Als Elsbeth von Bispingen aus dem Zug steigt, hat es gerade aufgehört zu regnen. Bahnsteigkanten und Gleise sind noch nass, im Kiesbett schillert das Licht auf diversen Pfützen. Während ihrer Fahrt hat es unaufhörlich gegossen. Wie ein nicht enden wollender Tränen-Tsunami sind die fetten Tropfen an Elsbeths Zugfenster entlanggeglitten. Auch die Landschaft hinter dem Fenster triefte vor Nässe. Weiden und Wiesen schienen alle Farbe verloren zu haben und präsentierten sich grau in grau im schwindenden Tageslicht. Die wenigen Tiere, die überhaupt zu sehen waren, standen mit nass glänzendem Fell wie erstarrt im Regen. Nur die Wasservögel gingen ungerührt ihren gewohnten Geschäften nach.
Auf dem Westerländer Bahnhof ist ebenfalls nicht viel los. Es sind höchstens zwanzig Gestalten, die mit Elsbeth den Zug verlassen. Die meisten werden abgeholt, wohnen also hier oder haben zumindest Freunde oder Verwandte auf der Insel.
Obwohl sie es besser weiß, sieht Elsbeth sich um. Aber natürlich ist Fred Hübner nicht hier, schließlich ahnt er nichts von ihrer Stippvisite.
Seit dem missglückten Telefonat am Vormittag hat die Staatsanwältin ein schlechtes Gewissen. Noch nie hat sie Fred grundlos so abgebügelt. Und auch wenn ihre innere Anspannung immer noch nicht abgeklungen ist, hat sie beschlossen, das Vorgefallene wiedergutzumachen und ihm einen Überraschungsbesuch abzustatten.
Aber vorher, und das ist ihr mindestens genauso wichtig, muss sie dringend mit Hauptkommissar Kreuzer reden. Und zwar persönlich und unter vier Augen. Der Blick der Staatsanwältin geht suchend hinauf zu den Fenstern des Kommissariats, das sich in einem schönen alten Backsteinbau fast gegenüber vom Bahnhof befindet. In den Diensträumen brennt Licht, es ist also nur die Frage, ob Elsbeth Bastian Kreuzer persönlich oder nur die kürzlich zur Oberkommissarin beförderte Kollegin Silja Blanck antreffen wird.
Selbstverständlich wäre es höflicher gewesen, sich telefonisch anzukündigen, aber Elsbeth hat noch ein weiteres Anliegen. Sie weiß um die enge Freundschaft zwischen den drei Sylter Kommissaren und ist nicht sicher, ob der für ein Jahr degradierte Winterberg tatsächlich nur Schreibtischarbeit bei den uniformierten Kollegen leistet oder ob er insgeheim nicht doch die Kollegen Kreuzer und Blanck unterstützt.
So ein kleiner Überraschungsbesuch kann manchmal einiges klären, denkt Elsbeth, während sie eilig an den sich Begrüßenden vorbeigeht, das Bahnhofsgebäude links liegenlässt und direkt auf den kleinen Parkplatz tritt. Hier stehen nur wenige Privatwagen, von den sonst anwesenden Shuttlebussen der besseren Hotels ist nichts zu sehen. Für den Tourismus ist der November ein verlorener Monat. Nie haben die Sylter ihre Insel so sehr für sich wie jetzt.
Elsbeth überquert die Straße und steht Sekunden später vor dem Portal des Polizeigebäudes. Sie tritt ein, nickt dem Pförtner kurz zu, ignoriert seine Frage nach ihrem Besuchsgrund und nimmt die Stufen hinauf zum Hochparterre, wo die Wache untergebracht ist, mit schnellen Schritten. Bevor sie jemand aufhalten kann, stützt sie die Unterarme auf den Tresen und fragt laut in die Runde: »Ist Sven Winterberg zu sprechen?«
Verdutztes Schweigen antwortet ihr. Doch wenige Sekunden später wird sie von einer jungen Beamtin erkannt.
