Guck, wie ich es hinbiege.
Mit Armen wie Tim Wiese.Beginner
Die Maschine ist da, um zu zerstören.
Tim Wiese
Es war, bis hierhin, sein Spiel.
Er war, bis hierhin, der beste Mann auf dem Platz, der sichere Rückhalt. Tim Wiese, keine Zweifel mehr.
Er hatte die Italiener mit seinen Paraden, den irren Reflexen auf der Linie, den Flugeinlagen dazu, an den Rand der Verzweiflung gebracht. Und damit auch Gianluigi Buffon, den sie hier in Turin nicht grundlos Superman nennen, einen langen Abend lang in den Schatten gestellt.
Er war, keine Frage, der Spieler des Spiels, 87 Minuten vorbei. Noch immer Unentschieden, das reichte für den Einzug ins Viertelfinale. Das reichte, um ihn zum Helden zu machen. Oben auf den Rängen, das wusste er auch, wurden bereits die Noten verteilt, die Berichte beendet, und er konnte den Beifall schon hören, die Glückwünsche der Reporter.
Jetzt, der vielleicht letzte Angriff, steht er im Fünfer, lässig im rosa Trikot.
Draußen noch einmal Nedvěd, der blonde Tscheche. Die Flanke halb hoch hinein, überhaupt kein Problem.
Ein Kinderspiel, ein todsicheres Ding.
Und Tim Wiese, zwei, drei Schritte nach vorne, fängt diesen Ball. So, wie er auch zuvor jeden anderen Ball gefangen hat, mit der Selbstverständlichkeit des Matchwinners, mit der Sicherheit des heute Unbesiegbaren.
Dann lässt er sich nach vorne fallen, auch dieses Fallen Routine.
Er könnte den Ball jetzt unter sich begraben, Ruhe reinbringen, noch etwas Zeit von der Uhr nehmen.
Aber Tim Wiese, Sekundenbruchteile, rollt sich ab, über die Schulter nach vorne. Ein seltsamer Purzelbaum, als wollte er diese Partie, die ja längst seine ist, mit einer letzten Pirouette vergolden. So entgleitet ihm der Ball, wird Freiwild im Strafraum, ein lächerliches Geschenk für einen schon geschlagenen Gegner.
Und Wiese, selbst starr vor Schreck, hört jetzt, wie von weither, das Rufen. Vier schrille Silben, ein tierisches Echo, das er nie wieder loswerden wird.
Puma! Puma!
Es ist Fabio Cannavaro, der ruft. Der Abwehrchef der Turiner, er hat die Situation, diese plötzliche Chance, als Erster erkannt. Und er ruft einen Freund.
Puma! Puma!
Es ist der Spitzname Emersons, der bereits mit dem Rücken zum Tor, dem Ball aber noch immer am nächsten steht. Und der Brasilianer begreift unmittelbar, dreht sich und schiebt den Ball an Wiese vorbei ins nun leere Tor.
Der Siegtreffer, Juventus jubelt. Bremen scheidet aus.
Und Tim Wiese, im Taumel der anderen, weint.
Er hatte dieses Spiel tatsächlich verloren. Ein Spiel, das er, eigentlich und eigenhändig, bereits gewonnen hatte.
Nun kauerte er dort, am Boden zerstört.
Hinterher, an den Mikrofonen, das Stadion nahezu verlassen, konnte er noch immer nicht verstehen, was da gerade passiert war. Konnte es noch immer nicht begreifen. Und schon gar nicht erklären. Diesen Blackout, der ihn von nun an begleiten sollte. Diesen Stunt, diese Rolle seines Lebens.
Doch lag genau darin schon die Zukunft, die ganze Schizophrenie seiner Karriere.
Tim Wiese, wie von Louis Stevenson erdacht.
Ein seltsamer Fall.
Jekyll und Hyde.
Meist anerkannt und erfolgreich, dann wieder furchteinflößend obszön. Ein Muskelmann, der sich, immer schon breitschultrig, später aber auch unvorteilhaft unbeweglich, irgendwann selbst im Weg stehen sollte.
Tim Wiese, er wollte ja eigentlich Stürmer werden, in der Jugend noch. Der Körper aber spielte vorne nicht mit, die Achillessehne als Achillesferse, weshalb ihn seine Nachwuchstrainer in Leverkusen irgendwann ganz nach hinten stellten, ins Tor.
Gegen seinen Willen, anfangs fremdelte er. Er wollte Tore schießen, nicht Tore verhindern. Dort allerdings, zwischen den Posten, war er dann sehr schnell sehr gut, wechselte im Sommer 1999, gerade 17 Jahre alt, zu Fortuna Köln und fiel schließlich Gerry Ehrmann in die Hände, dem Kult-Keeper, der als Torwarttrainer in Kaiserslautern schon damals vor allem für zwei Dinge bekannt war.
Seine Muskeln und seine Methoden.
Er holte Wiese an den Betzenberg, als Nachfolger seiner Nachfolger.
Eine Entscheidung, die nicht nur den Werdegang des jungen Torhüters entscheidend beschleunigen, sondern auch dessen ganze Erscheinung, das Auftreten auf dem Feld und den Auftritt daneben, nachhaltig beeinflussen sollte.
Denn Gerry Ehrmann, der als Spieler einst einen Holzspind mit der bloßen Faust zertrümmert und irgendwann den Beinamen Tarzan erhalten hatte, vielleicht, weil er im Strafraum den Dschungel erkannte, vielleicht, weil er im Sprung und mit den langen Haaren an den jungen Johnny Weissmüller erinnerte, verstand Fußball vor allem als Kraftsport.
Als einen Kampf, den er gewinnen musste.
Meist mit allen Mitteln.
Er kam mit Karacho aus dem Tor gestürmt, erinnerte sich ein Gegenspieler Jahre später, als Stürmer musste man auf der Hut sein, sonst wurde man umgemäht.
Wagemut als Werkseinstellung. Furchtlosigkeit, nannten sie das in Kaiserslautern. Seine ganz eigene Interpretation des Torwartspiels. Dafür stählte er sich. Und später auch seine Schüler, Kraftraumbeherrschung.
Das Training, schrieb die BILD einmal, ist knüppelhart: ohne Kompromisse, extrem auf Athletik und Explosivität ausgelegt.
Gerry Ehrmann, so machte er Roman Weidenfeller und Kevin Trapp zu Ausnahme-Keepern, die Muskulatur als nötiges Rüstzeug. So liefen sie durch seine Hände und kamen, immer wieder, mit Karacho in die Bundesliga. Denn Ehrmann trainierte nicht nur Torhüter, er formte Showmänner. Tarzane, nach seinem Ebenbild.
Tollkühne Männer, die durch ihre Kisten fliegen.
Spektakel für den Strafraum, Goalkeeping für die Galerie.
In Kaiserslautern, so oder so ähnlich stand es in der SZ, wurden am Ende vor allem drei elementare Merkmale herausgebildet. Ein gewaltiger Körper, eine branchenübliche Extravaganz und vor allem eine große Klappe.
Breiter Brustkorb, extrovertierte Körpersprache, Risikobereitschaft bis zum Harakiri, schrieb die 11FREUNDE.
Und man konnte durchaus schmunzeln, über das grenzwertig Waghalsige, die fast schon peinliche Physis und das nahezu unerschütterliche Selbstvertrauen, aber das waren nun mal die Hauptfächer in Ehrmanns Torwartschule.
Body-Bildung.
Er kannte es ja selbst nicht anders, war Lehrer und Lehrmaterial gleichermaßen.
Für mich, erklärte er in einem Rückblick anlässlich seines sechzigsten Geburtstags, war immer wichtig, dass da ehrliche und korrekte Jungs mit Ecken und Kanten im Tor stehen. Individuelle Kerle.
Typen also, die sich wenig gefallen lassen, gerne Gras fressen und den Mund auch hinterher zu voll nehmen. Weshalb es auch wenig verwunderlich ist, dass Tim Wiese in dieser Schule schnell Klassenbester wurde, ein Bizeps-Streber.
Immer vorlaut, immer in der ersten Reihe.
Der Musterschüler, er sprang am höchsten, kam am weitesten. Nur das Siegerlächeln noch breiter als die Brust.
Tim Wiese, das war früh klar, brachte alles mit, um später auch einmal Kult zu werden. Einer mit Spitznamen, mit Ecken und Kanten. Ein Exzentriker, mit der Schnauze eines Pitbulls und den Reflexen einer Katze.
In Kaiserslautern, wo sich König Otto die Krone und Mario Basler einen Pepita-Hut aufgesetzt hatte, mochten sie ihn sofort. Er passte zum Betze, er brannte selbst lichterloh.
Bald verdrängte er Stammtorhüter Georg Koch. Und wurde augenblicklich Attraktion, ein Hingucker. Körper und Klappe. Tim Wiese lieferte, gerne auch Kampfansagen.
Spätestens nach der Fußball-WM 2006, erklärte er bereits im März 2003, will ich Oliver Kahn als Nummer eins im deutschen Tor verdrängt haben. Das ist mein großes Ziel, dafür gehe ich in jedem Training an meine Leistungsgrenze.
Tim, der neue Titan. Auch das Grinsen gegelt.
Dann aber, November 2004, riss ihm das Kreuzband im linken Knie.
Nach gerade einmal 65 Bundesligaspielen musste Wiese plötzlich um seine Karriere kämpfen. Und weil an Lauftraining nicht zu denken war, suchte er Trost auf der Hantelbank, drückte Gewichte gegen den Frust, stählte den Oberkörper. Ein Einzelsportler jetzt.
Dort im Kraftraum, von der Mannschaft getrennt, legte Wiese erst ordentlich Masse zu und wurde schließlich auch zu breit für den Betze. Denn sein Selbstvertrauen hatte keineswegs gelitten, im Gegenteil. Noch in der Reha schlug er ein Angebot zur Vertragsverlängerung aus.
Wiese, frisch aufgepumpt, wollte weiter, höher hinaus. Und unterschrieb wenig später bei Werder Bremen, dem damals noch amtierenden deutschen Meister. Dort an der Weser, so die Hoffnung, könnte er mit den ganz Großen, dort könnte er um Titel, endlich in der Champions League spielen.
Mit Klose und Micoud, mit Klasnić und Frings. Spektakelfußball, das Raunen der Raute. Das klang doch schon geil.
Und obwohl Wiese auf den ersten Blick so gar nicht hineinpassen wollte, in das beschauliche Bremen, im Grunde zu laut für den stillen Trainer Thomas Schaaf, der, Leuchtturmbeispiel auch, auf seiner hanseatischen Hallig seit bald sechs Jahren den Gezeiten trotzte, schienen die Bremer von diesem Wechsel ähnlich begeistert wie Wiese selbst.
Und klangen, für ihre Verhältnisse, fast euphorisch.
Er gehört auf seiner Position zu den Toptorhütern der Bundesliga, sagte Manager Klaus Allofs, wir sind froh, dass wir ihn verpflichten konnten.
Wir haben ihn schon einige Zeit beobachtet, erklärte Thomas Schaaf, ich bin von seinen Qualitäten überzeugt.
Der Torwarttransfer sollte auch ein Fingerzeig sein. Eine Botschaft an die Konkurrenten, in München und in Dortmund. Bremen war Meister, Bremen kaufte die Zukunft ein. So wurde seine Ankunft beklatscht. Und Wiese, natürlich nassforsch, stellte sich gleich angemessen ins Flutlicht.
Ich bin gekommen, sagte er, um die Nummer eins zu werden.
