»Wir müssen uns selbstverständlich mit den Kollegen aus Hamburg, Kiel und Fünen abstimmen, aber ich glaube ebenso wenig wie du, dass es deren Täter plötzlich nach Sylt verschlagen hat«, sagt Silja achselzuckend, nachdem Bastian ihr von den drei anderen Fällen erzählt hat, die zumindest entfernte Ähnlichkeit mit dem Mord an Angela Ludwig aufweisen.
»Hat Sven auch schon gesagt.«
»Du hast ihn doch einbezogen?«
»Er stand gestern Nachmittag plötzlich in der Tür und sah irgendwie, na ja, hilfsbedürftig aus.«
»Wahrscheinlich brennt er vor Ehrgeiz und weiß nicht, wohin damit. Stell dir mal vor: Dein Kind stößt auf eine übel zugerichtete Leiche, ist verständlicherweise völlig verstört, und dann bist du auch noch Polizist und kannst trotzdem nichts dafür tun, dass der Täter gefasst wird. Das kann einen schon fertigmachen.«
»Bisher hat er sich mit seinem Schreibtischjob doch ganz gut arrangiert. Und ab dem Sommer darf er ja wieder bei uns mitmischen.«
»Was ist das denn für ein Argument? Bisher gab’s ja auch nichts Aufregendes zu tun. Außer dem Einbruchversuch bei Hermès in Kampen, wo die beiden Teenies so dämlich waren, ihren Schlüsselbund im Vorgarten zu verlieren.«
»Die Schlüssel an sich waren ja nicht das Problem, sondern das Plastikschildchen mit dem Namen der Ferienwohnung daran«, feixt Bastian.
»Deren Mutti kauft ihnen dieses Jahr zu Weihnachten bestimmt kein neues Hermèstäschchen«, ätzt Silja, während auf ihrem Schreibtisch das Telefon zu klingeln beginnt.
»Oberkommissarin Blanck, Kripo Westerland.«
Am anderen Ende ist es still.
»Hallo, wer spricht denn da?«
»Ist dort die Polizei?«, erkundigt sich eine Frauenstimme, die eher aufgeregt als unsicher klingt.
»Hier ist die Kriminalpolizei, das sagte ich gerade.«
»Ah ja, gut. Ich, also ich möchte etwas melden.«
»Würden Sie mir bitte zunächst Ihren Namen sagen.«
»Luise Schröder, ich rufe aus der Hafenstraße an. Wegen Angela. Also Angela Ludwig. Hab’s gerade erst von einer Westerländer Freundin erfahren. Schrecklich, einfach schrecklich!«
Hafenstraße? Silja denkt kurz nach, dann fällt der Groschen. »Sie sind eine Nachbarin?«
»Kann man so sagen, ja. Ich wohne im gleichen Haus, und Angela und ich, also wir haben ein wenig aufeinander aufgepasst.«
Silja signalisiert Bastian mit einem erhobenen Daumen, dass sich in ihrem Mordfall endlich etwas tut, woraufhin er sich zu dem Telefonat schaltet.
»Was meinen Sie mit aufgepasst genau?«, nimmt Silja den Faden wieder auf.
»Na ja, Blumen gegossen und so etwas.«
»Soweit wir sehen konnten, hatte Frau Ludwig überhaupt keine Blumen.« Silja weiß genau, dass es nach jeder Gewalttat Nachbarn und andere Anwohner gibt, die sich gern wichtig machen möchten und plötzlich Verbindungen zum Opfer herstellen, die es gar nicht gegeben hat. Es ist also nötig, jedem potenziellen Zeugen genau auf den Zahn zu fühlen.
»Nein, stimmt, jetzt nicht mehr. Aber früher, als Klaus noch gelebt hat, schon.«
»Aber da hat Frau Ludwig doch gar nicht in der Hafenstraße gewohnt. Wir haben das polizeiliche Anmeldeformular gefunden. Sie ist erst nach dem Tod ihres Mannes nach Rantum gezogen.« Wusste ich’s doch, denkt Silja enttäuscht. Da will sich einfach nur wieder mal jemand in den Vordergrund spielen. Doch die Antwort der Anruferin belehrt sie eines Besseren.
