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Zum Glück hatte sich Ellie ein elegantes Outfit aus Melbourne mitgebracht. Sie fühlte sich gut in dem Kleid und den Pumps, die sie schon so lange nicht mehr getragen hatte, dass sie sich gar nicht mehr daran erinnern konnte.

Als Patrick sie die Treppe herunterkommen sah, lächelte er und schlüpfte aus seinem alten Leinenjackett. Kurz darauf erschien er in einem schicken dunkelblauen Samtsakko mit roter Fliege.

»Mache ich als dein Begleiter genug her, Liebes?«

»Auf jeden Fall. Wenn du statt deines Fedoras eine Baskenmütze aufsetzt, siehst du aus wie irgendein berühmter Lebemann, der die Straßen von Paris unsicher macht«, scherzte sie.

»Oh, das will ich doch nicht hoffen, mir schwebte eher so etwas wie Maurice Chevalier vor.«

»Ist das deine Strategie, um Kathryn O’Neill zum Plaudern zu bringen?«, grinste Ellie.

»Nein, das ist deine Aufgabe. Eine Frau ihrer Generation würde niemals persönliche Dinge vor einem Gentleman ausbreiten.«

Eine halbe Stunde später betraten sie die Kunstgalerie und staunten über die aufwendige Dekoration. Der Raum war mit großen Vasen voller Blumen, Topfpflanzen und grünen Zweigen geschmückt, die mit den zarten Farben und Pinselstrichen auf den Gemälden harmonierten. Eine ältere Frau – die Galeristin, wie Patrick Ellie erklärt hatte – kam auf sie zu, um sie zu begrüßen.

»Sonia, das ist meine Enkelin Estelle. Sie hilft mir zurzeit ein bisschen mit der Zeitung.«

»Freut mich, Estelle … Wie schön, dass Sie mit Ihrem Großvater zusammenarbeiten«, meinte die Frau.

Ellie erwiderte ihr Lächeln. »Nennen Sie mich doch Ellie. Ja, der Chronicle ist eine tolle Zeitung, wir sind sehr stolz auf meinen Großvater. Ich schreibe gerade eine Ehrung für Mrs O’Neill anlässlich ihres Geburtstags und würde ihr gern Hallo sagen. Meinen Sie, ich könnte kurz mit ihr sprechen?«

»Ja, wunderbar, sie ist gerade gekommen. Und Sie müssen sich unbedingt auch mit Heather Lachlan unterhalten. Eine großartige Künstlerin! Mrs O’Neill hat sie zu dieser Vernissage ermuntert, mit der unter anderem eine Erweiterung unserer Galerie gesponsert werden soll.« Sonia schaute sich um, als jemand nach ihr rief. »Oh, ich muss los und noch ein paar Sachen erledigen, bevor die Ansprachen beginnen.«

Als sie davoneilte, wandten sich Patrick und Ellie den anderen Gästen zu.

Ellie sah, wie Kathryn O’Neill von Susan McLean in den Raum geleitet wurde, und flüsterte: »Das ist sie, Opa. Sei bloß nicht zu freundlich zu dieser Assistentin – du weißt ja, das ist das Drachenweib mit dem Hund, der Sam angefallen hat.«

»Ich habe es nicht vergessen. Noch ein Grund mehr, mit ihr zu reden«, sagte Patrick und marschierte schnurstracks auf die beiden zu, gefolgt von Ellie.

»Hallo, Mr Addison«, grüßte Susan ihn kühl.

»Ich wollte mich nur bedanken, dass Sie Ellie neulich das Gespräch mit Mrs O’Neill ermöglicht haben …«

Wie Ellie auffiel, stellte sich Patrick etwas seitlich von Susan, sodass sie sich zu ihm drehen musste und Kathryn O’Neill nicht mehr im Auge behalten konnte. Sogleich eilte Ellie zu der alten Dame hinüber.

»Keine Ursache«, antwortete Susan geschäftsmäßig. »Wenn Sie uns jetzt bitte entschuldigen wollen …«

Ellie trat vor Kathryn O’Neill, ohne den Mann zu beachten, der neben der alten Dame stand. »Hallo, Mrs O’Neill, nochmals danke, dass Sie sich neulich für mich Zeit genommen haben.«

»Ach, Estelle. Hallo.« Kathryn lächelte verhalten.

»Ich dachte mir, vielleicht haben Sie einen Augenblick, damit wir über Ihr Grundstück am Botanischen Garten sprechen können …«

»Entschuldigung, Ms Conlan, Mrs O’Neill ist nicht hier, um Interviews zu geben«, unterbrach Susan sie und nahm die alte Frau am Arm. »Alles in Ordnung, Mrs O’Neill? Möchten Sie ein Glas Wasser?«, fragte sie und führte sie weg.

»Es wäre doch zu schade, wenn der Botanische Garten plötzlich nicht mehr da wäre«, rief Ellie über das Stimmengewirr hinweg. Aber Kathryn O’Neill hatte ihr bereits den Rücken zugekehrt und schien nichts gehört zu haben.

»Verdammt«, murmelte Ellie und bemerkte jetzt erst den gut aussehenden Mann, der sie etwas verwundert anlächelte. Es war derselbe, der zuvor neben Kathryn gestanden hatte.

»Oh, tut mir leid, dass ich so dazwischengeplatzt bin«, sagte Ellie. »Es ist schwer, an Mrs O’Neill heranzukommen.«

Der Mann streckte ihr die Hand entgegen. Er wirkte offen und freundlich und mochte etwa Anfang vierzig sein.

»Hi, ich bin Dave Ferguson. Worüber wollten Sie denn mit Mrs O’Neill reden? Entschuldigung, eigentlich geht mich das ja gar nichts an.«

Ellie schüttelte ihm die Hand. »Freut mich. Ellie Conlan. Ich schreibe gerade an einem Artikel über sie.«

»Sind Sie von der Zeitung?«, erkundigte sich Dave.

»Ähm, gewissermaßen, ja. Mein Großvater ist Patrick Addison, der Herausgeber des Chronicle

»Ah, ja, von ihm habe ich schon gehört. Ihr Großvater ist ja so etwas wie eine Legende in dieser Stadt«, meinte Dave. »Sie sind also Journalistin?«

»Eigentlich nicht, ich helfe nur gelegentlich bei einer Story mit. Und was machen Sie?«

Ehe er antworten konnte, erklang eine Glocke. Am Mikrofon stand die Galeristin und neben ihr Kathryn O’Neill.

Während Sonia mit dem Mikrofon hantierte, musterte Ellie die alte Dame, die elegant gekleidet war und völlig gelassen wirkte. Schließlich trat Sonia vor, tippte gegen das Mikro und bat um Aufmerksamkeit.

»Guten Abend. Ich danke Ihnen allen, dass Sie gekommen sind. Dies ist ein ganz besonderer Abend für die Galerie, weil uns zwei außergewöhnliche Frauen die Ehre erweisen, Kathryn O’Neill und Heather Lachlan, eine lokale Künstlerin und Preisträgerin der Victorian Art Society. Außerdem möchten wir unseren großzügigen Sponsoren danken, die alle namentlich im Katalog aufgelistet sind, insbesondere der VicWide Community Bank und ihrem Filialleiter Dave Ferguson. Vielen Dank auch an unsere Mitarbeiter und die Freiwilligen, die sich unendlich viel Mühe gemacht haben. Doch jetzt will ich Sie nicht länger hinhalten und gebe an unsere Wohltäterin und Freundin Kathryn O’Neill weiter, die uns die Ehre erweist, die Ausstellung zu eröffnen.«

Stille senkte sich auf den Raum herab, als der Blick der alten Dame über die Gästeschar schweifte.

Ellie war wirklich neugierig, wie sich die Familienpatriarchin der O’Neills in einem öffentlichen Forum wie diesem präsentieren würde. Bei ihren Nachforschungen hatte sie festgestellt, dass Kathryn wegen ihrer zahlreichen Sponsorentätigkeiten in den letzten Jahren oft im Rampenlicht gestanden hatte. Umso mehr wunderte es sie, dass man so wenig über diese Frau wusste. Was allerdings für die ganze Familie O’Neill galt. Möglicherweise ergab sich das einfach, wenn eine Familie in den gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und lokalpolitischen Belangen einer Stadt das Sagen hatte. Und all das verdankten sie ihrem Geld, mit dem sie sich Einfluss und Macht erkaufen konnten.

Ellie hatte gedacht, diese Zeiten seien vorbei, doch Patrick hatte entgegnet: »Unterschätze nie den alten Geldadel. Die Zügel der Macht werden nicht leichtfertig aus der Hand gegeben. Nur die Methoden ändern sich. Und die Politiker sind nicht immer die Hüter der Moral, wie wir es gern hätten. Neue Medien, Geld, Spindoktoren, liebedienerische Untergebene und Ehrgeizlinge tragen viel zu oft dazu bei, unsere Gesellschaft zu spalten.«

»Das klingt ziemlich hart, Opa«, hatte Ellie damals erwidert. »Es gibt da draußen viele gute Leute, junge Menschen, die aufstehen und für Veränderung kämpfen, aus dem Bewusstsein heraus, dass wir handeln müssen, bevor es zu spät ist.«

Als sie sich an die Worte ihres Großvaters erinnerte, fragte sich Ellie, ob diese stolze und privilegierte Frau da vorne auch nur die leiseste Ahnung davon hatte, wie diese neue Generation tickte. Ellie bezweifelte, dass die jüngeren Angehörigen der O’Neill-Familie je das Bedürfnis empfanden, für ihre Überzeugungen auf die Straße zu gehen.

Alle verstummten erwartungsvoll. Doch Kathryn O’Neill war keine zurückhaltende alte Dame, die sich mit Gemeinplätzen begnügte. Ihre Körpersprache kündete von Selbstsicherheit, als sie Sonia ihren Gehstock reichte, die Schultern straffte und mit beiden Händen das Rednerpult umfasste. Eigentlich hätte Ellie erwartet, dass sie nach ihrer an einer goldenen Halskette baumelnden Brille greifen würde, um die Rede, die zweifellos von Susan vorbereitet worden war, vom Blatt abzulesen. Aber Kathryn O’Neill tat nichts dergleichen. Sie blickte über die Menge hinweg und richtete ihre Ansprache an die weiter hinten Stehenden – unter denen auch Heather Lachlan war, wie Ellie feststellte.

Kathryn lächelte leise. »Heute Abend ist es uns vergönnt, prächtige Blumen um uns herum zu haben, die Freude in unser Leben bringen und von einer Frau, die nicht nur eine begnadete Künstlerin, sondern auch eine kluge und liebe Freundin ist, hier so vortrefflich ins Bild gesetzt worden sind.

Wie Blumen können auch Freundschaften vergehen und verkümmern oder im immergrünen Garten der Erinnerung fortbestehen. Wie Blumen müssen Freundschaften gehegt und gepflegt werden, damit sie bei Sonne und Regen, Dürren und Überschwemmungen gedeihen und Vernachlässigung und Gedankenlosigkeit überstehen. Und Heather ist mir seit mehr als fünfzig Jahren eine echte Freundin.«

Unter den Zuhörern gab es verhaltenes Gemurmel. Dass sich die beiden Frauen schon so lange nahestanden, war den meisten offenbar neu.

»Selbst wenn Freunde verschiedene Wege gehen, tragen sie den Samen ihrer Freundschaft in sich, sie wissen, dass sie ihn neu pflanzen können, wo immer sie auch sein mögen. Wenn ein Ereignis bevorsteht, das einem die eigene Vergänglichkeit bewusst macht, sollte man die Fühler nach Freunden ausstrecken, und zwar nicht nur nach den langjährigen Freunden, sondern auch nach neuen. Ich möchte Sie ermuntern, die Geschichten und Anekdoten Ihres Lebens mit Ihren Freunden zu teilen, den alten wie den neuen. Heutzutage kommt es mir vor, als würden wir ein Leben auf Distanz führen, nur noch über technische Hilfsmittel kommunizieren und keine körperliche Nähe mehr erfahren.

