Der Plattenspieler

Ich hatte großes Glück.
Ich durfte erst mit dem Fußball
und dann mit der Musik
Geld verdienen. Das ist schon irre.

Christian Fährmann

Er ist aus dem Tunnel gestiegen, den er besser kennt als die meisten Trainer hier, dann über den blauen Tartan gelaufen, den es damals noch nicht gegeben hat. An Herthinho vorbei, dem Maskottchen, das er wie einen alten Freund begrüßt. Schließlich die Stufen hinauf, die ihm noch schmerzhaft vertraut sind, Treppenläufe zur Strafe. Treppenläufe bis zum Erbrechen.

Jetzt steht er oben vor seinem Pult, zwischen den Plastikplanen eines Berliner Radiosenders.

Im Rücken das Marathontor, zu seinen Füßen das Feld.

Der beste Platz im Stadion, sagt er.

Dann zieht er den Regler an den Anschlag.

Dann ist auf den Tribünen Musik.

Und er hat endlich Zeit, den Blick schweifen zu lassen.

Christian Fährmann, graue Mütze mit dem Hertha-Wappen, er kennt den Rasen genau. 105 Meter lang, 68 Meter breit. Er weiß, wie es ist, dort unten zu stehen. Das Trikot zu tragen, auf die Ränge zu schauen. Frank Zander aus den Kehlen der Kurve. Er weiß noch genau, wie es sich anfühlt, dort unten die Linie entlang, die Hoffnung der Ränge als Rückenwind. Das Pfeifen, die offenen Münder.

Dann der eigene Name, prominent auf der Anzeigetafel.

Die Musik dazu. Hertha, wieder Hertha.

Christian Fährmann, rechte Außenbahn, Nummer 24.

Die Älteren erinnern sich noch.

Und erkennen ihn dann, Kuttengedächtnis.

Er gehört hier dazu, Eigengewächs und Urgestein.

Christian Fährmann, seinetwegen bin ich Herthaner geworden. Damals, 2. Mai 1997. Heimspiel gegen Waldhof Mannheim. Blauweiße Taufe.

Ich war elf, ich kann den Jubel noch hören.

Es war mein erster Besuch bei der Hertha, das erste richtige Fußballspiel im Olympiastadion.

Ein großer Moment. Vor allem deshalb, weil ich dieses Stadion, die Laufbahn damals noch leichtathletikrot, nur die Haupttribünen überdacht, sehr lange für einen Ort gehalten hatte, den man nur besuchen durfte, wenn man jemand Besonderes war.

Eberhard Diepgen, der Bürgermeister, zum Beispiel.

Oder Rolf Eden, der Nachtkanzler, zum Feiern.

Westberliner Prominenz.

Was auch daran lag, dass ich bis dahin überhaupt nur zweimal dort gewesen war. Mit meinem Vater. Bei einem Footballspiel mit anschließendem Feuerwerk. Und beim Opel-Cup, einem Blitzturnier zwischen Bayern München, dem AC Mailand und Paris Saint Germain. Mit Pfiffen für Matthäus. Und anschließendem Feuerwerk. Wir waren nie für den Sport hingegangen, nicht für Maldini oder Matthäus, mein Vater liebte die Explosionen am Himmel, alles andere, die Touchdowns und die Tore, waren nur Vorspiel.

Nun aber Hertha, zweite Liga.

Ein Nachmittag im Mai, die erste Wärme in der Stadt.

Und eine kaum gekannte Euphorie, denn nur wenige Wochen zuvor hatte die Hertha hier zu Hause, völlig überraschend, aber dennoch hoch verdient, den Tabellenführer aus Kaiserslautern besiegt, diesen eigentlich viel zu großen FCK.

Rehhagel und Sforza, Marschall und Brehme.

Da war dieses Stadion, sonst eine zugige Schüssel, in der man sich an dunklen Tagen verlieren, selbst im Windschatten der Plexiglasscheiben bitterlich frieren konnte, nach Jahren der Leere und zum ersten Mal seit 1989, Europapokal gegen Roter Stern Belgrad, wieder ausverkauft gewesen. 75 000 auf den Rängen, während Dutzende draußen vergeblich um Einlass baten, schließlich abgewiesen werden mussten, weil es schlichtweg keine Karten mehr gab.

Plötzlich war alles brechend voll, erinnerte sich Axel Kruse, Torschütze damals, später im Tagesspiegel.

