Gute Freunde kann niemand trennen

Mit Pelé zu spielen,
war immer mein Traum.

Franz Beckenbauer

Franz ist mein deutscher Bruder.

Pelé

Plötzlich ist dieses Bild in der Welt, eine Fotografie in Schwarz-Weiß. Sie zeigt zwei Männer unter der Dusche.

König und Kaiser, nackt bis auf das Lächeln.

Sie zeigt, unvermittelt unverhüllt, die Backen von Beckenbauer. Den Penis von Pelé. Öffentliche Intimität. Die beiden Männer, Legenden längst, stehen dort und unterhalten sich gerade. Lässige Gesten. Locker, Ruhm, Talk. Pelé hat noch Schaum in den Haaren, er trägt ein Kreuz um den Hals.

Beckenbauer hat sich hineingedreht in dieses Gespräch.

Die Nähe ist sichtbar, die Zuneigung auch.

Dieses Bild, 1977 im Stern erschienen, ist das Souvenir einer Freundschaft. Und die Postkarte eines Sommers, der heute fast unglaubwürdig wirkt, wie zusammenfantasiert aus den Klatschspalten und Sportalmanachen, mit tanzenden Namen und klingenden Begegnungen. Ein Hollywood-Film.

Pelé und Franz Beckenbauer, Fabelfiguren des Fußballs, sind in diesem Sommer, in den wenigen Monaten, die sie miteinander verbringen durften, erst Kameraden und am Ende so was wie Brüder geworden.

Glückskinder, zusammen wie Pech und Schwefel.

Sie holten eine Meisterschaft und gewannen ein ganzes Land, Herzen und Hirne. In strahlend weißen Trikots.

Und sie taten dies an einem eigentlich unwahrscheinlichen Ort.

New York.

Dort, so geht die Vorgeschichte, hatten Ahmet und Nesuhi Ertegün, Gründer und Eigentümer von Atlantic Records, Anfang der Siebzigerjahre einen Fußballclub aus noch sehr staubigem Boden gestampft. Und sich damit einen echten Kindheitstraum erfüllt.

Die beiden Brüder waren als Söhne des türkischen Botschafters aus Europa in die USA gekommen, im Gepäck die Liebe zur Musik. Und zum Fußball.

In Bern, das hat Ahmet Ertegün in einem Interview mit dem Spiegel erzählt, spielten wir im Garten der Botschaft gegen die Söhne des Schweizer Bundespräsidenten Jean-Marie Musy.

Türkei gegen die Schweiz.

Danach lasen sie gemeinsam im kicker.

Während der Weltmeisterschaft in Mexiko, erwachsene Männer nun, waren sie dem Spiel erneut verfallen.

Und von der Sehnsucht getrieben, eine eigene Mannschaft zu besitzen.

Ein Spiel. Und ein Zeitvertreib.

Das Geld dafür, und es war nicht wenig, kam von der Warner Entertainment Corporation, dem Unterhaltungsriesen, der zu jener Zeit nicht nur Filme machte, sondern auch gleich die nötigen Stars, und der vier Jahre zuvor auch Atlantic Records übernommen hatte. Ein gutes Geschäft, für beide Seiten. Allerdings flirteten die Brüder seither ganz offen mit einem möglichen Abschied. Sie hatten Aretha Franklin und Ray Charles groß gemacht und gerade erst die Rolling Stones unter Vertrag genommen. Jetzt aber drängten sie darauf, noch mal etwas Neues, wieder etwas Eigenes zu machen.

Steve Ross, der mächtige CEO bei Warner, wollte die Brüder jedoch nicht verlieren. Deshalb und weil er vom Fußball nichts, vom Geschäft aber sehr viel verstand, erfüllte er den beiden ihren sehnlichsten Wunsch. So entstand ein Club, der anfangs und wegen der Nähe zur Musik noch New York Blues heißen sollte, schnell aber einen weltläufigeren Namen bekam.

Cosmos, als wäre der Himmel nur die erste Etappe.

Erst einmal aber schlugen sie hart auf den Boden amerikanischer Tatsachen, trafen die Träume der Brüder auf das gähnende Desinteresse des Publikums.

Die USA waren zu jener Zeit noch Fußballentwicklungsland, eine Einöde. Ein Acker, auf dem der Ball versprang und wenig wuchs außer Frust. Und New York, dieser viel beschworene Schmelztiegel bildete da keine Ausnahme.

Auch hier war Prärie. Auch hier wurde das Spiel, dieses merkwürdige Elfgegenelf, wenn überhaupt von den Einwanderern in den Einwanderervierteln gespielt, von den Ungarn und Italienern, den Deutschen und den Mexikanern. Eine Sportart im Schatten der anderen. Im Schatten der Giants und der Knicks, der Touchdowns und der Körbe.

Ohne Zuschauer. Und, so schien es, auch ohne Zukunft. Die Teams der erst 1967 gegründeten NASL, der nordamerikanischen Soccer League, bestanden zu großen Teilen aus Feierabendfußballern, hinten Hausmeister, vorne Aushilfslehrer. Bauarbeiter, die gerade so wussten, wie man eine Mauer richtig stellt. Waschechte Amateure, Einbeinige unter Blinden.

Cosmos, mit einem Wildhüter im Kader und einem Schimpansen als Maskottchen, galt von Beginn an als eine der besseren Mannschaften. Angeführt von Randy Horton, einem kaltblütigen Bermudianer, wurden die Männer aus New York erst Zweiter und holten dann, im zweiten Jahr ihres Bestehens, die amerikanische Meisterschaft.

Sie hatten nur ein Problem. Es interessierte niemanden. Es war Soccer, und niemand ging hin. So tingelten sie über Highschool-Plätze. Manchmal kamen ein paar Hundert Fans, manchmal auch nicht. Später zog der Klub auf eine Gefängnisinsel mitten im East-River, im bisschen Rasen gesplittertes Glas. Scherben eines Traumes.

Wir haben weniger Leute angezogen als die Porno-Kinos auf der Eighth Avenue, erinnerte sich der Torwart Shep Messing Jahre später in Once in a Lifetime: The incredible Story of the New York Cosmos von Gavin Newsham.

Messing hatte sich zwischendurch noch für ein Herrenmagazin ausgezogen, trug auf den meisten Bildern nur Schnauzer. Oder einen Ball in den Händen. Das sollte, ein Akt der Provokation, ein bisschen Aufmerksamkeit bringen, brachte aber am Ende nur Ärger.

Cosmos war, trotz der ersten Erfolge, das etwas zu schmuddelige Stiefkind der Warner-Familie.

Kein Entertainment, stattdessen Tristesse in Trikots.

Steve Ross und die Brüder, die Männer hinter dem Team, glaubten jedoch weiter fest an die Kraft dieses Spiels.

Soccer, sagte Ross, wird die USA erobern.

Er war sich da sicher. Und wusste auch, wie. Nach all den Jahren bei Warner kannte er das Rezept des Erfolgs, seine Zutaten genau. Soccer war Business. Und Business war nichts ohne Show. Das galt im Film und in der Musik. Und im Sport galt es erst recht. Ross hatte Jagger und Streisand, er hatte Hofmann und Redford. All the presidents men.

Berühmtheiten, die Träume verkauften.

Das Publikum gierte danach.