Auf ihren Gemälden hat Heather die Blumen nicht nur botanisch korrekt dargestellt, sie macht auch deutlich, welche Bedeutung jede Blume für sie hat. Man kann, so wie auch bei anderen Menschen, zwar das äußere Erscheinungsbild beurteilen, doch man muss tiefer blicken. Fragen Sie sich, was Ihre Freunde Ihnen bedeuten, und warum. Was verrät Ihnen die Geschichte eines Menschen, sein Werdegang, über ihn?«

Ellie schien es, als würde sich Kathryns Blick, der während ihrer Rede immer durch den Raum geschweift war, bei diesen Worten auf Heather richten.

»Ich hoffe wirklich, dass eine dieser einzigartigen Blumen bei Ihnen zu Hause einen Ehrenplatz findet, und Sie sollten auch wissen, dass die heute Abend erzielten Einnahmen der Galerie zugutekommen. Ich danke Ihnen vielmals.«

Lebhafter Applaus brandete auf.

Sonia reichte Mrs O’Neill ihren Gehstock und trat wieder nach vorn. Dann winkte sie der Künstlerin hinten im Raum zu und deutete dabei auf das Mikrofon, doch Heather Lachlan schüttelte schüchtern lächelnd den Kopf. Offenbar wollte sie selbst nicht das Wort ergreifen.

»Bevor wir den offiziellen Teil des Abends beenden«, sagte Sonia, »möchte ich nochmals Heather Lachlan für ihre beeindruckenden Werke danken, und auch Mrs O’Neill für ihre wunderbaren Worte und dafür, dass sie diese Veranstaltung möglich gemacht hat. Ich wünsche Ihnen nun viel Vergnügen bei unserer Ausstellung.«

Auf dieses Stichwort hin tauchten Kellner auf, die Sekt und Orangensaft anboten.

»Eine schöne Ansprache«, befand Ellie und ergriff das Sektglas, das Dave ihr reichte. »Sie sind also der Filialleiter der Lokalbank, nicht wahr?«

»So ist es. Sie sind noch keine Kundin bei uns? Sollten Sie werden«, meinte er grinsend. »Auch wenn Sie nicht von hier sind. Woher kommen Sie?«

»Ich wohne eigentlich in Melbourne. Aber mein Großvater hat Ihre Bank erwähnt. Eine kommunale Gemeinwohlbank, von den Menschen vor Ort und für sie. Richtig?«

»Im Großen und Ganzen, ja. Wollen wir uns mal umsehen? Einige von diesen Bildern finde ich wirklich großartig.«

Während sie die Gemälde in Augenschein nahmen, unterhielten sie sich weiter. Ellie erzählte Dave ein bisschen von sich und fragte dann: »Was haben Sie gemacht, bevor Sie nach Storm Harbour gekommen sind?«

»Ich habe früher eine Zeit lang bei einer anderen Bank in Melbourne gearbeitet, aber derzeit tingele ich sozusagen ein bisschen durch den Bundesstaat, gehe immer dorthin, wohin mich meine jetzige Bank schickt.« Er deutete auf ein Bild. »Das ist echt klasse. Ich hätte gute Lust, es zu kaufen und in der Bank aufzuhängen.«

Ellie beugte sich vor, um das Gemälde genauer zu betrachten. »Großartig. Die Künstlerin hat wirklich die Kraft und sogar den Charakter jeder Blume zum Ausdruck gebracht.«

Als es in der Galerie allmählich leerer wurde, sah Ellie Patrick auf sich zukommen. »Mein Großvater sieht aus, als sehnte er sich nach seinem Lieblingssessel und einem Gläschen Whisky. Ich gehe dann besser. War schön, Sie kennenzulernen, Dave.«

»Einen Whisky könnte ich jetzt auch vertragen«, meinte er. »Hey, hätten Sie Lust, dass wir mal was zusammen trinken gehen?«

Verwundert blinzelte Ellie. Wollte er mit ihr ausgehen? Ihr letztes Date war so lange her, dass sie sich gar nicht mehr daran erinnerte. Bevor sie groß darüber nachdenken konnte, sagte sie rasch: »Klar, das wäre nett.« Sie tauschten ihre Handynummern aus. »Also, bis dann, Dave. Wir sehen uns.«

Sie winkte ihm kurz zu, während sie sich bei ihrem Großvater unterhakte, und warf noch einen Blick zu ihm zurück.

Dave stand noch immer da und schaute ihr mit einem breiten Lächeln nach.

 

Am nächsten Morgen legte Ellie die Zeitung neben ihr Frühstücksei und den Toast und schaltete das Radio ein.

»Mal hören, was es Neues in den Lokalnachrichten gibt«, sagte sie zu Patrick, während sie seinen Toast mit Feigenmarmelade bestrich.

Beide verstummten und hoben den Kopf, als sie Sallys vertraute Stimme vernahmen.

»Laut einer anonymen Quelle aus dem Rathaus von Storm Harbour wird im Stadtrat eine Grundstücksumwidmung erwogen. Sie betrifft die Bebauung eines Teils oder der gesamten Fläche des Botanischen Gartens und des angrenzenden Campingplatzes, einem bei Besuchern, Campern und einer kleinen Gemeinschaft von Dauergästen sehr beliebten Gebiet, sowie weiterer zentrumsnaher Grundstücke in erstklassiger Lage.

Auf Anfrage teilte uns eine Sprecherin der Familie O’Neill mit, dass die Familie – Zitat – ›keine Kenntnis von einem solchen Vorhaben hat und dies auch nicht kommentieren will‹ – Zitat Ende.

Bürgermeisterin Meredith Havelock erklärte dazu, nach ihrem Kenntnisstand liege der Gemeinde derzeit kein offizieller Antrag auf eine solche Umwidmung vor.

Andrew Hayden, ein pensionierter Gartenbauer und Landschaftsarchitekt aus Melbourne, dessen Vater für die Gestaltung und Bepflanzung des Botanischen Gartens zu Ehren von Kathryn O’Neill zuständig war, sagte, seiner Meinung nach könne sich die Stadt glücklich schätzen, den Park in dieser einzigartigen Lage zu haben.

Steven und Cassandra Northcotte, die derzeitigen Betreiber des Campingplatzes am Botanischen Garten, erklärten, sie wüssten nichts von solchen Plänen.

Sollte es tatsächlich Pläne zur Bebauung des Areals geben, wird dies zweifellos ein Thema bei der nächsten Stadtratssitzung werden. Sally Gordon vom Storm Community Radio.«

»Heiliger Strohsack! Da wird sich so mancher an seinem Frühstück verschlucken!«, meinte Patrick.

»Sally ist uns also zuvorgekommen! Ich frage mich, wer vom Stadtrat diese Infos durchgestochen hat. Und warum er oder sie nicht zuerst zu uns gekommen ist«, meinte Ellie.

»Na ja, Sally hängt ständig im Rathaus herum und ist auf der Jagd nach Storys. Jon und ich haben schon vor einer Weile beschlossen, dass wir nur noch zu den Stadtratssitzungen gehen, wenn wir denken, dass über etwas wirklich Berichtenswertes diskutiert wird. Sonst vertrödelt man oft nur Stunden seiner Lebenszeit«, sagte Patrick.

In diesem Moment klingelte sein Telefon. »Aha, es geht los. Falls jemand fragt, sagen wir nur, dass wir die Sache nicht kommentieren wollen, aber Nachforschungen anstellen werden.«

»Alles klar.«

Während Patrick Anrufe beantwortete und mit einigen seiner Kontaktleute vom Stadtrat sprach, ging Ellie in das sonnige Zimmer im hinteren Teil des Hauses, das sie als Büro nutzte. Früher war dies das kleine Reich ihrer Großmutter gewesen, in dem sie nähte, las und sich entspannte.

Einen Moment lang schweifte ihr Blick durch das Zimmerchen, das von der Morgensonne erhellt wurde: über das Sofa mit dem leicht verblichenen Chintzbezug, den antiken Tisch und den hochlehnigen Stuhl, dessen Polster mit bunten Blumen und den Initialen ihrer Großmutter bestickt war. Die gerahmten Fotos wie auch einige Bücher und Zeitschriften und eine unvollendete Stickarbeit lagen noch dort, wo ihre Großmutter sie zurückgelassen hatte. Immerhin sorgte Patrick aber für »fröhliche Blumen«, wie er es nannte, die er in die Lieblingsvase ihrer Großmutter stellte.

Das Haus verfügte über mehr Räume, als Patrick brauchte, aber er weigerte sich, in etwas Kleineres umzuziehen. Sandy und Ellie hatten es schon lange aufgegeben, ihn dazu zu drängen. Jetzt empfand Ellie es als angenehm und charmant, so viel Platz zu haben, wo sie für sich sein konnte. Ein eigenes Zimmer zum Arbeiten war himmlisch. Wieder einmal dachte sie daran, dass sie sich in ihrem kleinen Apartment in Fitzroy ziemlich eingeengt fühlen würde, nachdem sie eine Weile hier gewohnt hatte.

Sie klappte den Laptop auf dem Tisch auf und navigierte zur Facebook-Seite der Zeitung. Als sie die Kommentare überflog, stellte sie erfreut fest, dass alle von ihr geposteten Beiträge Diskussionen mit unterschiedlichen Sichtweisen angestoßen hatten. Doch dann erstarrte sie, als ihr folgende Worte entgegensprangen:

»Was bildet sich diese Bürgermeister-Tussi eigentlich ein? Wir lassen uns doch nicht von so einer Schlampe mit schmutziger Vergangenheit vorschreiben, was wir zu tun und zu lassen haben. Wir wissen genau, was sie getrieben hat, und sie wird kriegen, was sie verdient, wenn sie nicht die Klappe hält und aufhört rumzuschnüffeln.«

Trolle waren für Ellie nichts Neues, aber bevor sie die Facebook-Seite des Chronicle eingerichtet hatte, hatte sie noch nie so direkt damit zu tun gehabt. Bisher hatte es nur ein paar abfällige, wenngleich eher allgemeine Kommentare gegeben, und einige bezogen sich auch auf die Bürgermeisterin, ohne jedoch allzu persönlich zu werden. Bei diesem Post war das ganz anders. Dass er sich auf so vulgäre Weise gegen diese Frau richtete, die sie kannte und mochte, schmerzte sie.

Ellie löschte den Eintrag, nachdem sie vergeblich versucht hatte, etwas über das Profil des Urhebers zu erfahren. Sie brauchte mehr Zeit, um herauszufinden, wie sie an die Identitäten hinter den Fake-Namen herankommen konnte.

Wenn sich die Leute hinter ihren Social-Media-Decknamen verstecken können, lassen sie alle Hemmungen fallen, dachte Ellie, als sie aufstand und aus dem Fenster schaute. Patrick wirkte so zufrieden, wie er in seinem Gemüsegarten werkelte. Doch Ellie war klar, dass sie mit ihm über diesen Kommentar sprechen musste, auch wenn es ihn aufregen würde.