Plötzlich war Volksfest im Westend, als hätte sich die Stadt neu verliebt. Und die alte Dame, diese mit Klunkern behängte Tante aus dem Westend, legte ordentlich Rouge auf und verteilte mit vollen Händen Geschenke.

Dieser angeblich schon immer schlafende Riese, er streckte sich hörbar. Es war eine Wiedergeburt, ein Meisterstück auch. Und die Anwesenden konnten ihren Augen kaum trauen. War ditt noch die Hertha?

Bald darauf stand das große Wort in der Zeitung.

Aufstieg, ein Raunen in den Kneipen und in der S-Bahn, von ordentlich Futschi befeuert, mit noch mehr Pathos gesprochen. Goldkrone-Cola, halb Berlin von der Zukunft besoffen. Denn diesen Jungs, keene Frage, könnte die Rückkehr gelingen, die könnten es diesmal wirklich schaffen.

Ach, seufzten die Träumer, unsere Jungs.

Es war eine Mannschaft zum Verlieben. Und eine Mannschaft vor allem, in der so viele Berliner standen, wie seit Jahren nicht mehr.

Die Schmidt-Zwillinge, Andreas und Oliver.

Ante Čović, der Irrwisch auf dem Flügel.

Christian Fiedler, der tanzende Torwart.

Michél Mazingu-Dinzey aus Schöneberg.

Und Christian Fährmann aus Neukölln.

Gebürtige, selbst Lokalpatrioten. Die Bubis von hier, unterstützt und angeführt von ein paar älteren Herren, man sagte Haudegen damals, die das Fußballspielen noch in der DDR-Oberliga gelernt hatten. Steffen Karl, genannt Eisen. Falko Götz, der mit Leverkusen den UEFA-Pokal gewonnen, und eben Axel Kruse, der mal ein Tor im Sitzen erzielt hatte. Verwitterte Fahrensmänner, die im April 1997 tatsächlich noch einen Frühling dranhängten.

Die Mischung stimmte also. Und es war, um im Réthy-Vokabular jener Jahre zu bleiben, angerichtet.

Vier Wochen später, die Euphorie nicht verklungen, waren die Ordner vom neuen Andrang, der schieren Anzahl der Fans, noch immer überrascht, standen sie verloren in der Menge und wussten nicht weiter. Im Winter noch, Minusgrade und Mittelmaß, hatten dort unter den Ringen und an den Kassenhäuschen vielleicht ein paar Hundert Verlorene gewartet, die Unentwegten, die Halbstarken und Dauerkartenrentner, wenn überhaupt. Nun kamen Tausende. Weshalb der Einlass deutlich länger dauerte als sonst und wir erst den Anpfiff und dann auch den Jubel nur hören konnten. Erste Scherze wurden gemacht, Galgenhumor.

Im Stadion, ohne uns, war ja schon mächtig was los.

Irgendwann ging es hinein, am Drehkreuz und an den Säulen vorbei. Doch als wir dann endlich auf den Rängen standen, 25 Minuten gespielt, hatte Waldhof bereits zweimal getroffen, lag meine neue Mannschaft also schon früh mit 0:2 hinten.

Kein guter Beginn.

Für die Hertha und für mich.

Kurz darauf allerdings erzielte Michael Preetz den Anschluss. Mit dem Kopf, wie auch sonst. Und nach einer Stunde traf Christian Fährmann, gänzlich allein gelassen im Fünfer, zum Ausgleich, schaute sich um, konnte es selbst kaum glauben, streckte dann aber den linken Zeigefinger in den Jubel.

Ein durchaus seltener Anblick, ihm sollten ja lediglich drei weitere Treffer für die Hertha gelingen. An diesem Tag aber, weil das so musste, hatte er meine Premiere gerettet, so verließ ich das Stadion als Fan. Kaufte einen Schal, nahm das Stadionheft mit nach Hause und klebte das erste Poster über mein Bett.

Christian Fährmann, Fußballgott.

So hing er bald an der Wand. Noch Trigema auf der Brust, noch drei Streifen auf der Schulter. Fährmann im Sprint, das viel zu große Trikot flatternd am Körper. Ein Weltstar im Kinderzimmer. Einer von den Großen, unerreichbar weit weg. Er war zehn Jahre älter, er durfte schon Auto fahren, Bier trinken. Ein Erwachsener, für mich jedenfalls.

Jürgen Röber, Herthas Trainer, sah das sicherlich anders.

