Wie ihr wisst, gibt es da ein großartiges Bild.
Von mir und meinem Kumpel.Vinnie Jones
Du hast mir das Foto
meines Lebens geschenkt.Paul Gascoigne
Ohne die beiden, ganz eng am Mann, wäre es nur eine Nullnummer gewesen. Eines dieser Spiele, das schon am Abend im Pub vergessen ist, verschwommen im Nebel der Nachspielzeit. Ein weiterer Samstagnachmittag in der Nasskälte eines Londoner Winters. FC Wimbledon gegen Newcastle United, der Siebte gegen den Zehnten. Abnutzungskämpfe im Niemandsland, Grätschen im Graupel.
Trostlos, torlos, 10 505 Zuschauer.
Ohne die beiden, ganz sicher, würde sich heute niemand mehr an damals erinnern.
28. Spieltag der League Division One, es wäre nichts geblieben außer Statistik.
An diesem 6. Februar 1988 aber, Stadion an der Plough Lane, ist das Spiel nur Rahmenprogramm. Für die eigentliche Begegnung, für ein bald schon privates Gefecht.
Und für diese eine Sekunde, die überdauern sollte.
Denn dort im Mittelfeld, wie auf einem Hügel bei Sonnenaufgang, stehen zwei Männer, Aug in Aug, als hätten sie sich zum Zweikampf verabredet.
Ein Stand-Off in Schienbeinschonern.
Vinnie Jones und Paul Gascoigne, durchaus Duellanten.
Vinnie Jones und Paul Gascoigne, von vornherein ungleiche Waffen.
Auf der einen Seite der Waliser, den sie Axt nennen.
Ein Zerstörer, der seine Gegenspieler bis in die Kabine und manchmal auch bis in ihre Träume verfolgt.
Vinnie Jones, Nightmare on Plough Lane.
Ein Straßenkämpfer, der nur wenige Jahre zuvor noch Ziegel geschleppt, sein hartes Geld auf Baustellen verdient hat und sich nun mit der Gewalt einer Abrissbirne in jeden Kopfball wirft. Eine Lufthoheit, weit über die Grenzen des Zumutbaren bekannt.
Und ihm gegenüber der Junge, den sie Gazza nennen. Das neue Wunderkind des englischen Fußballs, drei Jahre jünger als Jones, aber längst landesweit Attraktion. Ein Akrobat, der die Menschen in die Manege lockt, das Staunen beherrscht. Ein Zauberer mit der Seele eines Clowns, der seinen Gegenspielern bunte Figuren in die Beine knoten und dem Ernst der Lage im Zweifel mit einem Tunnel, einem einzigen Trick, entkommen kann. Fußball ist Zirkus für ihn, ein niemals endender Kindergeburtstag. Wenn er, noch Torte im Gesicht, aus harten Hunden blinde Kühe macht.
Man darf ihn nicht spielen lassen.
Man muss ihm den Spaß schon vorher nehmen.
Vinnie Jones weiß das. Und gibt den Spielverderber, weicht Gascoigne vom Anpfiff weg nicht von der Seite, atmet ihm heiß in den Nacken, zermürbt ihn mit kleinen Drohungen, das ganze Ekelpaket.
Dann gibt es einen Freistoß. Und Jones, der vorher bereits seinen Körper zwischen Gascoigne und das Geschehen geschoben hat, greift urplötzlich mit der linken Hand nach hinten, in den Schritt seines Gegners, fühlt Fleisch und drückt zu.
Das war, wird er später immer wieder erzählen, auf den Punkt. Kein Rumgeeiere, sondern voll auf die Zwölf. Und ich habe auch nicht losgelassen.
Gascoigne, von der Hinterlist überrascht, das Gesicht vom Schmerz verzerrt, schreit. Schrill, ein Quieken eher.
Er versucht noch, den Linienrichter auf sich aufmerksam zu machen, bringt aber kein Wort heraus.
Dann ist es vorbei, die Szene schon wieder vorüber. Und der Ball läuft, als wäre nichts gewesen. Nur ein Zweikampf von vielen, eine Sache unter Männern.
Und es wäre genau das geblieben, eine Sauerei im toten Winkel des Spiels, nicht mal Randnotiz, wenn der Sportfotograf Monte Fresco, etwa 50 Meter entfernt an der Seitenlinie, nicht im entscheidenden Moment auf seinen Auslöser gedrückt hätte.
So aber wird der Griff in die Eier, auch die Engländer sagen Kronjuwelen dazu, erst Aufmacher am Morgen danach, eine ganze Seite News of the World, und später eine der bekanntesten Fotografien der Sportgeschichte.
Dieses Bild, schrieb The Sun vor einigen Jahren, hängt gleich dort oben. In einer Reihe mit Cassius Clay, nach seinem Niederschlag gegen Sonny Liston.
First Minute, first Round.
Oder neben Bobby Moore, nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft 1966.
Und es hängt natürlich auch neben dem Tritt von Cantona, der Hand Gottes oder Rijkaards Rotze in Rudis Locken, neben dem Übermächtigen und den Niederträchtigen.
Der Griff in die Eier, die britische Presse, meist gelb und gerne geil, hat dem Ganzen deshalb auch einen sehr passenden Namen gegeben.
The Incident, was übersetzt Vorfall bedeutet.
Aber auch Ereignis.
Es ist geblieben, hängt heute gerahmt an der Wand. Eine Ikone. Im Handel erhältlich, auf Poster und auf T-Shirts gedruckt, von der Popkultur zu Überlebensgröße vervielfältigt. Vor allem aber hat es Vinnie Jones und Paul Gascoigne, zwei Männer, die unterschiedlicher kaum sein könnten, für immer fest miteinander vertäut. Trotz all der Jahre, der vermeintlichen Tode, der Abstürze und Aufstiege seither. Trotz der so gegensätzlichen Lebenswege, die den einen ins Kino, den anderen aber sehr nah an den Abgrund geführt haben.
Vinnie Jones ist heute Schauspieler. Ein Hollywood-Star, der über einhundert Filme gedreht hat, mit Johnny Depp, Nicolas Cage oder Angelina Jolie arbeiten durfte. Er lebt die meiste Zeit in Los Angeles.
Paul Gascoigne ist mehr als alles andere ein Überlebender seiner eigenen Biografie. Ein Ex-Fußballer, der ein halbes Dutzend Entziehungskuren hinter sich hat. Ein Volksheld, aber auf dem Markt der Prominenz noch bestenfalls B-Ware. Er lebt die meiste Zeit in den Schlagzeilen der Tabloids.
Sie hätten sich also, mehr als ein Ozean zwischen ihnen, auseinanderleben, den Kontakt abbrechen können. Der eine schon lange abgehalftert, abgemagert. Der andere noch immer dick im Geschäft. Und doch sind sie sich treu geblieben.
Vinnie Jones, als hätte er niemals losgelassen.
Paul Gascoigne, als könnte er den Schmerz immer noch spüren.
The Incident, als hätten sie gemeinsam Modell gestanden.
Irgendwann, ein seltsames Paar, haben sie aus der gemeinsamen Erinnerung eine Show, aus dem Ereignis tatsächlich ein Ereignis gemacht. So reisen sie durch England, setzen sich auf schummrige Bühnen, treten in Stadthallen auf. Oder in Comedy-Clubs. Und erzählen noch einmal von früher. Gazza und die Axt, erzählen noch einmal vom 6. Februar 1988.
Mittlerweile der längste Tag ihres Lebens.
Und so werden an einem Freitag in Warrington, einer kleinen Stadt an der Mersey, auf halbem Wege zwischen Liverpool und Manchester, wieder zwei Stühle ins Licht der Scheinwerfer gerückt, zum Greifen nah an den Rand, während im Foyer die Erinnerungen aufgehängt werden, die Stationen sauber am Bügel, Wimbledon und Glasgow, Tottenham, England und Wales, selbstverständlich persönlich signiert, und draußen vor der Hallentür zwei Männer ein gutes Dutzend Leinwände aus ihrem Kleinwagen heben, darauf immer wieder das Ereignis, immer wieder der Griff in die Eier. Vinnie und Gazza, wie gemalt.
The Incident, er hat seinen Preis. Wer möchte, kann ihn kaufen heute. Denn hier in Warrington wird später noch Geschichte versteigert. Für den guten Zweck. Charity, für krebskranke Kinder.
Am Einlass schließlich drängen die Körper. Es ist Winter, ein Freitag im Februar. Wieder geht ein eisiger Wind, fast auf den Tag 35 Jahre danach. The Incident, auch deshalb sind sie ja hier, rauchen und fluchen. Tausend Zuschauer, Heimspielstimmung. Die Männer tragen nur T-Shirts über der Jeans, die Gesichter rot von der Kälte oder von den ersten Pints im Pub nebenan. Sie erwarten den ganz großen Spaß. An Audience with Gazza and Vinnie, so steht es auf ihren Tickets. Dann, doors open, füllt sich die Halle, werden Fotos gemacht, weitere Biere bestellt. Ein Brummen im Raum.
Dann wird das Licht im Saal gelöscht, die Scheinwerfer wie ausgetreten. Und ein Moderator tritt auf die Bühne, das Mikrofon in der Faust, die Silben langgezogen und dröhnend, als stünde er auf den Brettern im Ring, Weltmeisterschaft im Schwergewicht, dann fährt eine Leinwand von der Decke. Und der Kampf beginnt.
Denn dort oben, überlebensgroß projiziert, läuft jetzt Vinnie Jones.
Sein persönliches Best-of, die Highlights seiner Karriere. Doch wo bei anderen, seinen Zeitgenossen und Mitspielern, sonst die schönsten Tore gezeigt werden, Hackentricks und Fallrückzieher, ist hier nur rohe, mit Heavy Metal unterlegte Gewalt. Ein Brachialballett, fünf Minuten lang. Der Nussknacker, mit beiden Beinen voran in den Gegner. Von hinten hinein in den Feind. Nahezu tödliche Tacklings. Danach der Clinch, Nase an Nase. Stirn an Stirn, die Faust auch gern am Schlafittchen. Gelbe Karten, roter Nebel. Und gleich zu Beginn, gewaltiger noch als der Rest, das Bild mit Gascoigne.
Das Publikum johlt, ist jetzt schon restlos begeistert.
Beifall für das Fallbeil.
Vinnie Jones. Kein Mensch, kein Tier. Die Nummer vier.
Hier ist er, schreit der Moderator am Ende.
Licht wieder an.
Football’s original hard man!
Und Jones läuft auf die Bühne, als wäre dieser Auftritt eine Ehrenrunde.
Das Grinsen allein schon die nächste Grätsche, dazu trägt er eine schwarze Schiebermütze und, unter einer karierten Weste, im krassen Kontrast zu den Bildern zuvor, ein Hemd mit Blumenmuster. Ein Hemd wie ein Seerosenteich.
So steht er da.
Der freundliche Florist von nebenan, der aber, unter der Hand und unter der Theke, hin und wieder auch illegale Schnellfeuerwaffen verkauft. Eine Kalaschnikow zwischen Lilien, einen Finger immer am Abzug.
Wie ihr sehen konntet, sagt er schließlich, habe ich ein paar der Wichser verfehlt.
Vinnie Jones, so zur Begrüßung. Der Saal längst aus dem Häuschen. Ein Satz nur, mehr braucht es gar nicht. Ein Satz nur, und er hat auch das Publikum an den Eiern.
Wie ihr wisst, sagt er nun, gibt es da ein großartiges Bild. Von mir und meinem Kumpel.
Kunstpause.
Und dann, tatsächlich, holt Vinnie Jones seinen Kumpel auf die Bühne, mit so viel Zuneigung in der Stimme, dass man all die knüppelharten Straßenkämpferszenen, das ganze Hartschalen-Image für die eigentliche Inszenierung halten muss. Der Schurke als Scherz, ein Echo aus einem wirklich anderen Leben. Denn hier, die Worte so blumig wie der Kragen, hat er nur Liebe dabei. Und den natürlich passendsten Gag, ein Augenzwinkern im Rückblick.
Ladies and Gentlemen, sagt er also, hier ist einer meiner besten Freunde seit vielen, vielen Jahren. Er ist das absolute Kronjuwel des britischen Fußballs.
Paul Gascoigne!
Und er tritt auf die Bühne. Gazza, der Junge von einst, zaghaft ins Scheinwerferlicht, unsicherer Gang, als wäre ihm der Boden nicht geheuer. Er ist hager, und erst mal kaum zu erkennen. Das helle Hemd hängt am Körper, als müsste er noch hineinwachsen. Es ist ihm, wie das Leben an sich, mindestens eine Nummer zu groß. Paul Gascoigne ist im Ruhm und im Rausch gealtert. Aber, und das ist die gute Nachricht dieses Abends, immer noch da.
Jetzt winkt er ins Publikum, jeder Auftritt ein Comeback.
Dann wird auch sein Leben auf die Leinwand geworfen. Die ganz großen Momente, die ja bei jemandem seiner Größe immer gleich nationale Angelegenheiten waren. Englische Tore und englische Tränen. Weshalb jetzt im Saal, oben der Lupfer gegen Colin Hendry, die ausgebreiteten Arme danach, sofort ehrlicher Jubel ausbricht. Männer mit Fäusten zur Decke, als wäre das gleich wieder live, gleich wieder 1996, als ginge es hier noch einmal um alles.
Dann setzt er sich. Und auch die erste Pointe, holt ein Stück Papier aus der Tasche seiner Jeans. Es ist sein Beipackzettel. Zur Karriere, zu Risiken und Nebenwirkungen. Es sind die Aufzeichnungen eines Versehrten, die nur im Original funktionieren. Im Geordie seiner Heimat, der Norden Englands in jeder Silbe.
I wrote down a few lines, sagt er also, ’cause it was some fuckin’ lines I took.
Die ganze Drogengeschichte in einer Punchline, als wollte er zeigen, dass ihn all die Bahnen nicht völlig aus der Bahn geworfen haben. Dann hält er eine Flasche ins Licht.
Heute, sagt er, nur Wasser.
Gazza, funny as fuck.
Die Halle, Szenenapplaus und Bierlaune, gleicht jetzt dem Ally Pally bei der Darts-WM.
Gazza, onehundredandeighty!