»Opa«, rief sie, als sie zu ihm ging, »was weißt du über Meredith Havelock? Ich meine, bevor sie hierhergezogen ist? Hat sie so etwas wie, äh, eine schillernde Vergangenheit?«

Patrick richtete sich auf und schob seinen Hut in den Nacken. »Was meinst du damit? Mir ist nichts dergleichen bekannt. Sie und Jim haben sich hier niedergelassen, nachdem er vorzeitig in Rente gegangen ist. Aus gesundheitlichen Gründen oder so. Warum fragst du?«

»Wo haben sie vorher gewohnt?«

»In Melbourne, glaube ich.« Er drehte das Wasser für den Gartenschlauch ab. »Stimmt was nicht, Ellie?«

Sie atmete tief durch. »Jemand versucht, auf der Facebook-Seite des Chronicle die Bürgermeisterin in Verruf zu bringen. Ein Troll macht Andeutungen über ihre angeblich ziemlich üble Vergangenheit, er fragt sich, wie sie sich anmaßen kann, Entscheidungen für die Stadt zu treffen, und so weiter. Es war alles andere als freundlich. Ich habe den Post gelöscht.«

»Herrgott, sie ist die Bürgermeisterin!«, empörte sich Patrick. »Es gehört zu ihrer Aufgabe, Entscheidungen für die Stadt zu treffen! Warum sollte sie jemand diffamieren? Und weshalb? Was sind das für Typen?«

»Keine Ahnung. Wahrscheinlich nur irgendein Frauenhasser, der es nicht ertragen kann, wenn Frauen Machtpositionen innehaben. Willkommen in der wunderbaren Welt der Social Media, Opa. Das ist nun mal eines der Risiken, die man eingehen muss, wenn man ein öffentliches Profil hat.«

»Sag Meredith nichts davon. Ich kann nur hoffen, dass sie es nicht selbst schon gesehen hat. Na, jedenfalls sollten wir unter diesen Umständen lieber die Finger von diesem Social-Media-Kram lassen.«

»Es gibt aber auch viele positive Kommentare, Fragen und Likes«, beeilte sich Ellie zu erklären. »Und mit der Website und der Facebook-Seite wollen wir ja Interesse generieren, das bisher noch nicht vorhanden war.«

»Woher willst du wissen, dass es nicht vorher schon vorhanden war?«, entgegnete Patrick. »Jeder findet die Zeitung gut, sonst würde sie ja nicht gekauft werden.«

»Ist das wirklich so, Opa? Schauen wir uns doch mal die Zahlen an. Wie ist das Verhältnis der erwachsenen Einwohner der Stadt zur Auflagenhöhe des Chronicle?«

»So was lässt sich nicht so einfach in Zahlen ausdrücken. Die Zeitung wird weitergegeben und von mehr Menschen gelesen als nur denen, die sie kaufen. Zum Beispiel in Wartezimmern, Cafés und so«, meinte er verdrießlich.

»Das stimmt. Und wir sind darauf angewiesen, dass unsere Kunden sie weiterhin kaufen. Außerdem gibt es wahrscheinlich Leute, denen der Chronicle nicht gefällt, die dir das aber nicht ins Gesicht sagen würden.«

»Die Leute belabern mich ständig mit allem Möglichen! Aber keiner wäre so dreist, mir solche Lügen über die Bürgermeisterin aufzutischen. Das muss irgendein Spinner sein, der einen Groll gegen sie hegt«, grummelte Patrick.

»Von solchen Spinnern gibt es eine ganze Menge. Ich denke, wir müssen damit rechnen, dass sie auch uns ins Visier nehmen. Manche Leute werden für die Zeitung Partei ergreifen, andere gegen sie, auch wenn du dich noch so sehr um Unvoreingenommenheit bemühst«, sagte Ellie. »Habt ihr denn viele Leser außerhalb von Storm Harbour?«

»O ja, du würdest staunen. Neben dem Zeitungsladen und den anderen Geschäften in der Stadt gibt es ein Heer von Kurierfahrern, das ich aufgebaut habe – Rentnerehepaare, die das Blatt im ganzen Landkreis ausliefern.«

»Wirklich?« Ellie verschränkte die Arme und lehnte sich an einen der alten Bäume. »Ist das nicht zu teuer?«

»Nein, überhaupt nicht«, grinste Patrick. »Das sind Menschen wie ich, die wollen, dass die Wahrheit verbreitet wird. Und weil sie größtenteils in Rente sind und Zeit haben, machen sie das unentgeltlich und bekommen von uns nur Benzingeld. Angefangen hat es mit einem Paar, das mit dieser Idee zu mir kam, und dann zog es immer weitere Kreise.«

»Opa, du verblüffst mich stets aufs Neue«, lachte Ellie.

»Das ist nicht mein Verdienst, Schätzchen. Maggie koordiniert das alles. Ich wüsste nicht, was wir ohne sie täten«, meinte er.

»Okay«, sagte Ellie und klopfte gegen den Stamm des mächtigen Baums, »ich gehe ins Büro, um an der Website zu arbeiten, und danach bin ich mit Dave zum Lunch verabredet.«

»Schön«, meinte Patrick erfreut. »Wir könnten einen Banker in der Familie gut gebrauchen.«

»Opa! Wir treffen uns doch nur zum Lunch! Meine Güte.«

 

In seiner Textnachricht, mit der er Ellie zum Essen einlud, hatte Dave vorgeschlagen, sich an einem ehemaligen Warenhaus zu treffen. Im oberen Stockwerk des aufwendig modernisierten Gebäudes aus den 1930er-Jahren waren jetzt Büros untergebracht, und unten befand sich eine offene Markthalle im asiatischen Stil mit zahlreichen Imbissständen und kleinen Restaurants.

»Ich hatte keine Ahnung, wie multikulturell diese Stadt ist!« Ellie begutachtete das vielfältige Speisenangebot ringsum.

»Da mein Büro ganz in der Nähe ist, habe ich die meisten der Lokale schon ausprobiert, und sie sind alle toll«, sagte Dave. »Das Ganze geht auf die clevere Idee eines Mannes zurück, der öfter seinen Urlaub in dieser Gegend verbringt und Chinatown in Melbourne vermisst hat. Dann hat er das hier aufgezogen und eine Reihe von Köchen engagiert, um das Personal anzulernen, das größtenteils aus Einheimischen besteht.«

»Brillant. Ich frage mich, ob die Zeitung nicht ein paar Artikel darüber machen könnte«, meinte Ellie, wobei ihr auffiel, dass sie schon wie ihr Großvater klang. »Ich glaube, ich habe noch nie burmesisch gegessen. Probieren wir doch das.«

Sie gingen zu einem Tisch, und kaum hatten sie sich gesetzt, brachte ihnen ein Kellner auch schon die Speisekarten.

»Das klingt alles lecker. Ach, sieh mal – da steht, die Zutaten sind vorzugsweise aus regionaler Produktion«, sagte Ellie.

»Ich glaube, das gilt für die meisten Stände hier. So mancher, der hier arbeitet, betreibt nebenher Obst- und Gemüseanbau oder züchtet Geflügel, Fische, Lowline-Rinder oder Ziegen. Mittlerweile sind wir wohl eine echte Konkurrenz für Tasmanien.«

»Wir?«, fragte Ellie. »Betreibst du auch Landwirtschaft?«

Dave gluckste. »Um Himmels willen, nein! Die Finanzierung des Projekts lief über unsere Bank, daher weiß ich das eine oder andere darüber. Wir unterstützen die Unternehmen in der Stadt, und es sind auch einige lokale Investoren maßgeblich beteiligt.« Dabei hob er die Hand und nickte jemandem hinter Ellie zu. »Hier haben wir einen von den wichtigen Leuten, die das Haus übernommen haben.«

Ellie hörte, wie jemand zu ihnen an den Tisch kam, und drehte sich halb nach ihm um.

»Schauen Sie nach Ihrer Investition?«, fragte Dave fröhlich.

»Ist mehr ein Hobby«, lautete die Antwort, und Ellie lief es eiskalt über den Rücken. Sie senkte den Blick und verbarg das Gesicht hinter der Speisekarte, die sie vorgeblich studierte.

Dave stand auf, und die beiden Männer schüttelten sich die Hand. »Ellie, darf ich dir einen der Finanziers dieses Unternehmens vorstellen?«, sagte er.

Flüchtig sah sie zu Ronan O’Neill auf, der ihr mit einem kühlen Lächeln die Hand entgegenstreckte. »Freut mich.«

»Haben Sie Zeit, mit uns zu essen?«, fragte Dave ihn, worauf Ellie erstarrte.

»Entschuldigung.« Sie sprang auf. »Ich muss mal wohin.«

Hastig durchquerte sie den großen Raum, ohne jedoch zu wissen, wo die Toiletten waren, bis ihr eine junge Kellnerin den Weg wies.

Ellie flüchtete sich in eine WC-Kabine und stemmte sich gegen die Tür. Übelkeit überkam sie. Schließlich rief sie sich in Erinnerung, was ihre Mutter ihr gesagt hatte. Sie fing an zu zählen und tief und langsam zu atmen.

Sie konnte hier und jetzt doch nicht schon wieder eine Panikattacke haben. Ihre Atemzüge wurden etwas gleichmäßiger, aber dann brach sie unversehens in Tränen aus. Schmerzliche Schluchzer entrangen sich ihrer Brust, während sie den Kopf zwischen den Armen vergrub.

Allmählich kam Ellie wieder zur Besinnung, sie atmete tief durch, einmal, zweimal, dann ging sie zu den Waschbecken und wusch sich Gesicht und Hände, immer und immer wieder. Vor ihrem geistigen Auge tauchten bruchstückhafte Erinnerungen auf: eine schmale Liege … alles drehte sich um sie … eine Hand auf ihrem Mund … eine andere Hand, die zu ihrer Taille hinunterkroch …

Ellie sah auf und betrachtete ihr Spiegelbild. Es schien zu zittern wie eine Wasseroberfläche, die plötzlich durchbrochen wurde, und in den sich kräuselnden Wellen blickte ihr das tränenüberströmte Gesicht eines jungen Mädchens entgegen.

Da betrat eine Frau den Toilettenraum. Ellie wandte sich mit gesenktem Kopf ab und trocknete sich die Hände. Ihre Knie zitterten noch, als sie langsam hinausging.

Am anderen Ende des Raums sah sie, wie Ronan O’Neill auf ihrem Stuhl saß und mit Dave redete.

Als eine Kellnerin vorbeikam, hielt Ellie sie auf.

»Entschuldigen Sie, dürfte ich Sie um einen Gefallen bitten?«

»Ist alles in Ordnung mit Ihnen?« Die junge Frau mit dem Tablett in der Hand musterte Ellie besorgt.

»Nein, nicht wirklich. Sehen Sie die beiden Männer dort drüben an dem burmesischen Stand? Könnten Sie dem blonden Mann bitte ausrichten …«

»Sie meinen Mr Ferguson?«

»Ja, sagen Sie ihm bitte, ich musste gehen, weil ich eine schreckliche Migräne habe. Ich muss nach Hause.«

»Natürlich, aber können Sie denn Auto fahren? Soll ich Ihnen ein Taxi rufen oder …«

»Nein, nein, das ist schon okay, wirklich. Ich habe ein Medikament im Auto, das muss ich nur einnehmen.«

Tatsächlich wollte Ellie nur noch hier raus und weg. Verdammt, dachte sie, ich war mir so sicher, dass ich das hinter mir hätte!

Warum war sie überhaupt an diesem Ort geblieben? Was für eine dumme Idee – als sie erfahren hatte, dass Ronan wieder in Storm Harbour wohnte, hätte sie sofort nach Fitzroy zurückkehren sollen. Ellie schüttelte sich. Nein. Sie war kein kleines Mädchen, das seinen Großvater besuchte, um sich hier von ihm verwöhnen zu lassen. Vielmehr sollte sie sich um Patrick kümmern.

Sie riss die Wagentür auf und ließ sich auf den Fahrersitz plumpsen, als ihr Handy klingelte.

»Ellie? Ist alles in Ordnung? Wo bist du?«

»Dave, es tut mir so leid. Ich habe einen Migräneanfall, dann muss ich mich übergeben und fühle mich hundeelend. Ich habe einfach frische Luft gebraucht. Es wird schon wieder. Entschuldige bitte …«

»Du musst dich nicht entschuldigen. Aber ich mache mir Sorgen um dich. Lass mich dich nach Hause fahren.«

»Ich bin schon im Auto. Diese Attacken kenne ich. Es ist okay, ich weiß, wie ich damit umgehen muss. Tut mir wirklich leid.«

»Bist du dir sicher? … Sie ist im Auto … Migräneattacke …«, erklärte er Ronan O’Neill. »Ellie, ruf mich bitte gleich an, nachdem du zu Hause angekommen bist, damit ich weiß, dass alles in Ordnung ist. Mir wäre es wirklich lieber, ich würde dich fahren.«

»Ist schon gut, ehrlich. Und besser so, als dass ich mich in eurer Gegenwart übergebe. Ich rufe dich morgen an.« Sie beendete das Gespräch, schnallte sich rasch an und fuhr von dem Parkplatz hinter dem alten Warenhaus los. Doch als sie den Wagen die sonnige Straße entlangsteuerte, fühlte sie sich wie erschlagen, und eine unsägliche Traurigkeit überkam sie.

