Erschöpft bedankt sich Silja bei der alten Dame, die direkt dem Weg gegenüber wohnt, der durch das Südwäldchen zum Spielplatz führt. Beim Abschied ruft die Alte der Kommissarin hinterher: »Und dann mal viel Glück bei ihrer Mördersuche, nech.«
Das kann ich wirklich gebrauchen, denkt Silja mutlos, während sie ihre Bemühungen der letzten Dreiviertelstunde bilanziert. An mehr als fünfzehn Haustüren hat sie geklingelt, nur zweimal war niemand zu Hause, und sie hat eine Visitenkarte mit der Bitte um Rückruf hinterlassen. Sonst hat Silja alle Bewohner angetroffen. Das war aber auch schon der einzige Erfolg, den sie zu verzeichnen hatte. Denn niemand von all den Leuten, mit denen die Kommissarin gesprochen hat, konnte irgendetwas zu ihren Ermittlungen beitragen. Auch die alte Dame, von der sie sich eben verabschiedet hat, war keine Ausnahme.
»Also, junge Frau, das war ja ein solches Schietwetter gestern, da bin ich doch den ganzen Tag zu Hause geblieben. Sogar mein Paulchen hat sich mit einem kurzen Gang durch den Garten begnügen müssen, um sein Geschäft zu machen«, hat sie mit einem liebevollen Blick auf ihren angefetteten Rauhaardackel erklärt, der winselnd in der Ecke lag.
Und ähnlich hatten sich auch alle anderen geäußert.
»Kennen Sie diese neue Netflix-Serie, Frau Kommissarin? Meine Frau und ich haben uns gestern Abend gleich nach der Tagesschau fast alle Folgen reingezogen. Das ging bis etwa zwei Uhr nachts. Danach waren wir schlagkaputt und sind sofort ins Bett gefallen«, wurde Silja von einem Mann mittleren Alters in Jogginghose und fleckigem T-Shirt belehrt.
Eine grell geschminkte Blondine öffnete erst nach längerem Klingeln. Sie stand inmitten von halb ausgepackten Koffern und Taschen in ihrer Diele. »Bin gestern Abend erst aus dem Zug gestiegen. Flieger von Miami nach Frankfurt und dann noch die Fahrt hierher. In Florida war bestes Wetter, aber hier auf der Insel: alles trüb und grau. Da glauben Sie doch nicht wirklich, dass einem noch nach Waldspaziergang zumute ist.«
»Nee, min Deern, wenn’s dunkel ist, gehe ich schon seit Jahren nicht mehr vor die Türe. Wird ja alles immer krimineller inner Welt, sogar bei uns aufer Insel«, gab ein schrullig wirkender Herr mit Kneifer und Karoweste zu Protokoll.
Einfach alle Anwohner hatten sich in ihre Schneckenhäuser zurückgezogen und nichts gesehen oder gehört. Siljas größte Hoffnung war die Familie gewesen, deren Reihenhaus genau gegenüber von dem Schuttcontainer stand, aus dem vermutlich die Tatwaffe stammte. Doch die ganze Familie hatte sich bei einem langen Spieleabend die Zeit vertrieben, ohne auch nur einmal aus dem Fenster zu sehen.
Es war wie verhext.
Frierend und entmutigt macht sich Silja auf den kurzen Weg zum Tatort. Es dämmert bereits, und zwischen den Bäumen hängt dichter Nebel, der den Klang ihrer Schritte verschluckt. Nachdenklich bleibt sie stehen und stellt sich vor, wie Angela Ludwig gestern Abend hier bei Dunkelheit vorbeigeradelt sein muss. Leere Straßen, nur erhellt vom Licht der Laternen. Kälte, Nebel, Stille. Und dann? Was ist geschehen? Hat jemand sie angesprochen? Oder auf dem Fahrrad eingeholt? Hat ein Wagen neben ihr scharf gebremst? Kannte sie ihren Mörder? Oder hat vielleicht nur jemand harmlos nach dem Weg gefragt, um sie dann zu erschlagen?
Aber mit welcher Intention? War der Mord von vornherein geplant, oder hat es einen Streit gegeben? Warum stammte die Mordwaffe aus dem Container auf der Straße, wenn doch das grüne Seil mit großer Wahrscheinlichkeit nicht einfach so in der Gegend herumgelegen hat.
Silja seufzt. Nichts passt zusammen, nichts ergibt einen Sinn.
Bleibt als letzte Hoffnung nur noch Leo Blum, Bastians alter Flensburger Kumpel, der genialste Spurensucher, den die Kripo jemals hatte. Schon kann Silja zwischen den Bäumen den Tatort ausmachen, der längst von starken Lampen ausgeleuchtet ist. Anstelle der gruseligen Atmosphäre vom Morgen herrscht jetzt hier geschäftiges Treiben. Überall stehen kleine Schilder mit Nummern darauf, die zu den zugehörigen Fundstücken weisen. Leo hat mit seinen Männern vermutlich inzwischen jedes Blatt gewendet und jeden Baumstamm untersucht, überlegt Silja gerade, als der große, schlaksige Typ mit dem schütteren Haarzopf im Nacken zu ihr tritt.