Und Cosmos, Soccer an sich, brauchte genau das. Genau jetzt. Einen Supermann gegen den Stillstand. Einen Namen, den man auf Plakate drucken, ein Gesicht, das man neben den Highway hängen konnte, überlebensgroß und in Farbe. Einen Namen also, der größer war als das Spiel.

Und vielleicht sogar größer als die Stadt selbst, größer noch als New York.

Steve Ross und die Brüder, da waren sie sich einig.

Cosmos, bisher nur Luftschloss, sollte Palast werden.

Ein Neuschwanstein, so schrieb es die FAZ.

Doch dafür mussten sie einen König finden, der darin regierte. Einen Entwicklungshelfer für das Entwicklungsland. Einen Regenten also, der Glamour mit Glorie verbinden konnte, und Eleganz mit Erfolg.

Einen Weltstar. Am besten.

Einen Weltmeister. Noch besser.

Sie fanden ihn in São Paulo. Sie fanden ihn in Pelé.

Denn größer, das hatte sich Steve Ross von den Brüdern erklären lassen, ging es nun mal nicht. Pelé, 1970 in Mexiko zum dritten Mal Weltmeister geworden, war schon Jahrhundertfigur, ganz sicher der berühmteste Sportler, vielleicht sogar der berühmteste Mensch des Planeten. Bekannter sogar als Ali, die Queen. Bekannter auch als der Papst. Eine Werbeikone, die längst selbst zur Marke geworden war. Weltweit und wertvoll. Der globale Goalgetter.

Mächtiger, das hatten Umfragen in jenen Jahren ergeben, war eigentlich nur Coca-Cola.

Denn Pelé prickelte, sein Name noch immer auf allen Zungen. Und hätte man sein Charisma, die ganze Aura des Außergewöhnlichen in Flaschen gefüllt und im Supermarkt angeboten, die Leute hätten ganz sicher Schlange gestanden, für diesen ersten Schluck Unsterblichkeit.

Pelé, 1940 in Três Corações, der Stadt der drei Herzen, als Edson Arantes do Nascimento geboren, war zu Hause bereits König. Er war Business und Show.

O Rei, teure Majestät.

Und Steve Ross brannte, lichterloh. Keine Frage, dieser Brasilianer war ihre Antwort. Auf das Achselzucken des Publikums, die Nichtbeachtung der Journalisten.

Er war ihr Ausweg aus dem Abseits.

Es gab nur einen Spieler auf der Welt, der die Kruste der Ablehnung durchbrechen konnte, erklärte Clive Toye, damals General Manager bei Cosmos, im Rückblick.

Toye, ein bauernschlauer Brite aus Plymouth, in Aussehen und Auftritt dem jungen Boris Johnson nicht unähnlich, hatte in seiner Heimat viele Jahre über Fußball geschrieben und war schließlich in die USA gegangen, um den Amerikanern seinen Lieblingssport nahezubringen. Als Funktionär hatte er die Liga durch die ersten Krisenjahre geführt, ein Berater, ein bisschen Hebamme auch. Und, schließlich in New York angekommen, dem Klub seinen Namen gegeben.

The Cosmopolitans, weil ihm alles andere, alles Vergleichbare noch zu klein geklungen hatte.

Toye, das lag in seiner Natur, wollte die ganz große Oper.

Er dachte höher, schneller, weiter.

Weshalb ihn die Idee, den mächtigen Pelé als Zugpferd vor den noch immer lahmen Karren zu spannen, im Grunde seit 1971 begleitete. Und obwohl er wusste, dass er eine Unmöglichkeit verfolgte, war er dem Brasilianer fortan hinterhergereist. Nach Europa, durch Asien. Tokio, Basel, you name it. Und hatte ihm überdies Dutzende Telegramme geschickt, in denen er die Zukunft des Fußballs in Amerika in buntesten Farben malte.

Woanders, erklärte er Pelé immer wieder, kannst du bloß Meisterschaften gewinnen.

In New York aber gewinnst du ein ganzes Land.

Vergeblich.

Die Antwort blieb freundlich, aber auch immer dieselbe. Nein.

Ich werde, hatte Pelé gesagt, nie für einen anderen Klub spielen.

Nun aber, Anfang des Jahres 1975, standen die Zeichen deutlich besser.

Denn nur wenige Monate zuvor hatte Pelé seine Karriere beim FC Santos, seinem Lebensverein, unter Tränen beendet. Er war 34 Jahre alt und plötzlich Rentner. Der Fußball, so schien es, lag nun hinter ihm. Und eigentlich, so erinnerte er sich in seiner 2013 veröffentlichten Biografie, wollte er nun ein einfaches Leben führen. Zurückgezogen, mit seiner Frau und den beiden Söhnen. Weniger Pelé, mehr Edson Arantes do Nascimento. Mehr Mensch als Künstler, das Leben fortan so bürgerlich wie der Name.

Daraus aber sollte nichts werden.

Denn Pelé, man mag es kaum glauben, nach einem halben Leben als Profi, nach drei Weltmeistertiteln mit Brasilien, nach zehn Staatsmeisterschaften mit Santos, war pleite. Das Fußballgeld, weg. Die Werbeeinnahmen, aufgebraucht.

Von seinen Beratern, den wohl falschesten Freunden, durchgebracht. Verbrannt.

Und Pelé stand in der Asche seiner Gegenwart.

An das sehr kurze und ebenso schicksalhafte Gespräch mit seinem Buchhalter, der schwitzend und bleich in der Tür gestanden hatte, erinnerte sich Pelé auch Jahre später noch ganz genau. Er, der König, war ihm mit Humor begegnet. Ein letzter Scherz auf der Schwelle. Das berühmte Lächeln, dahinter schon eine ernste Ahnung.

Wie viele Millionen, hatte er da gefragt, habe ich noch?

Also, hatte der Buchhalter geantwortet, es ist nicht so einfach.

Eine Bankrotterklärung.

Und Clive Toye witterte seine Chance.

So flog er noch einmal nach Brasilien, mit einem Blankoscheck und besten Grüßen von Steve Ross in der Tasche.

Er sollte Pelé nach New York holen, Geld dabei keine Rolle spielen.

Cosmos, sie boten dem König einen Vertrag aus einer anderen Welt.

2,8 Millionen Dollar für zwei Jahre. Das war mehr als Pelé in all seinen Jahren beim FC Santos verdient hatte. Und mehr auch, als jeder andere Sportler in den USA zu jener Zeit bekam. Kareem Abdul-Jabbar, ein Riese unter dem Korb, spielte drüben in Milwaukee für 480 000 Dollar im Jahr. Cosmos, nun auch das Gehalt astronomisch.

Und Pelé sagte zu, drückte Absicht und Unterschrift auf ein Blatt Papier.

Der Transfercoup des Jahrhunderts, schreibt Newsham. Once in a Lifetime.

Cosmos, das nächste Abenteuer.

Pelé, die Koffer bald voller Geld, war abflugbereit.

Nur die Heimat ließ ihn nicht ziehen, wollte den Sohn nicht verlieren. Die brasilianische Regierung verbot ihm den Abschied.

Pelé, so schrieb es die FIFA später, fiel als Nationalheiligtum gewissermaßen unter das Exportverbot.

Er sollte, das war die Direktive aus Brasília, niemals ein anderes Trikot tragen als das kanariengelbe der Seleção oder das strahlend weiße seines FC Santos. Alles andere würde einer Fahnenflucht gleichen, eines Verrats am Land seiner Eltern. Und auch in der Bevölkerung regte sich Widerstand, wurden alte Feindbilder aus dem Keller geholt. 1964 hatten die Amerikaner den Putsch des Militärs unterstützt. Nun, so klang es in den Straßen der Städte, wollten sie Brasilien berauben. Der Wechsel wurde Staatsangelegenheit.