Dass sie unter so widrigen Umständen ihren Job gekündigt hatte, war eigentlich schon Belastung genug. Danach war sie in eine Abwärtsspirale geraten, aber sie hatte das Gefühl gehabt, jetzt langsam aus dem Tief herauszukommen und ihrem Leben wieder einen Inhalt zu geben. Wie hatte sie sich nur so irren können?

Während sie durch die Stadt fuhr, die sie so liebte, überlegte Ellie zum ersten Mal, warum sie wirklich hergekommen war. Oberflächlich betrachtet hatte es natürlich mit den unmittelbaren Problemen in ihrem Leben zu tun, und das war nicht falsch. Doch im tiefsten Innern wusste sie, dass mehr dahintersteckte, und sie wollte jetzt nicht mehr die Augen davor verschließen, wie sie es früher immer getan hatte. Ein wenig beklommen gab sie diesem Gedanken Raum. War es an der Zeit, endlich den Dämonen ins Auge zu sehen, die sie seit beinahe zwanzig Jahren heimsuchten?

Ellie erinnerte sich vage daran, wie ihre Mutter einmal gesagt hatte, dass eine schwere Depression oft mit einer scheinbaren Fröhlichkeit kaschiert wurde, hinter der die Qualen verborgen blieben. War das bei ihr auch so, womöglich schon seit Jahren?

Mit ihrer Mutter hatte Ellie schon immer ganz offen über alles reden können, denn »einer Psychiaterin ist nichts fremd«, wie Sandy zu sagen pflegte. Doch jetzt, da sie sie vielleicht am dringendsten gebraucht hätte, wollte sie ihre Mutter nicht in Unruhe oder Sorge versetzen. Mütter waren stets darauf bedacht, Dinge in Ordnung zu bringen und alles wieder hinzubiegen. Und manchmal funktionierte das eben nicht. Sie musste sich jetzt selbst helfen.

Allerdings war ihr klar, dass zur Selbsthilfe auch gehörte, sich einzugestehen, dass man nicht alles allein schaffen konnte, auch wenn man sich noch so sehr um Stärke und Unabhängigkeit bemühte. Jetzt war es an der Zeit, sich jemandem anzuvertrauen.

Ihr kam Julie in den Sinn – ihre beste Freundin, die jedes Geheimnis mit ihr teilte, auch wenn das Ellie manchmal gar nicht so recht war. Sie hatten eine Menge zusammen durchgemacht, konnten auf viel gemeinsam Erlebtes zurückblicken. Ellie wusste, wenn Julie an ihrer Stelle gewesen wäre, hätte sie ihr am Telefon ihr Herz ausgeschüttet und erwartet, dass Ellie als Trösterin zu ihr eilte.

Aber das kam für Ellie nicht infrage. Sosehr sie ihre Freundin mochte, konnte sie doch nicht übersehen, dass Julie im Grunde ein ziemlich ichbezogener Mensch war – alles drehte sich immer nur um sie –, und Ellie hatte sie schon des Öfteren damit aufgezogen. Egal worum es sich handelte, stets wusste Julie genau Bescheid, hatte es selbst schon durchgemacht und wusste haargenau, was zu tun war. Ellie hatte ihre Ratschläge immer mit einem Lächeln und einem Nicken oder einem Kopfschütteln zur Kenntnis genommen, aber sie wusste auch, dass Julie kaum etwas wirklich ernst nahm. Ihr Rat würde ihr diesmal nichts nützen. Nein, sie würde Julie nicht anrufen.

Dann vielleicht Charlie? Er war aus Ellies Leben verschwunden, und einfühlsame und tiefgründige Gespräche hatten sie nie miteinander geführt, nicht einmal während ihrer Ehe.

Mike würde zuhören und wahrscheinlich auch das Richtige sagen, doch aus irgendeinem Grund widerstrebte es ihr, ihm zu sagen, dass sie nicht klarkam. Sie hätte das Gefühl gehabt, ihn zu enttäuschen. Er war so stolz darauf gewesen, dass sie sich anstrengte, im Leben wieder Tritt zu fassen, und freute sich für sie, weil sie ihre Kompetenzen nutzte, um die Zeitung auf einen zeitgemäßen Stand zu bringen. Mike war eine Option, aber nicht die allererste.

Ellie bremste und fuhr an den Straßenrand.

Sie war ohnehin nicht schnell gefahren; auf den Straßen herrschte wenig Verkehr. An der Ecke vor ihr ragte das imposante Rathaus auf. War es Absicht, dass es so einschüchternd wirkte?

Plötzlich wusste sie, mit wem sie sprechen konnte. Klar, sie sollte besser vorher anrufen, doch sie fürchtete, auf später vertröstet zu werden, und dann würde sie ihr Mut verlassen.

Ellie stieg aus und ging zum Empfangstresen, wo sie ihren Namen nannte und um einen Termin bei der Bürgermeisterin bat, und zwar möglichst sofort.

Die Dame am Empfang stutzte angesichts von Ellies direkter Art, dann entschuldigte sie sich. Ein paar Minuten später kehrte sie zurück, begleitet von Meredith Havelock.

»Ellie, das ist ja eine Überraschung. Ist alles in Ordnung?« Sie legte die Stirn in Falten, als sie Ellies angespannte Miene bemerkte.

»Hallo, Meredith, ich wollte dich fragen, ob du ein bisschen Zeit für mich hättest. Vielleicht jetzt gleich, wenn’s geht? Vielleicht bei einem Kaffee … irgendwo, wo wir ungestört sind?«

Meredith musterte sie einen Augenblick. »Ja, natürlich. Komm mit«, sagte sie, und an die Rezeptionistin gewandt: »Stellen Sie bitte keine Anrufe durch.«

Sie geleitete Ellie in ihr Büro und schloss die Tür. »Was ist denn los? Geht es Patrick gut?«

»Ja, ja, ihm fehlt nichts. Entschuldige, aber ich muss unbedingt mit jemandem sprechen. Nicht mit irgendjemandem, sondern … na ja …« Ellie ließ sich in den Sessel sinken, den Meredith ihr anbot, und war zu erschöpft für lange Vorreden. »Meine Nerven liegen gerade ein bisschen blank. Ich musste mich heute schon mit zwei unangenehmen Problemen herumschlagen.«

Meredith deutete zu dem Tisch in der Ecke. »Möchtest du was trinken? Ich kann dir schlechten Kaffee oder kaltes Wasser anbieten.«

»Gern Wasser. Danke.«

Nachdem Meredith Ellie Wasser hingestellt hatte, setzte sie sich mit einer Tasse Kaffee ihr gegenüber und sah sie forschend an. »Gut. Gehen wir es der Reihe nach an. Problem Nummer eins …?«

»Betrifft dich.« Ellie fasste Meredith fest ins Auge. Die ältere Frau schien nicht sonderlich überrascht zu sein, sie hob nur eine Augenbraue.

»Aha?«

»Es tut mir leid, dir das sagen zu müssen, aber irgendwo da draußen gibt es einen Troll, der es auf dich abgesehen hat. Ich kenne die Hintergründe nicht, aber jemand hat etliche hässliche Kommentare auf der Facebook-Seite der Zeitung hinterlassen. Darin wird angedeutet, du hättest irgendwelche dunklen Geheimnisse, so eine Art schillernde Vergangenheit. Natürlich«, fügte Ellie hastig hinzu, »habe ich die Posts gleich heruntergenommen.«

Meredith nickte. »Danke. Da werden zweifellos noch mehr kommen. Wahrscheinlich ein Versuch, mich einzuschüchtern.«

»Aber du wirst dich doch nicht unterkriegen lassen, wenn du davon überzeugt bist, das Richtige zu tun, oder?«

»Nein, sicher nicht.«

»Hast du irgendeine Ahnung, wer es darauf anlegt, dir … na ja … Angst einzujagen?«

»Ich bin die Bürgermeisterin«, meinte Meredith achselzuckend. »Da bin ich im Lauf der Jahre eben auch mal ein bisschen angeeckt.« Nach kurzem Nachdenken fügte sie hinzu: »Natürlich wäre ich dir sehr verbunden, wenn du solche Sachen möglichst schnell entfernst, falls sie wieder auftauchen. Womit meiner Erfahrung nach allerdings zu rechnen ist. Sogar wenn man diese Trolle blockiert, sind sie recht geschickt darin, sich schnell eine neue Identität im Internet zuzulegen.«

Ellie nickte. »Selbstverständlich.« Sie hatte das Gefühl, dass noch mehr hinter Merediths Geschichte steckte – dass sie nicht nur ein bisschen »angeeckt« war –, doch ehe sie nachhaken konnte, wechselte Meredith das Thema.

»So, damit wären wir bei Problem Nummer zwei – bei dem es wohl um dich geht. Wie fühlst du dich?«

»Ich habe mich inzwischen wieder einigermaßen beruhigt.« Ellie versuchte zu lächeln, was ihr aber nicht recht gelang.

»Was ist denn vorhin passiert?«, fragte Meredith mit teilnahmsvoller Miene.

Ellie holte tief Luft. »Ursprünglich war ich mit Dave Ferguson zum Lunch verabredet, aber da ist plötzlich ein Bekannter von ihm aufgetaucht und hat ihn begrüßt. Und ich habe völlig die Fassung verloren, als ich gemerkt habe, wer das war. Wir hatten schon einmal miteinander zu tun … gewissermaßen. Auf einmal war ich komplett überfordert. Überwältigt. Ich hatte den Kerl schon seit vielen Jahren nicht mehr gesehen und auch nie mit irgendjemandem darüber gesprochen, was damals zwischen uns vorgefallen ist. Ich dachte, ich könnte ihn einfach aus meinem Gedächtnis streichen. Dabei geht es mir eigentlich so viel besser, seit ich wieder in Storm Harbour bin, ich helfe meinem Großvater mit der Zeitung und versuche, mein Leben wieder in den Griff zu kriegen. Es fällt mir echt schwer, mich wieder mit einer Welt zu konfrontieren, die mir so übel mitgespielt hat.«

»Ist das der Grund, warum du nicht mehr in Melbourne arbeitest?«, fragte Meredith leise. »Und stattdessen hier bei Patrick ein bisschen die Seele baumeln lässt, weil du dir dachtest, das wäre ein sicherer Zufluchtsort?«

»Ja. Allerdings ist es hier nicht in jeder Hinsicht sicher.«

»Vielleicht bist du ja hergekommen, weil du dich mit deiner Vergangenheit auseinandersetzen willst, auch wenn dir das nicht bewusst ist?«, sagte Meredith behutsam.

Verblüfft schaute Ellie auf, als sie ihre eigenen Gedanken aus Merediths Mund hörte. Meredith war eine kluge Frau. Wie gut, dass sie sich an sie gewandt hatte.

»Wahrscheinlich so etwas in dieser Art«, bestätigte Ellie. »Ich dachte, ich bin jetzt erwachsen genug, um mit dieser Sache aus der Vergangenheit abzuschließen und nach vorn zu schauen. Und dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Ich habe sie immer nur verdrängt und mich nie damit auseinandergesetzt. Mit meinem Großvater konnte ich nicht darüber reden, nicht mal mit meinen Eltern. Es hat mich komplett umgehauen. Ich bin zur Toilette und dann zur Tür raus. Danach habe ich Dave angerufen und gesagt, ich hätte Migräne.«

»Und der Auslöser war dieser Mann, der wieder in dein Leben getreten ist?«

»Ja. Auf einmal wurde mir alles zu viel.« Bei diesen letzten Worten brach Ellies Stimme, sie stieß einen tiefen Seufzer aus, der in ein Schluchzen überging.