In der Vorbereitung aber, in einem Freundschaftsspiel gegen Hansa Rostock, riss ihm das Kreuzband erneut.
Und Wiese, im Rasen hängen geblieben, weinte am Spielfeldrand.
Ich war so gut drauf, sagte er dem SID, jetzt bin ich natürlich am Boden zerstört.
Dann fuhr er nach Dürscheid, zu seinen Eltern, suchte erst mal Halt in der Heimat, bevor das Leiden, das Schuften an den Geräten, von Neuem begann. Denn Wiese, es half ja nichts, musste zurück in den Kraftraum. Wieder allein nach vorne schauen. Anders als in Kaiserslautern aber suchte er diesmal die Nähe zur Mannschaft, zog sich am Morgen gemeinsam mit den anderen um. Er wollte sich zeigen, nicht gleich den Anschluss verlieren.
Drei Monate später dann wagte er sich wieder auf den Rasen, zaghaft und vorsichtig. Einen Schritt vor den anderen, das Knie aber wackelte noch. An Profisport war nicht zu denken.
So wurde es Herbst, dann Winter.
Und Wiese zum Schatten.
Als er zum Beginn der Rückrunde endlich wieder im Kader auftauchte, war er die klare Nummer zwei, erst mal Herausforderer. Der Mann hinter Stammkeeper Andreas Reinke.
Zehn Tage später allerdings, es lief die 82. Minute des Bremer Gastspiels in Stuttgart, musste sich Wiese plötzlich warm machen, um ins kalte Wasser zu springen. Denn Sekunden zuvor hatte sich Reinke bei einem Zusammenprall mit dem Innenverteidiger Martin Stranzl mehrere Brüche im Gesicht zugezogen, der Rasen im Strafraum blutgetränkt, das Stadion unter Schock.
So war es ein Zweikampf, der den Zweikampf entschieden hatte.
Denn während Reinke ins Krankenhaus gefahren wurde, hielt Wiese die Null.
Sein Comeback. Nach 15 Monaten ohne Pflichtspiel.
Das Pech des einen, schrieb der Tagesspiegel hinterher, ist immer das Glück des anderen.
Wie das Schicksal so spielt, sagte Wiese, Fußball ist ein brutaler Sport.
Drei Tage danach konnte er dann zum ersten Mal im Weserstadion, zum ersten Mal wieder über 90 Minuten spielen. Und weil der Fußballgott den Kitsch liebt, hieß der Gegner natürlich Kaiserslautern. Werder verlor 0:2.
Und Wiese war weitestgehend machtlos.
Aber schon im nächsten Spiel, auswärts bei Borussia Dortmund, zeigte er die alten Einlagen, den Kamikaze aus Kaiserslautern, und rettete die Bremer über die Zeit.
Und zwei Wochen später dann durfte er tatsächlich in der Champions League antreten, seine europäische Premiere.
Gegen Juventus Turin.
Darauf, erklärte er, habe ich die ganze Zeit hingearbeitet.
Der große Traum.
Tim Wiese, er konnte da noch nicht ahnen, dass er sich diesen Traum im Rückspiel selbst zerstören sollte.
Puma! Puma!
Und doch war die Niederlage in Turin, dieser ganze Wahnsinn der Schlusssekunden, der Beginn einer besonderen Beziehung. Zwischen Werder und Wiese. Denn schon unmittelbar danach, in den Interviews am Rand, mischten die Bremer Verständnis in ihre Fassungslosigkeit, war da gleich mehr Schutzreflex als Schockstarre. Und obwohl sie neben sich standen, gelang es ihnen auf wundersame Weise, sich auch noch vor ihren Torwart zu stellen.
Er hat vorher ein Weltklasse-Spiel gemacht, sagte Manager Klaus Allofs, dass er dann so einen Fehler macht, den man sich nicht erklären kann, das ist umso tragischer. Daraus muss er lernen.
Das wird uns eher noch enger zusammenschweißen, sagte Trainer Thomas Schaaf.
Das ist eben sein Stil, sagte Kapitän Frank Baumann, der macht ihn auch stark. Ich denke nicht, dass er sich da umstellen muss.
Die Bremer hatten Wiese in dieser Nacht die Hand gereicht. Er war jetzt einer von ihnen, er war Werder. Für die nächsten sechs Jahre, für 260 weitere Spiele. Sie wollten ihn so, wie er war. Und nahmen ihn so, wie er kam. Mit allen Höhen und Tiefen, mit allen Flugeinlagen und Fehlgriffen. Tim Wiese, er wurde ihr Mann für die besonderen, die denkwürdigen Momente. Im Guten wie im Schlechten.
Ein Grat, der nie schmaler schien als in den Duellen mit dem Hamburger SV.
Tim Wiese, gern Gladiator, war immer stark auf der Linie, aber er fühlte sich noch stärker, unbesiegbar fast, wenn er Grenzen überschreiten, durch die Grauzone fliegen konnte. Im Sprung, mit den Knien voran, Kamikaze auf Kopfhöhe.
Das Nord-Derby, diese Scharmützel unter Nachbarn, waren deshalb wie gemacht für einen wie ihn. Da kam ja gleich alles zusammen, da roch die Luft schon am Morgen nach Hass, da schmeckte der Regen nach Wut, sah auch der Rasen gleich anders aus.
Das Derby, man kann Fieber davon bekommen.
Das Derby, schrieb der Reporter Moritz Herrmann im 11FREUNDE-Magazin, funktioniert als Stellvertreterkrieg. Die Vereine, Spieler, Fans, sie alle werden zu Herolden ihrer Heimat.
Und Wiese, die Uniform mal rosa, mal gelb, die Fahne aber immer grün-weiß, zog so unfassbar gern in die Schlacht. Raute an Raute, Zahn um Zahn, er liebte diese Vergleiche.
Auch, weil sie ihm die richtige Bühne boten, die ganz große Fläche.
Paraderolle Prollfighter.
So wie Gründgens den Teufel und Kinski das Monster, musste Wiese das Derby spielen.
Und so bestritt er diese Duelle dann auch, jedes Mal wieder. Mit nötigem Ernst und unnötiger Härte. Immer angemessen unangemessen. Ballspiele als Beispiele.
Das Aufeinandertreffen am 7. Mai 2008, 32. Spieltag im Hamburger Volkspark, erzählt gleich davon. Denn dort, es läuft die 42. Minute, zerstört Tim Wiese nicht nur einen Angriff der Hamburger, sondern beinahe auch einen Hamburger Angreifer.
Dort sieht er, wie Naldo, Bremens launiger Innenverteidiger, nach einem langen Ball aus dem Mittelfeld von Ivica Olić, dem noch immer sehr flinken Stürmer des HSV, in ein Laufduell verwickelt wird. Das könnte, so sein Gedanke, eventuell nicht gut ausgehen.
Doch bevor die Gefahr überhaupt entsteht, wird Wiese selbst zur Gefahr.
Breaking Bad, so stürzt er wie von Sinnen aus seinem Kasten, springt in Höhe der Strafraumgrenze ab und kracht in den Kroaten, mit gestrecktem Bein und offener Sohle, bohrt ihm die Stollen ins Schlüsselbein.
Es ist eine Szene wie ein Verkehrsunfall, bei dem ein knallgelb lackierter und mit Gewalt getunter Lamborghini einen freundlichen Lada von der Straße holt. Olić bleibt liegen, hält sich den Kopf. Wiese aber ist sofort wieder auf den Beinen, diskutiert mit dem Schiedsrichter und wird am Ende lediglich verwarnt.
Tim Wiese, auch hier nahm er die Karte in Kauf.
Und genoss die Tumulte danach, wieder mal Reizfigur.
Ihm war es ja tatsächlich gelungen, auch nach diesem Spiel, das mit einer roten, einer gelb-roten und acht gelben Karten als eines der unfairsten Duelle in die Derby-Geschichte eingehen sollte, die Schlagzeilen zu kapern.
Auch, weil er sich hinterher fast schon aufreizend uneinsichtig zeigte.
Ein Schlächter, der das Unschuldslamm gab.
Ich treffe zuerst den Ball, erklärte Wiese den Reportern, und er läuft dann in mich rein.
Eine Meinung, die er, wenig überraschend, eher exklusiv hatte.
Das, befand etwa TV-Experte Franz Beckenbauer, war schon fast ein Mordversuch.
Kung-Fu-Wiese, titelte der Boulevard am nächsten Tag.
Was ja schon wieder nach Anti-Held klang. Mehr Kampf als Sport, kurz danach stellte ein Unbekannter in Hamburg Strafanzeige gegen Wiese. Nord und Totschlag.
Vier Monate später wurde das Verfahren eingestellt. Und Wiese, vermeintlich geläutert, entschuldigte sich bei Olić, Treter-Opfer-Ausgleich. Es sollte allerdings ein nur kurzer Frieden bleiben. Denn diese Partie im Frühjahr 2008 war ja tatsächlich nur das Vorspiel gewesen, eine etwas überbetonte Ouvertüre für die wirklich große Oper, die ein Jahr danach aufgeführt wurde. In epischer Breite. An der Weser und im Volkspark, über 19 Tage und drei Wettbewerbe hinweg. Ein Drama in vier Akten.
Hamburg gegen Bremen, Halbfinale im DFB-Pokal.
Bremen gegen Hamburg, Halbfinale im Europapokal, Hinspiel.
Hamburg gegen Bremen, Halbfinale im Europapokal, Rückspiel.
Bremen gegen Hamburg, Bundesliga, 31. Spieltag.
Ein Derby-Marathon, schrieb der NDR.
Ein in dieser zeitlichen Dichte nie da gewesenes Kräftemessen zweier Rivalen, die sich nie besonders mochten, in jenen Tagen aber noch einmal ganz neu kennenlernen durften.
Das werden Schlachten, erklärte Hamburgs Marcell Jansen.
Es wurden dann aber vor allem die Tim-Wiese-Festspiele, mit einer Papierkugel als fast schon postmoderner Pointe.
Und der Torwart bestimmte von Beginn den Ton, er hatte seinen Text gelernt.
Jetzt legte er vor.
Wenn wir denen im ersten Spiel gleich auf den Sack geben, sagte er also, wackeln die.
Schöne Grüße nach Hamburg.
Mittelfingerzeig, Drohgebärdensprache.
Im ersten Spiel, gleich der erhoffte Krimi, 1:1 in der Verlängerung, hielt Wiese dann erst gewohnt spektakulär und in wirklich letzter Sekunde gegen Jonathan Pitroipa, womit er sich und seine Bremer noch gerade eben ins Elfmeterschießen rettete, nur um dort dann gleich drei Strafstöße der Hamburger zu parieren. Danach, den Sieg als Erlösung im Rücken, rannte er einmal über den Platz, aus dem Norden des Stadions bis rüber zum Gästeblock, um mit dem Bremer Anhang zu jubeln. Es war ein Lauf über 110 Meter, durch einen Regen aus Bierbechern. Ein Lauf wie im Rausch, im vielleicht größten Moment seiner Karriere.
Tim Wiese, diesmal ein echter Held.
Diesmal wirklich Mann des Spiels.
Als sich die Arena schon längst geleert hat, schreibt Moritz Herrmann später, tollt der Muskelprotz noch brusttrommelnd über den Rasen.
Berauscht von sich selbst, durch die Hamburger Nacht. Ein Gorilla im eigenen Nebel.
Ich musste ja auch was leisten, erklärte Wiese hinterher, wenn ich so große Sprüche klopfe.