»Weiß ich alles. Ich war es schließlich, die ihr die Wohnung vermittelt hat. Das Haus am Südwäldchen war für sie allein einfach zu groß, und es hat sie auch zu sehr an Klaus erinnert.«
»Angela Ludwig hat mit ihrem Mann am Südwäldchen gewohnt?«, fragt Silja überrascht.
»Wussten Sie das nicht?« Die Enttäuschung darüber, dass selbst die Kriminalpolizei nicht allwissend ist, ist Luise Schröder deutlich anzuhören.
Bastian kritzelt etwas auf ein Blatt Papier und schiebt es zu Silja hinüber. »Damit ist wenigstens klar, warum sie auf der Heimfahrt von der schnellsten Route abgewichen ist«, liest Silja und denkt gleichzeitig, allerdings hat sie der kleine melancholische Abstecher das Leben gekostet.
»Das ist eine interessante Information«, beginnt die Kommissarin, wird aber von der Anruferin unterbrochen.
»Ich wollte Ihnen eigentlich etwas anderes erzählen.«
»Bitte.«
»Vorhin war jemand in Angelas Wohnung.«
»Was?«
»Ich wohne ja genau über ihr, und das Haus ist ein wenig hellhörig …«
»Sind Sie nachschauen gegangen, wer das gewesen sein könnte?«
»Natürlich nicht. Ich hatte Angst, schließlich könnte das doch der Mörder sein, oder nicht?«
»Hat noch jemand außer Ihnen einen Schlüssel?«
»Nur die Putzhilfe, aber die kommt donnerstags.«
»Okay. Wissen Sie, ob die Wohnungstür aufgebrochen worden ist? Und können Sie abschätzen, ob dort unten immer noch jemand ist?«, erkundigt sich Silja alarmiert, während Bastian bereits in seine Jacke schlüpft und nach dem Autoschlüssel greift.
»Keine Ahnung, ich glaube schon.«
»Was jetzt? Aufgebrochen?«
»Nein, ich weiß nicht. Ich war ja nicht unten. Aber ich glaube, es ist immer noch jemand in der Wohnung.«
Silja ignoriert die drängenden Gesten von Bastian, der schon an der Tür steht, und sagt beschwörend ins Telefon: »Verhalten Sie sich jetzt ganz ruhig, bitte. Der Eindringling sollte sich ungestört wähnen. Wir sind in spätestens zehn Minuten bei Ihnen im Haus und sehen nach dem Rechten.«
Silja unterbricht das Gespräch, springt auf, reißt ihre Daunenjacke vom Haken und spurtet hinter Bastian her zum Wagen.
Draußen ist es trüb und regnerisch. Ein feuchter Schleier scheint über allem zu liegen; Wege und Straßen, Zäune und Gärten glänzen im Licht der Scheinwerfer. Die Westerländer Innenstadt wirkt fast verwaist. Die wenigen Sylter, die trotzdem unterwegs sind, haben die Kragen hochgeklappt und die Mützen oder Kapuzen tief ins Gesicht gezogen. Ihre gebückten Gestalten gleichen einsamen Wanderern, die sich durch Kälte und Nebel schieben.
»Glaubst du wirklich, dass ein Mörder so blöd ist, zwei Tage nach der Tat ausgerechnet in der Wohnung seines Opfers aufzutauchen?«, sagt Bastian plötzlich zweifelnd. Inzwischen haben die beiden Kommissare Westerland verlassen, und Bastian gibt ordentlich Gas.