»Sie sind doch Frau von Bispingen, die zuständige Staatsanwältin, oder irre ich mich?«
»Sie irren nicht im Geringsten. Und ich würde gern kurz mit dem Kollegen Winterberg reden.«
Kaum hat Elsbeth die Worte ausgesprochen, scharrt hinter einer Stellwand ein Stuhl. Dann erscheint die schlanke Gestalt Sven Winterbergs. Der degradierte Kommissar streicht sich nervös mit gespreizten Fingern durch die dunklen Locken und lächelt Elsbeth gleichzeitig schüchtern zu.
»So sieht man sich wieder«, murmelt er, als er am Tresen angekommen ist.
»Wie geht es Ihnen?«, erkundigt sich Elsbeth leise und wundert sich selbst ein wenig über den ungewohnt fürsorglichen Tonfall ihrer Stimme.
Winterberg zuckt die Schultern und lässt ein verlegenes Lachen hören. »Der Job hier unten ist inhaltlich jetzt nicht der Hit, aber ich habe mich schon immer gut mit den Kollegen verstanden, und sie behandeln mich wenigstens nicht wie einen Aussätzigen.« Mit einem Augenzwinkern blickt er sich um und erntet bei allen Anwesenden zustimmendes Nicken.
»Es sind ja nur noch sechs Monate«, sagt Elsbeth ungewöhnlich sanft.
»Sieben«, korrigiert Winterberg sie sofort.
»Ach, tatsächlich? Zählen Sie auch die Tage?« Jetzt kann sich die Staatsanwältin eine leichte Ironie doch nicht mehr verkneifen.
»So schlimm ist es auch wieder nicht. Auch wenn es mir seit vorgestern natürlich besonders schwerfällt, die Füße stillzuhalten.« Er stockt kurz, dann schiebt er eine Frage nach: »Sie wissen, dass meine Tochter die Tote gefunden hat?«
»Ja, Hauptkommissar Kreuzer hat es erwähnt. Das ist sicher nicht einfach für die Kleine. Apropos Kreuzer: Finde ich ihn oben?«
»Ich denke doch.« Fragend blickt Winterberg sich um. »Silja ist ja schon länger hier. Hat jemand von euch Bastian zurückkommen sehen?«
Als zwei der uniformierten Kollegen nicken, fragt Winterberg: »Soll ich oben anrufen und …«
Doch Elsbeth hebt nur dankend die Hand und wendet sich zur Treppe, die ins erste Stockwerk führt. »Danke, nicht nötig. Und den Weg finde ich auch allein.«
Oben angekommen, stößt sie fast mit Silja Blanck zusammen, die schwungvoll aus der Tür ihres Büros tritt.
»Oh, Frau von Bispingen, welche Überraschung. Ich wollte gerade noch zu einer Vernehmung, aber natürlich kann ich …«, beginnt sie.
»Ist Ihr Chef da?«
Die Oberkommissarin deutet auf die Tür, die sie gerade hinter sich geschlossen hat. »Er muss noch ein paar Sachen klären, aber wenn mich nicht alles täuscht, hatte er fest vor, sich anschließend bei Ihnen in Flensburg zu melden.«
»Na, das können wir jetzt ebenso gut direkt erledigen. Und Frau Blanck, lassen Sie sich nicht aufhalten, ich komme sehr gut allein zurecht.«
Elsbeth weiß, dass sie für gewöhnlich zu harsch und oft auch unfreundlich auftritt, daher ist sie es gewohnt, dass ihre seltenen fürsorglichen Anwandlungen manchmal auf Irritation stoßen. Doch der Blick, den die Blanck ihr jetzt zuwirft, ist eher ängstlich als erstaunt.
Wenn ich nicht so viel anderes im Kopf hätte, wäre mir das durchaus die eine oder andere Überlegung wert, denkt sie noch.
Doch dann nickt sie der Kommissarin nur kurz zu und öffnet, ohne anzuklopfen, die Tür zu Kreuzers Dienstzimmer.