»Ach, Ellie«, sagte Meredith. »Es tut mir leid, dass du solche Qualen durchmachen musst. Das Leben ist nicht immer einfach. Aber du bist viel stärker, als du glaubst.«

»Theoretisch weiß ich das ja«, schniefte Ellie. »Ich bin intelligent, gebildet und unabhängig. Aber wenn ich mein Leben so anschaue, denke ich mir, ich mache einen Schritt vorwärts und zwei zurück. Jedes Mal, wenn ich glaube, ich komme voran, zieht es mir den Boden unter den Füßen weg.«

Ellie spürte Merediths mitfühlenden Blick auf sich, doch dann stellte die ältere Frau ihren Kaffeebecher auf den kleinen Tisch und sagte mit entschlossener Miene: »Würde es dir etwas bringen, wenn ich dir ein bisschen von meinen eigenen Erfahrungen im Leben erzähle? Es könnte dir helfen, die Dinge ins rechte Licht zu rücken. Oder dir bewusst machen, dass du nicht allein bist. Und dir vielleicht auch zeigen, wo ich stehe.«

»Schon möglich«, murmelte Ellie. »Ich weiß nicht. Ich sollte wohl erwähnen, dass das, was mir zugestoßen ist, nichts mit der Arbeit zu tun hat. Ich war damals noch sehr jung …«

»Das habe ich mir schon gedacht. Weißt du, wir alle leben mit Dämonen ebenso wie mit Engeln. Und jeder hat irgendwelche Geheimnisse aus seiner Vergangenheit.«

Während Ellie die große, stämmige Frau musterte, wurde ihr klar, dass sie kaum etwas über Meredith wusste – abgesehen von dem, was Patrick über ihre Freundschaft erzählt hatte. Daraus konnte sie immerhin schließen, dass Meredith als Bürgermeisterin gute Arbeit leistete, aufrichtig, prinzipientreu und stark war und nicht so schnell klein beigab.

Zwar spürte Ellie immer noch den Schmerz und den Zorn in ihrer Brust, doch dieses rasende Gefühl, misshandelt worden zu sein, hatte nachgelassen. Also nickte sie und trank einen Schluck Wasser.

Meredith lehnte sich in ihrem Sessel zurück und begann in ruhigem und sachlichem Ton, ihre Geschichte zu erzählen …

 

Krachend fiel die Haustür hinter Meredith ins Schloss, worauf ihre Mutter kreischte: »He, du dumme Kuh, schlag meine Haustür nicht so zu!«

»Das ist auch mein Haus«, murmelte das Mädchen, als es die Gasse hinunterging. Allerdings, wer konnte schon sagen, wessen Haus es war? Seit zwei Wochen waren sie mit der Miete im Rückstand. Ihre Mutter hatte geschrien, Meredith solle gefälligst das Problem mit dem verdammten Vermieter klären.

»Ich kann ihn nicht ständig abwimmeln! Geh in den Pub, such den alten Bock und luchse ihm Geld ab, damit nicht alles für Hunde- und Pferdewetten, Alkohol und wahrscheinlich auch noch Nutten draufgeht … was eine elende Verschwendung wäre.« Mit einem boshaften Gelächter hatte sie ihre Tochter zur Tür geschoben. »Los, geh und knöpf ihn dir vor, Merry! Bring das Geld mit!«

»Mum, ich will nicht in den Pub. Ich darf da gar nicht rein. Mit meinen fünfzehn Jahren bin ich dafür doch zu jung.«

»So furchtbar jung siehst du gar nicht aus. Zeig ein bisschen deine Titten, dann gehst du als Zwanzigjährige durch, aber locker! Sag dem Kerl, du brauchst das Geld für die Miete, sonst fliegen wir hochkant raus.«

»Warum gehst du nicht selbst hin und sagst es ihm?« Meredith verkniff es sich anzumerken, dass ihre Mutter diejenige war, die bekanntermaßen gerne ihre »Titten« einsetzte, um zu kriegen, was sie wollte. Das hatte Meredith selbst beobachtet, wie auch zu viele andere Dinge, von denen sie lieber nichts gewusst hätte.

Mit der Spitze ihres braunen Schuluniformschuhs kickte sie ein Steinchen weg, während sie die Gasse entlangtrottete, die zur Hauptstraße führte.

Durch die dünnen Wände der Reihen- und Doppelhäuser in diesem Viertel von Inner Sydney dröhnten Radios und Fernseher. Privatsphäre gab es kaum in den dicht an dicht aneinandergebauten Arbeiterhäuschen im Schatten der berühmten Harbour Bridge.

Als sich Meredith dem Pub an der Ecke näherte, nahm sie den säuerlichen Pilsgeruch aus den Bierfässern wahr. Auch Musik drang nach draußen, wurde jedoch von der Übertragung eines Pferderennens und den Rufen der Männer übertönt, die wie gebannt auf die grießigen Bilder des an der Wand hängenden Fernsehgeräts starrten.

Meredith drückte die Milchglastür der Kneipe auf und hielt Ausschau nach ihrem Vater.

»Wen suchst du denn, Herzchen?« Ein Mann mit einem kurzärmeligen, halb aufgeknöpften Hemd, unter dem sein fleckiges Unterhemd zum Vorschein kam, blickte sie aus seinen geröteten Augen anzüglich an.

»Meinen Vater. Fred. Ist schon okay.« Den Kopf gesenkt, versuchte sie, sich möglichst klein zu machen, während sie zu dem Pulk von Männern schlich, die in drei Reihen um die Bar standen. Sie zupfte ihren Vater am Gürtel.

»Was zum T… Ach, du bist’s, Schätzchen. Verdammt, hat dich etwa deine Mutter hierhergeschickt? Hör mal, du kannst doch nicht mit deiner blöden Schuluniform hier reinkommen!«

»Wir brauchen Geld für die Miete, Dad. Mum sagt, sie kommt ins Gefängnis, wenn wir nicht zahlen. Kannst du mir bitte was geben?«

»Das ist dein Mädel, oder, Fred? Wie alt bist du denn, Süße?«

»Nicht alt genug für einen dreckigen Penner wie dich, Sid. Verpiss dich«, erwiderte ihr Dad.

»Gib doch dem Kind ein bisschen Kohle, Freddie, hast ja heute einiges gewonnen«, meinte ein Mann mit zwei großen Gläsern schäumendem Bier. »He, Kleine, steck mal die Hand in meine Hosentasche, wer weiß, was du da alles findest, eh?« Er lachte heiser auf, während er ihr seine Hüften entgegenschob.

Ihr Vater, leicht schwankend und mit einem Bier in der Hand, entfernte sich ein paar Schritte von den anderen. »Komm hier rüber, Merry. Hör mal, sorg dafür, dass deine Mutter Ruhe gibt, ja? Hier.« Er zückte seine mit Scheinen vollgestopfte Brieftasche, und als er sie öffnete, fielen ein paar davon zu Boden. Rasch bückte sich Meredith danach und sammelte sie auf, die andere Hand streckte sie ihrem Vater entgegen.

Er drückte ihr eine Handvoll Banknoten in die Hand, und ihre Finger schlossen sich fest darum. »Jetzt aber los, Schätzchen, und schnurstracks nach Hause. Ich komme auch bald.«

Als sie zur Tür huschte, reichte der Mann mit den zwei Biergläsern eines davon einem kräftigen Burschen in einem Marineunterhemd. Ein jüngerer Mann lehnte rauchend an einem großen, holzgerahmten Reklamebild für Flag Ale. Den einen Fuß hatte er gegen die Wand gestützt.

»Da geht sie hin, die Taschen voller hübscher Scheinchen. Verjubel nicht alles auf dem Heimweg, Kleine.«

Der andere beäugte sie. »Wo hat sie das her? Hast du Tipps für die Pferderennen gekriegt? Zum Arbeiten bist du ja noch ein bisschen zu jung, nicht?«

»Ah, hör auf, lass sie in Ruhe.« Der jüngere Mann warf seine Zigarette weg und zerdrückte sie unter seinem Stiefel. »Komm, ich bring dich heim. Du wohnst in der Nähe, stimmt’s? Ich hab dich hier in der Gegend schon mal gesehen. Wolltest du deinen alten Herrn nach Hause holen?«

Meredith beschleunigte ihren Schritt und schüttelte den Kopf, während sie die Geldscheine tief in den Taschen ihrer Schuluniform vergrub.

»Ist schon gut, ich wollte sowieso gehen.« Er nickte den Männern zu, die derbe Gesten und Grunzgeräusche machten, ehe sie sich lachend wieder ihrem Bier zuwandten.

Ohne den Mann zu beachten, der neben ihr herging, stapfte Meredith eilig vor sich hin.

»Hey, nur mit der Ruhe. Ich tue dir nichts, und dein Geld nehme ich dir auch nicht weg.« Eine Zeit lang hielt er mit ihr Schritt und fragte dann: »Wie heißt du denn?«

Als sie nicht antwortete und den Kopf gesenkt hielt, als wollte sie gleich losrennen, sagte er: »Ich heiße Reg Hunt. Ich arbeite auf der Baustelle in der Nähe des Pubs, wo gerade die Fabrik abgerissen wird. Da sollen Wohnungen hinkommen. Werden wohl ganz hübsch, denke ich.«

Meredith zählte die Hauseingänge: Nur noch ein Straßenblock bis zu ihrem Haus.

»Weißt du, was du tun solltest, Kleine? Behalte die Hälfte von dem, was dir Freddie gegeben hat, und versteck es irgendwo. Als Anteil für dich. Eines Tages wirst du es vielleicht gut gebrauchen können.«

Statt über die Gasse zum Hintereingang ihres winzigen Hofs zu gehen, blieb Meredith auf der relativ sicheren Straße, bis sie bei ihrem Haus ankam. Sie wandte sich von ihrem Begleiter ab und klopfte an die Vordertür. Reg wartete in ihrer Nähe und nahm seinen Hut ab, um sich den Schweiß von der Stirn zu wischen.

»Ist ja gut, ich komme schon«, ließ sich von drinnen die gereizte Stimme ihrer Mutter vernehmen. Einen Augenblick später öffnete sie die Tür.

»Was fällt dir ein, an die Vordertür zu wummern, als wärst du die verdammte Queen?« Sie packte Meredith an der Schulter und zerrte sie herein, dann nahm sie Reg wahr, der auf dem Gehsteig stand und zu ihr herübersah, die Hände in den Taschen seiner kurzen Hose. »Und wer zum Teufel sind Sie?«

»Nur ein Kumpel von Fred aus dem Pub. Dachte mir, das Mädchen sollte um diese Zeit besser nicht allein vom Pub nach Hause gehen. Es sind jede Menge Betrunkene unterwegs«, sagte er.

»Na, vielen Dank auch. Bilden Sie sich bloß nicht ein, Sie können hier um meine Tochter herumscharwenzeln. Sie ist gerade mal fünfzehn. Und wie alt sind Sie? Fünfundzwanzig? Haben Sie nichts Besseres zu tun?«

»Ich habe eine Schwester in ihrem Alter, zu Haus auf dem Land. Kein Grund zur Aufregung, Ma’am.«

Merediths Mutter beachtete ihn nicht weiter, schlug die Haustür zu und schrie Meredith an: »Was denkst du dir eigentlich dabei, dich von so einem Typen nach Hause begleiten zu lassen? Und wo ist das Geld? Hat dir der alte Scheißkerl was gegeben?«

»Ja, ja!«, rief Meredith, die sich in ihr Zimmer geschlichen hatte. Dort sortierte sie rasch die wertvolleren Banknoten aus und stopfte sie in ihren alten Teddybären, wo eine Naht aufgerissen war.

Als sie in die Küche kam, ließ sie die übrig gebliebene Handvoll zerknüllter Scheine in die Obstschale fallen, wo sie auf einer vergammelten Banane landeten.

»Ist das alles? Verdammter Mist! Bist du sicher?« Mit zusammengekniffenen Augen starrte ihre Mutter sie an.

