Fred Hübner schaltet verärgert den Fernseher aus. Die Beschreibung des sonntäglichen Tatorts in der Zeitung klang nicht schlecht, und der Journalist hielt es für eine gute Idee, seine ständig um den Mord der letzten Nacht kreisenden Gedanken durch die Konfrontation mit einem virtuellen Verbrechen abzulenken. Aber die Schlampereien im Handlungsaufbau und die idiotische Ermittlungsarbeit der Fernsehkommissare hält er erst recht nicht aus.
Jetzt wäre ein Cognac nicht schlecht, schießt es ihm durch den Kopf. Gleichzeitig erschreckt ihn dieser Gedanke. Fred ist seit einigen Jahren trockener Alkoholiker, und bis auf einen kurzen Rückfall im vergangenen Winter kommt er ganz gut mit der Abstinenz klar.
Bloß weil es jetzt eine dumme Kuh weniger auf dieser Erde gibt, muss ich ja wohl nicht wieder zur Flasche greifen, versucht er sich selbst zu beruhigen. Doch irgendwie gelingt ihm das nicht.
Unruhig tigert er in seiner Maisonettewohnung auf und ab, holt sich einen dickeren Pullover von oben aus dem Schlafzimmer, obwohl ihm gar nicht kalt ist, zählt unten in der Küchenecke seinen Vorrat an Nespressokapseln nach und überprüft anschließend, ob im Geschirrspüler genügend Salz ist. Alles völlig idiotische und überflüssige Handlungen. Doch das Gespräch mit Bastian Kreuzer lässt ihm keine Ruhe. Dabei schienen es zunächst nur Standardfragen zu sein, die der Kommissar abspulte. Wo waren Sie gestern Abend? Haben Sie mit jemandem gesprochen? Hat Sie zumindest jemand gesehen? Und natürlich hat Kreuzer sich nicht dazu hinreißen lassen, Details des Verbrechens preiszugeben.
Erst gegen Ende des Gesprächs stellte er eine merkwürdige Frage, und sie ist es vermutlich auch, die Fred so unruhig hat werden lassen.
Was genau hat Sie während der Talkrunde so sehr an Angela Ludwig provoziert, dass Sie ausfallend geworden sind?
Fred hat nur die Schultern gezuckt und auf eine Antwort verzichtet. Selbst ohne die Ermahnungen Elsbeths ist ihm klar gewesen, dass er sich mit der Wahrheit nur selbst reinreißen würde. Als der Kommissar insistierte, hat Fred schließlich etwas davon gemurmelt, dass er einen schlechten Tag erwischt und seine aggressive Art gar nichts mit der Person Angela Ludwigs zu tun gehabt habe.
Natürlich hat der Kommissar ihm kein Wort geglaubt. Aber das Gegenteil kann er mir auch nicht beweisen, denkt Fred bockig.
Und dann hält er es plötzlich nicht mehr in seiner Wohnung aus. Die Wände erdrücken ihn, die Stille macht ihn wahnsinnig, er atmet hastiger, und sein Brustkorb scheint trotzdem immer enger zu werden.
Ich muss hier raus, und zwar schnell.
Fred beschließt, noch einmal aufs Fahrrad zu steigen. Ein prüfender Blick aus dem Terrassenfenster bestätigt ihm, dass es wenigstens nicht regnet. Über die Temperaturen macht er sich keine Illusionen. Es dürfte arschkalt da draußen sein, überlegt er und entschließt sich, den dicken Pullover unter seiner Funktionsjacke anzubehalten, auch wenn er weiß, dass der Pulli am Ende der Radtour komplett durchgeschwitzt sein wird. Er schlüpft in seine Stiefel und greift nach den Schlüsseln und dem Helm.
Draußen weicht die Beklemmung fast augenblicklich von Fred. Er setzt den Helm auf und steigt auf sein Rennrad. Aber wohin jetzt? Am Vormittag ist er bereits rüber ans Watt gefahren und hat dem Keitumer Friedhof einen Besuch abgestattet. Als ob ich von den Toten nicht lassen kann, schießt es ihm durch den Kopf, und er ist froh, dass niemand von seinem morbiden Sonntagsvergnügen weiß. Doch jetzt sollte er sich tunlichst hüten, ein ähnlich verdächtiges Ziel anzusteuern. Am besten wird es sein, die Route rund um das Rantumbecken in Angriff zu nehmen. Dort ist es zwar stockdunkel, aber dafür auch menschenleer und genau richtig zum Runterkommen. Dann fällt ihm allerdings ein, dass er auf dieser Strecke schon einmal einen veritablen Kreislaufzusammenbruch hatte. Ist das jetzt zwei oder sogar schon drei Jahre her? Fred weiß es nicht mehr, aber die Lust auf diese Tour ist ihm gründlich vergangen. Ich kann ja erst mal auf dem Radweg bis runter nach Westerland fahren, beschließt Fred. Und dann sehe ich weiter.