Cosmos, ein Politikum plötzlich.

Steve Ross, die Brüder und Clive Toye, waren einigermaßen verzweifelt, bekamen dann aber überraschende Hilfe. Von einem Mann, der in seiner Jugend in Franken selbst auf dem Platz gestanden hatte und dem der Fußball, diese große Liebe aus Deutschland, zeit seines Lebens ähnlich nah gewesen war wie die große Lust an der Politik.

Henry Kissinger, 1923 als Heinz Alfred Kissinger in Fürth geboren, mittlerweile US-Außenminister und damit auch ein diplomatisches Schwergewicht, hatte erst den Vietnamkrieg beendet und dafür, durchaus umstritten, den Friedensnobelpreis erhalten, und sich nun, wenige Wochen zuvor, persönlich mit Pelé getroffen. Am Rande einer Brasilien-Reise, in einem Café in São Paulo. Und ihn dort gebeten, nach New York zu kommen, um dem Fußball zu helfen. Soccer als Staatsangelegenheit.

Mein Gott, schrieb der Spiegel, war Pelés erste Reaktion.

Kissinger hatte Eindruck hinterlassen, den König bezirzt.

Der Präsidentenflüsterer, jetzt klärte er die Sache auf dem kurzen Dienstweg, und überzeugte den brasilianischen Staatschef, Pelé gehen zu lassen.

Pelé, das war Kissingers stärkstes Argument, wird in den USA ein perfekter Botschafter seines Landes sein.

Kissinger, the Art of the Deal.

Und so stand Pelé wenige Wochen später, am 10. Juni 1975, im berühmten Club 21 in Manhattan inmitten Dutzender Reporter, die Luft voll von Erwartung, das Cosmos-Logo übergroß im Rücken. Dabei selbst Wappentier, umrahmt von Steve Ross, hektisch rauchend, und Clive Toye, der ihn zuvor mit wenigen, dafür aber umso größeren Worten auf die Bühne geholt hatte.

The Legend, the great one, the king.

Die Kameras klickten, surrten und blitzten. Pelé, der als Brasilianer standesgemäß zwei Stunden zu spät zum Termin gekommen war, nickte und lächelte. Und Toye und Ross grinsten. Sie hatten gewonnen. Sie präsentierten Pelé als Trophäe. Passenderweise im Hunt Room des Hotels, was Zufall sein konnte oder ein Gag unter Jägern, aber in jedem Fall nicht einer gewissen Symbolik entbehrte.

Pelé war fette Beute, ihr großer Fang. Und sein Auftritt tatsächlich der Beginn einer neuen Zeit.

Sie können die Nachricht verbreiten, ließ Pelé seinen Dolmetscher sagen, dass der Fußball nun auch endlich in den USA angekommen ist.

Ein süßes Versprechen.

Er sollte es bereits fünf Tage später einlösen, bei seinem Debüt gegen Dallas.

Das erste Spiel mit dem neuen Team, das erste Spiel auf der Gefängnisinsel, auf einem noch immer löchrigen Rasen, diesem hoffnungslosen Acker, dessen kahle Stellen, und davon gab es viele, vom Platzwart noch eben mit grüner Farbe übermalt wurden. Eine notdürftige Notwendigkeit, weil da plötzlich Kameras waren. CBS übertrug die Partie über die Grenzen New Yorks hinweg ins ganze Land. Live und in Farbe. Und Pelé, plötzlich Lauffeuer, plötzlich Stadtgespräch, hatte auch die Massen in die Arena gelockt. Die Menschen, sie waren aus Neugierde gekommen. Sie wollten den König sehen. 22 500 auf den Rängen, das Stadion ausverkauft. Einen solchen Andrang hatte es zuvor nie gegeben.

Es war nur ein Freundschaftsspiel, sagte Steve Ross hinterher, aber es kam einem vor, als sei es ein Spiel der Yankees in der World Series oder als stünden die Giants im Super Bowl. Ich hatte gehört, Pelé sei größer als der Papst, und jetzt sah ich, dass es stimmte.

Pelé glänzte.

Ross leuchtete.

Sein Klub war aus dem Schatten getreten.

In den darauffolgenden zwei Jahren veränderte Pelé die Wahrnehmung des Spiels, da überzog er das Flächengrau der Liga mit dem Blattgold seiner Anwesenheit. Seine Auftritte allein sorgten für Zuschauerrekorde. Seine Auswärtsfahrten glichen Popkonzerten, Hochämter einer neuen Heldenverehrung.

Einmal, Pelé hatte gerade ein Tor erzielt, stürmten die Zuschauer den Rasen. Und klauten ihm seine Hose. Er lächelte und winkte hinein in den Trubel. Und zeigte der Welt, im Vorübergehen und meist im Alleingang, dass er die alte Leichtfüßigkeit nicht verlernt und seinen Instinkt nie verloren hatte. Er war noch immer der König des Spiels. So schoss er, in gerade einmal 24 Auftritten, zwanzig Tore und legte seinen Mitspielern, die oft Mühe hatten, seinen Ideen und seinem Tempo zu folgen, noch weitere 23 auf.

Pelé und Cosmos, nun Attraktion. Nur die Meisterschaft, diese finale Krönung, gelang ihnen nicht.

Und so kamen Ross und Toye und die Brüder, in der Maßlosigkeit Manhattans, zu einer durchaus verschwenderischen Erkenntnis. Ein Pelé allein war zu wenig.

Sie hatten den König.

Jetzt wollten sie den Kaiser.

Sie hatten den Besten der Welt.

Jetzt wollten sie den Besten Europas.

Einen Weltmeister aus Deutschland.

Und Clive Toye, höher, schneller, weiter, flog nach Bochum. 18. September 1976, um sich am Rande eines Auswärtsspiels des FC Bayern mit Robert Schwan zu treffen. Einem Mann, der Pelze liebte und schnelle Autos und den die BILD-Zeitung später als Judas des deutschen Fußballs bezeichnen sollte. Schwan war Playboy, Schwadroneur, aber vor allem war er Manager und engster Vertrauter Franz Beckenbauers. Der Souffleur des Liberos.

Der freie Mann dahinter.

Toye und Schwan, Gäste anne Castroper, sahen dann eine wilde Partie. Ein Duell, das aus dem Rahmen fiel, weil die Bayern nach einer Stunde mit 0:4 in Rückstand geraten waren und am Ende, Uli Hoeneß in der 89. Minute, dennoch mit 6:5 gewinnen konnten.

Ich glaube, sagte Beckenbauer Jahre später in einem Interview, dieses Spiel, diese Spannung hat auch Toye nicht so schnell vergessen.

Die Männer jedenfalls blieben danach in Kontakt. New York, plötzlich eine Option. Der vielleicht nächste Schritt. Ein noch mal anderes Leben. Und Franz Beckenbauer geriet ins Grübeln. Er, Junge aus Giesing, war immer in Bayern geblieben. Ein Weltstar an der Isar. Selbst seinen größten Sieg, den Titel bei der Weltmeisterschaft 1974, hatte er zu Hause gefeiert. In München, im Olympiastadion.

Dahoam, Wohnzimmergeschichten.

