Montag, 3. November, 13.53 Uhr, Kriminalkommissariat Westerland

Silja Blanck legt erschöpft das Telefon aus der Hand und mustert gleichzeitig das grellgrüne Seilstück zum geschätzt zwanzigsten Mal. Bei neunzehn in Frage kommenden Händlern hat sie sich inzwischen erkundigt. Und die Antwort war immer die gleiche: Ein grünes Kunststoffseil, sagen Sie? Wozu soll das denn gut sein? Kostet doch nur Farbstoff und belastet die Umwelt. Nee, Frau Kommissarin, so was gibt’s schon lange nicht mehr.

»Bin ich mit einer Eisenwarenhandlung verbunden?«, erkundigt sie sich vorsichtig.

»Ganz recht. Mein kleiner Laden besteht schon seit vierzig Jahren, und wenn ich nicht demnächst ins Gras beißen muss, wird sich daran auch so schnell nichts ändern.« Sein Tinnumer Eisenwarenladen sei seit der Gründung im Keller des Groterjahn’schen Einfamilienhauses untergebracht, erzählt der Inhaber ihr bereitwillig. Der Laden werfe schon lange keinen Gewinn mehr ab, aber er liefere ihm eine Ausrede, um aus der Wohnung zu verschwinden und der Kontrolle seiner Frau für einige Stunden am Tag zu entgehen.

»Weißt, min Deern, ihr Weibsbilder könnt ganz schön rechthaberisch sein. Das hält auch der gutmütigste Mann auf Dauer nicht aus.«

Silja muss lächeln. Sie kann sich gut vorstellen, wie dieser Groterjahn in seinem Kellerlädchen überaus zufrieden hinter dem Ladentisch kauert, während er ihr das erzählt. Aber natürlich bringen solche Vorstellungen ihre stockenden Ermittlungen keinen Meter weiter. Also geht Silja nicht auf den humorigen Tonfall ein, sondern erklärt mit ernster Stimme: »Herr Groterjahn, es ist wirklich wichtig. Vor mir liegt ein gedrehtes hellgrünes Kunststoffseil mit sieben Millimeter Durchmesser. Es ist ein wichtiges Indiz in einem Mordfall. Daher wüsste ich gern, ob Sie solche Seile auf Lager haben oder vielleicht früher mal hatten.«

Silja ist sich bewusst, dass sie möglicherweise Täterwissen weitergibt, aber da sie schon mit neunzehn anderen Verkäufern, die vermutlich auch alle eins und eins zusammenzählen können, um den heißen Brei herumgeredet hat, schmilzt ihr Widerstand endgültig.

»Sie vermuten richtig. Die Frau wurde in der Nacht von Samstag auf Sonntag ermordet. Und bis jetzt tappen wir ziemlich im Dunkeln, was den oder die Täter angeht. Daher könnte die Herkunft des grünen Seils für uns eine wichtige Information sein. Ich will Ihnen nicht verschweigen, dass Ihr Laden der letzte auf einer ziemlich langen Liste von Geschäften ist, die ich schon abtelefoniert habe. Leider ohne jeden Erfolg.«

Am anderen Ende der Leitung herrscht erst einmal Schweigen. Als Silja schon nachfragen will, ob ihr Gesprächspartner überhaupt noch da ist, hört sie, wie er sich endlich räuspert und dann zögernd zu sprechen beginnt.

»Das kann ich mir lebhaft vorstellen. Heute ist ja alles Natur und bio. Schon wenn Sie nur ein Kunststoffseil verkaufen wollen, müssen Sie sich bei den Jungspunden dafür rechtfertigen. Warum gibt’s das nicht auch aus Hanf? Wo ist das hergestellt worden? Das ist doch bestimmt von Kindern in Asien geflochten worden. Sie glauben gar nicht, was ich mir schon alles habe anhören müssen. Und um ehrlich zu sein, ich habe natürlich keine Ahnung, wer wo wann welche Seile gedreht hat. Ich bestelle seit dreißig Jahren beim gleichen Grossisten, und fertig ist der Laden. Wenn ich mich jetzt auch

Erschöpft und um Luft ringend verstummt Armin Groterjahn.

»Ich verstehe, was Sie meinen«, entgegnet Silja höflich. »Aber es geht jetzt zum Glück nicht um die junge Generation, sondern eher um Ihre Erinnerungen. Wenn Sie so wollen, um die guten alten Zeiten, als Seile noch quietschbunt und aus Kunststoff sein durften. Und da Sie Ihren Laden schon so lange führen, können Sie sich vielleicht erinnern, ob es früher solche Seile häufiger gegeben hat.«

»Früher schon«, ist die einsilbige Antwort.

»Wissen Sie auch, bis wann die verkauft worden sind?«

»Tja, so sechs, sieben Jahre ist das sicher her. Wir hatten welche in grün und orange auf großen Rollen als Meterware. Die haben wir dann nach Bedarf zugeschnitten und anschließend kurz das Feuerzeug an die Enden gehalten, damit sie nicht ausfransen. Hat immer ganz schön gestunken.«

»Sie haben aber nicht zufällig noch Reste davon auf Lager?«

»Nee, da muss ich passen. Ist alles weg, lange schon.«

»Können Sie sich erinnern, wann sie das letzte Stück verkauft haben?«

»Sie stellen Fragen, junge Frau. Das weiß ich nun wirklich nicht mehr.«

»Darf ich daraus schließen, dass es schon mehrere Jahre her ist?«

»Das dürfen Sie ganz gewiss, min Deern.«

»Kommen Sie doch heute Nachmittag um vier, dann können wir einen Tee zusammen trinken, und ich stelle Sie meiner Frau vor. Vielleicht vergisst sie ihre Drachenallüren mal für ein Stündchen, wenn ich ihr eine waschechte Kommissarin präsentiere«, antwortet Armin Groterjahn munter.

»Ich sehe zu, was ich machen kann«, verspricht Silja und verflucht sich selbst für diese Idee, die sie nur Zeit kosten und mit ziemlicher Sicherheit keinen Erkenntnisgewinn bringen wird.