Dann stiegen wir auf, in Unterhaching.

An einem Tag, so erinnerte sich Fährmann Jahre später, an dem wirklich alles gelang.

Die große Freude, nach dem letzten Heimspiel gab es Freibier auf dem Maifeld.

Und Feuerwerk.

Mein Vater und ich, natürlich waren wir dort.

Ich war ja Herthaner jetzt, für immer hoffnungslos verliebt. Für immer blau-weiß.

Gemeinsam hielten wir die Klasse, dann kamen Wosz und Tretschok, später auch Andy Thom und Ali Daei, und wir fuhren nach Mailand und nach London und trafen Barcelona im Nebel.

Die ganz große, geisteskrank geile Reise.

Christian Fährmann aber musste Hertha, seinen Heimatverein, schon nach der ersten Bundesligasaison verlassen. Er hatte in 15 Einsätzen gerade einmal 797 Minuten auf dem Platz gestanden. Für ganz oben, wurde ihm von Dieter Hoeneß erklärt, reichte es nicht.

Er ging dann nach Karlsruhe, später auch zu Union, tauchte hier auf und dort. Mal im Mommsenstadion, mal an der Alten Försterei, mal dritte, dann vierte Liga.

Halle auch, nicht nur im Winter.

Und ich hängte nach und nach die Poster ab, nicht nur die alten, entfernte auch Deisler und Beinlich, kratzte selbst Marcelinho von der Wand, tapezierte das Zimmer neu, auch wenn ich die Farben behielt.

Christian Fährmann, Lauf der Dinge, irgendwann hatte ich ihn aus den Augen verloren.

Mehr als zwanzig Jahre später aber, 30. Oktober 2019, war ich wieder einmal mit meinem Vater im Stadion. Pokal gegen Dresden. 15 000 Gäste neben dem Marathontor, sie steckten die Ränge in Brand. Feuerwerk, diesmal schon vor der Partie. Und auf der Tartanbahn vor der Ostkurve, längst blau und weiß, stand einsam ein Pult, dahinter ein Mann mit schwarzer Pudelmütze, er drehte die Regler an den Anschlag, schob ordentlich Bass übers Feld.

DJ Ferry, der Name auf der Anzeigetafel leuchtete. Grell, prominent. Mir aber sagte das nichts, ich stellte die Verbindung nicht her. DJ Ferry, noch ein paar Takte, dann wurde er von der wilden Dramaturgie, dem Wahnsinn dieses Abends geschluckt.

Und es mussten ein paar Wochen vergehen, mitten im Lockdown, Abstiegskampf unter Quarantäne, bis ich verstand, dass Christian Fährmann jetzt wieder für die Hertha spielte.

In einem Zelt, auf den Treppen zum Marathontor.

Hinter den Plastikplanen eines Radiosenders.

Er war Stadion-DJ geworden, ganz nah am Verein, ein gleichsam sehr lautes und doch sehr leises Comeback.

Dann lernten wir uns kennen, bei Hertha TV.

In einer Show mit Lena Cassel und Fabian von Wachsmann, dem Stadionsprecher.

Sie sprachen über Marschrouten und Mentalität, den Mannschaftsgeist und das Abstiegsgespenst, klatschten Nummern auf die Taktiktafel, Zweckoptimisten, er machte Musik dazu, erzählte hin und wieder von früher, erklärte das Spiel aus der Sicht eines Spielers. Ich mochte ihn gleich. Und wollte natürlich wissen, wie es ihm ergangen, wo er all die Jahre gewesen war, wollte, dass er mir das alles mal in Ruhe erzählt, den langen Weg vom Feld in die Musik, die Wirren und das Wanken dazwischen, die ganze Karriere.

Und die Karriere danach.

Er nickte. Klar, erzähle ich dir. Komm einfach mal früher ins Stadion, dann nehm’ ich dich mit, nach ganz oben.

Der beste Platz im Stadion.

Und deshalb stehe ich nun hier, mit ihm am Pult. Heimspiel gegen Hoffenheim. Dieses Dorf, nur 50 Kilometer von Mannheim entfernt. Waldhof und TSG, für uns aber liegen 25 Jahre dazwischen.

Dann dreht Fährmann, der hier im Stadion nur Ferry ist, an den Knöpfen, dann ist auf den Tribünen wieder Musik. Und er hat Zeit genug für den Rückblick.

Geht von hier oben, die Vergangenheit zu Füßen, natürlich gleich gut.