Hier war er groß geworden. Hier allerdings hatte er sich mit den Jahren auch verändert. War Lichtgestalt geworden, viel zitiert. Beckenbauer, mehr Aristokrat als Ausputzer, bewegte sich längst auch stellungsfehlerfrei auf dem Parkett der Gehobenen.

Ein Gesellschaftslöwe, so nannte es der Spiegel, der nach Bayreuth fuhr und mit Politikern über Wagner redete.

Ein Festspielmacher im Smoking.

Seine Anzüge, auch das stand in der Zeitung, ließ er mittlerweile in Wien schneidern.

Beckenbauer, so schien es, war mit den Jahren herausgewachsen. München zu klein, die Heimat zu eng. Und selbst das Trikot des FC Bayern hatte seine Form verloren, zwickte an allen Enden.

Die Bayern, das war nicht nur in Bochum deutlich zu sehen, waren nicht mehr die Bayern.

Sie torkelten, so schrieb es der Spiegel, durch einen Strudel aus Niederlagen.

Wurden, so sagte es Beckenbauer gerne, hergespielt.

Die Mannschaft in die Jahre gekommen, die Meisterschaft plötzlich weit weg. Das einstige Schwergewicht in den Seilen. Auflösungserscheinungen nach einem Jahrzehnt Dominanz.

Neben dieser sportlichen durchlebte Beckenbauer jedoch auch eine ganz persönliche Krise, wurde das Private wie unter Flutlicht ausgeleuchtet.

Jeder Schritt unter Beobachtung.

Da war die Geschichte mit der Sportfotografin Diana Sandmann, dieser außereheliche Ausrutscher, der vom Boulevard gnadenlos genüsslich durch den täglichen Fleischwolf der Schaulust gedreht wurde.

Ausschlachthof BILD, Reporter auf Schritt und Tritt.

Und da war die Sache mit dem Finanzamt, den Steuerschulden. Die Fahnder, auch sie hinter ihm her. Die Lichtgestalt plötzlich beschattet. Der Saubermann mit mehr als einem Bein in der Schmuddelecke. Mit Dreck am Stecken, wie es Robert Schwan formulierte. Die Frauengeschichten als Stolperfallen. Das Gesamtbild in Scherben. Die Leute, noch Druckerschwärze am Daumen, zeigten mit dem Finger auf ihn, als wäre er, der Kaiser, tatsächlich nur in Unterhose vor die Tür getreten. Eine nationale Lachnummer.

Das schmerzte ihn.

Und Beckenbauer, so viel war sicher, hatte ausreichend Fernweh. Nur entscheiden konnte er sich nicht. Sagte Ja, dann wieder Nein. Er haderte. Ein zähes Ringen, gefangen zwischen Versuchung und Verantwortung. Er war der deutsche Kapitän. Er konnte das Land nicht einfach verlassen.

Dann aber, so hat es Beckenbauer 2010 in einem Interview mit dem SZ Magazin erzählt, wurde er von Cosmos und Clive Toye nach New York eingeladen.

Komm doch mal rüber, hatten sie gesagt, und schau dir an, wer wir sind. Ganz easy, ein erstes Kennenlernen.

Ausschlaggebend, und daran erinnerte er sich auch Jahre später noch genau, war dann ein Helikopterflug vom Dach des Pan Am Buildings durch Manhattan. Über den Hudson, raus nach New Jersey zum Stadion der Giants.

Ein Flug in eine andere Welt.

Sie lag ihm zu Füßen. Und der Kaiser staunte. Deutschland in diesen Sekunden weit weg, München mehr als nur eine Flugreise entfernt.

Dort, dem Himmel ganz nah, hatten ihn die Männer überzeugt. Noch im Cockpit, während der Helikopter über dem Stadion drehte, soll er ihnen seine Zusage zugerufen haben. Über das Dröhnen der Rotoren hinweg.

Also gut, hört’s auf, ich komme!

Die Heimat aber begegnete dieser Entscheidung mit Fassungslosigkeit, mit Wut und Häme.

Sie höhnte, in der deutlichen Sprache der Schlagzeilen.

Beckenbauer, schrieb die SZ, vom Idol zum Reklamekasper.

Sein Wechsel, vom internationalen Fußball-Parkett des Münchner Olympia-Stadion-Rasens in die Hillbilly-Prärie, so stand es in einer Spiegel-Ausgabe aus dem April 1977, wirkt auf die verstörte deutsche Fußballgemeinde so, wie es Ballettomanen schockieren würde, wenn Nurejew auf einen Reeperbahn-Tingeltangel herunterstiege, oder Opern-Fans, wenn die Callas im Duett mit Heino aufträte.

Vergiftete Vergleiche.

Verletzte Gefühle.

Als hätte der Kaiser sein Land verraten.

Sein Abgang, dieses anstandslose Adieu, galt den meisten als feiges Davonrennen. Eine Flucht, schrieben sie. Aus Land und Verein. Eine Flucht. Vor Niedergang und Verantwortung, vor Steuerfahndung und Ehekrise.

Beckenbauer selbst nannte den amerikanischen Journalisten später drei gute Gründe für seinen Abgang, den Wechsel nach New York. Eine Aufzählung in noch gebrochenem Englisch. Ein Gruß nach Deutschland wohl auch.

Erstens, sagte er da, bin ich 32 Jahre alt und habe fast alles erreicht. Zweitens, der Vertrag ist wirklich sehr, sehr gut. Und am wichtigsten: Mit Pelé zu spielen war immer mein Traum.

Er meinte es so, und in diesem Moment sprach der Junge aus ihm, die ganze Liebe zum Spiel. Diese Begeisterung der Anfänge, wenn die Sehnsucht im Sechzehner liegt und der Tag mit einem Anpfiff beginnt, draußen, vor dem Fenster der Mutter, auf dem Asphalt der Straße, das blecherne Scheppern der Dosen. Oder der dumpfe Schlag des Leders gegen das Garagentor nebenan, Nachbarschaftsduelle. Und im Wohnzimmer am Abend der Vater, die große Geste.

Das erste Spiel, das man danach nicht mehr vergisst.

Denn Beckenbauer war dem vier Jahre älteren Pelé das erste Mal im Sommer 1958 begegnet. Während der Weltmeisterschaft in Schweden, Finale gegen den Gastgeber. Da sah er ihn, jubelnd, tänzelnd, lächelnd, auf dem Fernsehgerät der Eltern. Pelé, 17 Jahre alt erst, in Schwarz-Weiß.

Eine Röhre in Giesing plötzlich Fenster zur Welt.

Pelé, hatte Beckenbauer der New York Times erzählt, schoss damals zwei wunderschöne Tore. Und da habe ich das erste Mal davon geträumt, eines Tages mit ihm gemeinsam zu spielen.

Einmal Seite an Seite auflaufen, einmal zusammen jubeln. Das gleiche Trikot tragen. Das wäre doch was. Aber es sollte nicht sein. Weil Beckenbauer in Bayern blieb. Und Pelé in Brasilien. Sie waren sich, und das kann entweder als Versäumnis oder als Frechheit des Fußballgottes verstanden werden, bis dahin überhaupt nur ein einziges Mal auf dem Platz begegnet. Bei einem Länderspiel in Rio de Janeiro, am 14. Dezember 1968.

Ein Unentschieden, lange her.

Jetzt in New York aber, sind König und Kaiser endlich vereint.

