Dienstag, 4. November, 06.55 Uhr, Bahnübergang Reitkoog, Archsum

Luca Gerstenhauer friert. Trotz seiner dicken Handschuhe, der gefütterten Jacke, der Fellstiefel und der Wollmütze, die er tief ins Gesicht gezogen hat. Wie jeden Morgen strampelt er auf seinem Fahrrad von Archsum nach Keitum, wo er eine Ausbildung als Glaser macht. Die Strecke quer über die Felder ist nicht lang, und mit öffentlichen Verkehrsmitteln müsste er einen Riesenumweg fahren und mindestens eine halbe Stunde früher aufstehen. Und er kommt morgens sowieso schon schwer aus dem Bett und ist bereits mehrmals zu spät in der Glaserei angekommen. Beim nächsten Mal gibt’s richtig Ärger, das hat der Chef schon angedroht. Also hält Luca sich ran und tritt wie blöd in die Pedale, obwohl der eisige Wind ihm fast die Nase wegbeißt.

Auch in den vergangenen Wochen war es bereits ziemlich frostig, aber heute Nacht war der Himmel sternenklar, und die kosmische Kälte konnte ungehindert bis zur Erde dringen. Luca hat nicht besonders viel von seiner Schulzeit behalten, eigentlich fast nichts, aber diese Erklärung ihres Erdkundelehrers hat ihn im letzten Schuljahr echt beeindruckt. Seine Eltern, bei denen er blöderweise immer noch wohnt, können das schon längst nicht mehr hören, doch Luca findet es einfach toll, dass er auch mal was erklären kann.

Gerade fährt er keuchend die kleine Steigung hoch, die zum Bahnübergang führt. Den Kopf hat Luca tief nach unten

Wie erwartet sind die Schranken oben.

Was Luca allerdings ganz und gar nicht erwartet hat, ist der Anblick, der sich ihm auf der Keitumer Seite bietet. Krass, denkt er, so was gibt’s wirklich und nicht nur in der Glotze.

Da ist doch tatsächlich eine nackte Frau an der Schranke festgebunden. Die Tante ist tot, das sieht Luca sofort. Sie hat zwei fette Beulen am Kopf, außerdem ist der ganze Körper eher blau als hautfarben. Also wenn die nicht an dem Schlag auf den Schädel gestorben ist, dann ist sie ganz bestimmt erfroren.

Luca bremst und steigt vom Rad. Er wühlt sein Handy aus der Jackentasche und blickt auf die Uhrzeit. In vier Minuten muss er in der Glaserei sein, das ist jetzt schon ziemlich knapp. Wenn er die Bullen ruft, kostet ihn das mindestens fünf Minuten, und wer weiß, ob er dann nicht hierbleiben muss, bis die da sind. Und mit ziemlicher Sicherheit findet es sein Chef nicht lustig, wenn er sich schon wieder verspätet. Tote Frau hin oder her.

Doch bevor Luca wieder aufs Rad steigt, macht er schnell noch ein paar Fotos. So ein geiles Motiv gibt’s nicht oft. Und wer weiß, vielleicht kann er die Bilder ja in seiner Frühstückspause an die Presse verticken und sich damit noch ein kleines

Er schwingt sich wieder auf den Sattel und tritt jetzt noch heftiger in die Pedale. Und während er jenseits der Schranke die abschüssige Straße hinuntersaust, stellt er fest, dass seine schaurige Entdeckung ihn die Kälte hat vollständig vergessen lassen. Das Blut pulst nur so durch seinen Körper, und bei dem Gedanken, dass endlich mal was passiert ist in seinem Leben, ist er freudig erregt.