Im zweiten Duell allerdings, Heimspiel am Geburtstag des Trainers, war Hamburg die bessere Mannschaft und Wiese beim einzigen Treffer durch Trochowski chancenlos. Bremen verlor zu Hause und musste nun in Hamburg auf eines jener Wunder hoffen, die es sonst nur an der Weser gibt.
Im Volkspark aber, auch heute noch unglaublich, wurde das Spiel dann nicht mit einer historisch anmutenden Willensleistung umgebogen, nicht durch einen Rehhagel-Reigen auf den Kopf gestellt, sondern, ganz banal eigentlich, durch eine Kugel entschieden, durch ein in der Hamburger Kurve auf Faustgröße geknülltes, weißes Stück Papier, das dort, scheinbar teilnahmslos und lange unentdeckt, auf dem Rasen lag, aber irgendwann in einen Rückpass der Heimmannschaft geriet.
Gravgaard auf Rost, zur Ecke abgefälscht.
Und weil Diego diese Ecke ausführte und Almeida seinen Kopf in diese Ecke hielt und Baumann von Trochowski angeschossen wurde und den Hamburgern danach, durchaus gebrochen und kollektiv fassungslos, keine Antwort mehr einfiel, kamen die Bremer ins Finale und die Kugel ins Museum. Und Tim Wiese wurde von der mitgereisten Kurve gefeiert, als hätte er die ganze Sache selbst erdacht, das Papier persönlich zerknüllt und in die Hälfte des Gegners geworfen.
Wiese für Deutschland, riefen die Bremer Fans.
Sie hatten, schrieb die WELT später, ihren Liebling gefunden.
Tim Wiese, Erfolg und Zuneigung. Das mischte sich jetzt. So wurde er von einer Welle erfasst, nach oben gespült, der Kamm sichtbar geschwollen. Und weil ihn diese Welle durch die Tage und durch die Schlagzeilen trug, ritt er sie auch gleich bis zum Ende, über die Elbe bis an den Weserdeich, und gewann das letzte Spiel im Grunde allein. Gegen Trochowski und Guerrero. Gegen einen Gast allerdings, der Schaden genommen hatte und sich deshalb, von der Kugel spürbar getroffen, kaum noch wehren konnte.
Tim Wiese, ohne Mitleid, hier zeigte er noch einmal sein ganzes Können. Und beendete so, was er fast drei Wochen zuvor begonnen hatte. Er gab denen auf den Sack.
Eine gnadenlose Gala, ein Statement mit den Fäusten.
Und er hätte es dabei belassen können. Stattdessen aber kletterte er zu den eigenen Fans auf den Zaun, schnappte sich ein Megaphon und ließ die bereits geschlagenen Hamburger noch einmal wissen, was er wirklich von ihnen hielt.
Eine letzte Provokation, im Weißwasser der Emotionen.
Scheiß HSV, skandierte er da. Ein Einpeitscher, der Kult-Keeper in der Kurve.
Am Montag danach entschuldigte sich Wiese in der BILD.
Ich habe nach dem Spiel viel Adrenalin im Blut gehabt, sagte er da.
Und außerdem, ihm wurde das ja nur vorgesagt.
Aber natürlich gab auch das wieder Ärger, ein Nachspiel, leitete der DFB ein Ermittlungsverfahren ein. Die mal wieder dritte Halbzeit. Als hätte er noch nicht genug gehabt.
Tim Wiese, aber auch das war Teil des Produkts, das er verkaufte. Teil des Typs, den er anbot und auf den man, wie früher auf eine Dose Rasierschaum, eigentlich einen Warnhinweis hätte drucken müssen.
Achtung, Körper steht unter Druck.
FCK und FCKW, das Torwartspiel als Treibmittel.
Und wenn er geschüttelt wurde, dann explodierte er eben.
In Bremen verehrten sie ihn, auch deshalb.
Nur Wiese für Deutschland, das war gar nicht so einfach, die Nationalelf und der Keeper eine ziemlich komplizierte Beziehung.
Tim Wiese durfte ja, trotz großer Worte und ordentlich Dampf in allen Duellen, eben nicht der nächste Oliver Kahn werden, zu keiner Zeit den Platz füllen, den der Titan durch seinen Abschied hinterlassen hatte.
Diese sehr breite Lücke, nach 2006.
Nach einer Heim-WM, die Kahns Karrierehöhepunkt hätte werden sollen, die er dann aber, von Jürgen Klinsmann ebenso genüsslich wie fachgerecht enteiert, als sogenannte 1 b erleben musste. Eine deutsche Degradierung.
Die Höchststrafe, hinter Jens Lehmann.
Unvergessen die als große Geste verkaufte Umarmung vor dem Elfmeterschießen im Viertelfinale gegen Argentinien, als Kahn der Welt unbedingt zeigen wollte, dass er auch Großmut beherrscht. Und natürlich der Zettel im Stutzen danach, als Lehmann der Welt zeigen durfte, dass er auch im deutschen Trikot Weltklasse kann.
Kahn kam in diesem Turnier nur am Ende zum Einsatz. Im kleinen Finale gegen Portugal, diesem undankbaren Tanz um die goldene Ananas. Es war sein letztes und, wie er später verriet, wohl auch emotionalstes Länderspiel.
Kurz danach gab Klinsmann seinen Abschied bekannt und wurde durch Joachim Löw ersetzt. Der Jogi, vom Assistenten zum Bundestrainer befördert. Und Kahn spielte noch zwei Jahre für die Bayern, ehe er ins Fernsehen wechselte, ein Sidekick am Analyse-Stehtisch des ZDF.
Lehmann aber blieb erst mal die Nummer eins. Zunächst auch unangefochten, ehe er sich im Vorlauf zur EM 2008 noch einmal neu behaupten musste. Zum einen deshalb, weil er in der Zwischenzeit seinen Stammplatz beim FC Arsenal verloren hatte. Und zum anderen auch, weil mit Leverkusens René Adler ein neuer Herausforderer herangewachsen war und mit Timo Hildebrand der vermeintliche Kronprinz so lautstark wie leistungsgerecht zurück ins Tor drängte.
Der ehemalige Stuttgarter war 2007 immerhin noch Deutscher Meister mit dem VfB geworden und einst 884 Minuten lang ohne Gegentor geblieben. Eine Marke, bis heute unerreicht.
Kurz vor Turnierbeginn aber strich Löw, anders als von vielen erwartet, eben nicht den alten Lehmann, sondern den nicht mehr ganz so jungen Timo Hildebrand aus seinem Kader und nominierte stattdessen René Adler, der sich anschließend gemeinsam mit Robert Enke auf die Bank setzen durfte. Weshalb die Presse tobte und Timo Hildebrand eine ganze Reihe großer Interviews gab, in denen er den fehlenden Respekt des Bundestrainers beklagte, während sich Jens Lehmann ins immer geballte Fäustchen lachte.
So war Oliver Kahn zum Experten und das Rennen um den Platz im Kasten irgendwann zur Farce geworden, längst Politikum auch.
Die deutschen Torhüter bestimmten die Schlagzeilen, monatelang.
Tim Wiese blieb in jener Zeit bestenfalls Außenseiter. Ein Darkhorse, das jedoch hörbar mit den Hufen scharrte.
Schon im September 2007 war er in aller Öffentlichkeit mit dem Bundestrainer aneinandergeraten, nachdem er in einem Interview nicht nur seinen Abschied aus der Nationalelf bekannt gegeben, sondern ganz nebenbei auch noch seine direkten Konkurrenten angezählt hatte. Hildebrand, weil der beim FC Valencia nur auf der Bank saß. Und Enke, weil der mit Hannover nur im Mittelfeld der Liga spielte.
Das Kapitel Nationalmannschaft unter Joachim Löw, hatte er dort verlauten lassen, ist für mich kein Thema mehr. Offenbar passe ich nicht in den Kreis des DFB hinein, weil ich nicht so stromlinienförmig bin. Ich kann halten, wie ich will, es wird sowieso nicht belohnt.
Ein vermeintliches Statement, das hinten raus seltsam weinerlich klang und natürlich keineswegs dafür sorgte, sein Standing beim DFB zu verbessern.
Das Naserümpfen des olfaktorisch durchaus interessierten Bundestrainers war jedenfalls bis nach Bremen zu hören, und so verpasste Löw dem Torhüter dann auch gleich einen ordentlichen Tadel, indem er Wieses Aussagen mit sehr spitzen Fingern und einer fast aristokratischen Kälte beiseiteschob.
Abschätzig und respektlos, nannte er das Ganze.
Er hätte es auch dummdreist nennen können, schrieb der Berliner Kurier.
Tim Wiese war mal wieder mit den Knien voraus ins Abseits gesprungen. Und durfte die Europameisterschaft, den Fehlschuss von Gomez, den Last-Minute-Lahm, das Tor von Torres, deshalb vor dem Fernseher verfolgen.
Vierzig Tage nach der Finalniederlage gegen Spanien allerdings erklärte dann auch Jens Lehmann seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft. Und plötzlich öffnete sich jene Tür, die Tim Wiese selbst zugeschlagen hatte.
Denn damit, so schrieb es der Stern, wurden die Karten tatsächlich neu gemischt.
Damit, schrieb die FAZ, ist der Weg für die jungen Nachfolger frei.
Eine ganze Position zur Disposition. Die T-Frage, wie es fortan hieß.
Wobei Löws Antworten auf diese T-Frage im Grunde wöchentlich andere waren. Ein wildes Hinundher der Hierarchien. Der Bundestrainer, so schien es, wollte sich nicht so schnell festlegen, sich eben nicht hineinschauen lassen, in diese Karten, die er nun endlich neu mischen durfte. Allerdings war die Wahl des Torhüters damals auch noch ein echtes Luxus-Problem. Und Löw hätte sicher auch losen, dabei aber nie verlieren können.
Denn neben Wiese rangen in jenen Monaten auch Robert Enke, René Adler und der Stammkeeper der U-21, Manuel Neuer, um diesen einen Platz im deutschen Tor.
Wobei Enke, unter allen Kandidaten der mit Abstand älteste, von vornherein die größten Chancen besaß, obwohl er ja, liebe Grüße nach Bremen, nur in Hannover spielte. Denn Enke, mittlerweile 31, brachte die nötige Erfahrung mit. Und eine Zurückhaltung, die nicht nur der Bundestrainer, schon immer ein Freund der leisen Töne, zu schätzen wusste.
Enke war, im besten Sinne, ein Konsens-Keeper. Und damit auch der angenehme und durchaus gewollte Kontrast zu den Brusttrommel-Veranstaltungen der Kahn-Jahre.
Mit ihm, da waren sich die Experten schnell einig, würde Löw nach Südafrika fahren.
Damals, im Hochsommer 2008, konnte schließlich noch kaum jemand ahnen, dass Robert Enke im Alltag und im Geheimen, meist allein und mit sich selbst, einen ganz anderen Kampf austragen musste, als jenen ums deutsche Tor. Und dass er auf schrecklichste Weise dabei war, diesen Kampf zu verlieren. Denn die Depression, diesen privaten Abgrund, konnte der Keeper bis zum Ende verbergen, wirkte deshalb nach außen weiterhin angemessen stabil und hielt hinten, was zu halten war. Tarnfarbe Tagesgeschäft.
So wurde die Krankheit nie Thema.
So wurde beim DFB weiterhin vor allem über Befindlichkeiten gesprochen, man hatte ja sonst keine Sorgen. Dann, kurz vor dem WM-Qualifikationsspiel gegen Russland, brach sich Enke das Kahnbein. Und Adler rückte nach. Er war jetzt die neue Nummer eins.