Hertha BSC, sagt er also, das war ja schon als Kind mein Verein.

So geht es, der Reihe nach, hinein.

Heimspielerinnerungen.

Christian Fährmann, 1975 geboren und in Neukölln aufgewachsen, ist ja tatsächlich vor dem Olympiastadion groß geworden. Die Großeltern hatten eine der Buden hier, Familiengeschäft. Bratwurst und Bier, Kammsteak und Kümmerling. Und weil die Achtzigerjahre trist waren und das Geld immer knapp, half er nach Kräften. Dreikäsehoch, reichte Flaschen über die Theke, kassierte die Kohle dafür. Und durfte im Anschluss zur Belohnung ins Stadion. Mit dem Cousin in den Oberring, dort saßen sie dann, mit Fähnchen und Mütze, unter der großen Anzeigetafel.

Die, sagt er jetzt, bestand damals noch aus Glühbirnen. Und war ständig kaputt.

Darunter verloren sich die wenigen, die immer kamen. Womit das Gesamtbild auf den Tribünen im Grunde zur Hertha jener Jahre passte, Zweitligaflackern. Aber Fährmann, so ist das als Fan, fantasierte sich trotzdem hinein, das Trikot irgendwann am eigenen Leib.

Er spielte damals, wie fast alle Jungs aus der Gegend, noch für Tasmania. Diesen Verein mit dem traurigen Rekord. Training am Eisstadion, wechselte aber bald schon zu TeBe, Ringbahn bis Eichkamp. Und wurde dort zum Talent. Ein Name in den Notizblöcken der Nachwuchstrainer.

Ein spielender Stürmer.

Wie Klinsmann, sagt Fährmann. Und lacht.

So kam er tatsächlich zur Hertha.

A-Jugend, mit Aussicht auf mehr.

Ich war ein absoluter Arbeiter, sagt Fährmann heute, wenn er an sich selbst als jungen Mann denken soll. Mit dem Kopf durch die Wand, das Trikot immer ein bisschen zu groß. Ich war schnell, und ich konnte aus vollem Lauf flanken. Aber nur mit rechts.

Er grinst, schüttelt den Kopf. Junge, Junge. So lange her.

Doch wenn er sich heute an damals erinnert, an seine Anfänge bei Hertha, an die ersten Spiele für die erste Mannschaft, gerät er gleich wieder ins Schwärmen. Dann erzählt er von Jürgen Röber. Dem Trainer, der ihm erst seinen Spitznamen geben, kurz und griffig, und ihn später immer wieder zur Seite nehmen sollte. Väterliche Ratschläge.

Ferry, du hast Talent. Aber du musst mehr machen.

Ferry, du kannst das schaffen. Aber du musst fleißiger sein.

Die Jugend, prägende Zeit.

Die ersten Jahre seiner Karriere, auch das gehört zu dieser Erzählung, waren allerdings auch die erfolgreichsten. Fährmann hatte bei der U20-WM in Katar für Deutschland gespielt, 1995 gegen die Spanier. Raúl und Morientes, später Legenden. Danach wurde er in den Kader der U21 berufen. Und schließlich auch eine feste Größe in der zweiten Liga.

Am Ende, Mai 1997, stand der Aufstieg mit Hertha.

Mein Traum als Kind war es immer, sagt Fährmann, dass ich ein Bundesligaspiel für diesen Verein mache.

Es wurden, das wissen wir schon, immerhin 15. Nur mehr wurden es nicht. Denn gleich nach dem Klassenerhalt war Schluss. Weil der Verein, Dieter Hoeneß im Ohr, ganz schnell ganz neue Ziele formulierte, Europa am Horizont. Und dafür auch neue Spieler holte. Gestandene Profis, die meisten Nationalspieler, unmittelbare und teilweise auch übermächtige Konkurrenz. Hertha BSC, das kann man so sagen, hatte sich schneller entwickelt als Christian Fährmann. Und Jürgen Röber riet ihm, den Verein zu wechseln, es noch mal woanders zu versuchen.

Ferry, du hast Potenzial. Aber du musst auch spielen.