Und Vinnie Jones, der diesen Auftritt bis hierhin, ebenso still wie vergnügt, von der Seite aus beobachtet hat, zieht sich den anderen Stuhl heran und grätscht dann angemessen hinein.
Was machen wir hier eigentlich, fragt er.
Den Moderator und seinen Kumpel.
Und damit geht dieser Abend erst so richtig los. Weil Vinnie Jones und Paul Gascoigne, ordentlich zur Sache, jetzt endlich die Geschichte hinter dem Foto erzählen dürfen.
Jeder für sich, abwechselnd. Und doch gemeinsam. Wie zwei Eheleute, die nach all den Jahren auch den Text des jeweils anderen beherrschen. Auswendig, weil sie doch längst wissen, was kommt.
Vinnie Jones darf beginnen.
Ich war ja, erzählt er also, für das Hinspiel oben in Newcastle gesperrt. Mal wieder.
Er lacht.
Und als die anderen zurückkamen, den Auswärtssieg in der Tasche, da erzählten sie von ihm.
Er deutet auf den Stuhl neben sich.
Da ist ein Neuer, sagten sie. Ein Youngster. Gazza, Gascoigne. Vergiss George Best, sagten sie, der kann noch viel besser werden. Die Mitspieler sichtlich beeindruckt.
Und es war klar, erinnert sich Jones, dass es meine Aufgabe sein würde, ihn zu stoppen.
Im Rückspiel im Februar.
Vinnie Jones, seit bald zwei Jahren Verteidiger in der höchsten englischen Liga, hatte es bis dahin mit Dutzenden Gegenspielern aufgenommen, mit Kopfballungeheuern und Scharfschützen, mit Typen wie aus Granit gemeißelt, die mit einem Bein im Strafraum standen und mit dem anderen im Knast, er hatte ausgeteilt und eingesteckt, Karrieren beendet und dabei kaum Reue gezeigt, er kannte weder Schmerz noch Gnade, dieser Gascoigne aber löste etwas Neues in ihm aus. Ein dunkles Unbehagen.
Vinnie Jones, man kann es so sagen, hatte Angst. Er fürchtete diesen Jungen aus Newcastle, dessen Dribblings und Finten. Er fürchtete die Demütigung.
Im Training, so gut es ging, versuchte er, sich auf ihn einzustellen.
Andy Clement, eigentlich Rechtsverteidiger der Reserve, sollte Gazzas Bewegungen und Laufwege imitieren. Dieses unberechenbare Spiel über den ganzen Platz. Es sollte ein Aufgalopp sein. Eine Einheit, um die Nerven zu beruhigen. Aber Jones flatterte. Und Clement drehte Schleifen mit ihm. Nasenringkämpfe, entblößte jede einzelne Schwäche.
Vinnie Jones, außer Atem und außer sich, kam kaum hinterher. Unter der Dusche, wie aus dem Hinterhalt, fielen ihn die Zweifel an. Er hatte sich von einem Ersatzspieler demütigen lassen. Was bitte, so der beißende Gedanke, würde dann erst der echte Gascoigne mit ihm machen. Das Wunderkind, mit beiden Füßen eine handfeste Bedrohung.
Dann aber, so schreibt es Jones in der wirklich großartigen Anekdoten-Anthologie Our Gazza, bekam er einen Anruf von Don Howe, seinem damaligen Trainer.
Kannst du dich noch an Claudio Gentile erinnern, fragte Howe.
Vinnie Jones, natürlich konnte er.
Gentile war 1982 in Spanien Weltmeister geworden und hatte dabei nicht nur das wichtigste, sondern ganz sicher auch das härteste Turnier seiner Karriere gespielt. Der Italiener, liebevoll das Raubein von Turin genannt, verstand Manndeckung als bretthartes Handwerk und trug einen ganzen Werkzeuggürtel an Gemeinheiten über den Platz, mit denen er seine Gegenspieler, unablässig und meist regelwidrig, bearbeitete. Weshalb im Laufe der Endrunde selbst die größten Künstler an ihm zerbrachen. Die Genies, von Gentile so lange abgeschliffen, bis sie auf dem Zahnfleisch gingen. Im Spiel gegen Argentinien etwa schickte er Maradona mit insgesamt 23 Fouls und einem Fausthieb gleich mehrfach zu Boden. Dem Brasilianer Zico erging es kaum anders, Gentile trat ihn keuchend aus dem Turnier.
Im Halbfinale fehlte er deshalb gesperrt.
Am Ende aber hob er den Pokal in die Nacht.
Ein Sieg des Schlächters über die Lämmer.
Wenn du Gazza stoppen willst, sagte Howe, musst du wie Gentile spielen.
Das Gespräch, wenige Worte nur, hatte den Ton gesetzt.
Vinnie Jones wusste nun, was zu tun war.
Ich musste ihn brechen, sagt er jetzt auf der Bühne.
Und Gascoigne, neben ihm, nickt.
35 Jahre vergangen, die Erinnerung immer noch frisch.
Am Spieltag allerdings, Plough Lane im Winter, wird Gascoigne erst mal mit Blumen empfangen. Von Mädchen, seinetwegen angereist, mit Rosen beworfen. Die ganz geile, laut kreischende Popstar-Begrüßung. Und Gazza, gemacht für Applaus, stellt sein Können zur Schau. Die Kunststücke, Tricks für die Tribüne, beim Aufwärmen schon. Der Ball in der Luft, der Ball so eng am Fuß, als hätte er Spann und Rist mit Klebstoff bestrichen.
Ein Jongleur.
Eine Provokation aber auch, von der anderen Seite des Feldes aus mit wachen Blicken verfolgt. Denn Vinnie Jones steht nur wenige Meter entfernt. Und während er Gascoigne dabei zusehen muss, wie er sich die Masse mit Mätzchen untertan macht, mischt sich das Unbehagen der vergangenen Tage mit der Überzeugung des Moments.
Es war ein Zirkus, erinnert sich Jones später, und mir war sofort klar, dass ich gleich voll da sein musste, um Eindruck zu machen. Auf dem Rückweg in die Umkleide habe ich mich dann entschieden, ihn zu zerstören.
I gonna smash him, sagt er jetzt auf der Bühne, I gonna smash him for 90 minutes.
To smash, auch eine dieser kaputten Vokabeln, die in den Köpfen der Zuschauer gleich Bilder erzeugt, weil sie eben auch zertrümmern meint. Zerschmettern oder niederschlagen.
Vinnie Jones, so viel ist also klar, will seinen Gegner leiden lassen, 90 Minuten lang.
Und er will dieses Spiel schon im Kabinengang entscheiden, dort schließlich begegnen sie sich.
Gazza und Vinnie, zum ersten Mal überhaupt.
Und Gascoigne, Gegenwart in Warrington, übernimmt die Erzählung. Mit einem Lächeln, hinter dem Vorfreude lauert. Das hier ist jetzt seine Arena, sein Moment. Das weiß er genau. Paul Gascoigne hat das Spiel mit den Rängen nie verlernt, lediglich Pässe durch Pointen und Tore durch Anekdoten ersetzt. Er nimmt noch einen Schluck aus der Flasche, dann kehrt er zurück.
An die Plough Lane, in die Enge des Spielertunnels, an dessen Ausgang damals noch ein Aschenbecher steht, darin eine bereits brennende Zigarre, an der jeder Spieler ziehen darf, bevor es nach draußen geht. Andere Zeiten.
Und gleich viel zu nah eine dunkle Gestalt.
Vinnie, erinnert sich Gazza nun, kam rüber zu mir und sagte: Heute gibt es nur dich und mich, fatty! Ich werde heute keinen Fußball spielen. Und du auch nicht.
Damit war das geklärt. Das Spiel zertrümmert, die Lust zerschmettert. Vinnie Jones hatte ihn tatsächlich niedergeschlagen. Mit dem ersten Satz. Und Gascoigne kann sie fast körperlich spüren. Die Bedrohung, viel zu dicht in der Kälte der Katakomben. Vinnie Jones jetzt neben ihm. Ein Schatten, kaum Licht am Ende des Tunnels.
Er wirkte riesig, wird er später oft sagen.
In den Zeitungen, als müsste er seinen Peiniger immer wieder aufs Neue beschreiben, ihn vor einer weißen Wand identifizieren. Jedes Interview eine Gegenüberstellung.
Ja, Herr Inspector, es war die Nummer vier.
So geht es hinein. In diesen seltsamen Walzer, der davon lebt, dass der eine dem anderen mit Wucht auf die Zehen tritt, ihn aus dem Gleichgewicht bringt, jeden Anflug von Anmut trocken in den Rasen tritt. Und Vinnie Jones, keine Frage, gibt den Takt vor. Er führt. Gleich nach dem Anpfiff, auch ein Markenzeichen, holt er Gascoigne von den Beinen.
Ich bin Vinnie Jones, flüstert er dann, ich bin ein verdammter Outlaw. Heute, fatty, gibt es nur dich und mich. Nur dich und mich.
Paul Gascoigne hat da längst begriffen, dass er dieses Spiel nicht gewinnen kann, es aber irgendwie überleben muss. Am Ende zumindest noch stehen können, ohne fremde Hilfe zum Mannschaftsbus kommen, das wäre doch was. Nach drei Minuten, da schon am Ende, die Nerven bereits blank, fragt er den Schiedsrichter zum ersten Mal, wie lange sie noch spielen müssen.
Vinnie Jones, Psychospielführer, ist ihm unter die Haut gekrochen. Und die Angst lähmt seine Beine.
Irgendwann, erinnert er sich jetzt, meinte Vinnie, dass er jetzt einen Einwurf ausführen muss. Oder einen Eckball. Und er sagte: Ey, fatboy! Beweg dich nicht, bleib genau hier stehen. Don’t go anywhere.
Und Paul Gascoigne, wie versteinert, bringt nicht mehr heraus als eine Kapitulation.
Keine Sorge, Mr. Jones, ich gehe nirgendwohin.
Bleibt dann tatsächlich stehen und wartet, bis Vinnie Jones zurückkommt.
Wenig später spürt er das Stechen im Schritt. Und kann nicht mehr entkommen.
Er hat mir damals auf dem Platz noch erzählt, erinnert sich Jones jetzt, wie viel er verdient. Und dann habe ich gesagt, yeah, und das hast du dir ganz besonders verdient.
Und Gazza, neben ihm, lacht. Heilige Scheiße.
Du, sagt er, warst wirklich die Ein-Mann-Crazy-Gang. Aber du hast mir das Foto meines Lebens geschenkt.
Und Vinnie Jones nickt.
Unsere Beziehung, sagt er dann, hat sich seither prächtig entwickelt.
So ist das Ereignis in ihrer Erzählung eben auch der Beginn einer Freundschaft, die bis heute gehalten hat, obwohl sich die beiden in den Jahren danach erst einmal weit voneinander entfernten, Wege wie Gabeln, selbst das Rampenlicht ein anderes.
Die Bilderrahmen, die hinter ihnen auf der Bühne stehen, als Kulisse und Schmuck gleichermaßen, erinnern daran.
Sie zeigen Filmszenen, tragen Rückennummern.
Plakate und Trikots.
Vinnie Jones, zwei Gewehrläufe hinter dem Nacken verschränkt.
Paul Gascoigne, die Arme im Liegen weit von sich gestreckt.
Kino und König. Zwei Karrieren, gut geschützt hinter Glas. Und zwei Ikonen, Vinnie und Gazza, die vom Leben nach dem Bild ihres Lebens erzählen.
Wer heute die Augen schließt und an Paul Gascoigne denkt, sieht ihn nicht in den schwarz-weißen Streifen der Magpies aus Newcastle, nicht in den Farben der Spurs aus Tottenham, weder mit einem blauen Stern noch mit dem großen HOLSTEN auf der Brust, auch nicht gleich im Dunkelblau der Rangers oder im Himmelblau von Lazio, wer heute die Augen schließt und an Paul Gascoigne denkt, sieht ihn zuerst im weißen Trikot der englischen Nationalmannschaft, mit den drei Löwen über dem Herzen und der Nummer acht auf dem Rücken. Und er sieht die Tränen und den Jubel. Denn Paul Gascoigne war, mehr als alles andere, Nationalspieler. Er hat für England gelebt und ist oft genug für England gestorben.
Das Publikum, es ist an diesem Abend auch deshalb gekommen. Die Männer hier in Warrington sind City-Fans, sie leiden mit Klopps Liverpool oder wünschen sich Fergusons Manchester zurück.
Aber auf Gascoigne, der nie bei United war und am Ende seiner Karriere sogar bei den Toffees gespielt hat, konnten sie sich immer schon einigen.
Uns Gazza.
Denn sobald er von früher erzählt, sitzt auch die eigene Geschichte wieder mit auf der Bühne. Dann ist sofort wieder Weltmeisterschaft. Und im Rückblick liegt der Stolz gleich neben der Wehmut. Weil sich jeder, der alt genug ist, noch an jenen Sommer erinnern kann, an dem beinahe alles anders geworden wäre.
Am 25. Mai 1990, zwei Tage vor seinem 23. Geburtstag, steigt Paul Gascoigne gemeinsam mit seinen Mannschaftskameraden, Nationaltrainer Bobby Robson und einigen Journalisten am Flughafen von Luton in eine Maschine in Richtung Italien. Er trägt einen grauen Anzug, auf der Brust das Wappen mit den drei Löwen und eine kaum zu verhehlende Vorfreude im Gesicht. Gascoigne ist ein Überraschungsgast im Aufgebot der Engländer, in wirklich letzter Sekunde in den Kader gerutscht.
Ich liebe ihn, hatte Bobby Robson nur wenige Wochen zuvor noch gesagt, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich ihm vertrauen kann. Er ist immer noch ein Kind, das Hinterhof-Fußball spielt.
Wie, um seinen Trainer zu bestätigen, hatte Gascoigne das Jahr mit zwei handfesten Schlägereien begonnen, und sich damit, neben einer gebrochenen Hand, auch eine längere Sperre eingehandelt. Nicht gerade die beste Werbung in eigener Sache. Im finalen Freundschaftsspiel gegen die Tschechoslowakei allerdings war ihm dann, wieder einmal, eines jener Tore gelungen, die Träume beflügeln.