Denn am 24. Mai 1977, nur drei Tage nach seinem letzten Bundesligaspiel für den FC Bayern, wird Beckenbauer von Manager Clive Toye, Coach Gordon Bradley und seinem neuen Kapitän Werner Roth, einem deutschstämmigen Vorstopper, am John F. Kennedy Airport abgeholt. Ein stattliches Empfangskomitee. Tags darauf, es ist ein Mittwoch in Manhattan, sitzt er im Plaza Hotel und unterzeichnet seinen Vertrag bei Cosmos. Vier Jahre.

Für 2,8 Millionen Dollar. Mindestens.

Für dieses Geld, ruft ihm Sepp Maier hinterher, tät ich nach Amerika schwimmen.

Nun denn.

Beckenbauer bezieht eine Suite im St. Regis Hotel, 55. Straße. Robert Schwan wohnt nebenan. Viel Zeit, anzukommen, sich wirklich einzugewöhnen, hat der Kaiser allerdings nicht.

Er muss sofort da sein. Erstes Training am Donnerstag, erstes Spiel am Sonntag. In Tampa, gegen die Rowdies. Anstoß um 14 Uhr Ortszeit, Mittagsglut in Florida.

Beckenbauer spielt bei 38 Grad im Schatten und 80 Prozent Luftfeuchtigkeit. Vor allem aber spielt er auf einem ihm völlig fremden Untergrund. Kunstrasen. Astroturf, sagen die Amerikaner. Was schon wieder nach Zukunft klingt, nach den Sternen, die er vom Himmel schießen soll. Erst mal aber holpern die Pässe, schmerzen die Knie.

Astroturf, der harte Boden der Tatsachen.

Beckenbauer müht sich in der Hitze. Und trifft zum Debüt. Aber es hilft nichts.

Pelé erwischt einen eher durchschnittlichen Tag.

Und Cosmos verliert mit 2:4.

Sie waren besser, sagt er hinterher vor den Kameras.

Es ist nicht der Anfang, den sich Beckenbauer vorgestellt hat.

Soccer, vielleicht doch kein Spaziergang.

Und auch die Stadt selbst, New York als Spielfeld, ist anfangs bretthartes Geläuf. Ein mühsamer Start. New York, eine wirklich andere Welt. Beckenbauer, neue Sprachen in neuen Straßen, versteht sie nicht gleich, muss sich hineinarbeiten in den Alltag der Amerikaner.

Als ich zum ersten Mal durch den Central Park gelaufen bin, erinnerte er sich 2014 in der Süddeutschen Zeitung, haben dort alle Baseball gespielt. Immer nur Baseball. Ich habe in New York keinen einzigen Fußballplatz gesehen.

Es ist das anfängliche Fremdeln.

Mit einer Stadt, die das Leder nicht streichelt, mit der Innenseite oder dem Außenrist, sondern mit Knüppeln danach schlägt. Und die selbst nach zwei Jahren Pelé noch immer nicht zu wissen scheint, was das überhaupt ist, was er da überhaupt macht. Fußball, Vokabeln aus Holz.

Soccer, das klingt aus vielen Mündern noch immer wie eine seltene Krankheit. Wie etwas, das man sich auf einer Ozeanüberquerung unter Deck einfangen könnte.

Soccer, im Fieber vor Ellis Island.

Beckenbauer, lost in translation.

Und Beispiele gibt es genug.

Am Tag nach seiner Unterschrift etwa druckt die New York Times einen langen Artikel über die Ankunft des Deutschen. Cosmos, keine Randnotiz mehr. Und doch muss die Zeitung ihren Lesern am Ende desselben Textes, wie zur Absicherung, noch mal ganz genau erklären, was das eigentlich ist, ein Elfmeter.

Soccer, noch immer in Kinderschuhen.

Beckenbauer, als wäre er von der Säbener in die Sesamstraße gezogen.

Und als einer übers Tor geschossen hat, erzählte er in der SZ, haben die Zuschauer gejubelt, weil sie dachten, dass es dafür Punkte gäbe wie beim American Football.

Bei einem seiner ersten Spiele, auswärts in Tulsa, stoppt Beckenbauer den Ball mitten im Angriff, bleibt stehen und lauscht, als hätte er sich verhört. Aber nein. Der Stadionsprecher begleitet jeden seiner Schritte, kommentiert tatsächlich jeden Pass. Und erklärt dem Publikum, sehr laut und in aller Ruhe, die Regeln des Spiels.

Eckball und Abseits, Abstoß und Einwurf.

Da läuft Franz Beckenbauer, dröhnt es also über die Ränge in Tulsa. Und vergessen Sie nicht, meine Damen und Herren, der Einzige, der den Ball mit der Hand berühren darf, ist der Torwart.

Das ist der Moment, in dem er darüber nachdenkt, ob das wirklich eine so gute Idee war, nach Amerika zu kommen. So zumindest hat es Ahmet Ertegün später erzählt, in einem Interview mit dem Spiegel, im März 1998. Und sich dabei köstlich amüsiert.

Ach ja, die wilden Jahre.

Der Cosmos-Gründer, mittlerweile 64 Jahre alt und in der Überschrift des Magazins als der große Gatsby des Rock ’n’ Roll geadelt, konnte über diese Anekdote herzlich lachen, schließlich war Beckenbauer dann ja doch nicht gegangen.

Und Ertegün wusste auch noch ganz genau, warum.

Wir saßen wenig später in einem Restaurant in New York City, erinnerte er sich, herein kam Woody Allen. Und noch ehe ich Franz vorstellen konnte, schrie Woody strahlend durchs Lokal: Franz Beckenbauer! Da wusste Franz, dass er angekommen war.

Die Stadt, sie hatte dem Kaiser ein Zeichen gegeben, ihn tatsächlich persönlich begrüßt. Denn ein echter New Yorker, so zumindest erzählen es sich echte New Yorker, wird man doch erst, wenn man ebenjenem Filmemacher begegnet ist, der Manhattan im Grunde erfunden hat.

Beckenbauer bleibt also wegen Woody Allen in New York. Und natürlich wegen Pelé.

Obwohl er seine Rolle bei Cosmos an der Seite des Brasilianers erst noch finden muss. Hier ist er nicht sofort Dirigent, der Außenrist als Taktstock, nicht wie selbstverständlich Zentrum des Spiels. In New York muss er sich Ruhm und Raum teilen. Der Kaiser, mehr arbeiten als herrschen.

Der Libero, die Amerikaner nennen ihn Sweeper.

Beckenbauer, hier auf Kunstrasen, ist er wieder der Ausputzer. Der Mann im Rücken, der Pelé hinterherwischen soll. Beckenbauer schrubbt durchs Mittelfeld. Und fast geht dabei unter, dass er natürlich noch immer blitzsaubere Pässe spielt.

Dazu Spannstöße, die vor Kraft nur so strotzen.

Den Applaus aber bekommt Pelé. Der Striker, er ist der Liebling der Zuschauer. Ihn kennen sie schon. In New York, wo Sport immer auch Fastfood ist, liefert er, was sie bestellt haben. Pelé bietet Popcorn-Fußball. Und wenn es knallt, dann flippen sie aus.

Beckenbauer hat dieses Verhältnis rückblickend einmal genau beschrieben. 1981, in einer Homestory der New York Times.