Zu Recht, schrieb der Tagesspiegel, und verdient. Denn seit der vergangenen Saison ist der 22-Jährige der beste deutsche Torwart.
Tim Wiese aber blieb weiterhin am Rande, eine Drohung eher als eine wirklich ernstzunehmende Alternative. Weil ihm trotz der Erfolge mit Bremen, in Meisterschaft und Champions League, die nötige Ruhe abgesprochen wurde, das ernsthaft Erhabene, diese Souveränität eines Stammkeepers, der sich nicht nur ins Getümmel werfen, sondern hin und wieder auch über den Dingen schweben sollte. Wiese, so der Tenor, teilte viel, strahlte aber wenig aus.
Immer mehr Risiko als Sicherheit, als hätte er den Kamikaze nie abgelegt.
Und ging es in jenen Tagen um seine Rolle bei der Nationalmannschaft, dann wurde auch seine Rolle gegen Turin natürlich immer noch mitgedacht.
Tim Wiese, so durfte er zwischen den Turnieren, also zwischen dem Finale der Europameisterschaft in Wien und dem Eröffnungsspiel der Weltmeisterschaft in Durban, als Einziger unter Löws Torhütern kein Spiel über 90 Minuten bestreiten und bekam in diesem Zeitraum überhaupt nur zwei Chancen, sich im Trikot der Nationalmannschaft zu zeigen. Wobei er die erste wohl besser angenommen, auf die zweite aber, an Tragik kaum zu überbieten, wohl lieber verzichtet hätte.
Denn als er dann doch einmal im Tor stehen sollte, am 5. September 2009 in Leverkusen gegen den kommenden WM-Gastgeber Südafrika, lehnte er ab. Aus Angst, dort in der BayArena, dem Heimstadion seines Kontrahenten René Adler, als Widersacher des Publikumslieblings nicht willkommen zu sein.
Wenn ich da spiele, erklärte er schon vorher, werde ich 90 Minuten ausgepfiffen. Das will ich mir nicht antun, darüber werde ich mit Jogi Löw sprechen.
Vorauseilender Gehörsinn.
Tim Wiese, er wollte damit wohl auch die eigene Mannschaft entlasten, ein bisschen Druck aus dem Kessel nehmen.
Weil es nicht gut ist, sagte er schließlich, wenn man als Deutscher von deutschen Fans ausgepfiffen wird.
Also verzichtete er. Und Adler spielte.
So aber wurde sein einziger Einsatz, am 18. November 2009 in der Arena auf Schalke, das wahrscheinlich schwierigste, aber ganz sicher undankbarste Spiel seiner Karriere.
Denn acht Tage zuvor war Robert Enke gestorben.
Und der deutsche Fußball, seine Tribünen voll Tränen, trug Trauerflor.
Die Mannschaft, jedes Wort zentnerschwer, hatte einen Brief an ihren Torwart geschrieben und Michael Ballack das rote Trikot mit der Nr. 1 auf die Auswechselbank gelegt.
Und Tim Wiese, die 23 auf dem Rücken, musste eine Halbzeit lang im Tor stehen, ehe er von Manuel Neuer abgelöst wurde, der sich für sein erstes Heimspiel als Nationaltorhüter ganz sicher auch einen anderen Rahmen gewünscht haben dürfte als diesen.
Wiese und Neuer, so teilten sie sich diesen Abend. Vereint in der Geste. Denn schon während der Trauerfeier in Hannover hatten sie gemeinsam am Sarg ihres Mitspielers gestanden. Schweigend nebeneinander, in schwarzen Mänteln. Ein Zeichen auch, weil in diesen Stunden des Schmerzes kein Raum mehr war für Rivalitäten.
Wiese und Neuer, so wurden sie bald schon deutsche Zukunft, von den Zeitläuften in die erste Reihe geschoben. Denn schon wenige Monate später, nachdem sich René Adler, der nun an Enkes Stelle als Nummer eins zur WM fahren sollte, eine Rippe gebrochen hatte und deshalb operiert werden musste, waren sie plötzlich übrig geblieben.
Entweder, oder.
Es konnte nun, bisschen Highlander im Löw-Kader, nur einen geben. Die T-Frage plötzlich nur noch Duell. Und Wiese, ohne zu blinzeln, sah sich auf Augenhöhe. Mit dem vier Jahre jüngeren Schalker. Er glaubte, bis zum Schluss, bis in den Mai hinein, an ein offenes Rennen.
Dann jedoch gab Joachim Löw seinen Kader bekannt.
Und legte sich fest.
Auf Philipp Lahm als neuen Kapitän. Und auf Manuel Neuer als neue Nummer eins. Eine Zeitenwende. Und eine Entscheidung, die Tim Wiese jahrelang nachhängen sollte.
Bei der WM 2010, erklärte er 2016 in einem Interview mit der Sport Bild, hätte ich spielen müssen. Das haben mir die Jungs in der Mannschaft auch gesagt. Es war meine beste Zeit.
Südafrika, für ihn auch heute noch eine große Verschwörung. Eine politische Entscheidung, ganz sicher.
Tim Wiese, so musste er die Weltmeisterschaft von der Bank aus verfolgen. Und hatte damit, immer ganz nah dran, immer sehr böse Miene zum sehr guten Spiel, die wohl beste Sicht auf die Dinge, während eine neue deutsche Mannschaft, leichtfüßig und torhungrig, die Welt verzauberte und Manuel Neuer im Verlaufe dieses Turniers in die Weltklasse sprang. Der tatsächlich neue Titan, auch wenn er im Halbfinale schließlich wenig ausrichten konnte, gegen Carles Puyol, gegen die Stirn und die Wucht des Katalanen.
Tim Wiese, am Ende sollte er dann, wie Oliver Kahn vier Jahre zuvor, zumindest noch im Spiel um Platz drei im Tor stehen. Ein Trostpflaster, das er, gewohnt unversöhnlich, in die Tonne kloppte.
Ich war angeschlagen, erzählte er später, hätte aber spielen können. Aber ich hatte keinen Bock mehr. Warum sollte ich in einem solchen Spiel noch auflaufen? Das interessierte niemanden mehr.
Während die anderen als Helden heimkehrten, hatte Wiese also reichlich Frust angehäuft. Wieder einmal. Er war nicht zufrieden, blieb aber dennoch dabei, als klare Nummer zwei hinter Neuer. Und nahm auch diese Rolle irgendwann an, obwohl ihn die Aufgabe als Herausforderer, dieser ständige Spagat zwischen Anspruch und Anstand, wohl selbst am meisten herausforderte. Denn spielen durfte er weiterhin kaum.
Und wenn er spielte, dann lief es nicht gut. Weder für ihn noch für die Nationalmannschaft.
Mit Wiese im Tor, schrieb die WELT im März 2012, kann die DFB-Elf nicht gewinnen.
Da hatten sie gerade mal wieder gemeinsam verloren, Wiese und Deutschland. Diesmal gegen Frankreich, zu Hause in Bremen. Heimspiel im Weserstadion, erst die Vorfreude, dann die Ernüchterung groß. Schließlich war es, irre genug, seine bereits sechste Niederlage im erst sechsten Einsatz für Deutschland.
Tim Wiese, der Nullpunktelieferant. Länderspiel-Fluch, hieß es nun. Auch wenn ihn diesmal keine Schuld traf. Schon zu Beginn, 16 Minuten gespielt, hatte er seine Reflexe in den Angriff der Franzosen und danach gleich mehrfach in den Dienst der Mannschaft gestellt, dabei meist Erstretter in höchster Not, eher er anschließend weitestgehend allein gelassen wurde.
Tim konnte an den Toren nichts machen, sagte der Bundestrainer, er hat ein gutes Spiel gemacht.
Doch Wiese, enttäuscht und erledigt, verkroch sich in die Katakomben seines Wohnzimmers. Diesmal besonders traurig, weil das Ende an diesem Abend schon mitschwang.
Die Niederlage gegen Frankreich sollte ja nicht nur Wieses letzter Einsatz für die Nationalelf sein, sondern auch einer der letzten großen Auftritte im Weserstadion. Denn nur wenige Wochen später gab er seinen Abschied bekannt, nach sieben Jahren bei Werder.
Ich hatte sehr schöne Jahre in Bremen, erklärte er da, nun geht die Zeit zu Ende. Das ist sehr schade, aber ich wollte etwas Neues.
Noch mal woanders hingehen.
Der Verein, so schien es, passte nicht mehr. Bremen, jetzt tatsächlich zu klein. Für die nach wie vor angespannten Ambitionen, den Karriereplan des Keepers. Tim Wiese wollte, das erzählte er gerne und laut, noch einmal dauerhaft international, endlich wieder um Titel mitspielen. Er hatte mit Bremen ja doch nur einen geholt.
Den Pokal, 2009. Konfetti im Frühling der Kugel.
Doch während Werder gerade dabei war, den Anschluss zu verlieren, erkannte Wiese im Spiegel natürlich die noch immer große Nummer. Keine Frage, er hätte sich, jedes Mal wieder, als Erstes gewählt.
Irgendwann in diesen Wochen, wahrscheinlich noch vor der Europameisterschaft, wurde er von José Mourinho kontaktiert.
Der Portugiese, das erzählte Wiese später immer wieder, wollte ihn damals nach Madrid holen. Als Herausforderer für den mittlerweile in die Jahre gekommenen Iker Casillas. Ein königliches Angebot, es wäre der große Schritt gewesen, einmal raus aus Deutschland, noch mal etwas ganz anderes wagen, Paraden im Bernabéu, der Clasíco gegen Barcelona. Und im Grunde war Real genau richtig, weil dieser Klub schon immer ein Faible hatte, für die Extrovertierten, die Paradiesvögel, für Gockel und Fasane. Sie mussten nur Leistung bringen. Und Titel holen, die Vitrine mit Würde füllen, dann verzieh man ihnen jede Extravaganz.
Deshalb kamen sie ja. Früher Schuster und Netzer, später Beckham und Figo und schließlich Cristiano Ronaldo.
Und überhaupt, Mourinho und Wiese, das war vielleicht gar nicht so weit hergeholt, wie viele dachten. Die beiden Grenzgänger, an und auf der Linie, das hätte ja durchaus was werden können.
Aber Wiese lehnte das Angebot ab, weil er sich die Rolle des Thronfolgers nicht zutraute.
Und weil er, so schrieb es der Spiegel, Angst hatte, als Deutscher in Spanien unterzugehen.
Casillas war in Madrid ein heiliggesprochener Torwart, erklärte er später, ein Battle mit ihm wäre fast aussichtslos geworden.
Neben den sportlichen gab es aber durchaus auch private Gründe für Wieses Absage.
Da war, zum einen, seine Tochter, die bald eingeschult werden und deshalb unbedingt in Deutschland bleiben sollte. Und da war, zum anderen, seine Mutter, die er nach dem Tod des Vaters im Winter 2011 nicht allein lassen wollte.
So war es am Ende ein schwacher Cocktail aus Mutlosigkeit, Heimatverbundenheit und Familiensinn, der ihn dazu brachte, den, wie er im Nachhinein zugeben musste, größten Fehler seiner Karriere zu begehen. Denn kurz danach unterschrieb Tim Wiese bei der TSG Hoffenheim.
Also Babbel statt Mourinho, SAP statt Bernabéu. Andreas Beck, Vincenzo Grifo und Sven Schipplock statt Marcelo, Casemiro und Kaká.
Tim Wiese war innerhalb der Liga gewechselt, vom Neunten zum Elften nur, und dennoch schmeckte seine Entscheidung nach Abstieg, als wäre er freiwillig mit runtergegangen.
