Elsbeth von Bispingen sieht schon aus dem Taxi, dass in Freds Wohnung alle Fenster dunkel sind. Sie bezahlt die Fahrt, lässt sich den Rollkoffer aus dem Kofferraum geben und wühlt in ihrer Handtasche nach dem Wohnungsschlüssel.
»Verdammt, hoffentlich habe ich den überhaupt eingesteckt«, murmelt sie währenddessen.
»Soll ich vielleicht warten?«, erkundigt sich der Taxifahrer, der ein üppiges Trinkgeld bekommen hat.
»Nicht nötig, da ist der Schlüssel.« Elsbeth schwenkt ihn einmal durch die Luft, nickt dem Fahrer zu und geht schnell zur Haustür, um dem Nieselregen zu entkommen.
In Freds Wohnung riecht es nach Kaffee, in der Spüle steht ein kürzlich benutzter Becher. Offenbar ist Fred also noch nicht lange weg. Elsbeth weiß genau, dass er nicht viele Freunde auf der Insel hat, aber natürlich ist sie nicht über Freds Tagesablauf informiert. Er könnte überall sein. Beim Friseur, im Supermarkt, in seiner bevorzugten Fahrradwerkstatt oder auch direkt mit dem Rad unterwegs. Wobei Elsbeth die letzte Möglichkeit für sehr unwahrscheinlich hält. Wer würde schon ein zweites Mal bei Dunkelheit und Mistwetter zum Training aufbrechen, wenn man sich gerade mal zwei Tage vorher bei genau solch einer Aktion des Mordes verdächtig gemacht hat?
Während Elsbeth diese Überlegungen anstellt, trägt sie ihren kleinen Koffer nach oben ins Schlafzimmer und packt ihr Nachtzeug und die Beauty-Sachen aus. Dann geht sie wieder nach unten, macht sich selbst einen Kaffee und durchstöbert den Kühlschrank nach etwas Herzhaftem. Der Käse sieht akzeptabel aus, und Oliven sind auch vorrätig. Elsbeth lässt den Kaffee stehen und gießt sich stattdessen ein halbes Glas Rotwein ein, trägt alles zum Sofa und lässt sich darauf fallen. Dann sieht sie auf die Uhr. Halb sechs. Wo bleibt Fred?
Natürlich könnte sie ihn anrufen, aber dann wäre ja die Überraschung dahin, und gerade darum ist es ihr schließlich gegangen. Elsbeth übt sich also in Geduld. Sie isst etwas von dem Käse und den Oliven, probiert den Wein und denkt darüber nach, ob sie irgendwo für ein nettes Abendessen zu zweit reservieren soll. Aber wer hat schon Lust, bei diesem Schmuddelwetter ohne Not vor die Tür zu gehen?
Hat Bastian Kreuzer vorhin nicht irgendetwas von einer Sushi-Bestellung gesagt? Schnell googelt Elsbeth die entsprechenden Lieferdienste, entscheidet sich für einen und ordert die Luxusplatte für acht Uhr am Abend. Bis dahin, so hofft sie, wird Fred sicher wieder zurück sein.
Nach einer Weile tut der Wein seine Wirkung, und Elsbeth fühlt sich entspannt und gelassen. Sie beschließt, noch ein wenig Bürokram zu erledigen, und macht es sich mit dem Laptop auf dem Sofa bequem. Es sind diverse Mails zu beantworten, und außerdem muss sie noch ein längst überfälliges Gutachten verfassen.
Als Elsbeth das nächste Mal auf die Uhr schaut, ist es Viertel vor sieben. Energisch klappt sie den Laptop zu und greift nach ihrem Handy. Es klingelt endlos bei Fred, ohne dass er sich meldet, jedenfalls scheint es ihr so. Aber als sie gerade aufgeben will, hat sie doch noch Erfolg.
»Hallo, Elsbeth, wie geht’s?«
Klingt seine Stimme nicht ziemlich außer Atem, oder täuscht sie sich?
»Hey, ich habe eine Überraschung für dich. Wo bist du?«
»Zu Hause. Und du?«
Für einen Moment ist Elsbeth schreckstarr. Ihres Wissens hat Fred sie noch nie belogen. Oder hat sie es bisher nur nicht mitbekommen?
»Oh, ich auch. Ich mache mir einen faulen Abend, weißt du, und da wollte ich …«
Ein Geräusch erregt Elsbeths Aufmerksamkeit. Ist da jemand an der Tür? Was geht hier vor? Sie spürt, wie ein Gefühl in ihr aufsteigt, das man durchaus als Angst bezeichnen könnte.
»Fred, hör mal, ich bin gar nicht zu Hause, sondern wollte dich …«
»Überraschen? Das ist dir tatsächlich gelungen.«
In voller Fahrradmontur steht er wenige Sekunden später neben ihr und mustert sie mit einem Blick, in dem Freude und Verärgerung sich die Waage halten.
»Ist das ein Kontrollbesuch?«, erkundigt er sich, während er sich aus den nassen Klamotten schält.
»Natürlich nicht. Kriege ich keinen Kuss?«
»Kommt sofort. Nur noch die Schuhe und die Hose, sonst saue ich hier alles ein.«
Elsbeth zwingt sich zu einem Lächeln, obwohl ihr immer noch mulmig zumute ist. »Wo warst du bloß?«
»Sieht man das nicht?«, antwortet er mit schiefem Grinsen. »Wohl kaum bei einem Rendezvous, Verehrteste, falls es das ist, was Sie befürchten.«
Inzwischen hat er sich von Hose und Schuhen befreit, wirft sich mit einem erleichterten Stöhnen neben sie aufs Sofa und legt den Arm um Elsbeth.
»Hallo erst mal. Schön, dass du da bist!«
Elsbeth nickt. Während sie sich in Freds Arme schmiegt, schafft sie es nicht, das aufsteigende Misstrauen ganz zu ignorieren.