Look, sagte er da, schau’n Sie. Péle war ein Solist, der beste Spieler aller Zeiten. Ich dagegen bin immer ein Teamplayer gewesen, ein Spielmacher. Der Typ, der die anderen in Position bringt. Ich kann eine Mannschaft bewegen. Pelé kann das nicht. Aber er war ein Killer. Und du konntest von den Amerikanern nicht verlangen, dass sie das verstehen. Denn Pelé hat ihnen wunderbare Tore geschenkt. Und sie liebten es, wenn einer durch drei, vier Spieler dribbelt. Dann haben sie wie verrückt gejubelt. In Europa wäre man für eine solche Dummheit aus dem Stadion gepfiffen worden.

Es sind Sätze, bewusst gewählt, die sein Gespür für das Spiel erkennen lassen. Sie offenbaren seine besondere Sicht auf die Beziehung zu Pelé, die Fliehkräfte ihres Miteinanders. Und ganz nebenbei liefern sie auch schon die Erklärung für den gemeinsamen Erfolg.

Weil sich die beiden Weltstars in ihrer Gegensätzlichkeit am Ende natürlich wunderbar ergänzen. Und weil Beckenbauer selbst groß genug ist, um dem Größten den nötigen Platz zu bieten. Genug Lichtgestalt, um Pelé glänzen zu lassen.

Beckenbauer, so klingt es in seinen Erinnerungen, bestimmt den Rhythmus. Er sorgt für den Takt, auf den Pelé seine Melodien legen kann.

Beckenbauer ist Beat, Pelé ist Tanz.

Sie ergänzen sich gut. Und finden ihre Harmonien. Den Swing, der beim Fußball so wichtig ist, weil er ein ganzes Team tragen kann.

Eine Mannschaft, tatsächlich in Bewegung.

Und auch abseits des Feldes, nach den Einheiten, den Auswärtsspielen, entsteht etwas Neues.

Eine Freundschaft, über alle Barrieren hinweg.

Beckenbauer und Pelé, die nur wenig Englisch sprechen und kaum ein Wort in der Sprache des anderen, verständigen sich auf ihre Weise. Erst mit den Füßen, klar, und dann mit den Händen, universelle Gebärden.

Ein Esperanto der Körper. Irgendwie geht es.

So lernen sie sich nach und nach kennen. Kaiser und König, entwickeln ein Gespür füreinander.

Dann kommt der Blackout.

Am 13. Juli 1977 sind Pelé und Beckenbauer Gäste im Apartment des damaligen Assistenztrainers von Cosmos, Professor Júlio Mazzei. Ein Dinner unter Freunden, es soll ein vergnüglicher Abend werden. Zwei Tage vor dem nächsten Spiel. So sitzen sie am Esstisch, als der Strom ausfällt. Mit einem Mal, in der ganzen Stadt. Es ist 21:36 Uhr, New York stockduster. Die Laternen wie ausgetreten, die U-Bahnen wie von Riesenhänden gestoppt. In den Krankenhäusern beginnt die Notversorgung.

In einer Nacht, die von der Hitze des Tages noch dampft.

Die Luft war so dick vor Schmier und Schmutz, schreibt der Schriftsteller Ernesto Quiñonez hinterher, ich konnte New York mit der Zunge schmecken.

Und unten in den Straßen, so formuliert es der Spiegel-Korrespondent Marc Pitzke Jahre später in einem Rückblick des Magazins, beginnt eines der dunkelsten Kapitel in der Geschichte der Stadt.

Während die Restaurants an der Upper East Side ihre Tische auf den Gehsteig stellen und die plötzliche Dunkelheit gemeinsam mit ihren teilweise prominenten Gästen, Woody Allen, Al Pacino und Calvin Klein, wie eine zufällige Sonnenfinsternis begrüßen, werden in den ärmeren Vierteln, in Harlem etwa, Geschäfte geplündert und ganze Häuserblocks in Brand gesteckt. New York schwelt.

Die Nacht des Terrors, titelt die Times am nächsten Morgen.

Und oben im Wohnzimmer des Professors entscheiden Pelé und Beckenbauer, die eigenen Apartments plötzlich gefährlich weit weg, ihren Heimweg zu verschieben. Sie wollen den Sonnenaufgang abwarten. Zurück im Hellen, das erscheint ihnen sicherer. So verbringen sie die Nacht gemeinsam. Auf dem Boden, neben den anderen Gästen.

Ich bin dann morgens gegangen, erinnerte sich Beckenbauer, 33 Stockwerke runter und elf bei mir wieder hoch, um mein Equipment zu holen. Dann wieder elf runter. Das war ein gutes Training.

Pelé und Beckenbauer, sie fliegen noch am selben Tag zum Auswärtsspiel nach Rochester. Und verlieren im Juli kein Spiel mehr.

Es ist der Beginn ihres Siegeszugs. Durch die Liga. Und vor allem durch die Stadt. Cosmos, plötzlich wieder in aller Munde. Der Funke, im Fußball oft beschworen, springt vom Feld auf die Tribünen. Und von den Tribünen auf die Straßen.

Denn Steve Ross und die Brüder, die gut geölte Warner-Maschine im Rücken, nun selbst in der Offensive, drehen in diesen Wochen am ganz großen Rad und verbinden die Aura der Fußballer mit dem Glamour jener Künstler, die sie ohnehin unter Vertrag haben. Sie sitzen fortan auf der Tribüne, echte Edelfans.

Unten Pelé und Beckenbauer.

Oben Redford, Streisand, Jagger.

Namen, die auf der Videowand tanzen.

Sie halten die Fahne hoch.

Cosmos, the Star-Spangled Banner.

Und nach Abpfiff begegnen sie sich.

Mr. Ross, schreibt die New York Times, führte eine Parade fettgedruckter Namen durch die Umkleide des Teams.

Bald gehören auch Peter Frampton und Diane Keaton, Rod Stewart und Muhammad Ali zur Anhängerschaft des Clubs. Und selbst Henry Kissinger schaut ab und an bei den Heimspielen und einmal auch am Entmüdungsbecken vorbei.

Meine Herren, bitte stehen Sie nicht auf.

So wird das Giants Stadium, diese Riesenschüssel in New Jersey, an seinen heißesten Tagen zu einem Melting Pot der Prominenz. Aber es sind vor allem die gemeinsamen Nächte, die Abende nach Abpfiff, die für die nötigen Schlagzeilen sorgen. Nächte, an einem Ort, dessen Name noch heute klingt, etwas auslösen kann. Weil er nicht nur für sich steht, sondern gleich eine ganze Ära verkörpert.

Das Studio 54.

Sofort Szenen im Kopf. Steve Rubell an der Tür, in der Hand die Kordel aus rotem Samt. Der Studio-Gründer, ein kleiner Mann auf einem Hydranten, der darüber entscheidet, wer mitmachen darf und wer nicht. Bianca Jagger, die auf einem Schimmel über die Tanzfläche reitet. Ihr Mann, der auf einer Harley hineinrollt. Calvin Klein im Twist mit Diane von Fürstenberg. Michael Jackson mit Afro, Andy Warhol mit Fliege. Ein Hades der Hedonisten, und damit Sinnbild eines New Yorks der späten Siebzigerjahre, das sich in seiner paillettenbesetzten Dekadenz irgendwann vor die eigentliche Stadt geschoben hat, vor die Wirklichkeit dahinter, die kaputt ist, an ihren Rändern und in ihren dunkelsten Ecken. Ganze Viertel in Flammen, die Türen verrammelt, die Fenster beschmiert. Ganze Viertel, in denen die Menschen an Kugeln oder an Spritzen verrecken.

