Brith Bleiken zieht den Reißverschluss ihrer Regenjacke bis zum Kinn hoch und stülpt sich die Kapuze über den Kopf. Dann greift sie nach den dick gefütterten Handschuhen, steckt den Schlüssel in die Tasche und zieht die Haustür hinter sich ins Schloss. Es ist ihr egal, dass es draußen nieselt, und sie kümmert sich auch nicht darum, dass es längst dämmert und nur noch Spuren des letzten Tageslichts ihren Weg erhellen werden.
Nach dem anstrengenden Vormittag in der Schule und den nachmittäglichen stundenlangen Korrekturen der Mathe-Leistungskurs-Klausuren ist ihr Bedürfnis nach Ruhe und frischer Luft schier übermächtig. Selbst ein Schneesturm könnte sie jetzt nicht von ihrem rituellen Abendspaziergang abhalten. Was machen da schon ein paar harmlose Regentropfen?
Mit schnellen Schritten läuft Brith an den Häusern der Nachbarn vorbei. Überall brennt schon Licht und lässt die schönen alten Klinkerbauten warm und heimelig wirken. Es dauert nicht lange, bis sich Briths Anspannung legt, ihre leichten Kopfschmerzen verschwinden und einer tiefen Ruhe Platz machen. Das Gefühl, hier zu Hause zu sein, Wurzeln zu haben und diese auch bis ans Lebensende bewahren und pflegen zu können, gibt Brith wie immer Kraft und Halt. Nie konnte sie verstehen, wie Menschen ständig umziehen oder sich überhaupt für Neues begeistern können.
Brith ist eine Traditionalistin. Sie liebt ihre Sylter Heimat, und sie liebt ihren Beruf. So viel sich auch am Lehrerinnendasein in den dreißig Jahren verändert hat, die sie nun schon am Westerländer Gymnasium unterrichtet, so ist eines doch gleich geblieben: Die Freude, die sie daran hat, zu sehen, wie die jungen Leute mit den Jahren selbstbewusster werden und eine jeweils eigene Persönlichkeit herausbilden.
Natürlich gibt es oft Stress und manchmal auch handfesten Ärger. Wie heute zum Beispiel, als Sören aus der Neunten plötzlich handgreiflich gegenüber Elisa wurde und Brith nach einer Schrecksekunde einschreiten musste. Fast hätte Sören auch noch Brith geohrfeigt, erst in letzter Sekunde riss er sich zusammen. Im gesamten Kollegium und bei seinen Mitschülern ist dieser Schüler als höchst cholerisch bekannt. Er kommt aus schwierigen Verhältnissen und hat große Probleme damit, Autoritäten anzuerkennen. Natürlich ist das längst kein Grund, tätlich zu werden, wenn eine Mitschülerin einen Annäherungsversuch zurückweist.
Aber jetzt habe ich mich nur wieder gedanklich in die leidigen Schulquerelen vertieft, denkt Brith verärgert, dabei wollte ich das alles doch gerade hinter mir lassen. Sie schreitet schneller aus und bemüht sich, die kalte Luft tief in ihre Lungen zu ziehen. Ganz ruhig werden, die Gedanken schweifen lassen, die Gerüche und Geräusche der Insel aufnehmen und alles andere außen vor lassen, beschwört sie sich selbst.
Längst hat Brith das Norderende verlassen, ist in den Heleeker eingebogen und läuft nun zwischen Wiesen und Feldern direkt auf den verlassenen Bahnübergang zu. Die Straße steigt zu den Gleisen hin leicht an und fällt hinter der Bahntrasse sofort wieder ab, so dass es wirkt, als höre die Welt am Bahndamm auf.
Obwohl das besiedelte Gebiet nur wenige hundert Meter hinter Brith liegt, erscheint ihr dieser Bahnübergang immer wie eine Pforte in die reine Landschaft, die sich nach allen drei Seiten völlig unberührt erstreckt. Längst ist die Dämmerung der Nacht gewichen, und da es hier keine Straßenbeleuchtung gibt, liegt der Weg vor Brith fast völlig im Dunklen. Aber die Straße ist glatt geteert und verläuft schnurgerade, außerdem ist sie hier fast jeden Abend unterwegs. Sie würde selbst mit geschlossenen Augen nicht vom Weg abkommen.
Die Dunkelheit und die Stille tun ihr wie immer gut. Brith spürt deutlich, wie eine tiefe innere Ruhe Besitz von ihr ergreift. Sie freut sich auf einen ungestörten Abend, den sie allein vor dem Fernseher verbringen wird. Wie jeden Montag ist ihr Mann beim Sport und hat bereits beim Aufbruch angekündigt, dass es heute später werden wird, weil er mit seinen Freunden noch einen abendlichen Gang um die Häuser plant. Brith genießt es gerade am Wochenbeginn immer sehr, ihr Heim für sich zu haben und sich ganz allein der Entspannung hingeben zu können.
Deshalb bleibt sie auch an der Bahnschranke stehen, lehnt sich dagegen, legt den Kopf in den Nacken und lässt lediglich für einige Minuten den feinen Nieselregen ihr Gesicht benetzen. An anderen Wochentagen würde sie noch ein gutes Stück weitergehen, oft läuft sie bis nach Keitum hinein und wieder zurück, doch dafür ist es heute nicht nur zu kalt, zu dunkel und zu nass, sondern es lockt sie auch ihr ruhiges friedliches Zuhause viel zu sehr.
Brith stößt sich von der Bahnschranke ab und will sich gerade umdrehen, als sie das leicht schwankende Licht erblickt, das sich von Keitum aus nähert. Ein Radfahrer um diese Zeit, wie ungewöhnlich, denkt sie noch, da ist das Licht auch schon direkt vor ihr und blendet sie unversehens. Auch als das Fahrrad plötzlich stoppt und eine dunkel gekleidete Gestalt absteigt, leuchtet die Lampe weiter und hindert Brith daran, der Gestalt ins Gesicht zu sehen.
»Hallo, guten Abend. Kann ich Ihnen irgendwie helfen?«, fragt sie freundlich. Doch es kommt keine Antwort. Und da die starke Fahrradlampe sie weiterhin blendet, kann Brith auch nur die Umrisse des Radfahrers erkennen – mit einer mächtigen Ausbeulung am Rücken, die entweder von einem ausgeprägten Buckel oder einem voluminösen Rucksack herrühren muss.
Als sie sich gerade darüber wundert, dass sie diese lächerliche und etwas peinliche Märchen-Assoziation von einem Buckel hat, läuft die immer noch schweigende Gestalt auf sie zu, bleibt zwei Schritte vor ihr unvermittelt stehen, greift über den Kopf nach hinten und zieht etwas Langes, Glattes aus dem Rucksack.
In einer einzigen fließenden Bewegung schwingt sie es nach vorn und lässt es auf Briths Kopf niedersausen. Mit Verblüffung registriert sie das grässliche Geräusch, dann durchzuckt sie ein heftiger Schmerz, sie geht zu Boden und verliert in Sekundenschnelle das Bewusstsein.