Fred Hübner schiebt die Zeitungen auf seinem Esstisch zu einem unordentlichen Haufen zusammen. Er ist abgrundtief enttäuscht von den detektivischen Fähigkeiten seiner Journalistenkollegen. Nicht einer hat irgendetwas herausgefunden, das über das hinausgeht, was Fred von Elsbeth weiß.
Okay, nicht ganz, korrigiert er sich gleich.
Elsbeth hatte ihm nicht mehr verraten, als dass Angela Ludwig im Affekt ermordet worden ist. Sie war am Tatabend mit dem Fahrrad unterwegs. Die Tatwaffe lag am Tatort.
Die Journalisten haben immerhin den Tatort recherchiert und den Familienstand der Toten: Es geschah in Westerland am Südwäldchen. Angela Ludwig war verwitwet und galt als eigenbrötlerisch. Sie trainierte regelmäßig und ziemlich verbissen bei Body Cult.
Das weiß inzwischen sowieso die ganze Insel, denkt Fred enttäuscht.
Aber niemand hat etwas zur Mordwaffe geschrieben, auch die Todesart scheint den Kollegen nicht bekannt zu sein, worüber sich Fred am meisten wundert. Daran, dass die Kripo hier auf der Insel dichthält, ist er gewöhnt, aber es gibt ja noch andere Quellen für findige Gazettenschreiber. Schließlich wird doch irgendjemand die Leiche entdeckt haben, und es wäre schon sehr merkwürdig, wenn diese Person nicht zumindest mit dem Nachbarn oder der Busenfreundin oder wem auch immer – ganz im Vertrauen natürlich – über den Vorfall geredet hat. Und das wird dann ebenso emsig wie vertraulich weitergetratscht, bis sich jemand findet, der einen Journalisten kennt, der vielleicht ein kleines Handgeld für eine brisante Information zahlt. So läuft das für gewöhnlich, denkt Fred irritiert. Aber hier? Nichts! Keiner weiß was, keiner redet.
Sosehr Fred sich auch anstrengt, es gelingt ihm einfach nicht, sich einen Reim auf die Sache zu machen. Normalerweise wäre er nur enttäuscht wegen des Versagens seiner Kollegen, und vielleicht würde er selbst ein wenig recherchieren. Doch diesmal geht das nicht. Er muss die Füße stillhalten, wenn er sich nicht zusätzlich verdächtig machen will. Gleichzeitig fühlt er sich persönlich gekränkt, weil er ausgerechnet in einem Fall verdächtigt wird, über den niemand etwas zu wissen scheint. Es scheint, als habe sich alles gegen ihn verschworen.
Sogar Elsbeth hält dicht.
Oder?
Vielleicht sollte ich noch einen zweiten Versuch wagen, überlegt Fred. Immerhin habe ich brav die Vernehmung durch Kreuzer überstanden, da wäre eine kleine Belohnung von Seiten meiner Liebsten doch ganz angebracht.
Kurzentschlossen klingelt er bei Elsbeth durch. Schneller, als er erwartet hätte, ist sie am Handy.
»Fred, du? Ist alles in Ordnung?«
»Klar doch. Oder glaubst du, ich rufe aus der Zelle an?«
»Sehr witzig. War Kreuzer schon bei dir?«
»Jepp. Ging alles glatt. Ich habe zwar kein Alibi, aber eben auch kein Motiv.«
»Sieht er das so?«
»Siehst du das anders?«
»Fred, das hatten wir doch schon alles. Ich habe hier wirklich viel um die Ohren, also lass uns besser heute Abend noch mal in Ruhe reden, okay?«
»Elsbeth, ich …« Weiter kommt er nicht, denn sie unterbricht ihn sofort.
»Ich kann jetzt wirklich nicht sprechen. Bis später. Ciao.« Und schon ist die Leitung tot.
Irritiert blickt Fred auf sein Handy. Entweder ist der Südwäldchen-Mordfall extrem fordernd, oder Elsbeth ist irgendeine andere Laus über die Leber gelaufen.
Seufzend holt er sich die Geländekarte von der Insel. Schon länger wollte er eine neue Route ausprobieren, die ihn über Keitum nach Archsum führen soll. Einsame Straßen und gut geteerter Untergrund, das ist es, wonach ihm heute der Sinn steht. Im Moment regnet es zwar noch, aber am späten Nachmittag wird es aller Voraussicht nach trocken sein. Dann ist er zwar ebenso wie am Abend des Mordes im Dunkeln unterwegs, aber was soll’s. Abergläubisch war Fred Hübner wirklich noch nie.