»Moin, moin«, grüßt er die Kommissarin knapp und nestelt an seinem hellen Overall herum. »Bei unserem letzten Treffen war Mittsommer, und da unten am Hörnumer Strand war es geringfügig wärmer«, scherzt er dann mit einem Blick auf Siljas rot gefrorene Nase. »Ich habe heißen Tee hier, willst du eine Tasse?«
»Unbedingt. Dafür würde ich jetzt töten. Apropos: Habt ihr irgendwas gefunden, mit dem wir arbeiten können?«
Während Leo und Silja zu dem alten Bulli gehen, in dem Leo seine Ausrüstung verstaut hat, weiht er die Kommissarin kurz in die neuesten Erkenntnisse ein.
»Das Fahrrad gehörte dem Opfer, da habt ihr ganz richtig gelegen. Es sind außer den Fingerabdrücken von der Toten noch ein paar andere drauf, aber die werden uns kaum weiterhelfen. Sie können praktisch von jedem kommen. Fahrradhändler, Nachbarin, spielende Kinder oder von was weiß ich wem.«
»Habt ihr sie durchs System laufen lassen?«
»Klar, war aber eine glatte Fehlanzeige.«
»Was allerdings noch längst nicht heißt, dass wir es nicht trotzdem mit einem gerichtsbekannten Wiederholungstäter zu tun haben. Er muss das Rad ja nicht berührt haben.«
»Oder er hatte Handschuhe an.« Leo Blum kramt in einer abgeschabten Ledertasche, bis er einen sauberen Becher für Silja findet. Dann schraubt er seine mattsilberne Thermoskanne auf. »Mit Zucker oder schwarz?«
»Schwarz bitte.«
Gluckernd läuft der heiße Tee in den Becher, über dem sich Dampfwolken bilden. Silja greift mit beiden Händen danach und pustet vorsichtig hinein.
»Wie das duftet!«
»Das ist feinster Darjeeling, ziemlich kostspielig, aber daran sollte man nicht sparen.«
Silja muss lächeln. »Erzähl das mal Bastian. Der kann Kamille nicht von Pfefferminztee unterscheiden.«
»Dafür kennt er sich beim Bier aus. Man kann nicht alles wissen«, gibt Leo grinsend zurück. Dann wird er wieder ernst. »Eines ist merkwürdig, wie ich finde, nämlich das Seil.«
»Der Täter hat es mitgebracht, nicht wahr? Das heißt, er hat die Tat geplant. Warum hat er dann nicht auch eine Tatwaffe dabeigehabt?«, unterbricht ihn Silja.
»Das stimmt, aber das meinte ich gar nicht.« Leo gießt sich nun auch einen Becher Tee ein und tut ordentlich Zucker aus zwei kleinen Tütchen dazu. »Es gibt fast keine Spuren hier am Tatort. Haare, Zigarettenkippen oder auch Schuhabdrücke: nichts. Das liegt natürlich auch an dem Waldboden mit den ganzen Blättern darauf. Da musst du erst mal einen vernünftigen Schuhabdruck finden. Aber trotzdem habe ich den Eindruck, dass jemand sich vorgesehen und sich ziemlich erfolgreich bemüht hat, unauffällig zu agieren.«
»Ich habe eben gerade die Anwohner befragt«, stimmt Silja ihm zu. »Niemand hat etwas gehört. Es kann also keine laute Auseinandersetzung gegeben haben. Vermutlich auch keine Rufe oder Schreie.«
»Das einzige Auffällige ist das grellgrüne Seil, mit dem die Tote gefesselt war. Also solltet ihr alle Aufmerksamkeit darauf richten.«
»Vielleicht nicht unbedingt auf das Seil, aber auf jeden Fall auf den Akt der Fesselung. Aber was bedeutet das für uns?«
»Falsche Frage«, unterbricht sie Leo vorsichtig. »Was bedeutet das für den Täter oder die Täterin? Ein toter Mensch ist schwer, es ist also alles andere als einfach, so einen Körper aufrecht zu halten und festzubinden.«
»Das Festbinden war demzufolge wichtig«, spinnt Silja den Faden fort. »Vielleicht sogar wichtiger als das Töten an sich.«
Leo nickt nachdenklich. »Das würde auch zu der zufällig ausgewählten Tatwaffe passen. Womit ich mein Opfer erschlage, ist egal, aber das Material zum Festbinden kann ich nicht dem Zufall überlassen. Also bringe ich es mit.«
»Es liegen allerdings auch eher Knüppel in Wäldern herum als Seile«, wirft Silja ein. »Meinst du, wir kriegen raus, wo das Seil hergestellt worden ist und wo es verkauft wird?«
»Glaub schon. Nur nicht am Sonntag.«