Deshalb wurde er von reichlich Häme begleitet, obwohl dieser Wechsel nach Hoffenheim gar nicht so sehr von Wiese selbst, sondern viel eher durch seinen Berater vorangetrieben worden war. Schließlich pflegte Roger Wittmann, das Feld schon bereitet, eine jahrzehntelange Freundschaft zu Hoffenheims Mäzen Dietmar Hopp, was dazu geführt hatte, dass bei der TSG mittlerweile gleich mehrere Spieler unter Vertrag standen, die allesamt zu Wittmanns Agentur gehörten. Darunter auch die Brasilianer Luiz Gustavo und Carlos Eduardo, die erst für wenig Geld geholt und dann gewinnbringend weiterverkauft wurden. Für beide Seiten, Verein und Berater, ein gutes Geschäft. Weshalb Wittmann, der bereits Jahre zuvor in Kaiserslautern, damals gemeinsam mit seinem Schwager Mario Basler, eine gut gehende Vetternwirtschaft unterhalten hatte, nun auch in Hoffenheim, unter den immer lachenden Augen seines Kumpels, einen Staat im Staate errichten durfte. Dort liefen seine Klienten, durch die Gänge und über den Rasen. Dort saß er im Grunde selbst mit in der Kabine. Und Tim Wiese konnte gleich König sein, sich kurz nach seiner Ankunft die Binde über den Bizeps streifen.
Spielführer, zum Zerreißen gespannt.
Eine Entscheidung fürs Ego, die nicht wirkte, als wäre sie rein fachlich gewesen.
Markus Babbel, war sich Wiese allerdings sicher, wird seinen Grund gehabt haben, mich zum Kapitän zu machen. Ich habe Erfahrung und einiges erreicht.
Tim Wiese, er strotzte mal wieder. Er hatte die Kraft.
Und das Selbstvertrauen dazu.
Ich hoffe, erklärte er kurz nach seiner Vorstellung, dass ich mit Hoffenheim Deutscher Meister werde.
Der erste Dämpfer aber folgte unmittelbar. Denn schon kurz darauf entsandte Joachim Löw seine Assistenten nach Sinsheim, Hansi Flick und Andreas Köpke, die Tim Wiese erklären sollten, dass er von nun an nicht mehr Teil der Nationalmannschaft sein würde. Eine alberne Abordnung. Wobei die dröhnende Abwesenheit des Bundestrainers, der es ganz offenkundig nicht für nötig erachtete, seine Entscheidung selbst in den Kraichgau zu tragen, natürlich auch ein letzter, dafür aber umso schärferer Gruß aus der Küche war. Jogi Löw, mit ordentlich Geschmäckle.
Und weil er sich die Finger nicht schmutzig machen wollte, standen nun eben Köpke und Flick vor der Tür, seine Handlanger in Hoffenheim. Vorboten auch, die Zeugen Joachim. Sie hatten Kunde dabei. Tim Wiese, das Ende naht.
Sie wollten, so hieß es später, künftig auf jüngere Torhüter setzen.
Moderner Torwart, Old-School-Torwart, was ist das, fragte Wiese hinterher noch, mit diesen Begriffen kann ich nichts anfangen.
Da allerdings hatte er das Ringen mit dem Bundestrainer, diesen nie wirklich offenen Kampf um den Platz im deutschen Tor bereits letztgültig verloren. Da war er, 1981 geboren, plötzlich zu alt. Tim Wiese, natürlich koan Neuer.
Und dennoch schwang in dieser Entscheidung noch etwas anderes mit, war Wiese, unfreiwillig, aber keineswegs unschuldig, irgendwann Teil einer Debatte geworden, in der die großen Gewissheiten des deutschen Fußballs infrage gestellt und damit auch seine größten Figuren angezählt wurden. Die Häuptlinge und Hauptmänner, die das Feld und die Kabine beherrschten, der Strafraum Hoheitsgebiet, das Mittelfeld Großgrundbesitz. Die lange Ahnenreihe der Anführer, von Beckenbauer bis Ballack. Dazwischen Netzer und Breitner, Matthäus und Effenberg. Deutsche Denkmäler, Status-Statuen, die zu Beginn des neuen Jahrtausends plötzlich nicht mehr zeitgemäß wirkten und nun vom Sockel geholt werden mussten, um Platz zu schaffen für die Jüngeren, die ihre Hierarchien flach und ihre Kabine leise mochten, Achtsamkeit in der Eistonne, nun auch Traditionen in Trümmern. Weshalb Tim Wiese, auch gerne Alpha, selbst der Stolz solariumgebräunt, hineingestolpert war, in eine Generationenfrage, wenn man so will, die sich irgendwann zur Geschmacksfrage ausgewachsen hatte.
Tim Wiese ist fünf Jahre jünger als Michael Ballack. Und zwölf Jahre jünger als Oliver Kahn. Aber müsste man ihn einer Gruppe zuordnen, einer gefühlten Altersklasse, einem bestimmten Typ Mann auch, er würde sicher dort landen. Zwischen den Überheblichen und den Unbequemen. In einem Topf mit denen, die immer den Deckel draufmachen wollten. Denn Wiese, der Junge aus Bergisch Gladbach, war noch unter Leitwölfen groß geworden, mit Testosteron gesäugt, nach dem Training mit Schmierfett eingerieben. Von einem Ziehvater, der sich Tarzan nannte. Irgendwann selbst Tier. Ein Urviech, so sagte man gern. Ein Adrenalin-Adler, bei dem es immer und vor allem darum ging, wie weit und hoch er fliegen konnte. Einer, der so lange getrieben wurde, bis er Getriebener war. So unterschied er sich von den anderen, den Rivalen und Zeitgenossen. Als Keeper, aber auch als Körper. Im Rauslaufen. Und im Auftreten, immer Brust raus. Immer Paradebeispiel.
Tim Wiese, so war selbst sein hässlichstes Foul, dieser Tritt gegen Ivica Olić, vor allem eine Ode an den Titan, an den Klassiker. Kahn gegen Herrlich. Das gestreckte Bein, der irre Blick, Wahnsinn auf Rasen. Als hätte er das einstudiert, als Jugendlicher vor dem Fernsehgerät, zusammen mit Gerry Ehrmann, sechste Stunde Selbstverständnis.
Tim Wiese, keine Frage, war übrig geblieben.
Und genau deshalb dazwischengeraten.
Er passte schon nicht mehr hinein. In den großen Aufbruch, diesen deutschen Sommer, der 2010 in Südafrika begonnen hatte und vier Jahre später in Brasilien seinen Höhepunkt erfahren sollte. Er war nicht Neuer oder Özil, nicht Khedira oder Müller.
Und während sich Deutschland in einen Jungen verliebte, der nach Abpfiff noch eben seine Omas grüßte und ganz offensichtlich keine Muskeln brauchte, um sich über den Platz zu bewegen, weil er die Räume deuten konnte und sie deshalb nicht mehr besetzen musste, saß Wiese nur mürrisch auf der Bank.
Ersetzt, so schrieb es die ZEIT, durch schlankere, wendigere und sanfte Typen.
Denn im Angesicht der neuen Leichtigkeit, von Michael Becker, Ballacks damaligem Berater, in einem letzten Stellungsgefecht mit dem Spiegel noch händeringend als halbschwul bezeichnet, wirkte auch Wiese plötzlich zentnerschwer. Hüftsteif und wächsern, wie ein Rummelboxer, der sich zum Ballett verirrt hatte.
Das immer etwas zu enge Trikot, der immer etwas zu sichtbare Bizeps, plötzlich das letzte Flackern einer sehr schnell vergangenen Zeit.
Die Entscheidung des Bundestrainers, sie hatte ihn deshalb besonders hart getroffen, ein Hammer auf Brusthöhe. Ein Niederschlag. Tim Wiese, er war jetzt Ex-Nationalspieler, ein Ehemaliger. Und damit beschädigt, in Zukunft unbrauchbar.
In Hoffenheim immerhin, ganz andere Pläne, sollte er zumindest noch die Gegenwart prägen.
Als Kapitän und Anführer, das alte Rollenverständnis.
Nur gelang auch das nicht so richtig. Denn gerade einmal eine Woche nach der Demontage durch den Bundestrainer, die Wunde noch frisch, gab er sein Debüt für die TSG. Im Pokal beim Berliner Viertligisten BAK. Und es wurde alles noch schlimmer, weil sich die Hoffenheimer, diese Millionentruppe vom Lande, dort im Poststadion von den Amateuren aus der Hauptstadt überrennen ließen, dabei überraschend wehrlos waren. So stand es schon nach der ersten Halbzeit 3:0. Und am Beginn der zweiten, kaum fünf Minuten gespielt, schenkte Wiese den Berlinern dann noch ein viertes Tor. Da blieb er bei einem Abschlag im Boden hängen und schoss den Ball in die Füße von Metin Cakmak, dem unermüdlichen Stürmer des Gegners, der bereits den ersten Treffer erzielt und sich kurz danach am Kopf verletzt hatte, weshalb er jetzt einen Turban in den Vereinsfarben trug, mit dem er wie ein Krieger wirkte. Ein Sinnbild.
Cakmak jedenfalls bedankte sich und drehte dann jubelnd ab, während Wiese am Boden lag. Vielleicht auch das Echo im Ohr.
Puma! Puma!
Katzenjammer im Wedding.
Gerade einmal 1468 Zuschauer hatten das Spiel gesehen, am Abend aber, Metin Cakmak war spontan ins Sportstudio geflogen worden, lachte ganz Deutschland über die TSG.
BAK, schrieb die BZ, ballert Babbel von der Wiese.
Und Wiese, selbst rasend vor Wut, schnaubte in jedes Mikrofon, wollte wegdrücken, wachrütteln. Gleich Zeichen setzen. All das, was ihm in den 90 Minuten zuvor nicht gelungen war.
Unter aller Sau, sagte er später, es war mein erstes Spiel als Kapitän und dann das.
Es sollten aber, unfassbar im Grunde, auch nur zehn weitere folgen. Denn Wiese und Hoffenheim, das war von Beginn an ein ganz großes, ein nachgerade kapitales Missverständnis. Und die Demütigung im DFB-Pokal im Grunde schon der noch heute berühmte Anfang vom Ende.
Denn die Bundesligasaison der TSG, von der Meisterschaft sprach niemand mehr, begann dann gleich mit drei Niederlagen. Wobei Tim Wiese elf Tore kassierte, in Freiburg mal wieder entscheidend danebengriff und sich anschließend von den gegnerischen Fans verhöhnen lassen musste.
Wiese, Wiese, hahaha!
Der Torwart plötzlich am Pranger, auch von der Presse mit Fallobst beworfen.
Fehlerteufel Wiese, schrieb die WELT am nächsten Tag.
Solche Gegentore, sagte Abwehrchef Matthieu Delpierre, dürfen in der ersten Liga nicht passieren.
Was auch ein Gruß an den Keeper war, die öffentliche Kritik am Kapitän. Bisschen Meuterei auf einem bereits sinkenden Schiff.
Lange nach Abpfiff, immer noch aufgebracht, stieg Wiese dann wortlos in den Mannschaftsbus. Am Wochenende danach aber, vierter Spieltag, schon nicht mehr in den Ring. Da ließ er, sonst immer Kämpfer, die Handschuhe im Spind. Da fehlte er plötzlich, vermeintlich verletzt, angeblich Adduktoren, das aber stimmte nicht ganz. Der Verein schützte ihn nur.