Und Robson ließ die Hoffnung über die Zweifel siegen.
Dieser Gascoigne war ein Clown, klar, unberechenbar und kaum zu kontrollieren. Aber genau deshalb wurde er sein Joker. Das vermeintliche Ass im Ärmel. Einer für die Stimmung, ein Quälgeist für den Teamspirit, der die Mannschaft beleben und den Gegner entnerven kann.
Dieser Gazza, so Robsons Gedanke, sollte für die nötige Leichtigkeit sorgen, nach all der Schwermut.
Ein bisschen Lockerheit mit an Bord bringen, gegen den Ballast der vergangenen Monate.
Schließlich sitzt, an diesem Frühjahrstag, auch die Sorge mit im Flugzeug, wartet die Anspannung am Zielort, Schilde und Knüppel bereit, bestimmt die Angst die Vorberichte. Zu Hause und bei den Gastgebern.
Es ist die kleine Angst vor der Blamage.
Es ist aber auch die große Angst vor den Bildern.
In diesen Monaten, am Beginn der Neunzigerjahre, blickt der englische Fußball auf eine verlorene Dekade.
Der Weltmeistertitel 1966 lag jetzt mehr als zwanzig Jahre zurück, die Thatcher-Tristesse wie Blei auf dem Alltag und die Hooligans, ständige Bedrohung am Rand, hatten aus Stadien Schlachtfelder gemacht. Nach der Katastrophe in Brüssel, dem Horror von Heysel, 39 Tote, mehr als 450 Verletzte, auf der Tribüne zertrampelt, erdrückt, waren die englischen Klubs von allen europäischen Wettbewerben ausgeschlossen, fünf Jahre vom Festland verbannt worden. Der ungebetene Gast. So war den Briten erst der Stolz und dann das Spiel abhandengekommen. Und nach Hillsborough, dieser nationalen Tragödie, 97 Tote in Sheffield, hatten sie auch den Glauben an die eigene Redlichkeit verloren.
Die drei Löwen auf Halbmast.
England, plötzlich mehr Sorgenkind als Mutterland. Der Fußball in der öffentlichen Wahrnehmung nur noch Gossensport, ein grobschlächtiger Zeitvertreib für Gewalttäter und Tagediebe. Ein Fightclub der Abgehängten, irgendwo zwischen Kneipenschlägerei und illegalen Hundekämpfen. Die wenigen Fans, die sich überhaupt noch ins Stadion trauten, wurden in Kommentaren geächtet, von Nachbarn gemieden, von der Presse in die Ecke gestellt. Sie waren scum. Abschaum, Männer im Abseits.
So trafen verrostete Biografien auf baufällige Stadien.
So klafften die Wunden. Und der Sport litt an sich selbst.
Football, der englische Patient.
Hinzu kam das Sportliche.
1988, bei der Europameisterschaft in Deutschland, war die Nationalmannschaft krachend gescheitert, von den Niederlanden und der UDSSR teilweise vorgeführt worden. Da hatten die Engländer schmerzlich erfahren müssen, wie es sich anfühlt, zu schlecht zu sein, plötzlich nicht mehr Elite, der Kontinent weit weg.
Im Frühjahr 1990, kurz vor Turnierbeginn, hatten sie das zurückliegende Jahrzehnt also noch spürbar in den Beinen. Zumal bis weit in den Frühling hinein gar nicht klar war, ob sie überhaupt nach Italien fliegen würden. Die Thatcher-Regierung, das belegen interne Papiere, hatte kurzzeitig tatsächlich darüber nachgedacht, die Mannschaft trotz erfolgreicher Qualifikation aus dem Turnier zu nehmen. Eine Präventivmaßnahme, um das Gesicht zu wahren. Ein Selbstmord, aus Angst vor dem Tod. Zu groß schien das Risiko, den heimischen Hooligans eine Weltbühne zu bieten. Zu groß war die Furcht, sie könnten die Gewalt einschleppen, diese britische Seuche über das Festland bringen.
Englands gewalttätige Fans, schrieb der Spiegel damals, sind die 25. Mannschaft des Turniers.
Am Ende aber wurde auch dieser Plan verworfen. Die Hooligans, so hieß es, würden ja trotzdem kommen. Weil es ihnen ohnehin nie um die Mannschaft, nie um das Spiel als solches gegangen war.
Die Italiener reagierten ihrerseits auf die Bedrohung von der Insel, indem sie die Engländer, Mannschaft und Fans gleichermaßen, schon vorab vom Stiefel verbannten. Bobby Robson und sein Team, nun Außenseiter und Aussätzige gleichermaßen, mussten deshalb nach Sardinien, wo sie auch alle drei Vorrundenspiele austragen sollten. In Cagliari, ein Quartier wie unter Quarantäne, die Polizei schwer bewaffnet in den Straßen. Ausnahmezustand mit Alkoholverbot.
An diesem 25. Mai 1990 also erwartet England nicht mehr als ein Desaster. Und Italien nicht weniger als eine Invasion.
Nur Paul Gascoigne sitzt grinsend im Flugzeug, als würde er da bereits ahnen, dass in diesem Moment die wahrscheinlich schönste Zeit seines Lebens vor ihm liegt. Die großen, englischen Ferien. Am Meer und im Flutlicht. Sechs Wochen wie im Märchen, sechs Wochen wie im Rausch.
Sie beginnen allerdings erst mal, so ist das oft in Gazzas Karriere, mit einer Enttäuschung. Mit einem 1:1 gegen den kleinen Nachbarn Irland.
Und zu Hause tobt die Presse, eskaliert die Kritik an Robson, der schon vorher alles andere als beliebt war, Überschlagzeilen. Die Nachrufe liegen längst in den Schubladen, die Schadenfreude tropft aus jedem Absatz. Denn jetzt kommen die Holländer, der amtierende Europameister, die wahrscheinlich beste Mannschaft der Welt. Das erneut frühe Aus, es scheint beschlossene Sache.
Doch Bobby Robson hat eine Idee.
Er stellt Gazza dessen Zimmernachbarn Chris Waddle an die Seite, stattet ihn mit allen Freiheiten aus, er darf jetzt wirklich Spielmacher sein. Das Kind aus dem Hinterhof, es trägt nun das Zepter im Zentrum.
Und Gascoigne macht, was er immer schon gemacht hat, zu Hause in Dunston, die Straße unter den Füßen. Er bringt das Staunen zurück. Und die Engländer, große Augen daheim in den Pubs, müssen sich immer wieder in ihre tätowierten Oberarme kneifen.
Denn plötzlich ist es einer von ihnen, der spielt wie sonst nur die anderen. Und der die Holländer, diese immer noch totalen Fußballer, mit ihren eigenen Waffen schlägt, weil er selbst ihr Heiligstes beherrscht. Jeder Augenblick auf Augenhöhe.
Dann tanzt Gascoigne den Johan Cruyff, befreit sich, von zwei Verteidigern belagert, mit einem einzigen Haken, einer blitzschnellen Drehung des Körpers. Einfach so und fast schon beängstigend beiläufig legt er Geschichte über Geschichte.
Es ist der Moment, in dem er der Welt das Du anbietet.
Es ist das Spiel, mit dem er ins Rampenlicht tritt.
Ein Entfesselungskünstler, nach dem Abpfiff von Ruud Gullit mit nacktem Oberkörper anerkennend umarmt.
Gazza, plötzlich globaler Begriff.
Wenn er den Ball hat, so eng am Fuß, das weiß jetzt nicht mehr nur Vinnie Jones, das wissen jetzt auch die Millionen an den Fernsehgeräten, kann jederzeit alles passieren. Ein Dribbling, ansatzlos. Eine Flanke, zentimetergenau. Dieser Junge, der noch immer aussieht, als hätte er den Babyspeck nie ganz abgelegt, kann mit einer einzigen Bewegung ein Fieber entfachen.
Fatty, the fabulous.
Gegen Ägypten, Freistoß in der 59. Minute, tritt er einen Freistoß wegweisend auf den Kopf von Mark Wright, es ist der Treffer zum Sieg. England wird Gruppenerster. Und in den Straßen zwischen Birmingham und Brighton hängen zum ersten Mal wieder Flaggen aus den Fenstern. Das rote Kreuz, aus gutem Grund.
England darf Sardinien danach verlassen, und Gascoigne trägt die Euphorie nach Bologna. Dort, Achtelfinale gegen Belgien, ist er im Rahmen der Regeln kaum noch zu halten. Sie treten nach ihm, er fliegt an ihnen vorbei. Ganz am Ende, letzte Minute der Verlängerung, wird er noch einmal gefoult. Wieder gibt es Freistoß, kurz hinter der Mittellinie. Und Gascoigne hebt die anschließende Flanke so butterweich in den Strafraum, streichelt den Ball so liebevoll auf den Spann von David Platt, als wollte er seine Heimat mit der Gegenwart versöhnen. Viertelfinale, damit kippt der Konsens.
Dieses Tor, sagt Chris Waddle später, hat das ganze Land geeint. Es gab den Briten den Glauben zurück.
Plötzlich scheint dort in Italien wirklich alles möglich, selbst der ganz große Wurf. Der erste Titel seit 1966, er ist nur noch drei Siege weit weg. Und ganz nebenbei wird aus Anspannung Erleichterung und aus Erleichterung Euphorie.
Denn der vorab, in Schlagzeilen und auf T-Shirts, angedrohte Dritte Weltkrieg, diese vermeintliche Übernahme Italiens ist weitestgehend ausgeblieben. Stattdessen macht sich eine neue englische Mannschaft daran, die Herzen ihrer Landsleute zurückzuerobern.
Und Gazza, na klar, liefert die passenden Bilder dazu.
Am Tag nach dem Triumph über Belgien dürfen die Fotografen ins Mannschaftshotel. Pressetermin am Pool. Mit Schokoladentorte und Ständchen. Paul Gascoigne, gerade so mit einer sehr engen blauen Badehose bekleidet, feiert nach. Die Mannschaft singt. Dann lässt er sich den Kuchen von Chris Waddle ins Gesicht klatschen. Auch das eine Zirkusnummer, große Ferien. Später wirft er noch ein paar Teamkameraden ins Wasser, was ihm eine Geldstrafe von etwa 10 000 Pfund einbringt. Das aber kümmert weder ihn noch die Öffentlichkeit.
Denn daheim in England hat die Gazzamania längst begonnen. In den Zeitungen leuchtet sein Gesicht rot im Jubel. Und im Radio läuft der Hit dieses Sommers.
World in Motion von New Order, es ist der Soundtrack zur Sensation. Vorab noch gemeinsam mit den Spielern aufgenommen. Ein Banger für die Baller. Im mitgelieferten Clip, längst heavy rotation, singt Gazza Arm in Arm mit seinen Mannschaftskameraden. Und John Barnes, sonst mit dem nötigen Ernst im Mittelfeld, rappt vor Sozialbauten, im Hintergrund ein tanzender Mann im England-Trikot. Alles daran ist herrlich übersteuert, ein Video wie ein Verkehrsunfall. Doch der Erfolg in Italien veredelt das Lied, macht eine Hymne daraus.
Einen Ohrwurm, der wie ein Lächeln auf den Lippen liegt.
Mit einem Text, der plötzlich klingt, als hätten die Jungs von New Order, Post-Punk-Propheten, die ganze Gazza-Show vorausgeahnt, die Attraktion antizipiert.
Beat the man.
Take him on.
You never give up.
It’s one on one.
I can’t believe it’s true.
So liegen Synthesizer unter seinen Szenen.
Und Paul Gascoigne wird Pop.
Gazza, an allen Ecken und Enden.
Im Viertelfinale gegen Kamerun, 1. Juli im Stadio San Paolo von Neapel, verschmelzen dann Gala und Drama, ist er hinten der Trottel und vorne der Held. Da verschuldet er zuerst jenen Strafstoß, der zum Ausgleich Kameruns führt, mit einem ebenso ungestümen wie unbeholfenen Foul an Roger Milla, versinkt dann im anschließenden Angriffswirbel der Afrikaner, nur um das Schicksal am Ende doch noch zu biegen und die Erzählung dieses Spiels spät an sich zu reißen. In der 105. Minute, England konnte sich zuvor mit einem Strafstoß und noch mehr Glück in die Verlängerung retten, steckt er einen Zuckerpass in die Gasse. Wieder wird Lineker gefoult, wieder gibt es Elfmeter. Drin, 3:2. Und Nationaltrainer Bobby Robson, der im Kopf bereits für die Abreise gepackt hatte, jubelt mit seinen Spielern.
Halbfinale, holy fuck.
Dort, in Turin, warten die Deutschen. Und das Drama.
Dort in Turin, 99. Minute im Stadio delle Alpi, das Spiel immer noch unentschieden, legt sich Gascoigne einen Ball auf der Mittellinie zu weit vor, verliert ihn, setzt aber nach. Eine Grätsche, von kindlicher Hoffnung beschleunigt. Und trifft Thomas Berthold am Knöchel. Der Deutsche fällt, wälzt sich über den Rasen, bleibt liegen. Gascoigne ist sofort wieder auf den Beinen, reißt den Arm in die Luft. Er ahnt bereits, was nun folgen wird, er versucht noch zu besänftigen, die Hände entschuldigend vor dem Körper. Unschuldsgeste, aber zu spät. Schiedsrichter José Ramiz Wright aus Brasilien zeigt ihm die Gelbe Karte. Gascoigne wendet sich ab, die Augen geschlossen.
In dieser Sekunde platzt sein persönlicher Traum, in dieser Sekunde bricht England das Herz. Es ist seine zweite Verwarnung in diesem Turnier, er wäre nun in einem möglichen Finale gesperrt. Die Erkenntnis trifft ihn wie ein Vorschlaghammer, sie packt ihn wie eine Hand am Gemächt. In seinem Gesicht steht der Schmerz, dann bricht er in Tränen aus, weint hemmungslos. 62 628 Zuschauer im Stadion, 25 Millionen Menschen an den Fernsehbildschirmen. Er weint vor den Augen der Welt, minutenlang untröstlich.