»Ich weiß auch nicht. Er stand mit ein paar anderen Männern zusammen, die Rennen gingen noch weiter. Vielleicht gewinnt er ja noch mehr«, meinte Meredith hoffnungsvoll.

Mit einem Knurren sammelte ihre Mutter die Geldscheine ein und steckte sie in ihren BH.

 

»Tja, so habe ich Reg kennengelernt, meinen ersten Ehemann«, sagte Meredith.

Ellie lehnte sich zurück und versuchte, sich ihre Überraschung nicht anmerken zu lassen. »Das klingt nach einer eher schwierigen Kindheit.«

»Das wäre eine Untertreibung. An Kindheit gab es nicht viel, ich musste ganz schnell erwachsen werden.« Meredith zuckte die Achseln. »Ich wollte nur noch weg von zu Hause. Die Situation spitzte sich immer mehr zu, die Trinkerei geriet vollends außer Kontrolle. Mein Dad fing an, meine Mum zu schlagen, woraufhin meine Mum mich schlug. Wahrscheinlich brauchte sie einfach jemanden, an dem sie ihre Wut auslassen konnte. Es war schlimm. Also ging ich von der Schule ab und arbeitete Teilzeit in der Wäscherei unten an der Straße. Meinen Lohn und das, was ich unbemerkt aus Dads Brieftasche oder Mums Keksdose stibitzen konnte, schaffte ich beiseite.

Reg tauchte immer wieder mal auf, kam vorbei, besuchte mich in der Wäscherei. Dann führte er mich ins Kino und zum Essen aus, und so fing es an. Es ist wohl die altbekannte Geschichte; er war der Einzige, der nett zu mir war.

Eines Tages hatten Mum und Dad einen Riesenkrach – sie brüllten sich an, schlugen sich, bewarfen sich mit Gegenständen, zertrümmerten Sachen. Es eskalierte dermaßen, dass die Polizei einschreiten musste, und da wusste ich, dass es für mich Zeit war zu gehen. Damals war Reg arbeitslos, daher beschloss er, in den Busch zurückzukehren. Wir heirateten, und ich ging mit ihm. Ich habe ihn nicht geliebt, aber darauf kam es nicht an: Er bot mir einen Ausweg, und nichts brauchte ich dringender als das.«

 

Für eine junge Frau wie Meredith, die aus einem großstädtischen Arbeiterviertel stammte, wo man Wand an Wand und Zaun an Zaun mit den Nachbarn wohnte und jeden kannte, war es ein Schock, völlig abgeschieden auf dem Land zu leben, in einem winzigen Häuschen aus Eternitplatten, wo tagelang kein Auto vorbeikam.

Reg arbeitete als Hilfsarbeiter und Allrounder auf einer Farm, die drei Stunden Fahrt entfernt war, sodass er lediglich an den Wochenenden nach Hause kam. Und dann saß er die meiste Zeit nur draußen vor dem Haus und trank.

Einmal in der Woche setzte sich Meredith in ihren alten Pick-up und fuhr in die fünfundvierzig Minuten entfernte Kleinstadt. Die Leute dort waren freundlich, aber es schien kaum junge Frauen ihres Alters zu geben. Die Verheirateten waren zu Hause, die anderen arbeiteten in Jobs, wo Meredith sie nicht zu Gesicht bekam, studierten oder machten eine Ausbildung.

Allerdings freundete sie sich mit Lizzie an, die in einem Burger-Café bediente und abends und am Samstag zusätzlich an der Bar des örtlichen Pubs im Commercial Hotel arbeitete. Sie sparte, um aus der Kleinstadt herauszukommen und auf Reisen zu gehen.

Lizzie war fröhlich, pragmatisch und auf ihre eigene Art ehrgeizig. Meist trafen die beiden sich zwischen Lizzies Schichten zum Tee. Auch wenn Lizzie nicht sehr gebildet war – sie hatte die Schule noch früher abgebrochen als Meredith –, besaß sie eine gewisse Gewieftheit, über die Meredith nur staunen konnte.

Und dann wurde Meredith schwanger. Anfangs freute sie sich, und ebenso Reg. Doch für ihn, so betonte er, würde sich nicht viel ändern, da er ja die meiste Zeit auf Arbeit und nicht zu Hause sein würde. »Aber wenn wir ein Baby haben, hast du unter der Woche etwas zu tun«, meinte er.

Meredith fand es schon schwierig genug, mit dem wenigen auszukommen, was Reg ihr von seinem mageren Lohn überließ, und die Ausstattung ihres Hauses ging kaum über das Allernötigste hinaus. Trotzdem war sie voller Vorfreude und streichelte immer wieder zärtlich die kleine Wölbung ihres Bauches. Es gab kurze Augenblicke, in denen sie an ihre Mutter dachte und sich fragte, was aus ihr geworden war, doch dann schob sie diese Gedanken rasch beiseite. Weder ihre Mutter noch ihr Vater hatten versucht, mit ihr in Kontakt zu treten, wofür sie dankbar war, aber ein Enkelkind … na ja, das würde vielleicht etwas ändern.

Doch es hatte nicht sollen sein. Meredith erlitt eine Fehlgeburt. Als sie es endlich schaffte, sich ans Steuer ihres Pick-up zu setzen, um bei den nächstgelegenen Nachbarn um Hilfe zu bitten, da stand für sie fest, dass das kein Leben für sie war – mit einem abwesenden Ehemann, der zehn Jahre älter als sie und zudem ein starker Trinker war.

Im Krankenhaus musste ihr die Gebärmutter entfernt werden. Bei ihrer Entlassung tätschelte der Arzt ihr den Arm und sagte: »Manchmal ist es besser so. Betrachten Sie es so: Sie sind eine junge Frau und können in vielerlei Hinsicht jetzt Ihre Freiheit genießen. Und vielleicht wollen Sie ja irgendwann mal was Kleines adoptieren, wer weiß?«

Nach dem Verlust des Babys zog Meredith sich immer stärker auf sich selbst zurück. Reg schien davon kaum Notiz zu nehmen – Meredith vermutete, dass er anderweitig auf seine Kosten kam, was sie ziemlich ungerührt ließ. Bald machte er sich nicht einmal mehr die Mühe, mit ihr zu telefonieren, seine Besuche zu Hause wurden immer seltener und blieben schließlich ganz aus.

Lizzie holte Meredith zu sich und besorgte ihr ein Zimmer neben dem ihren im Obergeschoss des hinteren Teils des Commercial Hotel. Meredith lernte viel von ihrer Freundin, die nach der Devise lebte: »Kümmer dich um dich selbst, denn sonst tut es keiner.« Manchmal zwinkerte sie Meredith zu und meinte: »Weißt du, Merry, ab und zu ein bisschen nett zu sein, schadet ja nicht, oder?«

Dank der dünnen Zimmerwände fand Meredith bald heraus, was Lizzie unter »ein bisschen nett zu sein« verstand: Sie empfing hin und wieder einen Mann, der sich von ihr verwöhnen ließ, und dafür konnte sie sich mal ein neues Kleid oder neue Schuhe leisten. Oder sie lud Meredith zu einem Kinoabend und zum Essen in ein chinesisches Restaurant ein.

Zu der Zeit hatte Meredith eine Stelle in der Bäckerei, die sie jedoch hasste. Die Arbeitszeiten waren lang, und das feine Mehl haftete überall an ihr und brachte sie zum Husten. Sie musste nicht nur den Teig ausrollen und alles andere erledigen, was Blue, der Bäcker, ihr auftrug, sondern auch noch hinter dem Ladentisch stehen. Der Geschäftsführer war ein unleidlicher Mann namens Hugo, der mit dem Traum, nach Gold und Opalen zu schürfen, von Jugoslawien nach Australien ausgewandert war und ständig jammerte, was für ein Vermögen er in den Schürfgebieten bei Lightning Ridge machen könnte. Unablässig ging er Blue auf die Nerven und nörgelte wegen allem Möglichen an ihm herum.

So kam es, dass Blue eines Tages »der Kragen platzte«, wie er später Meredith gegenüber gestand, und er seinem Boss eine Schüssel klebrigen Teig, aus dem Brötchen hätten werden sollen, über den Kopf kippte. Blue duckte sich, weil er fürchtete, gleich nach Strich und Faden verprügelt zu werden. Doch stattdessen stapfte Hugo zur Tür hinaus und davon, auf Nimmerwiedersehen, wie sie dachten.

Blue telefonierte mit dem Besitzer der Bäckerei und überredete ihn, die Leitung des Geschäfts ihm und Merry zu überlassen. Für einen höheren Lohn, versteht sich.

»Man muss Gelegenheiten ergreifen, wenn sie sich bieten. Du bist ein cleveres Mädel, Meredith, aber du kannst noch mehr aus dir machen.«

Auf Blues Drängen hin besuchte sie die Abendschule. Dort belegte sie Kassendisposition, Öffentlichkeitsarbeit und einen Kurs zum Thema »Wie man das Beste aus seinen Angestellten herausholt«.

»Wozu denn das, Schätzchen?«, wunderte sich Blue. »Wir haben doch gar keine Angestellten. Wir beide reichen völlig.«

»Ich bin dabei zu lernen, wie wir uns weiter verbessern können. Wir müssen mit dem Besitzer eine Abmachung treffen, dass wir einen Anteil am Gewinn bekommen, wenn wir für höhere Einnahmen sorgen. Ich habe da schon ein paar Ideen«, antwortete Meredith.

Wenig später mutierte die Bäckerei zum »Continental Café«. Blue war begeistert von der Idee, »komische ausländische Sachen« zu backen, etwa Croissants und ausgefallene Brotsorten. Als erstes Geschäft in der Stadt bot das Café seinen Kunden Tische und Stühle im Freien an und wurde um den ungenutzten Teil des Lebensmittelgeschäfts nebenan erweitert.

Ein paar zugezogene Italiener legten Meredith ans Herz, eine schicke italienische Kaffeemaschine anzuschaffen, um »richtigen Kaffee« servieren zu können: »Cappuccino, Caffè Latte, Espresso …«, schwärmte ihr einer von ihnen mit seinem starken Akzent vor und küsste dabei seine Fingerspitzen. »Ihr werdet es nicht bereuen.« Womit er recht hatte.

Plötzlich berichteten Zeitschriften und das Lokalradio über das abgelegene, unscheinbare Provinzstädtchen. Auch andere Leute eröffneten hier nun neue, kleinere Geschäfte, und Meredith nahm mit gewissem Stolz zur Kenntnis, dass sie eine der Trendsetterinnen gewesen war. Auf ihrem Bankkonto befand sich ein recht ansehnliches Sümmchen, und zum ersten Mal in ihrem Leben fühlte sie sich abgesichert. Trotzdem überkam sie manchmal das Bedürfnis, etwas anderes, Größeres zu wagen.

Einige Jahre später tauchte Hugo wieder bei ihnen auf, als er gerade auf der Durchreise war. Bewundernd schüttelte er den Kopf angesichts all der Neuerungen und gratulierte den beiden.

»Und wie geht es Ihnen? Haben Sie Opale gefunden? Und Gold?«, erkundigte sich Meredith lächelnd.

Hugo zuckte die Achseln. »Darüber redet man nicht. Aber mir geht es nicht schlecht.« Dann zwinkerte er ihr zu, griff in die tiefe Tasche an seinem Hosenbein und brachte ein Glasfläschchen zum Vorschein. Er kippte dessen Inhalt in seine Handfläche und zeigte ihn Meredith.

Sie schnappte nach Luft, als sie funkelnde schwarze Opale mit flammend roten Kernen und mehrere dicke, glänzende Goldnuggets erblickte.

»Sie sehen vielleicht klein aus, sind aber von bester Qualität«, meinte er mit breitem Grinsen. »Wie gesagt, mir geht es nicht schlecht.«

»Blue wird sich freuen, das zu hören. Er hatte immer ein schlechtes Gewissen, weil er Ihnen den Teig über die Birne … äh, den Kopf … gekippt hat«, meinte sie etwas verlegen.