Denn Wiese, offiziell an der Leiste, insgeheim aber an der Seele beschädigt, hatte seinen Trainer um diese Pause gebeten. Er war gerade zwei Monate in Hoffenheim, aber er kapitulierte bereits. Dem Kraftpaket, irre genug, fehlte die Kraft, dem Hohn entgegenzutreten. Tim Wiese, noch nicht viel gehalten, jetzt hielt er auch den Spott nicht mehr aus.
Plötzlich mehr Mensch als Maschine.
Weshalb ihn Markus Babbel, durchaus Verständnis, für ein paar Wochen aus der Schusslinie nahm, ehe Wiese im Herbst noch einmal zurückkam, dann aber, bei seinem Comeback gegen Fürth, in letzter Sekunde den Ausgleich hinnehmen musste.
Im Moment ist jeder Schuss ein Treffer, erklärte Babbel hinterher, hörbar ratlos.
Das ist deprimierend, sagte Wiese, das ist bitter, der Wahnsinn.
Vokabeln der Verzweiflung.
Er spielte dann noch vier Spiele, aber nicht ein Mal zu null. Dann rissen die Bänder, diesmal tatsächlich. Das nächste Ende, mal wieder vom Körper diktiert. Wobei Markus Babbel den Journalisten nachher erklärte, dass er bereits unter der Woche über einen erneuten Torwartwechsel nachgedacht hatte, ehe ihm die Entscheidung durch Wieses Verletzung abgenommen wurde.
Eine ebenso ehrliche wie dämliche Aussage, schrieb die WELT.
Denn damit hatte der Trainer das nächste Fass auf gemacht. Und es dauerte nun auch nicht mehr lang, bis dieses Fass überlief und Babbel aus dem Amt gespült wurde. Denn gerade einmal zwei Wochen später, nach einer Heimniederlage gegen Werder Bremen, wurde in Hoffenheim auch der Trainer ausgetauscht. Nach nur drei Siegen, aber 36 Gegentoren in 15 Spielen.
Markus Babbel, so war er am Ende an Werder, im Grunde aber schon vorher an Wiese gescheitert, weil er seinem Torwart erst die Treue gehalten und dann, ohne Not, das Vertrauen entzogen hatte. Ein seltsamer Shuffle, so war er ins Stolpern geraten.
Hoffenheim schloss die schlechteste Hinrunde der Vereinsgeschichte dann als Vorvorletzter ab, und Tim Wiese, der im Sommer gekommen war, um Titel zu holen, wurde im Winter zum Absteiger der Saison gewählt, immerhin das. In einer Umfrage unter allen Bundesligaprofis, saftige Kollegenschelte im kicker. Wiese, nur noch Erster unter Letzten, war jetzt:
Der Verlierer des Jahres.
Der Trottel der Nation.
Ein König ohne Volk, mit Anlauf vom Thron gestoßen.
Mir scheißegal, sagte er.
Marco Kurz, der als Nachfolger des gescheiterten Markus Babbel nun inmitten eines Trümmerfeldes stand und dort so etwas wie Hoffnung säen sollte, nahm Wiese dann die Binde ab, gab ihm aber, in einer Art Ablasshandel, den Platz im Kasten zurück.
Es war der letzte Versuch einer Wiedereingliederung unter Wettkampfbedingungen. Ein Resozialisierungsprogramm, wenn man so will. Wiese flog auf Bewährung.
Keine vier Wochen später allerdings, nachdem er gegen Frankfurt wieder den Fehlerteufel gegeben hatte und damit nicht nur am Ball vorbei, sondern auch aus der Mannschaft geflogen war, lief er als Sträfling durch die Nacht. Schwankend, mit ordentlich Schlagseite zurück in die Schlagzeilen.
Da nämlich war er feiern gewesen, gemeinsam mit seinem Mannschaftskollegen Tobias Weis, den die wenigsten aus der Nationalmannschaft, die meisten aber aus der nutella-Werbung kannten. Lang und breit, Rosenmontag in der Ballei, einer Festhalle in Neckarsulm, etwa 30 Minuten vom Stadion in Sinsheim entfernt.
Und hatte sich dafür als Knastbruder verkleidet, der Kamizake als Knacki, mit Silberkette, schwarz und weiß gestreiftem Shirt und einer Sonnenbrille, mit der er auf ungute Weise aussah wie der Zweitplatzierte eines Michael-Ammer-Ähnlichkeitswettbewerbs in Oberursel.
Tim Wiese, jetzt zumindest noch Partykönig, er hatte wohl auch ein bisschen getrunken. Und irgendwann, es muss gegen 22 Uhr gewesen sein, gab es Streit auf der Herrentoilette und ein paar Pöbeleien mit anderen Gästen, dann mischte sich die Security ein.
Damit, erzählte Weis später, fing der Ärger an.
Die beiden Profis, sie wurden von der hinzugerufenen Polizei schließlich aus der Halle geworfen.
Wiese im Karneval abgeführt, meldete die WELT tags darauf.
Der Sträfling, er hatte sich selbst verhaftet. Der Veranstalter allerdings verzichtete auf eine Anzeige. Und die Beamten beließen es bei einer Verwarnung, machten die Umstände dieser Nacht jedoch ordentlich öffentlich.
Das ganze Verhalten war unflätig, erklärte ein Polizeisprecher noch zeitnah gegenüber der BILD, wahrscheinlich war der Alkoholkonsum der beiden schuld.
Und dass dieser Polizeisprecher allen Ernstes Harald Schumacher hieß, bisschen Tünn an Karneval, der Jeck und die Jacketkronen, war dann auch nur eine zusätzliche Pointe, ein herrlicher Torhüter-Gag, über den in Hoffenheim allerdings niemand mehr lachen wollte.
Denn schon am nächsten Morgen war aus dem Fehltritt ein handfester Skandal geworden.
Böses Erwachen schon vor Aschermittwoch, schrieb die Sport Bild.
So etwas, erklärte Hoffenheims Manager Andreas Müller, darf nicht ohne Konsequenzen bleiben.
Und Tim Wiese, im Sommer noch Kapitän, wurde erneut degradiert, nun zum dritten Torwart gemacht. Auch wenn er sich hinterher angemessen kleinlaut gab.
Tobias und ich sind uns bewusst, erklärte er da, dass wir einen Fehler gemacht haben, und möchten uns dafür beim Verein, vor allem aber bei unseren Mannschaftskollegen entschuldigen.
Seine Reue hielt jedoch gerade einmal drei Wochen, dann war Wiese wieder unterwegs. Diesmal bei einem Handballspiel der Rhein-Neckar-Löwen, auch dort wurde getrunken. Auch dort stellte er sich erst ins Blitzlicht und wurde dann, so hieß es später, auffällig.
Er habe vielleicht zwei Bier getrunken, erklärte Wiese dann noch, ein letzter Abwehrversuch.
Doch diesmal war es der eine Fehltritt zu viel.
Denn unmittelbar danach wurde Wiese, der im Grunde gerade erst von der Bank auf die Tribüne gewechselt war, gänzlich aus dem Kader gestrichen.
Tim wird separat trainieren, erklärte Trainer Kurz.
Er bekommt nun Einzeltraining, erklärte Müller, das tut ihm sowieso gut.
Tim Wiese musste jetzt Abstand halten. Er durfte sich der eigenen Mannschaft nicht mehr nähern. Eine Maßnahme, die einer einstweiligen Verfügung glich, einem Urteil auch, mit dem die Verantwortlichen ein Zeichen setzen, nach außen hin Stärke demonstrieren wollten. Und doch das genaue Gegenteil erreichten, weil nun die Brüche sichtbar wurden. Das blanke Nervenkostüm, drei Wochen nach Karneval. Denn im Umgang mit dem unmöglichen Torwart hatte sich der Verein selbst verraten, und so konnte auch Tim Wiese, nun fast täglich und aus der Distanz des Degradierten, dabei zusehen, wie die Protagonisten der Pleite unter den Fliehkräften der Krise langsam auseinanderbrachen, amtliche Auflösungserscheinungen.
Nur wenige Tage später war auch Müller weg und Kurz Geschichte, der nächste Trainer von der Verzweiflung gefressen, die Mannschaft immer noch abstiegsbedroht.
Der große Knall, schrieb der kicker.
Die Posse um den Dorfklub ging weiter.
Als Ersatz und Retter wurde Markus Gisdol geholt, ehemals Trainer der eigenen U23. Jetzt letzte Hoffnung.
Ein Feuerwehrmann, wie es dann in der Branche gern heißt. Ein im Grunde längst abgewohnter Begriff, der ja noch aus einer Zeit stammt, in der die Retter Schnauzer trugen und Lederjacken und Echt Kölnisch Wasser, Männer mit Medizinbällen, mit Zuckerbrot und Peitsche. Diesmal aber passte er gut. Denn die TSG stand in Flammen, nachdem auch Wiese ordentlich gezündelt, immer wieder Öl in die Brunst gegossen hatte.
Unter Gisdol aber durfte er endlich wieder mit der Mannschaft trainieren. Und so keimte die Hoffnung, dass dieser neue Trainer, der dritte innerhalb weniger Monate, auch ein neuer Anfang sein könnte. Einer, der, frei vom Ballast der Vergangenheit, den Reset-Knopf drückt. Das erste Training aber, er war von Gisdol ins Tor der B-Elf gestellt worden, verließ Wiese dann vorzeitig, nach gerade einmal 60 Minuten, und verschwand sichtlich frustriert im Kraftraum. Eine Kapitulation, weil doch sofort und unmissverständlich klar geworden war, dass er auch unter dem neuen Trainer weiterhin auf der Tribüne sitzen würde, sein Stammplatz mittlerweile.
Jeder, hatte Gisdol bei seinem Amtsantritt noch verlauten lassen, wird eine neue Chance bekommen. Es gibt aber keine Veranlassung, eine neue Baustelle zu eröffnen.
Wiese und Hoffenheim, damit war es wirklich vorbei.
Der beispiellose Niedergang des Tim Wiese, titelte die WELT.
Denn wenig später erinnerte sich Markus Gisdol an das durchaus stillose Stilmittel seiner unmittelbaren Vorgänger und löste das noch immer gärende Torwartproblem, indem er den Torwart erneut vom Rest der Mannschaft trennte und ihn stressbedingt strafversetzte.
Dieses Mal allerdings wurde Wiese nicht allein in die Ungewissheit entlassen, sondern von einem halben Dutzend anderer Problem-Profis begleitet, darunter auch Tobias Weis, Matthieu Delpierre oder Eren Derdiyok. Sie teilten sein Schicksal. Sie hatten das Preisschild noch am Ärmel, ehemals Luxusgüter. Nun aber waren sie, allesamt Altlasten, nicht mehr erwünscht. Nun waren sie die bald schon deutschlandweit berühmte Trainingsgruppe 2.
Ein schweißnasses Synonym für eine verfehlte Vereinspolitik, für die wirklich falschen Transfers. Das schlechte Gewissen von Sinsheim, so wurden sie auf einen Dorfplatz verschoben, mit drei Bällen und sechs Hütchen. Ein Zwischenlager, ein Verbannungskasten auch. Hin und wieder kamen ein paar Schüler vorbei. Oder Studenten, die dann mitspielen durften.
Und will man einen Tiefpunkt finden, in der langen Karriere von Tim Wiese, dann lag er ganz sicher dort, auf diesem Dorfplatz am Rande der Wahrnehmung, der ganz harte Boden, die ganz bittere Realität.
Tim Wiese, Lachnummer eins.