»Kommt drauf an, wie dringend er oder sie etwas sucht. Wir haben die Wohnung ja nicht überwacht oder geschützt, das hat er vielleicht bemerkt und sich daher sicher gefühlt.«
»Unsere Tote hatte allerdings ihren Wohnungsschlüssel bei sich, als wir sie gefunden haben. Der Täter hat ihn ihr also nicht weggenommen«, überlegt Bastian weiter. »Das deutet darauf hin, dass er nicht von vornherein geplant hat, in die Wohnung zu gehen. Was glaubst du, warum er seinen Plan jetzt geändert haben könnte?«
»Keine Ahnung. Lass es uns rausfinden.« Silja reibt sich fröstelnd die Hände und beginnt, an der Heizung herumzudrehen. »Irgendwie wird’s hier drinnen gar nicht warm.«
»Wir sind gleich da. Dann kannst du aus dem Wagen springen und ins Haus stürmen, dabei wird dir bestimmt warm.«
Silja verdreht die Augen und kontert: »Klar doch. Ich ziehe auch sofort die Waffe und ballere erst mal in die Luft, damit alle gewarnt sind.«
Als Bastian in die Hafenstraße einbiegt und wenig später vor dem zweistöckigen Haus anhält, in dem sich die Wohnung von Angela Ludwig befindet, bleiben beide zunächst sitzen und mustern die Fassade. Fast alle Fenster sind erleuchtet, auch in Angela Ludwigs Wohnung brennt überall Licht.
»Ganz schön unvorsichtig, findest du nicht?«, murmelt Silja, als sie aussteigt.
»Irgendwas stimmt hier nicht. Lass mich vorgehen, okay?«
»Sicher. Hast du ihren Schlüsselbund dabei?«
»Mist, an den habe ich in der Eile gar nicht gedacht.«
»Macht nichts. Ich klingele einfach bei unserer Anruferin. Wie hieß sie noch mal?« Silja lässt den Blick über das Klingelbrett wandern. »Da ist sie ja. Schröder, genau, das war der Name.« Energisch drückt Silja auf die entsprechende Taste. Der Summer geht fast sofort.
»Wahrscheinlich hängt sie mit dem Ohr direkt an der Wohnungstür, um auch ja nichts zu verpassen«, mutmaßt Bastian, als sie reingehen.
Möglichst leise steigen beide die Treppe in die erste Etage hinauf. Vor der Ludwig’schen Wohnung bleiben sie stehen und lauschen angespannt. Drinnen herrscht Stille. Die Kommissare entsichern ihre Waffen, Bastian schiebt Silja zur Seite, damit sie ihm, falls nötig, Feuerschutz geben kann, dann klingelt er.
Es dauert nicht lange, bis sich Schritte nähern.
»Hallo?«, fragt eine Frauenstimme mit osteuropäischem Akzent.
»Hier ist die Polizei, bitte öffnen Sie die Tür«, ruft Bastian.
Drinnen rührt sich nichts. Angespannt warten die Beamten. Doch hinter der Tür bleibt es still.
»Machen Sie auf, sonst kommen wir gewaltsam rein«, verkündet Bastian energisch.
Jetzt entfernen sich drinnen hastige Schritte. Bastian flüstert Silja zu: »Lauf hoch und lass dir von Frau Schröder den Schlüssel geben. Das geht schneller, als wenn wir hier die Tür eintreten.«
Wie erwartet, steht Luise Schröder bereits hinter ihrer Tür, als Silja klopft. Den Schlüsselbund zu Angela Ludwigs Wohnung hält sie in der Hand. Silja greift ihn sich und stürmt die Treppe hinunter zurück zu Bastian.
Sekunden später stehen sie in der Wohnung.
Auf den ersten Blick ist alles unverändert, dann entdecken sie den Putzeimer in der Dusche und eine Flasche mit Scheuermittel auf dem Toilettendeckel.
»Hat die Schröder nicht gesagt, die Putzfrau kommt immer donnerstags?«, wispert Silja.