Also unterschrieb er in Karlsruhe. Beim Sportclub, der gerade aus der Bundesliga abgestiegen war, auf dem Weg dorthin den langjährigen Erfolgstrainer Winnie Schäfer entlassen hatte und im Sommer schließlich mit Thomas Häßler, Sean Dundee oder Sergei Kiryakov auch seine größten Stars abgeben musste. Der Wildpark lag in Trümmern, ein Scherbenhaufen. Der Abstieg, er wurde trotzdem als Versehen verklärt. Und Fährmann sollte dabei helfen, diesen vermeintlichen Betriebsunfall unmittelbar zu korrigieren.

Das aber sollte nicht gelingen.

Und es war, als hätte auch sein Fußball eine erste Schramme bekommen.

Nur gut, dass es noch mehr für ihn gab als das Spiel.

Denn Fährmann hatte in dieser Zeit längst auch die Musik für sich entdeckt. In den Clubs der Stadt, durch die er gerne zog. Die Nacht faszinierte ihn, die Musik nahm ihn an die Hand. Und er hatte genug Zeit, sie besser kennenzulernen.

Man darf nicht vergessen, sagt Fährmann, das war nicht so wie heute. Wir haben nur zwei Stunden am Tag trainiert. Und ich habe mich immer gefragt, was ich mit den restlichen 22 anfangen soll.

Er hat sie schließlich mit Sound gefüllt, in den Plattenläden der Stadt verbracht.

Dann hing er bei Freunden ab, die schon weiter waren. Erfolgreiche DJs, verschwitzte Prediger. Und wollte bald sein wie sie, selbst richtig auflegen.

Nadeln aus Diamant auf schwarzem Plastik.

1996, er war gerade Profi bei Hertha BSC geworden, konnte sich Christian Fährmann auch sein erstes eigenes Equipment leisten. Und das Vinyl dazu, 23 Mark für jede LP.

Dr. Dre, NWA, 2 Live Crew.

Teures Zeug, echte Schätze. Und im Winter, wenn der Fußball Pause hatte, ist er mit leeren Taschen nach New York geflogen. Noch heute besitzt er etwa 15 000 Platten.

Die Musik, sagt er, lief immer parallel zum Fußball. Das war meine andere große Leidenschaft.

Und vielleicht ist es gar nicht schlecht, wenn sich jemand, der immer nur mit rechts flanken konnte, noch ein zweites Standbein aufbaut.

Christian Fährmann jedenfalls, so muss man sich das vorstellen, saß dann auf dem Boden seiner kleinen Wohnung in Neukölln, draußen der Lärm der Flughafenstraße, auf den Kopfhörern die Punchlines und Beats der Westküste, und hat geübt. Stundenlang. Die Turntable von Pioneer, der Mixer von Vestax in Gold. Bis er das wirklich konnte, von einem Track in den nächsten. Bis er das alles beherrschte. Dann war er im Einklang. Mit sich und der Stadt.

Draußen Neukölln, er gehörte hierher.

Der Wechsel nach Karlsruhe, der Umzug von Berlin nach Baden, war auch deshalb der härteste Übergang. Plötzlich so weit weg von zu Hause. Als wäre die innere Nadel aus der Rille gesprungen.

Nur die Musik, sagt er, hat mich immer begleitet.

Auch, weil er sie bald teilen konnte. Mit einem Kumpel, den er noch aus der U21 kannte und der zu jener Zeit bereits als eine der größten Hoffnungen des deutschen Fußballs galt. Michael Ballack, ein Jahr jünger als Fährmann, spielte etwa 100 Kilometer vom Karlsruher Wildpark entfernt in Kaiserslautern, und hatte sich beim amtierenden Deutschen Meister unter Otto Rehhagel gerade einen Stammplatz erkämpft.

So lagen eigentlich Welten zwischen den beiden.

Aber, sagt Fährmann, er hat die gleiche Musik gehört. Meine Musik.

Ballack spielte Champions League, Fährmann spielte 2 Live Crew. Das reichte. Das war das Fundament ihrer Freundschaft. Und weil sie dort, in Karlsruhe oder Kaiserslautern, nicht so weggehen konnten wie in Berlin, haben sie eben viel zu Hause gemacht. Christian Fährmann, das erzählt er mit Stolz, hatte sich in seiner neuen Wohnung recht schnell ein Musikzimmer eingerichtet, die Plattenspieler prominent im Raum, die Platten bis unter die Decke.

Das, sagt er, sah aus wie in einem Studio. Und da habe ich dann Musik gemacht.

Vertraute Spuren gegen das Heimweh. Fährmann und Ballack, so verbrachten sie ihre Nachmittage gemeinsam. Und manchmal auch die Abende, bis hinein in die Nacht.