Hugo schmunzelte. »Sie sind eine clevere Frau«, sagte er. »Wie sehen Ihre weiteren Pläne aus?«

»Wenn ich das wüsste, Hugo. Ich hätte schon Lust auf neue Herausforderungen. Aber wissen Sie, mich zieht es gar nicht mehr zurück in die Großstadt. Sosehr ich diesen Ort auch gehasst habe, als ich hergezogen bin, inzwischen gefällt er mir. Hier bin ich jemand. Geschäftlich, meine ich.«

Behutsam steckte er das Glasfläschchen wieder ein und musterte Meredith. »Sie sollten in die Schürfgebiete gehen. Kluge Leute wie Sie können dort gutes Geld machen.«

»Womit denn? Ich werde bestimmt keine Schürferin. Und ich glaube nicht, dass ich die Energie habe, noch einmal eine Bäckerei aufzuziehen.« Sie lachte. »Was braucht man denn dort draußen?«

»Frauen«, antwortete Hugo unverblümt. »Die Männer dort, die wollen Mädels. Sie wissen schon, zum …« Er machte unmissverständliche Pumpbewegungen mit dem Arm.

»Ich bin im Bilde, Hugo«, erwiderte Meredith kühl. »Zuerst einmal: Das ist illegal.«

Hugo gab sich ungerührt. »Da draußen gibt es keine Regeln. Die Bullen machen gemeinsame Sache mit den Betreibern. Und die Madames, die die Etablissements leiten, haben das Sagen.« Er legte den Kopf schräg. »Da winkt richtig viel Kohle.«

»Ich glaube nicht, dass ich eine geeignete Arbeit an diesem Ort finde, wie auch immer er heißen mag.«

»Backhill. Sie sollten sich das anschauen. Momentan werden neue Schürfgebiete erschlossen, es kommen immer mehr Männer hin. Geht ein bisschen rau zu in dem Ort. Aber ist eine gute Gelegenheit für neue Geschäfte, wenn Sie mich fragen. Gerade für Sie, eine starke Frau mit Unternehmergeist. Wenn Sie dorthin gehen, können Sie in ein paar Jahren ein Vermögen machen.« Hugo sah sie eindringlich an. »Lassen Sie das hier hinter sich. Nehmen Sie Ihr Geld und fangen Sie etwas ganz Neues an.«

»Nun ja, danke für den Rat«, sagte Meredith. »Es freut mich, dass Sie so erfolgreich sind. Sie haben Ihren Traum verwirklicht, Hugo.«

Er nickte. »Ja, mein Traum ist wahr geworden. Es kommt darauf an, herauszufinden, was man im Leben will, nicht wahr?«

 

Ellie beugte sich vor. »Das war ja ein ziemlich kühner Vorschlag. Was hast du davon gehalten?«

»Ich habe ihn nicht eine Sekunde lang ernsthaft erwogen. Aber nach der klaustrophobischen Zeit mit Reg, der jahrelangen Plackerei in der Bäckerei, den Risiken, die ich mit dem Umbau des Cafés eingegangen bin, da dachte ich mir: Was soll’s. Ich brauche einen Tapetenwechsel. Ich schaue es mir einfach mal an …«

 

Die Fahrt nach Backhill öffnete ihr die Augen. Die Weite, die Leere, die schier atemberaubende Schönheit der gleichförmigen Landschaft gaben ihr das Gefühl, als streifte sie ihr früheres Leben ab wie eine alte Haut.

Am Rand der Stadt passierte Meredith mehrere Lager mit Zelten, Hütten und Maschinen, die da und dort in ausgehobenen Gruben standen. Sie hielt am Straßenrand an und ließ den Blick über den braunen Bach unten und die weite Ebene bis zu den fernen Bergen schweifen. Es war wie eine Farbpalette aus rotem Staub und Ocker, die sich vom tiefen Blau des Himmels abhob.

Als sie die staubige Hauptstraße entlangfuhr, gelangte sie zu dem Schluss, dass dieser Ort wohl nur ein unzivilisierter Fleck war, an dem sich ein paar unbefestigte Landstraßen kreuzten. Da waren ein paar Kneipen, einige dubios wirkende sogenannte »Clubs«, Speiselokale, ein alter Supermarkt und verschiedene Läden, deren Fenster mit Maschendraht gesichert waren – offenbar zum Schutz gegen Raufbolde und Randalierer. Ein schwer verrammeltes Schaufenster warb für Bergbaubedarf aller Art. An- und Verkauf von Edelsteinen/Gold/Mineralien. An einer Tankstelle samt angeschlossenem Motel mit Blechdach blätterte großflächig die Farbe ab.

Ein Gebäude, das nach einer Einmannpolizeiwache aussah, hatte im hinteren Teil eine Arrestzelle. An der Ecke eines Fahrwegs, der von der Ortsmitte am weitesten entfernt war, gab es eine Pension. Dahinter war etwas, das wie eine Reihe von Plumpsklos aussah, doch beim langsamen Vorbeifahren erkannte Meredith, dass sich hinter jeder Tür ein eigenes Zimmer befand. Eine darüber angebrachte Lampe erhellte die zugehörige Nummer, und ein kleines Gebäude am Ende trug die Aufschrift Büro.

Meredith bog in die Tankstelle ein, um zu tanken.

»Wohin soll’s denn gehen, die Dame? Bis zur nächsten Stadt ist es noch ein ganz schönes Stück.« Geräuschvoll schlug der Tankwart die Kassenlade zu und gab Meredith das Wechselgeld.

»Wo übernachtet man denn hier am besten, im Motel oder in der Pension? Oder im Pub?«, fragte sie.

»Das ist wahrscheinlich alles nichts für Sie. Aber wenn Sie die Straße nicht kennen, ist es tatsächlich besser, hierzubleiben.« Er rieb sich das Kinn und musterte Meredith von Kopf bis Fuß. »Im Pub wird es bis spätabends noch laut sein, aber ansonsten ist es dort ganz in Ordnung. Schließen Sie Ihre Zimmertür ab. Es werden eine Menge Betrunkene unterwegs sein, die überall reinplatzen. Heute ist in der Stadt Hochbetrieb. Einige Jungs werden mit Geld wohl nur so um sich schmeißen.«

»Zahltag?«, fragte Meredith.

»Jep. Alle paar Monate kommen Käufer und der Edelmetallprüfer in die Stadt. Wenn einer monatelang buddelt, findet er vielleicht auch mal was: ein paar Opale, ein, zwei Goldnuggets, wer weiß. Oder was von dem neuen Zeug, hinter dem alle her sind … Und das wird dann verkauft. Bis Mitternacht haben sie ihr ganzes Geld auf den Kopf gehauen. Morgen wachen sie dann mit einem Brummschädel auf, schleppen sich zurück zu ihren Erdlöchern, und das Ganze fängt von vorn an.«

»Klingt nach ganz schön viel Aufwand dafür, dass alles in einer Nacht versoffen wird«, meinte Meredith trocken.

»Ah, die Männer gönnen sich auch noch anderweitig Spaß, wenn Sie verstehen, was ich meine. Wir haben hier nicht viele Frauen. Schon gar nicht mehr, seit die alte Mary den Löffel abgegeben hat.«

»Aha? Wer war denn die alte Mary?«

»Die Königin von Backhill und Umgebung, so nannte sie sich immer. Führte den Ladies’ Club. Wobei ›Ladies‹ wohl etwas übertrieben ist. Zurzeit geht es dort eher zu wie in einem Hühnerstall; die Mädels bräuchten eine neue Chefin in ihrem Laden, die wieder Ordnung reinbringt. Meine Güte, Sie sollten mal hören, wie sie ständig zanken und rumkrakeelen. So, wie die sich ums Geschäft streiten, vergraulen sie etliche von ihren Kunden.«

Meredith machte sich keine Illusionen darüber, was der Tankwart meinte. »Das klingt nicht gut. Passt denn jemand auf die Frauen auf, sorgt für ihre Sicherheit?«

»Zu Marys Zeiten war das wohl schon so. Sie war ein netter Mensch; nach dem, was ich gehört habe, hat sie sich um diese Mädchen gekümmert, als wären es ihre eigenen. Sie war aber auch gerissen, die Gute. Anscheinend hat sie irgendwelchen unbekannten Verwandten unten im Süden einen Batzen Geld vermacht. Die dachten wahrscheinlich, Mary hätte eine Goldmine!«, gluckste er.

»Ich versuche es mit dem Pub. Vielen Dank.«

»Gute Heimfahrt, Mädel«, rief er ihr nach.

Meredith unterdrückte ein Grinsen und dachte sich, dass sie Glück hatte, noch als »Mädel« durchzugehen.

Sie blieb ein paar Wochen, lebte von dem, was sie in der Bäckerei zur Seite gelegt hatte, und wurde von den Einheimischen im Pub schon bald akzeptiert, wenngleich sie sich fragten, warum sie eigentlich hier war. Es kursierte das Gerücht, Meredith sammle Edelsteine oder handle damit aus Liebhaberei, habe aber nur wenig Ahnung von allem, was mit Gemmologie, Schürfung und Abbau zu tun hatte. Darüber konnte Meredith nur lachen. Allerdings begann sie sich mit der Zeit selbst zu fragen, was sie hier wollte. Bis sie sich mit Dolly anfreundete.

Dolly kam ihr uralt vor, obwohl sie noch keine sechzig war. Das jahrelange Graben, Goldwaschen, Scharren im Gestein und Durchwühlen von Abraumhalden, sowohl in der sengenden Sommersonne als auch im eisigen Winter, hatte ihre Haut ledrig wie die einer Schildkröte werden lassen.

Doch ihren hellen, glänzenden Augen entging nichts. Ihr Mann Ralphie, ein stiller, behäbiger Mensch, war »für den Papierkram zuständig«, wie Dolly es nannte, und tauchte gelegentlich hinter der Bar auf. Der Pub gehörte Dolly – und dazu die halbe Stadt, wie man munkelte. Sie war vermögend, was sie auch offen zeigte.

Als Meredith ihr zum ersten Mal begegnete, konnte sie kaum den Blick abwenden von all dem glänzenden Schmuck an Dollys dürren Armen und Händen. An jedem Finger funkelten drei oder mehr Ringe, dazu klirrten ihre Armreife. Ein aufmerksamer Beobachter sagte zu Meredith, Dolly wechsle ihren Schmuck regelmäßig. Sie sei sozusagen »eine Bank auf zwei Beinen«.

Dolly nahm Meredith bald unter ihre Fittiche, weil sie spürte, dass sie hier eine intelligente Frau vor sich hatte, die sich unsicher war, was sie mit ihrem Leben anstellen sollte.

Nach einem Gespräch bei zwei Gläsern saurem Wein, den Meredith nur mit Mühe hinunterbrachte, wusste Dolly Bescheid über Merediths Lebensgeschichte, ihre Stärken und Schwächen.

