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J ack saß mit ausgestreckten Beinen an der Höhlenwand, klatschnass, die Hände auf den Rücken gefesselt, die Füße mit einem Strick verschnürt. Eine Benzinlaterne erhellte den Raum. Draußen regnete es unvermindert in Strömen. Einer von Cluzets vier Männern stand am Eingang und kehrte ihm den Rücken zu.

Cluzet hatte Jack gesagt, dass am Morgen der schwere russische Hubschrauber kommen und sie zu dem in internationalen Gewässern liegenden Schiff bringen werde, das die hier in den Bergen abgebaute kostbare Fracht beförderte.

»Und dann?«

»Werden Sie entweder eine sehr lange Reise antreten oder, weil Sie heute Nacht so viel Ärger gemacht haben, eine sehr kurze«, antwortete Cluzet grinsend, bevor er wieder in den Regen hinausging und den Amerikaner seinem Schicksal überließ.

Jack war aus dem Spiel, gefesselt und gedemütigt, ohne jeden Trumpf in der Hinterhand.

Er rief den Wachmann an, einen schmalschultrigen Möchtegern-Che-Guevara mit Zottelbart.

»He, ich muss mal pinkeln.«

»Dann pinkle«, rief der Wächter über die Schulter zurück.

»Komm schon, Mann. Du hast doch die Knarre. Ich lauf dir nicht weg.«

Der Mann drehte sich um. Hass troff aus seinen müden Augen. Jack hatte heute Nacht mehrere Freunde von ihm getötet.

»Pinkle in die Hose, singao.«

»Komm, hilf mir auf. Ich kann doch nicht weglaufen, gefesselt, wie ich bin.«

»Selbst wenn du stehst, wie willst du denn mit den gebundenen Händen pinkeln?«

Jack zuckte mit den Schultern. »Na ja, wenn du nett bist, darfst du ihn für mich halten. Aber du wirst beide Hände brauchen, wenn du verstehst, was ich meine.«

Der Mann kam auf ihn zugestürmt und holte mit dem Fuß aus, um gegen sein Gesicht zu treten wie gegen einen Fußball. Jack konnte sich gerade noch wegducken. Der Stiefel des Wachmanns krachte gegen die Felswand und brachte ihn aus dem Gleichgewicht. Jack sah seine Chance. Er rollte seine zwei Zentner wie einen Baumstamm gegen das Bein des Mannes, das noch Bodenhaftung hatte. Das brachte den Mann noch mehr aus dem Gleichgewicht, aber nicht zu Fall. Er taumelte rückwärts.

Jacks Plan, dem Typ eine Kopfnuss zu verpassen und dann irgendwie die Fesseln loszuwerden, war im Arsch.

Wie auch er selbst.

Der Wachmann brüllte und wollte gerade ein zweites Mal nach Jacks ungeschütztem Gesicht treten, da legte sich eine starke Hand um seine Stirn und riss ihn zurück. Das Entsetzen in seinem Gesicht wich der Todesangst, als eine Drop-Point-Klinge seinen Hals durchbohrte und wie eine stählerne Zunge unter dem Kehlkopf hervortrat. Er röchelte und rang nach Luft, griff nach der Wunde, während er zu Boden sank, und ertrank im eigenen Blut.

Sands ging neben ihm in die Knie und drückte seinen Kopf gegen den Boden. Dann stieß er ihm die blutige Klinge ein zweites Mal in den Hals und durchtrennte die Wirbelsäule, um ein Ende zu machen.

Er sagte: »Tut mir leid, Kleiner. Ist schon eine Weile her.«

Der ehemalige Ranger trug eine abgewetzte Wanderjacke und eine verblichene Browning-Baseballmütze, die beide vor Nässe trieften.

Jack kniff die Augen zusammen. »Was zum Teufel …«

Sands wischte das blutige Ka-Bar an der Jacke des Toten ab, ging zu Jack hinüber, zerschnitt die Fesseln an seinen Händen und Füßen und löschte die Benzinlaterne.

»Was machen Sie hier, Sands?«

»Einen Spaziergang. Ich genieße die Nachtluft.«

»Ich verstehe nicht.«

»Wir haben jetzt keine Zeit für Gefühlsduseleien, mein Junge. Wir müssen schleunigst hier weg.« Sands zückte eine Pistole, eine schwere Ganzstahl-Beretta 92FS .