Ich habe da, sagt Fährmann, sicher jeden Tag vier, fünf Stunden aufgelegt. Mir das alles hinterher immer wieder angehört. Geübt und geübt. Also teilweise mehr Musik trainiert als Fußball.

Eine eigentlich gute Zeit.

Beim KSC allerdings, auf dem Platz also, wo es bekanntlich entscheidend ist, folgte auf den vermeintlichen Betriebsunfall der tatsächliche Super-GAU. Da wurden Fährmann und seine Mannschaft, in ihrer ersten gemeinsamen Zweitligasaison noch denkbar knapp an der Rückkehr gescheitert, im zweiten Jahr als Tabellenletzter in die dritte Liga durchgereicht. Sie hatten 17 Spiele verloren.

Ein nahezu beispielloser Absturz.

Da, erzählt er, habe ich das erste Mal gedacht: Was passiert hier eigentlich, ich war doch schon mit Hertha in der Bundesliga, und jetzt steige ich hier ab?

Plötzlich dritte Liga, der sportliche Abstieg als persönliche Kränkung.

Und Fährmann floh, suchte Heilung in der Heimat.

Danach, sagt er, wollte ich unbedingt zurück nach Berlin.

So ging er, Überzeugungsherthaner, nach Köpenick.

Rüber zum Nachbarn, zum 1. FC Union.

Damit aber begann eine wirklich bleierne Zeit. Denn Fährmann kam nie richtig an. Trainer Georgi Wassilew, ein scharfkantiger Bulgare, der nicht ohne Grund den Beinamen General trug, setzte auf andere Spieler. Er brauchte ihn nicht. Und ließ ihn das auch spüren, Ersatzbankdrücken. Zwischendurch wurde Fährmann nach Düsseldorf verliehen.

Union, diese falsche Heimkehr, war ein großes Missverständnis, an dessen Ende sich Verein und Spieler vor Gericht wieder trafen.

Das, sagt Fährmann heute, war eine unglückliche Verbindung. Ich habe mich da sehr unwohl gefühlt.

Köpenick, das war für ihn, den Neuköllner, dann doch das falsche Berlin. Weit weg vom Imbiss der Oma, weit weg vom Marathontor.

Dort, sagt er, habe ich die Lust verloren. Dann erst mal ein halbes Jahr gar nichts gemacht und von meinen Reserven gelebt.

Um sich fit zu halten, ging er wieder zu Tasmania. Einheiten am Eisstadion. Trainer dort war Axel Kruse, sein ehemaliger Mitspieler. Sie waren gemeinsam aufgestiegen, nun wohnten sie auch zusammen. Alte Bande. Trotzdem der Tiefpunkt. Christian Fährmann, der sich heute als Zweitligaspieler bezeichnet, hat seine Karriere schließlich in der Oberliga zu Ende gebracht. Beim Halleschen FC.

Das, sagt er, waren noch mal super Jahre. Zu den Heimspielen kamen zehntausend Zuschauer. Und beim Ost-Derby gegen Magdeburg war das Stadion ausverkauft. Da hat die Hütte gebrannt.

Halle, dort passte er hin. Dort traf sein Spiel, endlich wieder, auf offene Münder. So wurde er von den Fans gleich in seiner ersten Saison zum Spieler des Jahres gewählt.

Christian Fährmann, noch einmal Fußballgott.

Ich war da Publikumsliebling, sagt er, weil ich immer alles reingeworfen, mich selbst nicht geschont habe. Das war ja mein Spiel. Immer ganz oder gar nicht. In Halle hatte ich wieder richtig Spaß am Fußball.

Christian Fährmann hat dann so lange gespielt, bis es nicht mehr ging. Die Knochen hingehalten, bis wirklich Schluss war. Die große Leere, mit 34.

Fußballer, so oder zumindest so ähnlich hat es der Philosoph Gunter Gebauer einmal gesagt, sind die einzigen Menschen, die wissen, wie es ist zu sterben und danach weiterleben zu müssen. Gemeint war die Karriere nach der Karriere, wenn aus Unsterblichen plötzlich Untote werden.

Diese Phase, sagt Christian Fährmann heute, hatte ich auch. Dieses Irrlichtern. Ich hatte mir schon zwei Jahre vor dem Ende meiner Karriere immer wieder diese Gedanken gemacht. Wie geht es weiter? Was mache ich jetzt? Welches Leben möchte ich führen?