So war er am Ende hineingefallen, in eine schier bodenlose Kluft, gähnend zwischen Wahn und Wirklichkeit, Image und Leistung, Anspruch und Anstand, und hatte auf dem langen Weg nach unten nicht nur zwei Trainer und einen Manager gestürzt, sondern beinahe auch den ganzen Verein mit in die Tiefe gerissen.
Die Kraft hatte er noch, er strotzte nur so.
Hoffenheim aber rettete sich dann doch, gerade noch eben. Am letzten Spieltag in Dortmund, mit zwei späten Elfmetertoren in die Relegation, besiegte dort Kaiserslautern, und feierte den zwischendurch kaum noch für möglich gehaltenen Ligaverbleib, ein fast peinliches Happy End.
Kitschkrieg im Kraichgau.
Tim Wiese aber hatte nicht mal seine eigene Klasse gehalten.
Im Sommer danach leerte sich der Dorfplatz, nach und nach. Doch während die anderen gingen, Derdiyok zurück nach Leverkusen, Delpierre nach Utrecht und Weis zu Eintracht Frankfurt, blieb er einfach dort.
Bereit, das ganze Ding auszusitzen.
Ich habe nicht für vier Jahre unterschrieben, erklärte Wiese in einem Interview mit der BILD, um meinen Vertrag nach einem Jahr wieder aufzulösen.
So ließ er seine Sachen im Spind und verweigerte die Flucht. Wohl auch deshalb, weil er gar nicht wusste, wohin er überhaupt fliehen sollte.
Nach Russland, das wollte er nicht.
Nach Bremen, das ging nicht mehr.
Die Zeit ist vorbei, sagte er, es gibt kein Zurück.
In diesen Wochen aber, als die Trainingsgruppe 2 im Grunde nur noch aus ihm selbst, den drei Bällen und sechs Hütchen bestand, ehe sie schließlich, so klammheimlich wie kleinlaut, ganz aufgelöst wurde, machte Tim Wiese, was er immer schon gemacht hatte, wenn die Welt draußen nicht so sein wollte, wie er sie gern gehabt hätte, und suchte sein Heil auf der Hantelbank, den Trost am Trizepsseil, stemmte Eisen, bis die Adern hervortraten, pumpte, bis die Muskeln brannten und sich sein Körper bald auch sichtbar veränderte.
Butterfly-Effekt.
Allein im Herbst legte er sechs Kilo zu, Brustumfang und Bizeps-Keulen. Und trainierte sich damit, Satz für Satz, auch den Torhüter ab. Er war jetzt Bodybuilder.
Tim Wiese hatte umgeschult.
Und sich bald so stark verändert, dass diese Verwandlung irgendwann auch von seinem einstigen Förderer mit Sorge begleitet wurde.
Was er jetzt macht, ist nicht gut, das ist völlig überzogen, erklärte Gerry Ehrmann in einem Interview mit Sport1.
Und riet seinem ehemaligen Schüler dann auch gleich, die Karriere doch besser ganz zu beenden und nicht noch einmal ins Tor zurückzukehren.
Mit der Muskulatur, sagte Ehrmann da, kann der Junge das nicht mehr. Mit der Figur hat er ja Probleme, den Ball aus dem Tor zu holen.
Ein Kommentar, der mit Karacho aus dem Strafraum kam. Tim Wiese, er war jetzt selbst für den einstigen Kraftkeeper aus Kaiserslautern, ungeheuerlich fast, zu viel Kraft und zu wenig Keeper.
Ihn selbst aber dürfte das kaum noch getroffen haben. Denn den Körper, den wollte er so. Und richtig Bock auf Fußball, das gab er später zu, hatte er am Ende ohnehin nicht mehr. Der Spaß am Spiel war ihm, zwischen Debakel und Dorfplatz, irgendwann abhandengekommen, weshalb es nur folgerichtig war, dass er schon bald etwas ganz anderes machen, seinen neuen Körper auf eine ganz neue Bühne wuchten sollte.
Wiese wird Wrestler, so stand es im Herbst 2014 plötzlich in den Zeitungen, so dröhnten die Online-Portale, nachdem der Keeper eine Anfrage der World Wrestling Entertainment erhalten hatte.
Es war die ganz grelle Meldung, der nächste Zwischenruf aus dem Zirkus. Und für die Öffentlichkeit natürlich nur der nächste Stunt des Fliegenfängers.
Für Wiese aber musste es sich angefühlt haben, als hätten da urplötzlich ein paar alte Freunde vor der Tür gestanden. Er war ja, das erzählte er dann, als kleiner Junge schon Wrestling-Fan gewesen. In seinem Kinderzimmer, so muss man sich das wahrscheinlich vorstellen, hingen also nicht nur Uli Stein und Toni Schumacher, sondern auch Bret Hart, der sich Hitman nannte, Steve Austin oder Hulk Hogan, Männer in Strumpfhosen, schrille Helden, die ihre Konflikte mit Klappstühlen klärten, und gerne für die Spannung in den Seilen hingen. Die geballte Männlichkeit der Achtzigerjahre. Er wäre wohl gerne gewesen wie sie, er hatte diese große Sehnsucht nach der Show. Sein Torwartspiel, auch Jahre später noch, erzählte davon. Deshalb flog er so weit, so spektakulär, das Trikot als Kostüm, der Strafraum Ersatz, der nächstbeste Ring. Der Catcher als Fänger, es lag auf der Hand.
Für Tim Wiese, so schrieb es die WELT, dürfte es ein Kompromiss gewesen sein.
Jetzt aber waren die Wrestler auf ihn aufmerksam geworden, die echten. Und er sollte Teil ihrer Show werden. Natürlich nahm er die Einladung an.
Schiss, sagte er, habe ich nicht.
Tim Wiese angemessen tollkühn, ein Herr der Ringe jetzt.
Im November 2014, Samstagabend in der Festhalle Frankfurt, wurde er dann gleich gefeiert. Dort stand er auf dem roten Teppich, im Blitzlicht der Begeisterung, zusammen mit Sonya Kraus und zwei jungen Frauen in engen Höschen, trug dazu Lederjacke mit Fellkragen, hatte auch das Grinsen wieder gegelt. Und strahlte, in jede Kamera. Tim Wiese, man kann es kaum anders sagen, sah glücklich aus.
Ich glaube, erklärte Gerry Ehrmann, dass der Tim dieses Rampenlicht braucht.
Später dann saß Wiese entsprechend dicht an der Show, schon kampfbereit in der ersten Reihe. Und hörte die Sprechchöre, immer wieder. Und erlebte dort in der Halle tatsächlich, was ihm so lange gefehlt hatte. Die Wertschätzung des Publikums, den Applaus der Arena. Menschen, die seinen Namen riefen. Euphorie, die ihm entgegenschlug. Das hatte es seit Jahren nicht gegeben. Wiese, als wäre endlich wieder Derby. Und wie damals auf den Zaun, stieg er diesmal in den Ring.
Wurde wie abgesprochen angepöbelt, zog seine Jacke aus und tänzelte über die Seile hinein. Tim Wiese, an diesem Abend Verkleidung genug, die eigene Karriere das sowieso beste Kostüm, so trug er zur Jeans nur ein sehr weites Unterhemd, das die Amerikaner wahlweise Muscleshirt oder Wife-Beater nennen, in Anlehnung an den großen Marlon Brando in seiner ölverschmierten Rolle als Stanley Kowalski.
Tim Wiese, Endstation Sehnsucht.
Und natürlich trug er dieses ärmellose Schlabbershirt, damit jeder einzelne Zuschauer jeden einzelnen Muskel sehen konnte, die volltätowierten Prachtarme, die wie aus Silikon geformten Schultern, die Titantitten auch.
Hier, schrieb die WELT tags darauf, tanzt Tim Wiese im Frankfurter Wrestling-Ring.
Er war zu Gladiatoren gekommen. Und glotzte als Maximus in die Menge, fragend, fordernd, frivol.
Gefällt es euch nicht?
Unterhalte ich euch nicht?
Seid ihr nicht deshalb hier?
Seine Gesten schon Peitsche genug, so drehte er ein paar Runden, spannte an, klatschte ab, von sich und allem drum herum sichtlich begeistert. Er hatte die Halle im Griff und bald auch den Abend erobert. Nur kämpfen durfte er nicht.
Der Auftritt in Frankfurt, diese supergeile Show, wie er fand, war lediglich ein Testlauf gewesen. Ein erster Schritt in eine neue Welt, denn bis zu seinem ersten echten Kampf sollten noch einmal zwei Jahre vergehen.
Aber Wiese hatte sein Ziel erreicht, sich nicht nur obenrum, sondern auch vom Fußball frei gemacht. Denn jene Dinge, die ihm auf dem Rasen immer im Weg gestanden hatten, die dicken Arme, das maßlose Mundwerk, die oft peinlichen Provokationen, wurden am Ring im Grunde erwartet, sie gehörten zum Auftritt dazu. Tim Wiese, dort im Rampenlicht der Rauflustigen wurde er nun nicht mehr traurig belächelt, sondern tosend beklatscht, nicht mehr abgemahnt, sondern abgefeiert, endlich belohnt. Goldregen statt Geldstrafen. Und selbst das rosafarbene Trikot, in Bremen für immer Sinnbild seiner Extravaganz, Fetzen eines vermeintlichen Faustkämpfers, wäre in der Halle nicht mehr aufgefallen, sondern viel eher zu brav gewesen.
Im Ring war er nur ein Darsteller unter vielen.
Er hatte dort seinesgleichen gefunden.
Und damit, ganz nebenbei, auch die Seiten gewechselt.
Tim Wiese, immer schon gern gesehener Gast auf dem Boulevard, war nun endgültig vom Sport in den Klatsch gerutscht, zwischen die Geissens, zwischen Jachtgefummel und Pimmelpromis, zwischen Hollywoodstars, die besoffen ins Blitzlicht der Paparazzi blinzeln, und Königskinder, die an Halloween als Hitler gehen, zwischen die Reichen und Schönen, die Skandale und die Exzesse. Er war umgezogen, mit Sack und Pack. Aber die neue Nachbarschaft, sie passte zu ihm, er fühlte sich wohl.
Tim Wiese, von nun an für immer BILD-Note 1.
Und die Zeitung gab ihm dann bald auch einen eigenen Platz, eine Kolumne, in der er, natürlich mit Vollgas beworben, endlich mal Klartext reden sollte. Tim Wiese, kein Blatt vor den Mund. Was aber lediglich bedeutete, dass er den Marktschreier geben, also immer noch einen drauflegen und gerne auch ein bisschen nachtreten durfte. Schnelle Schüsse in kurzen Sätzen. Wobei die Themen meist vom Bauchnabel bis zur Tapete reichten. So ging es, zum Beispiel, um seinen Kumpel Max Kruse, dem er eine Backpfeife versprach, weil der sich nach einer Begegnung in Bremen nicht anständig bei ihm verabschiedet hatte. Oder um Florian Kohfeldt, dem er das Tragen einer Jeans empfahl, weil der Trainer, fand Wiese zumindest, in seinen Trainingsklamotten wie ein Balljunge aussah. Und schließlich auch um Thomas Schaaf, mittlerweile Tabellenletzter mit Hannover, der sich einfach mal Botox spritzen sollte, gegen die Sorgenfalten.
Tim Wiese, er machte sich lustig. Und wurde währenddessen selbst zur Pointe. Ein Internetphänomen. Der deutsche Chuck Norris, wegen der Muskeln. Und weil er diese Muskeln so gerne öffentlich zeigte, sich selbst zur Schau stellte, nur mit einem Handtuch um die Hüften vor dem Spiegel posierte. Tim Wiese, als hätte er sich selbst zum Abschuss frei gegeben. Die kleinen Kalauer, darin lag schon der Witz, sollten dann auch dem Letzten klarmachen, wie breit er geworden war.
