Es ist Anfang November, die Natur hat längst die Macht über Sylt und seine Einwohner zurückerobert. Jetzt sind die meisten Touristen verschwunden, die Strände leer, die Strandkörbe abgeräumt und sicher verwahrt. Viele Andenkenläden und Modeshops haben ihre Schaufenster verrammelt, die Gastronomen bereiten sich auf den Rummel zum Jahreswechsel vor, und selbst die Möwen warten auf bessere Zeiten. Die Sonne ist schon vor Stunden untergegangen. Über der Nordsee steigt die Feuchtigkeit in fetten Schwaden auf, wabert über den verlassenen Strand, schwebt die Dünen hinauf, füllt Täler und Mulden, ergießt sich über die Heide und hüllt die ersten Reetdachhäuser ein. Konturen verschwimmen, Baumwipfel und Dachfirste versacken im Dunst.
Dann erreicht der Nebel die Inselmitte. Auf der Verbindungsstraße zwischen Westerland und Wenningstedt treiben Nebelfetzen. Ein stumpfgraues Huschen auf nassglänzendem Asphalt. Tonlos und scheu. Nur selten stört ein Wagen das Schleierballett, frisst sich auf milchiger Scheinwerferbahn durch die Nacht. Das Röhren des Motors hallt durch den Dunst, der den Schall nur wenige Meter weit trägt, ihn dann einkreist, niederkämpft und unschädlich macht. Nebelstille folgt. Weißes Schweigen. Erst Minuten später nähert sich der nächste Wagen, bewegt sich in seinem Kokon aus Licht und Geräusch, erscheint und verschwindet, als habe es ihn nie gegeben.
Auf dem Radweg neben der Straße kämpft sich eine dunkel vermummte Gestalt durch die Kälte. Gebückt tritt sie in die Pedale, während der Wind an ihrer Kapuze zerrt und einzelne Wassertropfen an ihrer Öljacke entlangtreibt. Niemand hört ihr Keuchen und die gemurmelten Flüche.
Niemand kommt der Gestalt entgegen, und niemand fährt hinter ihr, denn keiner, der nicht einen guten Grund dafür hat, hält sich bei diesem Wetter noch im Freien auf. Und darum wird auch niemand beobachten können, was nur wenige Minuten später im Schutz der Dunkelheit geschieht.