Was also macht einer, der immer gelaufen ist, wenn die Laufbahn plötzlich endet?

So standen die Fragen im Raum, dröhnten im Kopf.

Das, sagt er, war eine riesengroße Identitätskrise.

Christian Fährmann, so heißt es ja im Fußball, hat dann erst mal Zeit von der Uhr genommen.

Rumgesessen, bis die Rücklagen aufgebraucht waren. Vom Fußball nicht mehr viel übrig war. Und schließlich, aus Notwehr fast, eine Ausbildung angefangen.

Die große Lehre, Versicherungsfachmann.

Die, sagt er, habe ich auch abgeschlossen. Mich da aber nicht wiedererkannt. Versicherungen. Da muss man auch der Typ für sein. So mit Krawatte.

Ein Freund, den er zufällig traf, fasste die Lage dann sehr treffend zusammen.

Ferry, sagte der Freund, selbst ein erfolgreicher Vertragsabschluss wird dich niemals so glücklich machen wie ein erfolgreicher Torabschluss.

Ein geiler Spruch, findet Fährmann, Gänsehautmoment. Denn der Freund hatte ja recht. Etwas fehlte. Das Adrenalin, der Jubel. Die Ehrenrunde nach dem Sieg. Die Kurve im Rücken, der nächste Gegner vor der Brust.

Eine verkaufte Altersvorsorge, sagt Fährmann heute, konnte mir einfach nie die gleiche Genugtuung geben wie ein gewonnenes Spiel.

Die Finanzbranche, da fehlte auf Dauer der Kick.

In der Musik allerdings entstehen solche Momente, mit erhobenen Händen am Pult. Der Schweiß, der von der Decke tropft. Der Jubel der Leute, wenn der Bass wieder einsetzt, dieses Wechselspiel zwischen Mensch und Masse.

Der Club als Kurve, eine Tribüne zu ebener Erde. Man kann ein Star sein dort oben, Mittelpunkt wieder. Den Takt bestimmen und den gemeinsamen Rausch.

Also zog es ihn zurück in die Nacht.

Er ist dann, so sagt er es, viel weggegangen. Was ja schon klingt, als wäre er wieder auf der Flucht gewesen. Dabei war er vor allem auf der Suche.

Ich wollte einfach sehen, sagt er, wo ich mich wiederfinde. Wo ich vielleicht hingehöre. Und ich bin ja auch feiern gegangen, um in die Szene reinzukommen. In die Läden, wieder zu den Leuten mit den Platten. Die Musik war immer im Hinterkopf.

Das zweite Standbein, jetzt erst recht. So ist er dann rumgewandert, durch die Klubs getingelt.

Der Plattenkoffer über der Schulter, der Abschuss in den schlimmsten Kaschemmen. Grandios hinein in den Krach, nach Techno immer gleich Dienstag.

Christian Fährmann, plötzlich drei Tage wach.

Der echte Exzess.

Reinrutschpartien.

Das war, sagt er, eine kurze, harte Phase, in der ich oft auch extrem traurig war. Wieder diese Existenzängste hatte.

Der Kater nach dem Rausch.

Sich selbst verlieren, die noch immer schlimmste Niederlage.

Am Ende, ziemlich kaputt gefeiert, saß Christian Fährmann, vielleicht noch immer nicht erwachsen genug, besoffen am Steuer und musste seinen Führerschein abgeben.

Das war ein Hilferuf, sagt er heute. Ich wollte erwischt werden.

Aber er hatte in dieser Zeit auch einen Weg hineingefunden, einen Weg zu sich selbst. Weil am Ausgang dieses sehr langen Tunnels tatsächlich ein noch mal anderes Leben lag. Die Karriere nach der Karriere.

Fährmann hatte seine Chance genutzt. In einem der Clubs, in denen er oft genug selbst gewesen war. An einem Abend, an dem der eigentliche DJ, seit Jahren schon Stammkraft, zu lange in den Waschräumen war, wieder mal die Nase voll hatte. Von da an spielte er dort.

Christian Fährmann, er hatte sich mal wieder hineingearbeitet, mit dem Kopf durch die Wand. Er war jetzt wirklich DJ. Ein Plattenreiter, aufs richtige Pferd gesetzt.

Wenig später, er sollte auf der Hochzeit eines Freundes ein paar Klassiker spielen, lernte Fährmann seine Frau kennen. Sie haben heute eine gemeinsame Tochter. Er hat seit acht Jahren keinen Alkohol getrunken.