Und Gary Lineker, der zeit seines Lebens ein Freund bleiben wird, dreht sich zur Ersatzbank, tippt mit seinem Zeigefinger an sein rechtes Auge, und formt den vielleicht zweitberühmtesten Satz seiner Karriere, nahezu tonlos über das Dröhnen des Stadions hinweg.
Have a word with him.
Kümmert euch. Lasst ihn jetzt nicht allein.
Sie fangen ihn ein. Gascoigne, jetzt erst recht, rafft sich noch einmal zusammen, ist für den Rest dieses Spiels der beste Mann auf dem Platz. Doch am Ende gewinnen wie immer die Deutschen. Im Elfmeterschießen. Weil erst Stuart Pearce, Psychospielchen, an Bodo Illgner und an den eigenen Nerven scheitert. Und Chris Waddle dann, Gazzas Kumpel, über das Tor schießt. Nachthimmel und Hölle.
It’s West Germany, kreischt der Kommentator.
Es ist das Ende des italienischen Sommers. Und doch der Beginn einer neuen Ära. Denn was bleibt, ist der Stolz. Und eine neue Liebe für das alte Spiel. Die Nacht von Turin, in England gilt sie bis heute als Stunde der Wiedergeburt.
Ein nationales Erweckungserlebnis.
The Night that changed football.
Gazzas Tränen, erinnerte sich der Autor Owen Blackhurst zwanzig Jahre später, haben den Fußball menschlich gemacht.
Der weinende Mann auf dem Rasen, er wird zum Gesicht eines Neuanfangs. Die weichen Züge, als wären die harten Zeiten vorbei. Und mit ihm vorneweg sind auch die großen Gefühle wieder möglich.
Bei ihrer Rückkehr, Landung in Luton, wird die Mannschaft von 250 000 Menschen begrüßt, Freudentaumel und Fahnenmeer, es ist ein überwältigender Anblick. Und ein Empfang, den so niemand erwartet hatte. Die Spieler, am Ende Dritter, steigen als Sieger aus ihrem Flugzeug, British Airways. Dann nehmen sie einen Bus ohne Dach in die Innenstadt, es ist ein Triumphzug. Durch die Körper und den Jubel hindurch. Für den Weg, knapp 5 Kilometer lang, brauchen sie drei Stunden. Und Paul Gascoigne, obenauf und natürlich ganz vorn mit dabei, hängt sich erst seine Medaille und dann, auch das längst nationaler Schnappschuss, eine schicke Schürze um den Hals. Brüste und Bierbauch aus Plastik, der nackte Wahnsinn.
Gascoigne, als würde er das Land, jahrzehntelang durstig, an seinen Busen drücken, endlich auch die Sehnsucht stillen.
Gazzamania, die neue Leichtigkeit.
Gazzamania, der ganz grelle Hype.
In den Wochen danach fährt Gascoigne wie ein Tanzbär über das Land, eröffnet Kaufhäuser und nimmt eine Schallplatte auf. Sein Gesicht wird auf Bettwäsche gedruckt, auf Rasierwasser und Computerspiele.
Gazza, schreibt die TIMES, ist big business.
Gascoigne belebt das Geschäft.
Ich bin vielleicht doof wie ein Besen, erklärt er damals, aber ich will nicht nur Englands bester Fußballer, sondern auch der größte Entertainer werden.
Und natürlich lacht er dabei. Und natürlich lachen alle mit ihm. Die Briten, von Natur aus eher blass, sonnen sich in seinem Glanz.
So wird er schließlich auch von Margaret Thatcher eingeladen, trinkt ein Glas Sherry mit ihr. Und nimmt die Premierministerin, sonst eiserne Lady, dann einfach so in den Arm. Breit grinsend, herzlich und ohne Kalkül, mal wieder aus einer Laune heraus. Englands Nummer 19 in Downing Street Number 10. Die anwesenden Reporter können ihr Glück kaum fassen.
Wer ist denn die ulkige Blondine neben Gazza, fragt einer von ihnen.
Auf den Bildern, die in diesen Sekunden entstehen und am nächsten Tag die Titelseiten füllen, trägt Thatcher Perlenkette, das Lächeln toupiert, dazu Upper-Class-Understatement. Gascoigne hingegen steht dort wie von Expressionisten erdacht, sein Hemd ein Dschungel aus Farben, zudem hat er sich eine leuchtend rote Mohnblüte ans Revers seines cordbraunen Jacketts geheftet. The Poppy, eigentlich Friedenssymbol. Doch hier, grinsender Gascoigne, hätte sich wohl niemand gewundert, wäre aus der Blume irgendwann Wasser gespritzt. Mit ihm, Narrenfreiheit im besten Sinne, ist selbst lange nach Abpfiff und weit weg vom Rasen jederzeit alles möglich.
Jahre später, auch das eine Anekdote, wird Paul Gascoigne den staunenden Kandidaten einer Reality-Show erzählen, dass ihn das Treffen mit Thatcher derart erregt hatte, dass er damals für eine Weile auf der Toilette verschwinden musste, um sich abzuregen.
Ach, Gazza!
1990, so scheint es, gehört ihm ganz kurz das ganze Königreich. Er ist in diesen Monaten nationales Maskottchen. Ein Klassenclown aus der Kiste, Union Jack in the Box, der seinen Landsleuten einen neuen, ungeahnt ungezwungenen Nationalstolz erlaubt.
Gascoigne, schreibt der Spiegel im November desselben Jahres, vereint die Wesenszüge bedeutender Briten zur Lichtgestalt. Am Ball ist er genial wie Best, auf der Bühne charismatisch-anarchisch wie die Beatles und im Alltag patriotisch wie Prinz Charles.
Paul Gascoigne hat in Italien kein einziges Tor geschossen, den Engländern dafür aber etwas viel Wertvolleres gegeben. Identifikation. Weil sie sich wiedererkennen. In diesem Jungen aus dem Norden, der selbst im Flutlicht von Neapel, Nase und Nacken verbrannt, wie ein Urlauber wirkte. Eine ehrliche Haut unter der Sonne Riminis. Ein Strandfußballer, als ginge es nicht um die Weltmeisterschaft, sondern immer nur wieder um die beste Liege am Pool.
Vor allem aber macht Gazza den Fußball wieder begehbar. Ein Türsteher mit Tittenschürze. Und hebt ihn dadurch wie beiläufig in die Moderne. Plötzlich auch Frauen und Kinder an Bord. Söhne und Töchter, sie tragen seine Frisur, sie finden sein Lächeln ganz süß.
Der Fußball vor ihm war stumpf, brutal und kaputt. Der Fußball mit ihm ist leichtfüßig, bunt und verspielt. Ein Aufbruch. So steigen die Zuschauerzahlen, teilweise um bis zu 15 Prozent. So wird die Angst aus den Stadien gedrängt.
Der Zirkus, nun landesweit auf Tournee.
Paul Gascoigne, nun Englands Entertainer, zieht seinen Sport in kürzester Zeit aus der Schmuddelecke, macht den Spieltag zur Show und wird so, wenn auch weitestgehend unfreiwillig, zum Wegbereiter. Ein glänzender Grundstein für den Aufstieg des englischen Fußballs in den kommenden, den wirklich goldenen Jahren. Die neue Liga und das neue Geld, die Milliarden aus den Fernsehverträgen, mit der die Welt auf die Insel gelockt wurde, ohne Gazza und die von ihm entfachte Begeisterung, da sind sich die Kommentatoren heute weitestgehend einig, hätte es das alles nicht gegeben.
Gascoigne selbst aber bekommt davon nicht mehr viel mit. 1992, im ersten Jahr der neu gegründeten Premier League, verlässt er die Insel und wechselt zu Lazio Rom. Ausgerechnet nach Italien, zurück in den Sommer seines Lebens, als könnte er dort finden, was ihm inzwischen verloren gegangen war. Den Spaß am Spiel, den Rausch der Überraschung.
In Rom spielt Gazza mit Karl-Heinz Riedle und Thomas Doll, es ist ein aufregendes Team. Er macht weiterhin seine Streiche, hängt einer Gans die Pfeife des Trainers um den Hals, trifft einmal im Derby gegen die Roma, doch wirklich glücklich wird er dort nicht.
1995 wechselt er auch deshalb nach Glasgow, zu den Rangers. Blaue Hoffnung. Und findet dort nicht nur sein Glück, sondern auch zu alter Stärke zurück, erinnert in den Bewegungen, den Sturmläufen und Zauberfinten an den Jungen aus Newcastle. Gazza, als wäre nichts gewesen. In Schottland, drüben in der Liga des Nachbarn und an der Seite des großen Brian Laudrup, spielt er die erfolgreichste Saison seines Lebens, schießt die Rangers mit 14 Toren zur Meisterschaft und holt am Ende auch den Pokal, mit einem 5:1 über Heart of Midlothian.
Gascoigne, magische Wochen, trifft erst im Old Firm gegen Celtic und später auch Sean Connery, den vielleicht größten Schotten, im Ibrox Park. Liebesgrüße aus Glasgow. Gazza, hier darf er wieder Held sein. Hier tragen die Jungs die Haare wie er. Wasserstoffblond und treu bis in die Spitzen.
Er lebte das Leben der Leute hier, schreibt der Spiegel später, er sprach ihre Sprache. Ihm verziehen sie sogar, dass er Engländer ist.
Die Schotten, zumindest die blauen, lieben Gascoigne.
Die Engländer hingegen sind sich nicht mehr so sicher.
Im Sommer 1996 aber, als auch der Fußball endlich nach Hause kommen soll, feiert Paul Gascoigne eine fulminante Heimkehr. Im zweiten Gruppenspiel der Europameisterschaft, gegen Schottland. Ausgerechnet, als hätte der Teufel das Drehbuch verfasst.
Denn dort, 78. Minute in Wembley, lupft Gazza einen Pass von Darren Anderton in vollem Lauf über den schottischen Verteidiger Colin Hendry und tritt den Ball an Andy Goram, dem machtlosen Keeper, vorbei in die Maschen. Das alles, linker Fuß, rechter Fuß, ist eine einzige, fließende Bewegung, ein Kunstwerk. Das wahrscheinlich schönste Tor seiner Karriere.
Take a bow, schreit der britische Reporter.
Verbeugt euch.
Und Gascoigne, im Körper noch die Wucht des Moments, die Fäuste geballt, taumelt über die Grundlinie, legt sich schließlich flach auf den Rücken. Das Kinn zur Brust, die Arme ausgebreitet wie Flügel. Dann kommen die anderen, die Kameraden. Für den besonderen, den breitbeinigen Jubel. Haben eine gelbe Plastikflasche dabei. Und spritzen Gazza den Inhalt, vielleicht sogar Wasser, in den weit geöffneten Mund.
Es ist ein Gruß, ein Mittelfingerzeig an die heimische Presse. Weil dieses Tor nicht einfach nur ein Tor ist. Sondern, mal wieder, eine Pointe. Ein Zucken der Totgesagten. Eine Antwort der Abgewatschten.
Denn gerade einmal drei Wochen vorher hatten Gascoigne und seine Kollegen die Hoffnung der Heimat ertränkt. In Hongkong, im Hinterzimmer eines Nachtclubs, am Ende einer dann auch im Wortsinn überflüssigen Testspiel-Tournee durch Asien. Da waren sie verloren gegangen, nachdem Nationaltrainer Terry Venables, im Übermut des letzten Abends womöglich, auf die sensationell irre Idee gekommen war, seine Mannschaft ins Zwielicht der Stadt zu entlassen. Seine Worte dazu, väterlich und fatal: Macht, was ihr wollt.
Der tödliche Pass.
Und Paul Gascoigne, das kam erschwerend hinzu, hatte mal wieder Geburtstag. Was ja immer bedeutet, dass er erst irgendwann selbst aus der Torte springt und dann, bereits brennende Kerzen zwischen den Zähnen, die ganze Mannschaft anzündet. Gazza, 29 Jahre alt jetzt, besorgte sich also noch eben eine dicke Zigarre und eine große Flasche Champagner, ehe er zu den anderen stieß. So erzählte er es, Jahre später. In einem Interview mit seinem alten Teamkameraden Harry Redknapp. So ging es los. Nahziel Nachtclub.
The China Jump, niedrige Decken und bewusst dezente Beleuchtung, war bekannt für seine ausschweifenden Partys, die englischen Exzesse, und lag nur angenehm wenige Schritte vom Mannschaftshotel entfernt. Es gab Bier, die guten alten Pints. Und, shots on target, Tequila dazu. Diese immer schon ungute Mischung, hier löste sie letzte Bremsen.
Und die Abfahrt begann.
Wir hatten Ausgang, erklärte Teddy Sheringham einem Fernsehsender hinterher, und es wurde ein bisschen wilder als gedacht.
Bryan Robson, damals Assistenztrainer unter Venables, war von seinem Chef, der selbst nicht dabei sein wollte, noch mit der undankbaren Aufgabe betraut worden, seine Jungs im Auge zu behalten.
Wenigstens ein bisschen, Bryan.
Kurz nach der Ankunft im Club allerdings hatte ihm einer der Spieler bereits das schicke Hemd derart kunstvoll vom Körper gerissen, dass Robson nur noch seinen Stehkragen trug. Und dazu, als wäre nichts gewesen, ein Glas Bier in der Hand. Der Sittenwächter, als müsste er den Priester in einem Porno-Film spielen.
Dann brachen alle Dämme. Dann entdeckte Gazza, wer sonst, in einem Nebenraum einen alten Zahnarztsessel. Das Gestänge aus Metall, dazu Lederriemen für die Arme.
Ein Folterinstrument, eigentlich.
Aber das Geburtstagskind erkannte den Spielplatz darin.
Ich war als Erster im Stuhl, erinnerte sich Paul Gascoigne in einem Interview mit dem FourFourTwo-Magazin, weil es nach Spaß aussah. Dann haben es auch ein paar andere Jungs gemacht.
Teddy Sheringham, Steve McManaman, Darren Anderton.
Sie ließen sich festschnallen und anschließend von den Barkeepern den Schnaps gleich aus Flaschen einflößen, weit aufgerissene Münder. Waterboarding mit Feuerwasser, Druckbetankung mit Tequila und Drambuie.
Schottischer Whiskeylikör, er lief ihnen an den Wangen herunter und über das Kinn, er tropfte zäh vom Metall.