Doch Bastian hört gar nicht mehr hin. Er hat das offene Wohnzimmerfenster entdeckt, steckt gerade den Kopf hinaus, richtet seien Waffe nach unten und ruft aus dem Fenster: »Bleiben Sie, wo Sie sind.«
Zu Silja gewandt, fügt er leiser hinzu: »Lauf runter. Sie ist tatsächlich aus dem Fenster gesprungen und liegt jetzt da. Ich kann nicht erkennen, ob sie sich etwas gebrochen hat und nicht aufstehen kann oder ob sie doch noch abhauen will.«
Silja hetzt die Treppe wieder hinunter und stößt die Haustür auf. Ihr bietet sich ein jämmerliches Bild.
Am Boden inmitten eines matschigen Beetes liegt eine magere Frau, die sicher die fünfzig hinter sich hat. Ihr linkes Bein ist unnatürlich abgewinkelt und das Gesicht schmerzverzerrt. Niemand könnte ungefährlicher aussehen.
Silja steckt die Waffe weg und beugt sich über sie: »Können Sie aufstehen? Warten Sie, ich helfe Ihnen.«
»Bein tut weh. Keine Polizei, bitte!«
Silja muss nicht lange nachdenken, um die Zusammenhänge zu begreifen. »Sie arbeiten schwarz bei Frau Ludwig, habe ich recht?«
Die Frau am Boden nickt beklommen.
»Sollten Sie nicht erst am Donnerstag kommen?«
»Mein Enkel Geburtstag, ich tauschen.«
»Verstehe.« Vorsichtig hilft Silja der Putzfrau auf. Als diese etwas wacklig auf ihren Beinen steht, fragt sie: »Geht’s wieder?« Doch ein Blick in das schmerzverzerrte Gesicht ist Antwort genug. »Wir fahren Sie ins Krankenhaus, okay? Eine Krankenversicherung haben Sie aber hoffentlich.«
Die Angesprochene nickt beklommen.
»Eine Frage habe ich noch: Wissen Sie, warum Frau Ludwig nicht daheim ist?«
Die Putzfrau zuckt die Schultern. »Ist normal. Wohnung klein. Frau Angela selten da, wenn ich da. Geld immer auf Kommode.«
»Heute auch?«
»Nein. Hat vergessen vielleicht. Dann nächste Woche.«
»Ich fürchte, daraus wird nichts. Angela Ludwig wurde vorletzte Nacht ermordet«, antwortet Silja langsam, ohne die andere aus den Augen zu lassen.
Die Putzfrau schüttelt zunächst ungläubig den Kopf, doch als sie langsam begreift, beginnt ihr ganzer Körper zu zittern. Silja befürchtet, dass sie wieder umkippen könnte, und springt ihr stützend zur Seite. Inzwischen ist auch Bastian neben den beiden aufgetaucht.
»Die Putzfrau, arbeitet schwarz, normalerweise donnerstags, nur diese Woche ausnahmsweise am Montag«, fasst Silja die kurze Unterhaltung zusammen.
»Heute geht aber auch alles schief.« Bastian wirft einen kurzen Blick auf das immer noch seltsam angewinkelte Bein.
»Ich habe ihr schon gesagt, dass wir sie in die Nordseeklinik fahren. Dann können wir auch gleich bei Bernstein vorbeischauen.«
Bastian nickt resigniert. »Ich mache das schon. Dich setze ich vorher im Kommissariat ab. Viel Hoffnung habe ich zwar nicht, aber vielleicht kannst du in Erfahrung bringen, ob und wo das grüne Seil, mit dem das Opfer gefesselt war, verkauft wird.«
»Glaubst du wirklich der Täter war so dämlich, es mit seiner Kreditkarte zu bezahlen?«
»Genau das wirst du herausfinden, Liebste.«
Silja lächelt säuerlich. »Es soll ja frisch verheiratete Paare geben, die nach der Trauung erst mal drei Wochen auf den Malediven flittern. Aber der Spaßfaktor von ausgedehnten Telefonaten mit Baumärkten und Bastelläden ist natürlich ungleich höher.«
»Vergiss nicht die Bootsausstatter.«
»Wie könnte ich!«