Und schließlich, es klingt fast kitschig, meldete sich auch die alte Dame wieder bei ihm. Da bekam er einen Anruf aus dem Westend. Hallo, Ferry!

Und konnte seinen Ohren erst mal kaum trauen.

Hertha BSC war in jenen Tagen mal wieder dabei, sich zu erneuern. Renovierungsarbeiten am Image. Weshalb auch die VIP-Bereiche anders gedacht werden sollten, moderner. Ohne aber die Vergangenheit zu vergessen.

Der alte Spagat, mit einem Vermarkter im Rücken.

Und deshalb, sagt Fährmann, mischte da auch einer von früher mit.

Ein ehemaliger Mitspieler. Ein Freund auch. Andreas Neuendorf, den die Fans seit Jahren nur Zecke nennen, als hätte er der halben Stadt das Du angeboten. Zecke jedenfalls hatte im Trikot der Hertha einmal ein sehr wichtiges Tor gegen den FC Bayern erzielt, und war später eine Art Maskottchen geworden. Für das Westberlin, aus dem er stammte. Currywurst und Kodderschnauze, Harald Juhnke und Frank Zander.

Nur nach Hause geh’n wir nicht.

Nun sollte er Türen öffnen, lässig Kontakte herstellen. Und irgendwann hatten ihn die Leute vom Vermarkter gefragt, ob er nicht jemanden kennen würde. Einen guten DJ, für die neue Lounge. Und Neuendorf, Ehrensache, kannte einen. Nicht nur DJ, sondern auch Ex-Profi. Eigengewächs und Urgestein. Faust aufs Auge, Arsch auf Eimer. Der, sagte er, kann das wirklich. Zecke und Ferry, Berliner Jungs, sie hatten gemeinsam auf dem Platz gestanden. Und den Kontakt über all die Jahre nie abreißen lassen.

Zum ersten Treffen mit der neuen Hertha, diesem Blind Date mit der alten Liebe, ist Christian Fährmann dann wie zum Vorstellungsgespräch gefahren. Im schicken Hemd, ein Buch unter dem Arm. So übertrieben förmlich, als hätte er den Versicherungsfachmann nur für diesen Anlass noch einmal aus dem Schrank geholt. Zecke allerdings kam sportlich, in Jogginghose. Und erzählte noch einmal die alten Geschichten. Jene nach dem Abpfiff, die es nie in die Zeitung geschafft hatten. Räuberpistolen, Fehltritte. Mittagspausen mit Herrengedeck, Eisen im Feuer, Tore im Suff, das ganz geile Gebumse.

Da, sagt Fährmann, wollte ich unter dem Tisch verschwinden.

Aber Neuendorf lachte. Und die Leute vom Vermarkter lachten auch.

Am Ende dieses Treffens war Christian Fährmann wieder Herthaner.

Ich habe das große Glück, sagt er jetzt noch, dass ich mein Hobby gleich zweimal zum Beruf machen konnte. Das sagt mir meine Frau, das sagt mir jeder. Ich durfte erst mit dem Fußball und dann mit der Musik Geld verdienen. Das ist schon irre.

Christian Fährmann, dann sieht er die Ostkurve, die sich langsam füllt, dann hört er die ersten Lieder des Tages, das Einsingen der Vorsänger, manchmal noch lauter als seine Musik. Und ist schon wieder gerührt.

Ich bin heute, sagt er schließlich, mehr Herthaner als jemals zuvor. Dieser Verein hat mich zweimal aufgenommen. Einmal als Spieler und jetzt wieder. Er hat mich geformt und erzogen, er hat mir Werte mitgegeben und ein gutes Leben ermöglicht. Und dafür bin ich sehr dankbar.

Viele der anderen, die Kameraden und Konkurrenten von einst, sind heute Trainer, Fernseh-Experten, Fahnenträger. Einige auch gänzlich verschwunden, Statisten in der Statistik. Sie haben den Verein hinter sich gelassen, der Abschied von Schlagzeilen begleitet.

Spieler, die kamen und gingen.

Fährmann aber ist dem Rasen noch immer ganz nah.

Und diesem Stadion treu geblieben. Auf seine ganz eigene, am Ende auch sehr persönliche Weise.

Er schaut auf die Uhr, eine halbe Stunde noch bis zum Anpfiff.

Dann beginnt sein Spiel.