Es war ein Spektakel, von der Menge befeuert, beklatscht, öffentliche Anästhesie. Doch ähnlich wie der Griff in die Eier, damals gerade acht Jahre her, wäre auch die Sache mit dem Zahnarztstuhl beinahe unentdeckt geblieben, ein Totalausfall im Hinterzimmer, hätte nicht abermals ein Fotograf, diesmal ein hauseigener, seine Kamera in das Chaos gehalten.
So landeten die Bilder, verwaschene Beweise der Nacht, nur wenige Stunden später bei Eugene Henderson, einem Reporter der SUN, der sofort wusste, dass er mit dem Material aus Hongkong den Hauptgewinn gezogen hatte, Journalisten-Jackpot. Denn die Fotos, enthemmte Helden darauf, der Fußball als Fratze, waren pures Gold.
Und reines Dynamit.
Seine Zeitung brachte die Story tags darauf auf dem Titel, als Ganzseiter der Empörung, als Steckbrief, der einen halb nackten, aber offensichtlich volltrunkenen Gascoigne zeigte, das T-Shirt zerrissen, die Mimik zerfleddert.
DISGRACEFOOL, war die Schlagzeile in Großbuchstaben. Ein wütendes Wortspiel.
Gascoigne als erbärmlicher Dummkopf.
Schaut euch Gazza an, stand in einer Spalte daneben, ein betrunkener Trottel ohne Stolz.
England war außer sich.
England war tatsächlich geschockt.
Und die Kommentarspalten kochten, tagelang. Die immer schon tollwütigen Tabloids, diese Pitbull-Presse, hatte Schaum vor dem Mund. Sie stellte das Team an den Pranger, forderte gleich Konsequenzen. In einer Umfrage des Daily Mirror stimmten 86 Prozent der Leser für einen Rausschmiss Gascoignes. Er sollte das Team verlassen, am besten sofort. Anders, so klang es in den Redaktionen und den Kneipen, war das Turnier schon vor dem ersten Anpfiff verloren. Und natürlich bekam auch der Ausflug auf den Zahnarztstuhl seinen eigenen Namen, wurde auch er zum Ereignis.
The Dentist Chair Incident, bis heute Synonym für die Schande.
Terry Venables aber, selbst tagelang im Kreuzfeuer der Kritik, hielt seinen Spielern die Treue. Und die Spieler, zuvor bestenfalls Interessensgemeinschaft, verschmolzen unter dem Druck der Öffentlichkeit tatsächlich zur Einheit, der Trotz als Teambuilding. So entstand, was Torhüter Ian Walker später eine Belagerungsmentalität nennen sollte.
Die berühmte Wagenburg.
Wir hier drinnen, gegen die da draußen.
Und so entstand auch die Idee für den Jubel, die Vollsuff-Pantomime.
Die Sache mit dem Zahnarztstuhl, erklärte Paul Gascoigne hinterher, war gut für den Teamgeist.
Das Tor gegen Schottland, es ist dann tatsächlich die große Wiedergutmachung, bereits in der Entstehung ein Schaulaufen der Geächteten.
Teddy Sheringham auf Darren Anderton.
Darren Anderton auf Paul Gascoigne.
Die Hong Kong Connection.
Ein Dreisatz wie ausgedacht, eine Stafette wie einstudiert, eine fast zwangsläufige Passfolge, an deren Ende der Jubel steht, länger und lauter als sonst.
Weil Gazza mit diesem Treffer nicht nur das Duell mit den Schotten, dem Auld Enemy, sondern auch den Zweikampf mit der Presse entschieden hat.
Und weil er den Engländern damit, ganz nebenbei, die Euphorie zurückgibt.
Gascoigne, in der Halbzeit fast ausgewechselt, steht als Triumphator auf dem Rasen. Er hat dieses Spiel gewonnen, in seinem Schrei verstummt die Kritik.
Zwei Tage später druckt der Daily Mirror eine Entschuldigung. To Mr. Gascoigne: An Apology!
Gazza, schreibt die Zeitung, kleinlaut im Kleingedruckten, ist nicht länger ein fetter, betrunkener Idiot. In Tat und Wahrheit ist er ein Fußballgenie.
Gazza, doch wieder Darling. Der englische Held, strahlend im weißen Trikot.
Dieses Tor gegen Schottland aber, unglaublich im Grunde, wird sein einziges bei einem großen Turnier bleiben. Sein persönlicher Höhepunkt. Denn im Halbfinale der Europameisterschaft, wieder in Wembley, scheitert die englische Mannschaft erneut an den Deutschen.
Im Elfmeterschießen, wie sechs Jahre zuvor in Turin.
Diesmal weint Gareth Southgate.
Tears for heroes dressed in grey.
No plans for final day.
Und Andreas Möller, Brust raus vor der Kurve, verhöhnt Paul Gascoigne, indem er dessen Pose kopiert, die Hände in die Hüften gestemmt, das Kinn spitz Richtung Kurve.
Es ist die deutsche Antwort auf die Kuntz-Shirts, die Stahlhelmprovokationen zuvor.
Ze Germans, lächelnd unter den Augen der Queen. Eine Demütigung. Und, was da noch niemand ahnen kann, ein Abschied dazu. Paul Gascoigne hat hier, zu Hause in Wembley, seine letzte Vorstellung auf der wirklich großen Bühne gegeben, sein englisches Finale gespielt.
Denn zwei Jahre später und nur acht Tage vor Turnierbeginn, wird er von Glenn Hoddle, Englands neuem Nationaltrainer, aus dem Aufgebot für die Weltmeisterschaft in Frankreich gestrichen.
Das war, sagt Hoddle hinterher, die traurigste Entscheidung meiner Trainerkarriere.
Aber nicht die schwierigste. Denn Paul Gascoigne ist kaputt, versehrt. An Körper und Geist gleichermaßen. Im letzten Test gegen Marokko muss er mit einem Bluterguss vom Feld getragen werden.
Gazza, nun deutlich sichtbare Spuren.
Gazza, über den Zenit hinaus.
Der Alkohol, einst fröhlicher Freund, ist zur Krankheit geworden. Der Suff, früher lustig am Pool, immer eine gute Pointe, schon längst kein Spaß mehr.
Nur wenige Wochen zuvor hatte Gascoigne die Rangers verlassen. Glasgow, seine eigentlich große Liebe. Am Ende auch dort kein Held mehr, der Ruf längst ruiniert.
Gazza, mit bloßen Händen. Und ordentlich Whiskey in der Blutbahn.
Schließlich war es im November 1996 zu einem Übergriff gekommen, den ihm die Stadt nie ganz verzeihen konnte.
Da, an einem Abend im schottischen Gleneagles Hotel, hatte Paul Gascoigne seine Frau Sheryl so heftig verprügelt, dass sie hinterher ins Krankenhaus gebracht werden musste, mit zwei gebrochenen Fingern und Prellungen im Gesicht.
Gascoigne, das Grinsen plötzlich Fratze.
Die Welt, erzählte Sheryl Jahre später, hat Gazza den Charmeur bekommen, und ich habe Paul den Täter bekommen. Das sind zwei völlig verschiedene Menschen.
In den Tabloids jener Tage aber überlagerte der eine den anderen. Gascoigne, der den Ball mit den Füßen streicheln konnte, war jetzt auch: der Schläger.
Und dieser Angriff dann eben doch die eine Grenzüberschreitung zu viel.
Gazza, so ist er, durch die Flasche hindurch, ins Abseits gerutscht. Das selbst geschaufelte Loch. Auf dem Feld kann er noch immer Spektakel sein, Motor der Mannschaft, in den besten Momenten Magie. Aber in den Nächten dazwischen trinkt er sich dem Ende entgegen.
Die große, öffentliche Tragödie.
Die Engländer, sie fragen sich ja bis heute, was hätte sein können. In Frankreich, mit Beckham und Owen und Gazza. Ob mit ihm da draußen, austrainiert und ausgenüchtert, nicht deutlich mehr möglich gewesen wäre. Doch noch der Titel, nach all den Tränen.
No more years of hurt.
No more need for dreaming.
Eine Klage im Konjunktiv, denn Gascoigne, die Gläser bodenlos, hatte sich selbst aus dem Spiel genommen, chancenlos gegen die Schatten.
Weshalb ihn Hoddle an einem Sonntag im Mai 1998 in sein Hotelzimmer ruft. Das letzte Gespräch in La Manga, dem Teamquartier an der spanischen Küste.
Hoddle’s Heartbreak Hotel, hatte der Independent am Abend zuvor noch geschrieben.
Weil es der Ort ist, an dem Träume platzen.
Denn dort, unter Palmen, muss der Trainer den Kader verkleinern, drei Spieler aus seinem Aufgebot streichen. Die immer härteste Aufgabe. Das weiß er genau und möchte sie deshalb persönlich erledigen.
Face up, sagt Hoddle.
Von Angesicht zu Angesicht. Nacheinander ruft er deshalb die Spieler nach oben. Gascoigne ist als einer der Ersten an der Reihe. Dann hört er die Worte.
Gazza, es geht nicht mehr.
Gazza, du bist nicht dabei.
Die Nachricht trifft ihn. Gascoigne, unvorbereitet. Und er verliert erst die Nerven und dann die Kontrolle.
Er ist außer sich, tobt.
Er schimpfte, fluchte, nuschelte, schreibt Hoddle in seiner Biografie, er benahm sich wie ein Besessener. Er war jetzt ein anderer Mensch.
So verwüstet er den Raum. Tritt einen Stuhl um, schiebt die Matratze vom Bett, schlägt mit der Faust gegen die Tür. Dann geht er. Und hinterlässt Chaos.
Das Hotelzimmer war in Stücke geschlagen, erinnert sich Paul Merson, der nach Gazza dran war, da waren überall Stühle, überall Lampen.
Für einen Mann, schreibt die GQ, mit großen, unbehandelten psychischen Problemen, bei dem später eine Zwangsstörung, Bulimie, Depression und Tourette-Syndrom diagnostiziert wurden und der oft sagte, der einzige Ort, an dem er sich sicher fühlte – nicht glücklich oder lebendig, sicher –, sei der Fußballplatz, war dies weniger eine berufliche Enttäuschung als vielmehr ein erschütternder persönlicher Schlag, von dem es keine dauerhafte Erholung geben würde.
Gazza, er hatte jetzt auch seine Karriere zertrümmert.
Alle Brücken abgebrochen, kein Weg zurück.
Am 31. Mai 1998 verlässt Paul Gascoigne das Mannschaftsquartier in La Manga. Er wird nicht noch einmal für England auflaufen, nie wieder das Trikot mit den drei Löwen tragen.
Gascoigne ist 31 Jahre alt.
Es ist der Beginn eines langen Abstiegs.
Am 28. August 1998, keine drei Monate später, kommt Vinnie Jones ins Kino. Er spielt einen Schuldeneintreiber in Lederjacke. Big Chris, plötzlich überlebensgroß auf der Leinwand.
Vinnie Jones ist 33 Jahre alt.
Es ist der Beginn seiner zweiten Karriere.
Vinnie und Gazza, so begegnen sie sich erneut, zehn Jahre nach dem Incident an der Plough Lane. In den Schlagzeilen dieses Sommers, den Headlines der Heimat.
Zwei Helden.
Der eine gerade erst aus dem Rahmen gefallen. Der andere mit einem Mal auf Celluloid gebannt. Der eine beschädigt, abgerissen. Der andere plötzlich auf dem roten Teppich, bejubelt. Eine seltsame Umkehrung der Zustände, vertauschte Rollen.
Denn Lock, Stock and Two Smoking Barrels, eine Gaunerkomödie des noch weitestgehend unbekannten Filmemachers Guy Ritchie, wird der Überraschungshit des Herbstes. Ein Kassenschlager, against all odds.
Und Vinnie Jones schießt, droht und flucht sich durch diesen Film, er verprügelt einen Typen unter einer Sonnenbank und zertrümmert einen Schädel mit einer Autotür. Wieder rohe Gewalt, Popcornprügel. Und das Publikum, hellauf begeistert, liebt jede Sekunde.
Vinnie Jones, das ist natürlich gleich klar, spielt dort vor allem sich selbst. Und genau das sollte er auch. Die Axt, diesmal mit zwei Flinten im Gepäck. Denn Guy Ritchie hatte ihn von Beginn an im Kopf.
Big Chris, so stand es schon früh im Drehbuch, sollte so respekteinflößend, gewalttätig und unberechenbar sein wie der Fußballer Vinnie Jones. Die Präsenz auf dem Rasen, die Physis, auch in den Interviews hinterher, das alles hatte den Regisseur nachhaltig beeindruckt. Und als er niemanden fand, der eine ähnliche Körperlichkeit mitbrachte, meldete er sich schlicht und ergreifend beim Original.
Vinnie Jones als Vinnie Jones.
So war dessen Fußballkarriere im Grunde nichts anderes gewesen als ein sehr langes Vorspielen für diese Rolle, eine sehr böse Bewerbung für diesen letztgültigen Buhmann, kaltblütig und gewaltbereit.
Every Red Card a Sedcard, oder so ähnlich.
Und, bei Gott, Vinnie Jones hatte sich Mühe gegeben. Die Begegnung mit Paul Gascoigne ist ja nur das bekannteste Gemälde in diesem Gesamtwerk der Gewalt, das er Fußball nennt. Und das vielleicht nie treffender beschrieben wurde als von Jeremy Clarkson, dem langjährigen Moderator von Top Gear, diesem immer etwas hochtourigen Automagazin der BBC.
Mein nächster Gast, hatte Clarkson da gesagt, fuhr meist mit einem sehr großen Mercedes zu seinen Kämpfen. Und hin und wieder konnte es passieren, dass während einem dieser Kämpfe ein Fußballspiel ausbrach.
1988, nur wenige Wochen nach dem Griff in die Eier, erreichte Jones mit seinem FC Wimbledon das FA-Cup-Finale gegen den eigentlich übermächtigen FC Liverpool, stand also plötzlich in Wembley, als Vorsänger einer Mannschaft, die sich damals längst einen durchaus bedenklichen, aber umso verdienteren Kampfnamen ergrätscht hatte.
The Crazy Gang.