So breit, er saß jetzt im Kino neben jedem. So breit, er musste seine Passfotos mit Google Earth machen. So breit, dass er nicht mehr ins Panini-Album passte. Und so weiter.
Aber es stimmte ja, Tim Wiese, breiter, immer breiter, hatte den Titan auf die Spitze getrieben. Und schlug sich jetzt zum Frühstück zwei Pfannen in die Eier.
Er selbst allerdings meinte die ganze Sache weiterhin ernst. Wrestling, er wollte das wirklich. Und flog deshalb schon bald nach Orlando, ins Trainingslager der WWE, um dort ein paar Grundlagen zu lernen. Das Schmeißen und Wüten, das Antäuschen und Abfälschen, die Würfe und Griffe, den Slam und den Swing. Das meiste war neu.
Nur die Rolle, über die Schulter nach vorne, die kannte er schon.
Tim Wiese, er konnte sich auch diesen Ausflug leisten. Er hatte Zeit und das Geld, er stand ja, auch wenn man das kaum glauben mochte, noch immer unter Vertrag. Als Fußballer, in Hoffenheim, war nach wie vor Spitzenverdiener der TSG, bekam brettharte 3,5 Millionen Euro im Jahr.
Der Hoffenheim-Vertrag, erzählte er später in einem Interview, war der beste Deal meines Lebens. Elf Spiele und drei Jahre bezahlter Urlaub. Wer wünscht sich so eine Zeit nicht? Das ist wie ein Lotto-Jackpot.
Im Sommer 2016 aber, die Stoßseufzer der Erleichterung waren von Sinsheim bis nach Bremen zu hören, endete auch dieses Arbeitsverhältnis. Das große Missverständnis. Und Wiese war endlich frei für die Show. Er durfte jetzt machen, was er wollte.
Er musste jetzt nicht mehr so tun, als ob.
Er konnte jetzt endlich so tun, als ob.
Tim Wiese, er war jetzt nicht mehr Tim Wiese.
Er war jetzt The Machine.
Ein Kampfname, hinter dem der Keeper verschwand.
Seine neue Rückennummer, schrieb die ZEIT.
Eine zweite Chance wohl auch, er wollte sie nutzen.
Und im darauffolgenden November dann, Olympiahalle München, durfte er auch endlich sein Debüt feiern.
Wiese als Wrestler, er kam schon als Statement.
Er war, das konnte man sehen, wirklich bereit.
Tim Wiese hatte sich gequält, jede Woche sechs Tage im Gym, und Bisonfleisch gefressen, dabei Kalorien gezählt. 6000 mussten es sein, mindestens. Aufbauphase. Gute Fette, selbst an schlechten Tagen. Deshalb gab es Thunfisch aus der Dose und Hähnchen am Spieß. Dazu Magerquark und Hüttenkäse. Immer wieder Magerquark und Hüttenkäse. Proteine, die in Bottichen in seinem Kühlschrank standen. Proteine, für über tausend Euro im Monat.
Low Carb fürs Highlight.
So war er tatsächlich über sich hinausgewachsen. Tim Wiese brachte jetzt beeindruckende 117 Kilo auf die Waage. Und in den Ring, wobei er kaum noch an sich selbst, dafür aber, der baumdicke Bizeps, die nackenlangen Haare, an eine ziemlich wilde Mischung aus Dwayne Johnson und Costa Cordalis erinnerte.
Tim Wiese, der deutsche Rock.
Tim Wiese, sein zweiter Frühling war ein Herbst.
Die Maschine, erklärte er auf dem roten Teppich, ist da, um zu zerstören.
Dann durfte er wirklich ran, dann wurde er tatsächlich Teil dieser Show. In einem sogenannten Six-Man-Tag-Team-Match, einem Kampf also, der noch mehr Bindestriche hatte als Kung-Fu-Wiese. So stieg er durch die Seile, tänzelte ein bisschen, streckte einen Arm in die Luft und drehte den Zeigefinger. Ein Zeichen an die Halle, er brauchte, er forderte jetzt Unterstützung. Und die Halle reagierte unmittelbar.
Wiese, Wiese, riefen die Leute.
Und Wiese bekam einen Tritt in den Magen, dann einen Arm ins Gesicht.
Hau ihm in die Eier, brüllte ein Zuschauer.
Ein paar andere lachten.
Und während er sehr lange im sehr festen Schwitzkasten seines Gegners strampelte, sich dann endlich befreien und auch selbst noch ein, zwei Treffer landen konnte, begann die Halle, seinen Namen zu singen.
Die lang gezogenen Silben, wie früher im Stadion.
Wiese, immer wieder Wiese.
Maschine rief jedoch niemand.
Vielleicht auch deshalb, weil die Leute gar nicht so sehr für den Wrestler gekommen waren, sondern viel eher für den ehemaligen Torwart, der jetzt Wrestler sein wollte. Die große Schaulust, die sehr deutsche Freude am Untergang.
Wiese selbst allerdings, die Stimmung auch hier wieder super, wird das herzlich egal gewesen sein. Er hatte seine Bühne bekommen, er hatte seinen Namen gehört, den Respekt von den Rängen. Mehr wollte er gar nicht.
Und hinterher, weil die Gladiatoren nun mal auch die Gesten beherrschen, durfte Tim Wiese, nachdem er den Kampf selbst beendet hatte, mit einer Deutschlandflagge auf die Ringseile klettern und diese Flagge dann dramatisch und falsch herum ins Publikum halten.
Tim Wiese, geilrotschwarz.
Wobei die Botschaft trotzdem klar war. Wiese, der als Torwart nur sechs Länderspiele bestreiten durfte, hatte hier für Deutschland gekämpft.
Und, im siebten Versuch, seinen ersten Sieg geholt.
Tim Wiese hatte endlich gewonnen.
Wirklich Wrestler wurde er dann aber nicht, denn nach seinem Auftritt in München stieg er nie wieder in den Ring, begann stattdessen abzunehmen, sein Kampfgewicht zu reduzieren. Es war ein Rückzug, der überraschend kam. Die WWE, so war zu hören, hätte ihn gerne weiter dabeigehabt, ein Vertragsangebot gab es wohl auch.
Dafür allerdings hätte er Deutschland verlassen, seinen Lebensmittelpunkt verschieben müssen. Und ähnlich wie 2012, Mourinho im Ohr und Casillas vor der Brust, zog Wiese zurück.
Die Amis wollten, erklärte er später, dass ich für drei Jahre nach Amerika komme. Damit war ich nicht einverstanden.
Wiese wollte nicht weg, nicht durch die Welt tingeln wie die anderen Wrestler, die oft monatelang nicht nach Hause kamen.
Meine Familie, sagte er 2018 in einem Interview mit Sport1, steht an erster Stelle, und unsere Heimat ist Bremen.
So war diese Absage auch eine Absage an den Glamour. Doch zu jener Zeit, das verriet er auch, hatte Wiese schon längst wieder andere Pläne. Er wollte jetzt gerne ins Fernsehen, und auch dort, breitbeinig am TV-Tresen, die Muskeln spielen lassen. Denn dank seiner Kolumne in der BILD wusste er ja, wie geil Meinung schmecken kann.
Und überhaupt.
Einer wie er, fand Wiese, fehlte dem Fußball.
Diese ganzen Pseudo-Experten, sagte er also, mit ihren auswendig gelernten Fremdwörtern und ihrem intellektuellen Möchtegern-Getue nerven mich total. Es wird Zeit, dass nicht nur auf, sondern auch außerhalb des Platzes Klartext gesprochen wird.
Was natürlich mehr Drohung war als echte Bewerbung.
Tim Wiese aber schaffte es dann nicht als Meinungsmacher in die Schlagzeilen, sondern als Mitläufer. Da, Herbst 2022, wurde er nach rechts gerückt, in die Nähe der Einschlägigen und Stadtbekannten, der Rocker und Radikalen.
Die Maschine, nun plötzlich Milieu.
Denn in diesen Tagen, dunkel und ungemütlich, waren Fotos aufgetaucht, die den ehemaligen Keeper mit falschen Freunden zeigten.
Auf dem ersten, angeblich 2014 entstanden, steht Wiese neben Heiko Dörfer, der, kahl rasiert und voll tätowiert, nicht nur Betreiber des Fitnessstudios ist, in dem Wiese seit Jahren trainiert, sondern auch Gründer des Bremer Motorrad-Klubs Radikal Kameraden. Beide Männer tragen schwarze Muskelshirts, darauf Totenkopf und Eisernes Kreuz.
Wir sind befreundet, erklärte Wiese daraufhin, Heiko ist nicht rechtsradikal, in sein Studio gehen doch ganz viele Leute. Omas, Opas, alle!
Beim nächsten Bremer Heimspiel aber hing ein Banner in der Kurve, die mal seine war.
Wer mit Nazis abhängt, war dort zu lesen, hat im Weserstadion nichts zu suchen. Keine Bühne für Tim Wiese.
Er war jetzt der ungebetene Gast, der braune Fleck auf der grünen Raute.
Auch wenn er die Vorwürfe, so empört wie energisch, von sich wies.
Das ist Schwachsinn, erklärte er in einem Gespräch mit dem Verein, ich habe nichts mit der rechten Szene zu tun und positioniere mich auch ganz klar gegen Rechts.
Tim Wiese, er stemmte sich noch einmal in den Sturm. Aber gegen die Bilder kam er nicht an.
Denn zwei Wochen später stand das nächste Foto in der Gegenwart. Ein Schnappschuss diesmal, vom Bremer Freimarkt, auf dem sich Wiese mit einem Mann unterhielt, der schon länger als rechte Szenegröße galt. Es war die geballte Faust aufs Auge, der vermeintliche Beweis.
Wiese, Werder und die Nazis, schrieb der Stern am 20. Oktober 2022.
Und auch der Verein, lange Jahre Heimat, musste jetzt reagieren. So wurde Wiese aus der Traditionself gestrichen. Er war jetzt ausgesprochen unerwünscht, trotz all der Beteuerungen.
Ich kannte die Person und deren Begleiter nicht, erklärte er ein halbes Jahr später in der BILD.
Aber die Zweifel und das Misstrauen blieben.
Im März 2023 schließlich verhängte Werder Bremen ein Stadionverbot gegen den ehemaligen Torwart. Nach einem Heimspiel gegen Bayer Leverkusen, bei dem es zum Eklat gekommen war. Wiese, so hieß es damals, soll eine Servicekraft rassistisch beleidigt haben.
Im November danach klagte Wiese gegen seinen alten Verein, ging vor Gericht und bestritt alle Vorwürfe.
Wiese gegen Werder, schrieb die taz.
Das nächste Schauspiel, die Rollen klar verteilt.
Und ganz plötzlich stand dort im Verhandlungssaal auch ein altes Zitat mit im Raum, aus einem Interview, das Wiese einst der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung gegeben hatte, wenige Tage vor seinem Debüt für Hoffenheim, dem Pokal-Debakel gegen den BAK.
Manchmal denke ich, hatte er da gesagt, wäre ich doch besser Feldspieler geworden. Als Torwart spielst du ja immer auf einem Grat, immer zwischen Volldepp und Superheld. Du kannst da der Held sein. Oder der Arsch.
Entweder, oder.
Tim Wiese, er hatte es immer selbst in der Hand.