
»Lassen Sie stecken. Ich setze es auf Ihre Rechnung, und Sie bezahlen, bevor Sie in den Bus steigen. Besser noch, ich fahre Sie in meinem Jeep den Berg runter. Ich muss sowieso in die Richtung, um Nachschub zu holen.«
»Ich nehme den Bus. Wo ist mein Zimmer?« Jack ergriff seinen Rucksack, benebelt und müde.
»Folgen Sie mir.«