Ihr Spiel, hoch und weit, sehr viel kick und noch mehr rush, bestand zu großen Teilen aus Ellenbogen und Einschüchterung. Im Strafraum drohte John Fashanu, ein Inbrunststürmer, der in jeder guten Shakespeare-Inszenierung als Baum besetzt worden wäre, und im Mittelfeld lungerte Dennis Wise. Ein Typ wie ein Klappmesser, ein Spieltagedieb, der den Gegnern erst den letzten Nerv und dann die zweiten Bälle raubte.
Hinzu kam die Heimtücke als Heimvorteil. Mal rissen sich die Irren aus Wimbledon die Hosen runter und hielten ihre Ärsche ins Gefecht, mal beschallten sie den Gast mit Bässen aus dem Kassettendeck, psychologische Kriegsführung. Und bevor es wirklich rausging, brüllte Jones den entsprechenden Schlachtruf in den Tunnel.
Let’s fucking kill them!
Sie machten keine Gefangenen.
Sie waren, so schrieb es das 11FREUNDE-Magazin, die Ritter des Wahnsinns.
Die wahrscheinlich meistgehasste Mannschaft Englands. Ein Außenseiter, dem niemand die Daumen drückte. In Wembley allerdings war ihnen das herzlich egal. Sie kamen als tollwütiger Underdog, sie bissen sich am Gegner fest. Mit den Zähnen, mit beiden Beinen voran. Und angeführt von Vinnie Jones, der dieses Finale schon in den ersten Minuten entschied. Mit einem Foul, wie auch sonst.
Schließlich pflegte er eine ganz besondere Beziehung zum FC Liverpool. So hatte er bei seinem ersten Auftritt dort gegen das legendäre This is Anfield-Schild gerotzt und hinterher noch genug Speichel übrig gehabt, um dem großen Kenny Dalglish glaubhaft zu versichern, dass er im Folgenden durchaus beabsichtige, ihm erst das Ohr abzureißen und danach in das entstandene Loch zu spucken.
Steve McMahon, der Spielmacher der Reds, hatte sich im Vorfeld des Endspiels wohl auch deshalb zu einer Provokation hinreißen lassen, die ihm unmittelbar auf die Füße fallen sollte.
Vinnie Jones, das war seine Ansage, wird in diesem Spiel Rot sehen. Mein rotes Liverpool-Trikot, wenn ich an ihm vorbeigehe.
McMahon, er hatte zwei wadenbeindicke Scheite in ein ohnehin schon loderndes Feuer geworfen. Dann wurde er getroffen, mit der Wucht eines Sattelschleppers.
Als er den Ball von seinem Stürmer bekam, erzählt Vinnie Jones jetzt auf der Bühne in Warrington, war es, als würde sich ein Buch vor mir öffnen. Etwa 100 Meter entfernt.
Es war eine Eingebung.
Und ein Foul, so schreibt es der ehemalige Liverpool-Profi Peter Crouch in seinem Buch How to be an Ex-Footballer, wie es in England zu jener Zeit gemeinhin als Reducer bezeichnet wurde. Weil man, zum einen, davon ausgehen musste, nach einer solchen Terrorgrätsche entweder weniger oder zumindest kürzere Gliedmaßen zu haben, und weil ein Tackling dieser Tragweite, zum anderen, die Lust am Weiterspielen deutlich reduzierte.
Ein Foul, das einem den Appetit verdarb.
Ein Schurkenstück.
Eine Attacke, so brutal, erinnert sich Crouch, mit Verweis auf die spätere Filmfigur des Verteidigers, daneben wirkte selbst Big Chris, der Schuldeneintreiber aus dem Kino, harmlos wie eine Schülerlotsin.
Doch Vinnie Jones, zur eigenen Überraschung, bekam nicht mal Gelb. Und Liverpool, nicht nur im übertragenen Sinne, kein Bein mehr in dieses Spiel.
Wimbledon aber traf einmal mit dem Kopf, und Vinnie Jones konnte sich den Pokal auf das Schienbein tätowieren lassen. Sein größter Erfolg, sein einzig echter Titel.
Er hatte ihn, regelwidrig, aber regelrecht, errungen.
In den Jahren danach dann untermauerte er seine Ausnahmestellung, am Rande des Erlaubten. 1992 etwa brachte er eine eigene VHS-Kassette auf den Markt, darauf ein Lehrvideo aus der Strafraumhölle.
Soccer’s Hard Men.
Es war eine Ode an die offene Sohle, eine von ihm kuratierte Auswahl härtester Zweikämpfe. Und eine Anleitung für die wirklich widerlichsten, weil verstecktesten Fouls. Schritt für Schritt. Die FA verurteilte ihn daraufhin zu einer Geldstrafe, 20 000 Pfund. Auch das ein Rekord. Jones bezahlte und warf sich in die nächste Keilerei.
Dieser Typ, sagte der walisische Nationaltrainer Mike Smith einst, wirkt auf eine Mannschaft wie Kohlensäure in einem Getränk.
Vinnie Jones war ein Brandbeschleuniger, der Widerling aus dem Fahndungsbilderbuch.
Sobald ich die weiße Linie überschritten hatte, erklärte er später einem Reporter des Spiegel, schnappte irgendwas in meinem Kopf ein. Da war nur noch dieser rote Nebel und der unbedingte Wille zum Sieg.
Der rote Nebel allerdings, er konnte auch außerhalb des Platzes jederzeit und innerhalb von Sekunden aufziehen. Dann verlief die weiße Linie einmal quer durch den Alltag, dann wurde er selbst sein härtester Gegenspieler. Über der Schulter zwei rauchende Läufe.
Howard Wilkinson etwa, seinem Trainer in Leeds, steckte er irgendwann ein Gewehr ins Gesicht, um seine Aufstellung zu erzwingen.
An einem anderen Tag dann, nachdem er einem Reporter, im Alkoholnebel und ohne ersichtlichen Grund, in die Nase gebissen hatte und dafür von der Öffentlichkeit tagelang geächtet wurde, lief er allein in den Wald und hielt sich die Flinte diesmal selbst an den Kopf, in der festen Absicht, dem ganzen Mist ein Ende zu setzen.
Vinnie Jones, was ja nur passend war, liebte die Jagd. Auf dem Feld und zwischen den Feldern. Aber manchmal, so schien es, stieß er sich selbst in die Schussbahn.
Des Wahnsinns fette Beute.
Die Ränge verehrten ihn trotzdem. Auch, weil Jones, der im direkten Duell, immer Mann gegen Mann, keine Freunde kannte, seine Mitspieler stets wie Brüder beschützte.
Für den Waliser, schrieb die Augsburger Allgemeine, war der FC Wimbledon so etwas wie ein Familienersatz.
Und Vinnie Jones, das sollte sich auch in späteren Jahren immer wieder zeigen, vor allem ein Familienmensch. Er, der als Outlaw Regeln wie Knochen brach, verkörperte in dieser Beziehung einen durch und durch konservativen Kodex, so stand er für etwas, das größer war als jedes Ergebnis. Für Zuverlässigkeit und Zusammenhalt, ehrlich und echt. Und verband ganz nebenbei auch das Brutale mit dem Sensiblen. Ohne große Anstrengung,
Denn wie jeder wirklich gute Bösewicht beherrschte er beides. Den Nackenschlag und den Handkuss, das eklige Grinsen und das gewinnende Lächeln.
Widerspruch als Werkseinstellung.
Guy Ritchie, Chelsea-Fan, wollte all das.
Dann, erinnert sich Vinnie Jones, klingelt das Telefon, und dieser Typ ist dran und erzählt von seinem neuen Film, erzählt mir, wer da alles mitspielen soll. Nennt die Namen der anderen Schauspieler. All diese Namen.
Und Jones fragte diesen Typen, wie dieser Film denn heißen soll.
Lock, Stock and two smoking Barrels.
Bube, Dame, König, Gras.
Vinnie Jones, er schüttelt den Kopf. In die Erinnerung hinein, als hätte er den Regisseur gleich wieder am Hörer. Schließlich war er damals nicht sofort überzeugt, schon der Titel passte ihm nicht. Zu lang, zu kompliziert.
Wer, zur Hölle, sollte sich das merken können.
That will never fucking work, sagte er damals, with a stupid name like this.
So erzählt er es nun, hier in Warrington. Und natürlich gibt es Applaus, weil ja jeder weiß, wie gut das Ganze funktioniert hat. Der Film. Und seine Besetzung.
Denn Jones sagte dann doch zu. Und hinterließ beim ersten Vorsprechen gleich mächtig Eindruck, mit einem Lächeln im Türrahmen.
Er war ganz reizend, erinnerte sich Celestia Fox, Ritchies damalige Casting-Direktorin später, und es war nur schwer vorstellbar, dass er in Wimbledon tatsächlich dieser hard man war. Er ist ein durch und durch sanfter und liebevoller Mensch.
Seinen ersten Drehtag allerdings verpasste Vinnie Jones dann, weil er am Abend vorher verhaftet worden war.
Du erinnerst dich für immer an dein Debüt als Profi, sagt er jetzt, bei mir war das ein Auswärtsspiel in Nottingham. Und eigentlich erinnerst du dich auch für immer an deinen ersten Tag am Filmset. Nur habe ich meinen unglücklicherweise im Gefängnis von St. Alban verbracht.
Er lacht, in den Saal. Und das Publikum lacht mit, verschwörerisch fast.
Weil alle hier die Geschichte kennen, genau wissen, dass es kein Kavaliersdelikt war, kein Streich eines kleinen Jungen. Und weil Fiktion und Wirklichkeit, die Filmfigur Big Chris und der Fußballer Vinnie Jones, an genau dieser Stelle, im November 1997, derart bunt und untrennbar miteinander verschmelzen, dass längst niemand mehr sagen kann, wo der eine aufhört und der andere beginnt.
Ich sollte damals, erzählt Jones also weiter, meine erste Szene spielen, in der ich die Scheiße aus einem Typen prügle, der im Solarium liegt.
A bloke in a sunbed.
Stattdessen aber war er kurz vor Mitternacht ohne große Ankündigung in einen Trailer auf dem Grundstück nebenan gestiegen, um die Scheiße aus seinem Nachbarn zu prügeln.
Ein Gartenzaunstreit, es ging wohl um wenig, aber der rote Nebel brauchte nicht viel.
Jones wurde später schuldig gesprochen, seiner neuen Rolle als Leinwandarschloch allerdings schadete der kleine Ausflug keineswegs.
Don’t worry, hatte Guy Ritchie gesagt, dann drehen wir die Szene eben nächste Woche.
Er hatte die Axt bestellt, er konnte sich über die Kerben jetzt nicht beschweren.
Vinnie Jones seinerseits wuchs dann auch am Set über sich hinaus. Denn eigentlich war die Rolle als Big Chris anfangs eher klein, ein Cameo des Cholerikers, wenige Drehtage nur.
Just one big joke, erklärte er später.
Am Ende aber war Guy Ritchie derart begeistert vom Schauspiel des Fußballers, dass er die Rolle größer anlegte und Jones noch einmal vor die Kamera holte. Für weitere Szenen.
Vinnie, sagte er, alle lieben, was du machst.
Der Nachdreh, eineinhalb Wochen lang, sollte Vinnie Jones schließlich zum Gesicht des Films machen und seine Karriere damit entscheidend anspitzen.
Denn Lock, stock and two smoking barrels, mit 28 Millionen Dollar Umsatz ein unwahrscheinlicher Box-Office-Hit, schob nicht nur seinen Regisseur, sondern auch dessen Hauptdarsteller über Nacht ins Rampenlicht. Und Vinnie Jones stand plötzlich auf dem roten Teppich, Schulter an Schulter mit Jason Statham.
Vinnie, vidi, vici.
Dann bekam ich einen Anruf, erinnert er sich jetzt, und ein Typ ist dran, der von mir wissen will, ob ich am nächsten Mittwoch zu den British American Film Awards kommen kann.
Vinnie Jones, er konnte nicht. Er war ja immer noch Fußballer. Er hatte schon was vor.
No, sagte er also, we got shit for wednesday, we are a bit fucking busy.
Aber, Mr. Jones, sagte der Mann, Sie haben eventuell einen Award gewonnen.
Und es war dieser Satz, der Vinnie Jones dann doch ins Grübeln brachte, Fußballer hin oder her, weshalb er dieses jetzt durchaus nervige Terminproblem schließlich auf seine ganz eigene Art löste und sich am Wochenende kurz vor Abpfiff noch einen Platzverweis ergrätschte.
Damit, erzählt er jetzt, war ich frei für den BAFTA, und dann sitze ich dort und dann lesen die meinen Namen vor.
Vinnie Jones, Best British Newcomer.
Und hinterher kamen die Schwergewichte und klopften ihm anerkennend auf die Schulter.
Bob Hoskins und Michael Caine, das hat Jones immer wieder erzählt, waren die Ersten, die ihn darin bestärkten, weiterzumachen.
You got a career in this, sagten sie.
Die Altmeister, sichtlich beeindruckt. Vinnie Jones war jetzt Schauspieler. Und selbst Hollywood nur noch eine Frage der Zeit.
Erst einmal allerdings verließ Vinnie Jones seinen FC Wimbledon und wurde Spielertrainer bei den Queens Park Rangers. Eine Herzensangelegenheit, auch wenn ihn bald Zweifel befielen. Der Fußball war immer noch da, aber Vinnie Jones nicht mehr derselbe, vor der Kamera doch ein anderer geworden. Er hatte dort, am Set mit Guy Ritchie, im Blitzlicht mit Jason Statham, Auge in Auge mit den großen Mimen der Gegenwart, wochenlang ein anderes Leben geführt. Er musste nicht mehr über den Rasen pflügen, um Applaus zu ernten. Er konnte dort sein, wie er wollte, und bekam dafür am Ende statt roter Karten nun goldene Masken.
Dann klingelte das Telefon, spät in der Nacht. Zwanzig nach elf, auf dem Display eine amerikanische Nummer.
Fucking hell, erinnert sich Jones, das konnte nichts Gutes bedeuten.
Er nahm den Anruf dennoch entgegen.
Hi, sagte eine Frauenstimme, ist da Vinnie Jones?
Pause.
Ich habe hier Jerry Bruckheimer für Sie.