Das Studio 54 liegt nur wenige Blocks entfernt von der Armut, den Abgründen, an der Ecke 254 und 54 West, daher der Name. Und ist doch ein anderer Planet. Ein Tempel in einer gottlosen Zeit, 1900 Quadratmeter groß.

Der schillerndste Club der Welt, am 26. April 1977, und damit genau einen Monat vor Beckenbauers Ankunft in New York, eröffnet, wird zur Spielwiese der Fußballer.

Immer montags, sowieso spielfrei, halten schwarze Limousinen davor, darin Cosmos, Pelé und Beckenbauer im Anzug. Sie haben einen eigenen Tisch, sie sind der Mittelpunkt dieser Party. Jedes Mal. An den Türstehern einfach vorbei.

Es war leichter auf den Mond zu kommen als ins Studio 54, hat der Schriftsteller Truman Capote einmal gesagt.

Die Spieler aber werden wie Götzen begrüßt, hauseigene Helden. Steve Rubell, wie Beckenbauer Sohn eines Postbeamten, rollt ihnen nicht nur sprichwörtlich den Teppich aus.

Ein Knicks vor den Cosmos.

So tauchen sie hinein. In eine glitzernde Gegenwelt.

Der Boden des Clubs, ein Zufall nur, aber ein feiner, ist mit schwarzem Kunstrasen ausgelegt, die Kellner tragen enge Turnhosen aus Satin. Als wäre das Studio das bewusst inszenierte Negativ eines Stadions, Stunden entfernt vom Gleißen der Spieltage.

Dann schäumt es, dann gibt es Champagner.

Steve Ross und die Brüder, lächelnd im Hintergrund, so mischen sie einen exklusiven Cocktail aus Glamour und Ruhm, setzen Sänger neben Stürmer, Spielmacher neben Regisseure. Bis nicht mehr klar ist, wo der Sportler endet und der Weltstar beginnt, bis alles verschwimmt.

Im Stroboskop, im Klang der Synthesizer. Studio 54, Vollkontaktbörse. Eine Polonäse der Prominenz.

Auf den Fotos das sowieso bunteste Volk.

Ganz großes Kino, fand Beckenbauer.

Die Cosmos, nun auch auf der Tanzfläche Attraktion.

Pelé und Carlos Alberto, erinnerte sich der Kaiser später in der SZ, haben das Studio aufgemischt, so was hatten die noch nicht gesehen. Plötzlich wurde Samba getanzt und alle machten große Augen. Was man wissen muss: Pelé ist ein mindestens ebenso großartiger Sambatänzer wie Fußballer gewesen. Ich ja nicht. Ich habe mir das in aller Ruhe mit einem Drink in der Hand angeschaut.

Im Studio, schreibt die 11FREUNDE, schlüpfen beide Cosmos-Spieler in ihre gewohnten Rollen.

Pelé und Beckenbauer, dort im Club sind sie gleich wieder Striker und Sweeper. Der eine bedingungslos offensiv, der andere auch im Halbdunkel darum bemüht, den Überblick zu behalten. Der eine im Mittelpunkt, mit einem Hüftschwung sofort hinein in den Strafraum.

Der andere im Stillen dahinter. Positionsspiele.

Pelé beherrscht nun auch die Nacht. Ein König, der mit seinen weißen Anzügen und breiten Kragen, in Auftritt und Bewegung nicht nur zufällig an den King erinnert. Ein schwarzer Elvis, der zu Hause ist in der Musik, dem Lasziven der Lenden. Und in diesen Wochen tatsächlich auch ein Star unter Stars.

Der VIP aller VIPs, sagt Steve Rubell.

Was einem Ritterschlag mit dem Koks-Löffel gleichkommt.

Und selbst Mick Jagger, der als Frontmann der Rolling Stones zu jener Zeit zumindest das europaweite Patent für einen Hüftschwung besitzt, der ganze Reihen in Ohnmacht fallen lässt, erliegt der Leichtigkeit des Brasilianers, sucht gerne und immer wieder dessen Nähe.

Absolut jeder, erinnert er sich später, wollte seine Hand schütteln, ein Foto mit ihm machen. Wenn du sagen konntest, dass du mit Pelé bei einer Party warst, dann war das die größte Auszeichnung überhaupt.

Mick Jagger, Sympathy for the Dribble.

Die gemeinsamen Bilder, Überschnappschüsse, erzählen davon.

So erzeugen Ross und Rubell, die Brüder und Pelé am Ende Bilder für die Ewigkeit. Und einen Buzz, der tatsächlich noch größer ist als New York. Im Sommer 1977, auf dem Höhepunkt des Hypes, ist Cosmos plötzlich mehr als eine Fußballmannschaft.

Eine Boyband, schreibt die 11FREUNDE. Larger than life.

Wenn Cosmos New York auswärts spielten, schreibt die FAZ, sei es gewesen, als wäre man mit den Rolling Stones unterwegs.

Für die Auswärtsreisen werden Flugzeuge gechartert, darin eine Entourage aus Journalisten und Groupies.

Cosmos, das ist Rock ’n’ Roll in kurzen Hosen, Pop in Stollenschuhen. Der Club dröhnt im Summen seiner Teile.

Und leuchtet im Erfolg auf dem Platz.

Denn der Fußball, zwischenzeitlich nahezu Nebensache, funktioniert ja auch.

Der Wanderzirkus Cosmos, schreibt der kicker, tourt durchs Land und gewinnt nebenher auch noch Spiel um Spiel. Im August kommen 77 691 Menschen ins erstmals ausverkaufte Giants Stadium und jubeln ekstatisch, als Beckenbauer und Co. wie Gladiatoren durch den Tunnel auf den Kunstrasen laufen und dabei Bugs Bunny abklatschen.

Showtime!

Cosmos fliegt danach durch die Play-Offs, eine nicht mehr aufzuhaltende Kraft, die Magie des Momentums.

Und am 28. August, Endspiel in Portland, gewinnen Péle und Beckenbauer die Soccer Bowl. Die Meisterschaft, durch ein 2:1 gegen die Seattle Saunders. Der gemeinsame Triumph.

Beckenbauer, Pelé nennt ihn jetzt nur noch Bruder.

Kaiser und König, es ist ihre finale Krönung. Danach gehen sie auf Welttournee, treten in der Karibik auf und in China. Beckenbauer radelt durch Tokio. Und Pelé, das Ende der Reise vor Augen, bereitet seinen Abschied vor.

Er wird noch einmal angemessen gigantisch.

Das Giants Stadium randvoll, 75 646 Menschen sind nach New Jersey gekommen, um dabei zu sein. An diesem besonderen Tag. Es ist der 1. Oktober 1977, und Pelé trägt zwei Trikots. Das grüne von Cosmos. Und das weiße seines FC Santos. Er spielt für beide Teams, je eine Halbzeit lang. So steht die Vergangenheit, die ganze Glorie seiner Karriere noch einmal mit auf dem Feld. Und der Fußball, so gehört sich das in solchen Momenten, angemessen aufrecht Spalier.

Die fünf Kapitäne der vergangenen fünf Weltmeistermannschaften sind gekommen. Neben Beckenbauer und Bobby Moore, auch die drei Brasilianer Bellini, Mauro und Carlos Alberto, Titelträger an der Seite Pelés. Als Vorband spielen Herbie Mann und der brasilianische Pianist und Grammy-Gewinner Sérgio Mendes, auf der Tribüne lächeln die Namen.