»Noch nicht.«

Jack bückte sich und hob die Waffe des Toten auf, ein AK -103 mit Klappschaft. »Die wollen morgen früh die Minenarbeiter umbringen.«

»Jetzt bringen wir Sie erst mal vom Berg runter.«

Jack richtete sich wieder auf, prüfte die Waffe und lud sie durch. »Lassen Sie sich nicht aufhalten.«

»Ich gehe nicht ohne Sie.«

»Dann folgen Sie mir.«

Jack und Sands erkundeten das Bergbaucamp. Jemand hatte den Dieselgenerator wieder zum Laufen gebracht. Die Lichter brannten. Das war nicht gut.

Die Minenarbeiter mussten wieder arbeiten, trugen Geräte zusammen und zerlegten sie, löschten die restlichen Brände und taten alles andere, was ihnen mit vorgehaltenen Gewehren befohlen wurde.

Jack und Sands nahmen sich Zeit und schlichen außen um das Gelände herum, möglichst weit abseits vom Licht. Das Rauschen des Dauerregens und das Knattern des Dieselmotors übertönten die Geräusche, die sie machten, doch die kalte Luft verwandelte ihren Atem in weißen Dampf.

Den ersten Wachmann überraschten sie beim Pinkeln. Sands packte seinen Schädel und riss ihn ruckartig herum. Mit einem dumpfen Knacken brach das Genick des Mannes.

Sein Partner war der Nächste. Jack schmetterte ihm sein Gewehr an den Hinterkopf, und als er am Boden lag, schnitt ihm Sands die Kehle durch.

Dann liefen sie quer über das Gelände zu der Stelle, wo Cluzet und der letzte Wachmann eine Gruppe von Arbeitern bewachten, die abgebautes Material in Säcke füllten.

Sands feuerte dem Wachmann mit seiner Beretta zwei 9-mm-Geschosse in die Stirn.

»Denken Sie nicht einmal daran«, sagte Jack, als der Franzose nach seiner Pistole griff.

Cluzets tätowierte Hand erstarrte. Er lächelte, als Jack und Sands ins Licht traten, die ein Gewehr und eine Pistole auf ihn gerichtet hielten.

»Können Sie uns etwas zu all dem hier sagen?«, fragte Jack und zog die Pistole aus Cluzets Holster.

»Ich bin ein vielbeschäftigter Mann, der dafür bezahlt wird, dass er einen Job macht, das ist alles.«

»Und unschuldige Menschen umzubringen gehört zu Ihren Aufgaben?«

»Wer ist denn in dieser gottverlassenen Welt schon unschuldig? Und lebend kommt sowieso keiner davon.«

»Na großartig, ein Philosophenarsch«, sagte Sands.

Cluzet wandte sich ihm zu. »Ich hätte nicht gedacht, dass noch so viel Mumm in Ihnen steckt. Das ist wirklich eine Nacht voller Überraschungen.« Er grinste breit.

Sands’ Pistole bellte. Der Kopf des Franzosen flog nach hinten, das Grinsen noch im Gesicht. Er kippte um und landete mit dem Rücken und weit ausgebreiteten Armen im Dreck.

»Wir hätten ihn befragen können.«

»Ja, hätten wir können«, räumte Sands ein und steckte seine Waffe weg. »Können wir jetzt gehen?«

»Was ist mit ihnen?« Jack deutete mit dem Kopf auf die Arbeiter, die sich erschrocken zu Boden geworfen hatten oder hinter Arbeitsgerät in Deckung gegangen waren, als sie die Schüsse hörten.

Sands seufzte. »Bringen wir Ordnung in den Haufen. Sehen Sie zu, ob Sie in einer der Baracken ein Satellitentelefon oder Funkgerät finden, und ich rede solange mit den Leuten.« Sands stapfte auf eine Gruppe von Arbeitern zu und redete in freundlichem und beruhigendem Ton auf sie ein.

Jack musste zuerst etwas anderes erledigen.

Er trat zu dem leblosen Cluzet und riss ihm Corys Amulett vom Hals.

Er hatte noch ein Versprechen einzulösen.