Vinnie Jones, jetzt hatte er Hollywood am Hörer.
Schließlich war Bruckheimer zu jener Zeit einer der erfolgreichsten Filmproduzenten der Welt, ein Tycoon aus der Traumfabrik, mit dem Händchen und wahrscheinlich auch einem Näschen für die ganz großen Blockbuster. In den Achtzigerjahren hatte er Kassenschlager wie Beverly Hills Cop und Top Gun, später dann Bad Boys und Con Air auf die Leinwand gebracht. Und gerade einmal zwei Jahre zuvor war ihm mit Armageddon und Enemy oft the State ein Doppelschlag gelungen. Er arbeitete mit Bruce Willis und Tom Cruise, mit Will Smith und Gene Hackman, seine Filme spielten Milliarden ein. Bruckheimer war eine eigene Liga.
Nun aber erst mal am Ende einer sehr langen Leitung.
Denn Vinnie Jones glaubte ihm kein Wort.
Ich hatte keine Ahnung, erzählt er jetzt, wer dieser Bruckheimer war. Not a scooby.
So hielt er das alles für einen verdammt schlechten Scherz, einen Klassiker der Crazy Gang, einen Streich unter Kumpels, dahinter ganz sicher Dennis Wise. Und wurde deshalb langsam ungehalten.
Wisey, brüllte er also ins Telefon, sag deinem Kumpel, er soll sich aus der Leitung verpissen.
Sofort. Oder ich komme vorbei und tret’ dir in die Eier.
Vinnie Jones, und natürlich sagte er: bollocks. Es ist sein Lieblingswort, bis heute.
Stille in der Leitung, dann sprach Jerry Bruckheimer, ganz ruhig.
Und Vinnie Jones, jetzt wieder auf der Bühne, ahmt die Stimme des Amerikaners nach, tief und verführerisch.
Mr. Jones, sagte Bruckheimer, ich würde Sie morgen gerne treffen. Hier bei uns in Santa Monica.
Aber, sagte Jones, ich bin in fucking Hampstead. In London.
You know, fish, chips, cup ’o tea, bad food, worse weather, Mary fucking Poppins! London!
Ein Moment wie im Film.
Ja, sagte Bruckheimer, das wissen wir. Deshalb haben wir Sie auf den 12-Uhr-Flug nach Los Angeles gebucht. First Class, British Airways.
Viel mehr sagte er nicht. Dann war das Telefonat beendet. Und Vinnie Jones, den Hörer noch in der Hand, stand in fucking Hampstead, das Haus wieder still.
Anyways, sagt er also, am nächsten Tag habe ich im Klub angerufen und mich krankgemeldet.
Und während er spricht, schnellt sein Arm nach vorne, eine fliegende, eine aufsteigende Bewegung, eine startende Maschine. Das Rauschen der Reise, im Zeitraffer der Erzählung.
Es war, sagt er dann, genau wie diese Szene in Snatch.
London, Taxi. Start, Drink, Landung. Los Angeles. Stempel, Taxi. Begrüßung.
Dann saß er dort, ihm gegenüber tatsächlich Jerry fucking Bruckheimer, daneben der Regisseur. Und die Hauptdarsteller, Nicolas Cage und Angelina Jolie. Namen, im Grunde zu groß für den Raum.
Hollywood, holy shit! Es war ja noch immer kaum zu glauben, aber die meinten das auch immer noch ernst. Es war kein Streich. Sie wollten, dass er in ihrem nächsten Film mitspielt. Gone in 60 seconds.
Nur noch 60 Sekunden.
Und viel länger dauerte auch das Treffen nicht, dann hatte er den Job. So flog er noch am selben Tag wieder nach Hause.
Taxi, Start, Drink, Landung, Taxi. London.
Die Zukunft im Koffer.
So einfach war das, erzählt er jetzt, so fucking easy. Dann habe ich meine Frau angerufen und gesagt: Ich hab’s. Ich habe den Part. Und sie sagte: Bloody hell, wie viel? Und ich fragte: Was? Na, sagte sie, wie viel zahlen die?
Und Vinnie Jones zuckt mit den Schultern.
Er hatte nicht mal gefragt.
Er hatte allerdings auch niemandem gesagt, dass er die Queens Park Rangers jetzt verlassen, dem Fußball nun endgültig den Rücken kehren würde. Es war einfach alles zu schnell gegangen.
Vinnie Jones, der einmal nach nur drei Sekunden vom Platz gestellt worden war, hatte sich in diesen Tagen selbst von den Beinen geholt. Schließlich war er noch Angestellter des Klubs, Spieler und Manager in einem. Für weitere eineinhalb Jahre. Ein gar nicht mal so kleiner Konflikt. Dann aber sprang Jerry Bruckheimer ein und kaufte Jones aus seinem Vertrag.
Und damit, viel schneller als gedacht, endete seine Zeit in der Premier League.
Vinnie Jones hatte den Fußball hinter sich gelassen, er spielte von nun an beim echten FC Hollywood, der Weg war jetzt frei. Und er rutschte hinein. Wie immer, mit beiden Beinen voran. So stand er bald wieder am Airport. Diesmal allerdings flog Vinnie Jones, der noch immer fest davon ausging, dass sein Trip nach Tinseltown eine dieser Once in a life time-Erfahrungen bleiben würde, nicht allein.
Im Gegenteil.
Wenn das eine einmalige Sache ist, erinnert er sich heute, sollte jeder dabei sein. Die Freunde, das alte Fußballteam, der Gärtner, die Haushaltshilfe. Alle kamen mit.
Vinnie Jones, so buchte er insgesamt 62 Flüge nach Los Angeles. Hin und zurück. Hollywood, Wochen wie im Rausch.
Auch wenn er sich dort erst mal im Hintergrund hielt. Ein Nebendarsteller nur, weil die Stars natürlich andere waren.
Allen voran Nicolas Cage, damals einer der größten Namen im Business.
Hier, Gone in 60 seconds, spielt er den Autodieb Memphis, der aus dem Ruhestand zurückkehrt, um seinen Bruder zu retten. Dafür allerdings muss er in nur drei Tagen fünfzig Autos stehlen, Nobelkarossen, Rennschlitten. Und natürlich läuft ihm von Beginn an die Zeit davon. Weshalb er einen wilden Haufen alter Freunde um sich schart. Petrolheads und Bleifußsoldaten. The helpful eight.
Vinnie Jones ist einer von ihnen. Er ist die Sphinx, ein vermeintlich stummer Bestatter, der überwiegend hart und unnahbar in die Gegend glotzen muss, am Ende aber einen stolzen Monolog über das Leben und Sterben als Krimineller halten darf.
Es ist sein großer Auftritt, über der Szene liegt ein kalifornischer Filter. Einer der Jungs grillt Fleisch auf einem umgebauten Motorblock, die anderen trinken Bier, auf dem Tisch steht eine Flasche Heinz-Tomatenketchup. Angelina Jolie, mit blonden Dreadlocks, schmilzt in den Armen von Nicolas Cage. Ein amerikanischer Traum. Und der Moment, in dem die Amerikaner nicht nur Vinnie Jones zum ersten Mal hören, sondern auch seinen schweren Cockney-Akzent, diesen britischen Bass.
Der Film nutzt ihn als persönliche Pointe.
Ich dachte, sagt Cage, du wärst aus Long Beach.
Dann lachen alle. Die bösen Buben.
Und das heiße Mädchen.
Vinnie Jones, von nun war er Teil der Gang. Ein Kinogesicht, ein Leinwandspieler. Von nun an pendelte er, zwischen London und L. A. Und bald darauf meldete sich auch eine längst vertraute Stimme.
Vinnie, fragte Guy Ritchie, was machst du jetzt eigentlich, nach 60 seconds?
Keine Ahnung, sagte Vinnie.
Pass auf, sagte Ritchie, ich habe da einen neuen Film.
Snatch, das nächste große Ding. Und Vinnie Jones sollte natürlich wieder mit dabei sein, gleich in einer Doppelrolle. Diesmal sogar Zwillinge spielen. Mickey und Bullet Tooth Tony. Vier Fäuste, zwei Schädel. Keine Widerrede, Vinnie! Denn er, Guy Ritchie, hatte bereits die alte Truppe versammelt, Jason Statham und so. Schweine und Diamanten, die neue Crazy Gang des englischen Films.
Und Jones, diesmal ohne Zögern, sagte zu.
Wenig später allerdings rief ihn Ritchie noch einmal an.
Well, sagte er, ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht. Die schlechte zuerst. Ich musste einen anderen Schauspieler in den Film bringen. Und deine Rollen deshalb aufteilen. Die gute ist: Du spielst jetzt an der Seite von Brad Pitt.
Und so fing es an.
Das, sagt Vinnie Jones auf der Bühne, ist jetzt 114 Filme her. Und das sind auch nahezu alle Erinnerungen, die ich an diese Zeit habe.
The only fucking memories.
Schlaglichter nur, er macht eine Pause.
Der Alkohol, sagt er dann, hat alles verwischt. Ich würde gerne mehr erzählen können, aber in L. A. hatte ich den Liquor Store auf der Kurzwahltaste. Und dann schaust du zurück, auf all die wunderbaren Dinge, die du gemacht hast. Und die verdammte Erinnerungsbank ist leer.
Noch eine Pause.
Aber, sagt er schließlich, ich habe gehört, es soll großartig gewesen sein.
Und Vinnie Jones lacht. Und das Publikum johlt. Und neben ihm sitzt Paul Gascoigne und nickt. Denn hier treffen sich ihre Lebenswege, an der Theke. Und an der Flasche.
Im April, erzählt Vinnie Jones, bin ich zehn Jahre trocken.
Und die Halle, englisch ohne Ende, jubelt.
Und Paul Gascoigne lächelt, so nah dran.
Er kennt das alles. Das Schlechte, nur zu gut.
Vinnie und Gazza, sie stammen schließlich noch aus einer Zeit, als das Trinken im englischen Fußball zum guten Ton gehörte. Ende der Achtzigerjahre, der Alkohol alltäglicher Begleiter.
Dort, schreibt Christian Eichler in der FAZ, galt die Schluckfähigkeit lange Zeit als eine Art Persönlichkeitstest für die Verwendbarkeit in der Mannschaft.
Denn selbst die besten Spieler waren schwere Trinker. Und wer dazugehören wollte, musste mitsaufen. Die Männer, sie wurden in Pints gewogen, die Leistung in Litern gemessen.
Auch Besäufnisse am Abend vor dem Training waren nicht ungewöhnlich, schreibt der britische Autor Michael Cox in seinem großartigen Buch The Mixer, und wenn einer am nächsten Tag verkatert auftauchte, wurde das von seinen Mitspielern geduldet, solange er die Einheit ohne Jammern überstand.
Das Trinken, hat Manchester Uniteds ehemaliger Kapitän Roy Keane einmal erzählt, war mein Hobby.
Und drüben beim FC Arsenal traf sich jahrelang der längst legendäre Tuesday Club, ein Haufen Hartgesottener, der die schweren Beine mit schwerem Suff bekämpfte. In dem Wissen, dass am Tag danach meist frei war.
Das alles änderte sich erst 1996, kurz nach der Europameisterschaft in England, als erst Tony Adams, lange Kapitän und Anführer des Tuesday Clubs, öffentlich zugegeben hatte, Alkoholiker zu sein, und Arsenal kurz darauf einen neuen Trainer vorstellte.
Arsène Wenger.
Der Franzose, selbst Sohn eines Kneipiers, war dann gleich einigermaßen pikiert, weil selbst die Kabine eine Fahne hatte.
Niemals, erzählte er später einmal, hätte ich mir vorstellen können, dass es Menschen möglich ist, so viel Bier zu trinken.
Mit Wengers Ankunft wich der Exzess der Eleganz, er drehte der Mannschaft den Hahn ab.
Dann wurde auch der Fußball nüchtern.
Für Paul Gascoigne allerdings kam dieser Wandel zu spät, er hatte das Saufen in der Umkleide gelernt, und auf den langen Reisen im weißen Trikot.
Die Sache mit dem Zahnarztstuhl, dieser Dentist Chair Incident, war ja nur eine Geschichte von vielen.
Die Nationalspieler, sie tranken am Pool und auf den Zimmern. Nach Siegen, um zu feiern. Und nach Niederlagen, um zu vergessen. Und viel zu oft tranken sie auch bloß aus Langeweile, weil sie nicht wussten, was sie sonst machen sollten, und nie gelernt hatten, sich selbst zu beschäftigen.
Die Männer, viele von ihnen waren in den Arbeitervierteln groß geworden, dort zwischen Feld und Pub aufgewachsen.
Sie tranken, weil das Trinken nach Heimat schmeckte.
Paul Gascoigne trinkt, weil er die Einsamkeit nicht aushält. Und weil er nicht schlafen kann, die Stille der wahrscheinlich härteste Gegner.
Schon in der Nacht vor dem Halbfinale gegen Deutschland, 1990 in Turin, ist er derart unruhig, dass er sein Zimmer schließlich verlässt und über die Hotelanlage irrt, ohne Rast oder Ziel, ehe er auf einem der Tennisplätze zwei Amerikaner trifft, mit denen er bis in den Morgen spielt, Satz für Satz im Flutlicht, wie um sich selbst zu entkommen.
Die meisten Spieler haben 90 Minuten Stress auf dem Platz und danach 22,5 Stunden Erholung, hat sein ehemaliger Mitspieler Tony Dorigo einmal erzählt, aber bei Gazza war es genau andersherum.
Der Fußball ist sein Zuhause, zwischen den Strafräumen kennt er sich aus, und auf den Rängen rufen die Menschen seinen Namen. Come on, Gazza! Nach Abpfiff aber, das Flutlicht längst erloschen, die Mitspieler daheim bei ihren Familien, die Dunkelheit dröhnend, ist er allein. Auf Reisen, in den Hotels, gerade auswärts ohne Halt.
Und fängt bald an, sich in den Schlaf zu trinken.
Schluck für Schluck, später nimmt er Pillen dazu, spült auch die Panik herunter.