Als sie eines Tages im Pub beisammensaßen, beugte sich Dolly vertraulich zu Meredith vor und sagte: »Hör mal, Schätzchen, du hast mehr auf dem Kasten, als du denkst. So, wie es klingt, hast du aus einer unscheinbaren Bäckerei ein lukratives Geschäft gemacht. Ich sehe, dass du keine festen Pläne hast. Keine Verpflichtungen, keinen Mann, der an dir klebt, keine Kinder, nichts dergleichen. Als Erstes setzt du dich mal ein bisschen mit meinem Ralphie zusammen – er ist der geschickteste Zahlentrickser im ganzen Land.«

»Ich spiele nicht, Dolly.«

»Haha! Nein, das meine ich nicht. Er ist ein Zahlenakrobat, ein Buchhalter, einer, der mit Geld und Investitionen jonglieren kann wie kein anderer. Das hat er im Knast gelernt, bei den besten Finanzmanagern, die als Bauernopfer für reiche Mistkerle herhalten mussten, damit sie selbst ungeschoren davonkamen. Pass auf, ich brauche eine starke Frau, die klug und standhaft ist, schnell und entschlossen reagieren kann und obendrein noch was hermacht. Was alles auf dich zutrifft, habe ich recht?«

»Und was genau sollte ich tun, Dolly?«

»Den Ladies’ Club auf Vordermann bringen. Ich steuere ein bisschen Geld bei, um ihn aufzuhübschen, und du kümmerst dich um die Umsetzung. Dann streuen wir in Sydney, Brisbane und Melbourne, dass wir Mädchen aus der Großstadt suchen. Momentan sind sie froh wegzukommen, denn die Geschäfte laufen dort nicht so gut. Und hier können wir ein bisschen Klasse gebrauchen.«

Meredith zog eine Augenbraue hoch. »Du redest vom Bordell.«

»Na, wenn du eine Möhre Karotte nennen willst – meinetwegen«, gluckste Dolly und wurde dann wieder ernst. »Schau, die Kerle hier und in der Umgebung haben Geld. Obwohl ich auch Mineralien als Zahlung akzeptiere, wenn es sich ergibt – Opale, Gold und so weiter. Ich kenne mich mit den Klunkern aus. Wenn der Laden aufgepeppt wird, steigen auch die Preise. Die Kunden werden von überallher strömen. Aber ich brauche jemanden, der das Haus leitet, dafür sorgt, dass sich die Kunden ordentlich benehmen, und sich um die Mädchen kümmert. Als die alte Mary starb, habe ich den Laden übernommen, ich bin jetzt die Inhaberin. Aber ich habe selbst zu viel um die Ohren. Ich brauche eine Managerin.«

»Aber das ist doch verboten, oder nicht?«, entgegnete Meredith.

»Ah, wegen der hiesigen Polizei brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Du führst ein gutes, sauberes und schickes Etablissement, wo es keinen Ärger gibt, und die Ordnungshüter hier in der Gegend bekommen Rabatt – sie werden begeistert sein. Du brauchst nichts zu tun, was du nicht tun willst, und die Mädchen ebenso wenig. Die Mädchen mögen es, wenn eine gut organisierte und offene und ehrliche Madame dafür sorgt, dass alles freundlich und reibungslos abläuft.«

»Das bietest du mir also an? Einen Job als ›Madame‹ – als Bordellmutter?« Meredith wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte.

»Du wärst nicht irgendeine x-beliebige Bordellmutter, sondern die Madame! Probier es aus. Mach was aus dem Laden, und wenn dir dein Job nicht gefällt, ziehst du eben weiter. Mit deinem Lohn. Du bist jung und clever, aber ein bisschen orientierungslos. Bleib ein paar Jahre hier. Vielleicht willst du irgendwann auch gar nicht mehr weg. Na, wie klingt das?« Dolly lehnte sich zurück, verschränkte die Arme und erweckte den Eindruck, als wäre alles schon beschlossene Sache.

Meredith nippte vorsichtig an dem ungenießbaren Wein. Dann zückte sie dezent ihr Taschentuch und tupfte sich den Mund ab. Sie dachte an die Frauen, die in der Nähe ihres früheren Zuhauses in Sydney auf den Strich gegangen waren. Bei Gesprächen mit ihnen hatte Meredith schnell erkannt, dass nichts Glamouröses an ihrem Leben war. Die Frauen wurden geschlagen und oft auch psychisch schwer misshandelt. Wenn sie sich nun um diese Frauen in Dollys Etablissement kümmern würde, konnte sie etwas wirklich Gutes tun und dazu auch Geld verdienen.

»Als Allererstes muss Ralph dafür sorgen, dass wir anständigen Wein bekommen. Dieses Zeug schmeckt wie Spülwasser«, meinte sie.

Dolly lachte schallend auf und schlug sich auf den Schenkel. »Klar, wir müssen Champagner anbieten! Gute Kunden bekommen ein Glas oder zwei, damit sie in die richtige Stimmung kommen, um ihr Geld auf den Kopf zu hauen. Prima Idee!«

 

»Also bist du geblieben?«

»Ja, nachdem ich Dolly klargemacht hatte, dass die Gesundheit und Sicherheit der Frauen für mich immer oberste Priorität haben würden.«

»War es schwere Arbeit? Ich kann mir das gar nicht vorstellen.«

»Na ja, meine Aufgabe war natürlich nur die Leitung des Hauses, für alles Übrige waren die Mädchen zuständig. Aber ich habe dafür gesorgt, dass sie es bei uns gut hatten. Wir verbrachten viel Zeit miteinander, dabei brachte ich ihnen bei, was ich über Betriebsführung gelernt hatte. Einige von ihnen beriet ich beim Umgang mit ihrem Geld, anderen ermöglichte ich es, Fernunterrichtskurse zu belegen. Manche haben bei mir sogar erst Lesen und Schreiben gelernt.«

»Was waren das für Frauen?«, fragte Ellie.

»Meistens ganz normale Mädchen, die Geld verdienen wollten, obwohl auch immer ein paar schwierigere Fälle dabei waren, Streunerinnen und Gestrandete, die sonst nirgendwo hingehen konnten. Die hatte ich besonders im Blick, um sie bestmöglich zu unterstützen. Mitunter habe ich auch versucht, ihnen einen anderen Job in der Stadt zu vermitteln, wenn ich das Gefühl hatte, dass der Ladies’ Club nicht das Richtige für sie war. Mit all diesen Frauen hatte ich eine Abmachung getroffen: Ich würde mich um sie kümmern, wenn sie mir gegenüber ehrlich waren. Ihre Sicherheit und Gesundheit lagen mir besonders am Herzen. Zusammen mit der Ärztin hier am Ort, einer wirklich klugen und wundervollen Person, brachte ich ihnen bei, was sie über Gesundheit, Hygiene und Empfängnisverhütung wissen mussten. Außerdem ließen wir ›Spezialistinnen‹ kommen, die die Frauen mit ausgefallenen erotischen Praktiken und sogar mit Bauchtanz vertraut machten, sofern sie Interesse daran hatten. Die Mädchen erhielten den gleichen Lohn wie ich, was, wie ich inzwischen weiß, in anderen Etablissements keineswegs üblich war. Wir waren sozusagen eine Art Familie auf Zeit.«

»Der Ladies’ Club war also erfolgreich?«, fragte Ellie.

»O ja. Jeder, einschließlich all der Frauen, machte ziemlich viel Geld. Ralph war ein Finanzgenie, und Dolly war nicht knauserig. So konnte ich diese kleinen Häuschen, die wie eine Reihe von Plumpsklos aussahen, in einen schicken Privatclub umwandeln, in dem Diskretion großgeschrieben wurde. Niemand sah, wer kam oder wer sich mit wem zurückzog. Aus dem Büro machten wir einen Clubraum mit Bar, wo die Mädchen und die Freier einander kennenlernen konnten, als wären sie auf einer noblen Cocktailparty.«

Meredith trank einen Schluck Kaffee und lehnte sich in ihrem Sessel zurück. »Aber der eigentliche Erfolg bestand für mich darin, dass ich den Frauen dabei helfen konnte, neue Qualifikationen zu erwerben – die nichts mit ihrer Arbeit im Bordell zu tun hatten, versteht sich. Wir haben uns gegenseitig unterstützt, und einige Frauen sind förmlich aufgeblüht und richtig selbstbewusst geworden. Als sich ein paar der Mädchen zusammentaten und einen eigenen Kosmetiksalon in einer anderen Stadt gründeten, war ich richtig stolz auf sie. Soweit ich weiß, wurde es ein profitabler kleiner Betrieb, und alles ganz legal.«

Meredith lächelte leise.

»Fünf Jahre lang war ich in Backhill abgetaucht, bis mir eines Tages klar wurde, dass ich mein Leben zurückhaben wollte. Außerdem war das Geschäft illegal, daran ließ sich nichts herumdeuteln, auch wenn ich noch so viel Gutes für die Mädchen getan hatte. Dolly war nicht glücklich über meine Entscheidung, aber sie konnte mich verstehen. Sie schenkte mir einen wunderschönen Anhänger, einen Opal mit eingeschlossenem Fossil, der Millionen Jahre alt sein muss.

Danach bin ich nach Adelaide gegangen, habe mir meine Investitionen auszahlen lassen und mir ein Haus in Melbourne gekauft. Dort habe ich Jim kennengelernt. Als er mir einen Heiratsantrag machte, versuchte ich, Reg ausfindig zu machen, um die Scheidung in die Wege zu leiten, doch der arme Kerl war inzwischen bei einem Unfall ums Leben gekommen. Später zogen Jim und ich dann nach Storm Harbour.« Meredith hob die Hände. »Und hier bin ich nun. Ende gut, alles gut. Abgesehen davon, dass mir Jim fehlt, an jedem einzelnen Tag.«

»Was wusste Jim von deiner Vergangenheit?«, fragte Ellie, völlig gebannt von Merediths Geschichte.

»Gar nichts. Die gute Seele. Er war so ein anständiger und geradliniger Mensch. Ich glaube nicht, dass er das verstanden hätte.«

»Und deine Eltern?«

Meredith zuckte die Achseln. »Ich habe sie irgendwie aus den Augen verloren. Erst nach Jims Tod habe ich meine Mutter in einem Seniorenpflegeheim ausfindig gemacht. Sie war damals schon sehr alt und gebrechlich. Sie tätschelte meine Hand und meinte, sie habe gewusst, dass ich es zu etwas bringen würde.«

Einen Moment lang schien Meredith um ihre Fassung zu ringen. Dann richtete sie den Blick auf Ellie. »Manchmal nimmt unser Lebensweg eine unerwartete Wendung, und man findet sich an einem Ort wieder, von dem man nie gedacht hätte, jemals dort zu landen. Um es auf Dollys unverblümte Art auszudrücken: ›Lass deinen Scheiß im stillen Kämmerchen und geh erhobenen Hauptes zur Tür hinaus.‹ Was auch immer dir zugestoßen ist, Ellie, schäme dich nie für deine Vergangenheit.«

Ellie starrte die Frau an, die so ruhig und selbstsicher vor ihr saß.

»Danke. Ich finde dich wirklich bewundernswert, Meredith. Aber könnte es sein, dass noch jemand anderes von alldem weiß? Jemand von früher? Diese Drohungen auf der Website … es wäre wohl besser, wenn die Sache nicht an die große Glocke gehängt wird.«

»Ellie, ich habe nie etwas getan, wofür ich mich schämen müsste, aber natürlich wäre es ungünstig für mich, wenn all das öffentlich werden würde. Niemand hier weiß etwas von meiner Vergangenheit, nicht einmal dein lieber Großvater. Aber ich möchte mich nicht einschüchtern lassen, weil ich für das eintrete, was ich für richtig halte. Ich kann von mir behaupten, dass ich mein Leben lang niemals unehrlich war und dass ich mich um diese Frauen wirklich gekümmert habe. Ihr Wohlergehen stand für mich stets an erster Stelle. Viele mögen denken, dass niemand darauf erpicht ist, ein Bordell zu führen, aber denen war es nicht vergönnt, mit so wunderbaren Frauen zu arbeiten, wie ich es konnte. Als ich dieses Haus leitete, habe ich zum ersten Mal wirklich begriffen, wie wichtig eine Gemeinschaft ist.«

»Danke, Meredith, dass du mir deine Geschichte anvertraut hast.«

»Und du, geht es dir jetzt ein bisschen besser? Ich höre mir gerne auch deine Geschichte an.«

Ellie atmete tief durch. »Ich habe bereits genug von deiner Zeit in Anspruch genommen. Tatsächlich geht es mir schon viel besser. Aber irgendwann erzähle ich dir gern auch von mir.«

»Gut. Das freut mich. Du weißt, dass du jederzeit zu mir kommen kannst.«

»Danke. Die Stadt kann sich glücklich schätzen, dass du hier Bürgermeisterin bist. Und ich freue mich, dich als Freundin zu haben.«

Als Ellie aufstand, erhob sich Meredith ebenfalls und drückte ihren Arm. »Dolly hat immer zu mir gesagt: ›Man kann nicht mehr als sein Bestes geben, Schätzchen. Aber das sollte man immer tun.‹«