Jagger und Warhol, Robert Redford und Muhammad Ali.

Nicht weit entfernt sitzt Henry Kissinger. Natürlich, Anfang und Ende. Der Außenminister hatte schließlich recht behalten, Pelé ist in New York zu einem wunderbaren Botschafter seines Landes, mehr allerdings noch zu einem erfolgreichen Diplomaten des schönen Spiels geworden.

Entsprechend bunt ist das Publikum, ein berühmtes Farewell!

Außer Bugs Bunny, titelt die New York Times am nächsten Tag, waren alle da.

Ein Goodbye als Event. Noch einmal Showtime!

In der 43. Minute dann gibt es einen Freistoß für Cosmos, etwa 30 Meter vom Tor entfernt. Pelé legt sich den Ball zurecht, ein Drehbuchmoment so kurz vor der Pause. Und jeder im Stadion, die 75 646 auf den Rängen, die 22 auf dem Rasen, weiß genau, was jetzt passieren wird. Weil solche Tage, Abschiedsspielsekunden, irgendwann eine Zwangsläufigkeit entwickeln, der Hauptdarsteller auch der Held sein muss. Also schießt er den Ball ins Tor. Es ist der 1281. Treffer seiner Karriere, dann pfeift der Schiedsrichter, und Pelé tauscht das Trikot, lässt das grüne in der Kabine.

O Rei, immer auch Symbolcharakter.

Beckenbauer und Pelé, sie sind in den darauffolgenden 45 Minuten, und erst zum zweiten Mal überhaupt, Gegenspieler, treffen im Mittelfeld aufeinander. Ein ungewohntes Bild. Es gibt auch davon ein Foto.

Ein Zweikampf, die Männer im Duell um den Ball.

Lufthoheiten, dort stoßen sie zusammen. Das Kinn des Kaisers und der Kopf des Königs. Im Hintergrund verwischt das Publikum. Und fast sieht es aus, als würde Beckenbauer seinem Freund einen Abschiedskuss geben, die Augen geschlossen, die Lippen zärtlich auf dem schwarzen Schopf.

Dann ist Schluss.

Die Mitspieler heben Pelé auf ihre Schultern, tragen ihn durch die Arena. Das Giants Stadium jetzt Ehrenrund. Mittlerweile hat es zu regnen begonnen. Und Pelé weint, von den eigenen Gefühlen und dem Echo des Publikums überwältigt. Als er endlich vor das bereitgestellte Mikrofon tritt, um den Zuschauern und ganz Amerika zu danken, kann er kaum sprechen, muss immer wieder neu ansetzen.

Liebe, sagt er irgendwann, ist das Wichtigste im Leben.

Und das Publikum spricht ihm nach.

Love, love, love!

Hinterher in der Kabine bricht er fast zusammen, ist emotional erschöpft. Eine Ikone, vom Augenblick gezeichnet.

Ich bin heute, sagt er, ein bisschen gestorben. Es ist viel leichter eine Karriere zu beginnen als zu beenden.

Dann verlässt er New York.

Beckenbauer allerdings bleibt. Und spielt noch drei Jahre für Cosmos. Er fasst Fuß in der Stadt, genießt ihre Gegenwart. Er ist irgendwann umgezogen und wohnt jetzt im Navarro, einem Apartmentgebäude mit Blick über den Central Park. Seine Wohnung liegt im 21. Stock, er kann vom Fenster aus das Empire State Building sehen. Er ist angekommen.

Und es gibt Dutzende Fotografien aus dieser Zeit, in Magazinen und Zeitungen erschienen, die davon erzählen. Grußbotschaften nach Giesing. Der Kaiser im Exil, Szenen eines Weltbürgers. Mal hat er eine Zeitung in der Hand und die Skyline im Rücken, mal schaut er ebenso fotogen wie gedankenverloren über die Baumkronen des Central Parks. Dann wieder steht er ganz allein auf seiner Terrasse. Oder neben der Mutter, die zu Besuch gekommen ist, und wirft die Arme in den Himmel.

Beckenbauer, plötzlich selbst Wolkenkratzer.

Es sind Nahaufnahmen, die zeigen, wie gut ihm der Abstand tut. Es sind Bilder einer großen Liebe. Denn im Alltag der Stadt findet Beckenbauer eine neue Freiheit.

Die Situation hier, erzählt er der New York Times 1980, ist sehr viel besser für mich als in Deutschland, wo mich jeder kennt. Hier habe ich mehr Leben für mich selbst.

Außerhalb des Stadions, auf den Straßen Manhattans, wird er nur selten erkannt. Und in der Nachbarschaft des Navarro ist er nur ein Star unter vielen. Der Kaiser als Jedermann. Er kann sich bewegen, geht in die Oper und zu den Ali-Kämpfen im Madison Square Garden.

Beckenbauer, immer geschmackvoll, beißt große Stücke aus dem Big Apple.

Diese Stadt, hat sein Mannschaftskamerad Werner Roth der Pressestelle des FC Bayern einmal erzählt, passte zu seiner Persönlichkeit. Franz ist sehr intellektuell, sehr interessiert, sehr offen. In München hätte er sich meiner Meinung nach nicht so entwickeln können. Zu Hause bist du immer irgendwo in deiner eigenen Welt. Doch New York an sich ist eine eigene Galaxie.

Beckenbauer wird dort, im Trikot des Clubs und in den Schluchten der Metropole, tatsächlich ein anderer. Einer, der danach wie selbstverständlich hinaus in die Welt geht, um diese Welt zu erobern. Der globale Giesinger.

The Cosmopolitan.

Für mich, sagt Beckenbauer später, war New York die schönste Zeit in meinem Leben.

Sie endet am 24. September 1980.

Sie endet an der Seite eines Freundes.

Denn als Beckenbauer schließlich Auf Wiedersehen sagt, steht auch Pelé noch einmal mit auf dem Platz. Ein Ehrengast mit der 10 auf dem Rücken. Gemeinsam spielen sie gegen eine Auswahl der National Soccer League. Pelé, als könnte er gar nicht anders, trifft auch in dieser Partie und wird nach 42 Minuten ausgewechselt, um Beckenbauer die Bühne zu überlassen. Als er vom Feld geht, zieht er sein Trikot aus und hängt es Beckenbauer um den Hals. Eine große Verbeugung.

Kaiser und König, sie verabschieden sich unter dem Jubel der Zuschauer. Und tauschen nach Abpfiff noch Komplimente, die ehrliche Bewunderung für den jeweils anderen.

Franz, sagt Pelé hinterher über Beckenbauer, ist der genialste Spieler der Welt.

Er, sagt Beckenbauer hinterher über Pelé, ist der wunderbarste Sportler, den ich je kennengelernt habe.

Es sind die letzten Umarmungen in New York.

Dann fliegt Pelé nach Brasilien. Und Beckenbauer nach Deutschland, wo er noch zwei Jahre für den Hamburger SV spielen wird, ehe er für eine weitere Saison nach New York zurückkehrt. Cosmos, diesmal jedoch ohne den Freund.

Kaiser und König, von nun meist Tausende Kilometer voneinander entfernt.

Doch sie halten Kontakt, verlieren sich nie aus den Augen. Und begegnen sich auch danach immer wieder. So bleibt ihre Freundschaft, über die Jahrzehnte und über die Kontinente hinweg.