1998, nach der verpassten Weltmeisterschaft, der Scheidung von seiner Frau Sheryl und dem Tod eines engen Freundes, der während einer gemeinsamen Sauftour einfach zusammengebrochen war, weist er sich schließlich selbst ein und beginnt seinen ersten Entzug. Die Ärzte, sie sollen ihm den Teufel austreiben. Es ist die Hölle für ihn. Nach nur wenigen Wochen verlässt er die Klinik. Und taumelt bald wieder durch die Nacht.
So wird Gascoigne nicht mal 40, schreibt der kicker damals.
Und er beginnt sich aufzulösen, wie ein Portrait, das langsam verblasst, immer schwächer wird.
Ein Schemen im eigenen Nebel.
Nur hin und wieder leuchtet er noch, dann trotzt das Genie dem Verfall, dann tanzt er wie früher. 2002 etwa, er spielt jetzt für Everton, besäuft sich Gascoigne vor einem Spiel gegen Sunderland. So hemmungslos, als müsste er sich betäuben. So radikal, als wollte er sich aus dem Leben spülen. Er trinkt, das erzählt er später selbst, dreieinhalb Flaschen Wein, dazu zwei dreifache Brandy und schluckt, nach eigener Angabe, 13 Schlaftabletten. Es ist ein Anschlag auf den eigenen Körper. Aber Gazza spielt, trotz alledem.
Am nächsten Morgen, er kann sich an nichts erinnern, steht eine Champagnerflasche neben seinem Bett.
Es ist der Preis für den Man of the Match.
Im selben Jahr wird er TV-Experte für den Fernsehsender ITV, fliegt zur Weltmeisterschaft nach Japan und Südkorea, trinkt abends an der Hoteltheke, säuft die Minibar leer und hinterlässt eine Rechnung über 10 000 Pfund.
Die große Sause, der scheinbar unendliche Spaß.
Doch in dieser zerzausten Verfassung verpasst er nicht nur den ein oder anderen Einsatz, sondern am Ende auch einen angemessenen Abschied.
Denn Gazza, längst zu alt und zu kaputt für die Anforderungen des modernen Fußballs, der es mittlerweile auch auf die Insel geschafft hatte, kann nicht loslassen. Und weil ihn England ganz offensichtlich nicht mehr braucht, bietet er sich draußen in der Welt an, der einstige Wunderknabe als alternde Wanderhure, unter anderem auch in Hamburg, beim FC St. Pauli, und wechselt schließlich nach China, zu Gansu Tianma, dort spielt er in der zweiten Liga. Und in der damals dreckigsten Stadt der Welt. Nach nur vier Einsätzen allerdings geht er nach Boston, wo er sich bei United, einem Viertligisten, als Spielertrainer verdingt. Hier versandet seine Karriere, es ist ein Ende ohne Ruhm, im Abseits der Geschichte.
Was bei anderen allerdings schon Tiefpunkt wäre, ist bei Gascoigne nur eine weitere Etappe auf seinem tragisch langen Weg nach unten. Sein Abstieg danach so absolut wie der Wodka im Glas. Denn Gazza schafft sich, und er schafft sich ab.
Sir Bobby Robson, 1990 Trainer der Engländer, hatte einst über den Stürmer Craig Bellamy gesagt, er sei ein Mensch, der alleine in einem Raum eine Schlägerei anfangen könnte.
Für Gazza gilt in den nun kommenden Jahren Ähnliches, er kann einsam in einem Hotelzimmer eine Orgie beginnen, ein Fass aufmachen, sich selbst unter den Tisch saufen, in stundenlangen Wetttrinken, die er so gut wie nie als Sieger verlässt.
Er ist, schreibt das 11FREUNDE-Magazin, allein in schlechter Gesellschaft.
Ich sah nur zwei Möglichkeiten, erzählt er 2004, sofort zu sterben oder mich zu Tode zu trinken, ich wollte mich selbst umbringen.
Kurz darauf wählen die Briten seine Tränen, die Bilder aus Turin, zum denkwürdigsten Moment ihrer Sportgeschichte. Gazza, er ist noch immer einer der größten Helden des Landes, aber die Engländer, sie erkennen ihn kaum wieder.
Er ist abgemagert.
Eine Karikatur, vom Alkohol und von Depressionen gezeichnet.
Paul Gascoigne, der englische Patient.
Im Juli, der Körper zu schwach, wird er mit einem Magengeschwür ins Krankenhaus gebracht. Und an Weihnachten, wieder Lebensgefahr, erkrankt er an einer schweren Lungenentzündung. Die Ärzte retten ihn, gerade noch so. Wissen aber auch nicht weiter.
15 Jahre, nachdem er die Welt begeistert hat, steht Paul Gascoigne mit beiden Beinen am Abgrund. Und, klar, geht dann noch ein paar Schritte.
So landet er 2008 gleich dreimal in der Psychiatrie.
So entsteht im Mai desselben Jahres wieder ein Foto, das bleibt.
Es zeigt einen Mann, der nicht mehr viel gemein hat mit dem Jungen von einst. Es zeigt einen Mann, der sich selbst irgendwann verloren hat. Gascoigne, erst zwei Tage zuvor aus der Klinik entlassen, taumelt sichtlich verwirrt durch Gateshead, seine Geburtsstadt. Es ist noch früh am Morgen, 8 Uhr gerade, aber er scheint seit Stunden auf dem Weg. Wohin, das weiß er selbst nicht genau. Über seiner Schulter hängt ein Handtuch. Und an seinem Arm eine Reisetasche aus rotem Leder, der Reißverschluss ist offen und erlaubt einen Blick auf den Inhalt, der mehr erzählt als jedes Interview. In der Tasche liegt ein Sparschwein.
Und eine Flasche Gordon’s Gin.
Es ist das Gepäck eines Schiffbrüchigen.
Er wird wahrscheinlich bald sterben, erklärt sein damals zwölf Jahre alter Sohn kurz danach in einer TV-Doku, es hat keinen Zweck, ihm zu helfen.
Paul Gascoigne, zu Beginn seiner Laufbahn als Englands Maradona gefeiert, ist auf dem schlimmsten Wege, der englische George Best zu werden. Ein Genie, das sich zu Tode säuft. Ein Popstar, der sich selbst ertränkt.
Vier Flaschen Whiskey und 16 Linien Koks, das ist sein Alltag jetzt.
Aber Gazza, die Leber Hartgummi, die Nasenscheide längst Torwand, stirbt nicht.
Er verschwindet, dann taucht er wieder auf. So vergehen fünf Jahre, ehe er sich bei einer Charity-Veranstaltung in Northampton, offensichtlich schwerkrank, wieder auf die Bühne setzt. Er kann kaum sprechen, die Silben nur Schlieren, die Wörter verwaschen. Dieses Nuscheln, es ist ein öffentlicher Hilferuf.
Diesmal retten ihn seine Freunde. Darunter auch Gary Lineker, als Echo aus Turin. Der Zeigefinger am Auge, das Zeichen an die Mitspieler.
Have a word with him.
Kümmert euch um ihn, lasst ihn jetzt nicht allein.
Die Freunde, berichtet die Sun damals, setzen Gazza in ein Flugzeug nach Phoenix, Arizona. Er soll sich in einer Spezialklinik erholen, der Aufenthalt dort etwa 25 000 Euro kosten. Und weil Gazza, immer durstig, aber schon lang nicht mehr flüssig, all sein Geld, die Prämien und Gehälter, längst versoffen hat, übernehmen sie natürlich auch die Rechnung. Die Zeche, gegen das Zechen. Teuer, aber leider umsonst.
Denn schon kurz nach der Landung, auch davon gibt es ein Foto, sitzt Gascoigne in einer Flughafen-Bar, mit einem großen Bier im Gesicht. Und bereits im Juli erleidet er den nächsten Rückfall und bricht vor einem Hotel auf offener Straße zusammen.
Der Mann, der früher einmal Paul Gascoigne war, schreibt Der Westen in den Tagen danach, liegt in der Gosse. Völlig betrunken. Nur ein Mülleimer verhindert, dass er nicht völlig in sich zusammensackt. Aus seinen Taschen fallen zwei Flaschen Gin.
Gazza am Boden, titelt der Spiegel.
Und die Sun bittet alle Barkeeper und Schnapsverkäufer Englands, Gazza den Ausschank zu verweigern.
Der Boulevard, er fürchtet um eine seiner zuverlässigsten Geschichten.
Ich kann nur hoffen, sagt Gary Lineker damals, dass er irgendwie seinen Frieden findet. Aber ich fürchte, dass diese Hoffnung vergeblich ist.
Das alles ist nun zehn Jahre her, und Paul Gascoigne ist immer noch da. Alive and kicking.
Er ist 57 Jahre alt, er hat überlebt. Und in diesen Tagen auch den Alkohol im Griff.
Auch wenn die Dämonen noch lauern, jeder Schritt auf wackligen Beinen.
Gazza, sagt Vinnie Jones jetzt, kämpft dagegen. Und er macht das großartig. Fucking fantastic. Er hat gute und schlechte Tage, aber er wird sich da durchschlagen. Er kämpft jeden verdammten Tag.
Gazza, in der Flasche nur Wasser.
Und er zeigt auf Gascoigne, und die Halle klatscht, brüllt. Come on, Gazza! Es ist ein Applaus, in dem ihre ganze Zuneigung mitschwingt. Und Vinnie Jones gibt ihm den Raum, erlaubt ihm diesen Moment.
Gazza und Vinnie, gemeinsam in guter Gesellschaft.
Denn beide kennen ihren Gegner genau. Und sie wissen, wie schwer es sein kann, ihm immer wieder begegnen zu müssen, wie viel Kraft es kostet, ihn niederzuringen.
Vinnie Jones, er hat das ja alles verfolgt, von Hollywood aus. Den Kampf, den Niedergang und die Comebacks. Und er konnte es so gut verstehen.
Auch, weil sie eine Vergangenheit teilen. Vinnie und Gazza. Das Ereignis. The Incident.
Das Foto, sagt Jones also noch, hat uns verbunden, wir sind durch dieses Bild zusammengewachsen. Wie Zwillinge, versteht ihr? Wie Brüder, bei denen der eine immer weiß, wie es dem anderen geht. Ich habe einen siebten Sinn für Gazza. Ich spüre, wenn etwas nicht stimmt.
Dann verlassen die beiden die Bühne.
Doch es dauert nicht lange, bis sie sich wiedersehen.
Denn nur wenige Monate später sitzt Vinnie Jones an einem See, irgendwo in Sussex. Er hat jetzt eine eigene TV-Show. Vinnie in the Country, die Axt im Wald. Er ist jetzt, wie sein großes Vorbild David Attenborough, draußen in der Natur. Und kümmert sich um eine alte Farm, die er wieder aufbauen möchte.
An diesem Tag aber bekommt er Besuch von einem alten Freund.
Vinnie Jones und Paul Gascoigne, sie wollen Fliegenfischen, ihr Glück versuchen.
Schauen, ob einer anbeißt.
Es ist warm, einer der seltenen Sommertage. Jones trägt ein Poloshirt unter der armeegrünen Angelweste. Und Gascoigne, erste Einstellung, kommt fröhlich über eine Wiese gelaufen, in Bermuda-Shorts und Sonnenbrille, sein kurzärmeliges Hawaii-Hemd ist etwas zu weit aufgeknöpft, seine Edelstein-Ohrringe funkeln im Sonnenlicht.
Gazza, als wäre Urlaub. Er zeigt auf den See, am anderen Ufer ziehen Wildgänse vorbei.
Das ist der einzige Ort, sagt er dann, der dich von allem anderen ablenken kann.
Vinnie Jones und Paul Gascoigne, irgendwann erzählen sie trotzdem von früher, geben der Erinnerung Leine. Erzählen also vom Fußball, von dem sie nicht wissen, ob er ihnen nun fehlt oder nicht. Und sprechen schließlich, ganz unvermittelt, auch über den Alkohol. Die Krankheit, wie Jones das Trinken heute nennt. Die Abstürze und die persönlichen Dämonen.
Und das Wasser liegt spiegelglatt.
Es waren gar nicht so sehr die Drinks, sagt Gascoigne mittendrin, es waren die Konsequenzen, Vinnie. God, fucking hell, the consequences.
Und Jones nickt, er weiß ja genau, was Gazza meint.
Wenn es schiefging, sagt er also, dann ging es richtig schief.
Fucking wrong, und er bläst die Backen auf, während er versucht, einen Köder auf den Haken zu ziehen, die Leine zwischen den Zähnen.
Das Ding ist, sagt Gazza, wenn du drin bist, bist du drin. Weißt du, was ich meine?
Klar.
Wenn du drin bist, sagt Jones, willst du, dass die Welt endet, du willst, dass sie dich verschluckt.
Er kneift die Augen zusammen.
Und dann, sagt Gascoigne, wirst du ein Einzelgänger, und keiner will mehr mit dir sprechen.
Er flüstert jetzt, die Stimme gebrochen. Und während er spricht, muss er hinter der dunklen Sonnenbrille mit den Tränen kämpfen. Dann wirft er die Angel wieder aus, der See als Ablenkung. Und Vinnie Jones hockt währenddessen im Schilf und denkt laut in die Gegend hinein.
Wir, erklärt er der Kamera und damit auch dem Publikum, haben nie gewusst, wo wir die Grenze ziehen sollten. Hätten wir das gewusst, hätten wir uns nicht immer wieder in die Scheiße geritten.
Es ist sein ehrlicher Strich unter das öffentliche Leben, diese wilde Fahrt von der Plough Lane in Wimbledon über Turin, Wembley und Hollywood, aus den Achtzigern bis hierher. Und das Fazit einer Freundschaft, die so unwahrscheinlich war und doch jede Schlagzeile und jedes Blitzlicht überdauert hat.
Weißt du, sagt er kurz darauf in Richtung Gascoigne, du bist so jung und fliegst einfach hinein, und du denkst, dass es niemals endet. Und jetzt stehen wir hier, zwei alte Fürze mit ein paar Fliegenruten.
Dann lacht er, heftig und laut.
Vinnie Jones, es schüttelt ihn richtig.
Okay, come on, ruft er schließlich, nachdem er sich wieder beruhigt hat, let’s catch fish.
Yeah, sagt Gazza.
Und so stehen die beiden am Ende nebeneinander, Schulter an Schulter im Schilf, und schauen gemeinsam über den See.