Henriette Meinhard fällt vollkommen erledigt auf ihren Sitz im Regionalexpress. Sie ist müde und überarbeitet, außerdem kündigt sich eine Erkältung an. Der Hals tut ihr weh, die Nase ist verstopft. Als der Zug anfährt, hat sie nur einen Wunsch: schnell nach Hause zu kommen.
Henriette arbeitet seit mehr als zwanzig Jahren als Pflegerin in einem Westerländer Altenheim und hat jetzt drei Nächte hintereinander Schicht gehabt. Natürlich ist das in den Dienstplänen nicht so vorgesehen, aber weil sie, wie die meisten ihrer Kollegen und Kolleginnen, auf dem Festland wohnt, haben die Pflegenden in ihrer Einrichtung sich intern auf diese Verteilung geeinigt. Drei Nachtdienste hintereinander und Bereitschaftsdienst tagsüber, danach drei Tage frei. Dann eine ganze Woche Tagesschichten und anschließend wieder drei Nachtdienste. Nicht sehr arbeitnehmerfreundlich, aber dafür entfällt in der Nachtdienstwoche das tägliche Hin- und Herfahren mit der Bahn. Jede Strecke dauert bei Henriette eine gute Stunde, das ist schon ziemlich viel nutzlos vertane Zeit. Und die drei freien Tage hintereinander sind auch nicht zu verachten.
Nur wird Henriette sie in dieser Woche wohl mit einer saftigen Erkältung im Bett verbringen, ein Umstand, der nicht gerade zu ihrer Erheiterung beiträgt.
Aber Henriette ist grundsätzlich ein positiv gestimmter Mensch, und daher hat sie schon beim Einstieg in den Zug beschlossen, sich die Laune nicht durch eine tropfende Nase verderben zu lassen, sondern sich lieber an dem Schönen um sie herum zu erfreuen. Und heute Morgen wird dies eindeutig der bevorstehende Sonnenaufgang sein. Denn nachdem es mehrere Tage in Folge geregnet, gestürmt, genieselt und dann wieder gestürmt hat, scheinen sich über Nacht alle Wolken verzogen zu haben. Henriette hat sich ganz bewusst auf die linke Seite des Waggons gesetzt, damit sie das Schauspiel der aufgehenden Sonne ungehindert genießen kann.
Der komplette Himmel ist bereits tiefrosa, ein paar helle Schäfchenwolken schwimmen wie wattige Boote am Horizont, die letzten Keitumer Häuser sind gerade links aus Henriettes Blickwinkel verschwunden. Da schiebt sich auch schon die erste Rundung über den Horizont, Wiesen, Felder, Bäume und Sträucher strahlen auf, sind plötzlich von einem unwirklich hellen Glanz umgeben, der sich wie ein Glorienschein über alles legt. Einzelne Autos blitzen im Licht, und gerade rauscht die geschlossene Bahnschranke zwischen Archsum und Keitum am Fenster vorbei.
Henriette stutzt, beugt sich viel zu spät vor, würde am liebsten den Kopf aus dem Zugfenster stecken, um noch einmal zu überprüfen, was sie für Sekundenbruchteile gesehen hat. Doch natürlich sind schon seit vielen Jahren alle Zugfenster komplett verschlossen. Henriette presst also den Kopf ans Glas und bemüht sich, noch schnell einen Blick nach hinten zu erhaschen. Doch längst ist die Bahnschranke aus ihrem Blickfeld verschwunden. Irritiert reibt sie sich die Augen und hat plötzlich so gar keinen Sinn mehr für das Spektakel des Sonnenaufgangs.
Kann es sein, dass ich so übermüdet bin, dass ich schon Gespenster sehe?, fragt sie sich.
Henriette blickt sich im Wagen um. Hinter ihr sitzt ein junger Mann, der intensiv mit seinem Handy beschäftigt ist. Der hat bestimmt nichts gesehen. Und die alte Frau drei Reihen vor ihr muss schon bei Abfahrt des Zuges eingeschlafen sein, denn seitdem hallen ihre regelmäßigen Schnarchgeräusche durch den ganzen Waggon. Sonst gibt es nur noch die Schwangere auf dem Sitz jenseits des Ganges, die aufmerksam in einem Ratgeber für werdende Mütter liest. Außer ihr scheint niemand auf die vorbeigleitende Landschaft geachtet zu haben.
Henriette überlegt. Sie könnte aufstehen und nach dem Zugbegleiter suchen, um ihn auf das ungewöhnliche Vorkommnis hinzuweisen. Sie könnte natürlich auch gleich mit ihrem Handy die Polizei alarmieren. Wahrscheinlich lachen die mich aus. Eine nackte Frau an eine Zugschranke gefesselt. Geht’s noch? Henriette kann sich die spöttischen Kommentare sehr gut vorstellen. Außerdem sind noch genügend andere Reisende im Zug. Falls ich mich also nicht getäuscht haben sollte, hat bestimmt irgendjemand, der nicht so übermüdet ist wie ich, auch etwas gesehen.
Noch einmal blickt Henriette sich um. Alle Fahrgäste sitzen still auf ihren Plätzen, alles scheint völlig normal. Wusste ich’s doch, ich sehe Gespenster, höchste Zeit, dass ich ins Bett komme, beschließt Henriette. Dann lässt sie den Sonnenaufgang Sonnenaufgang sein, lehnt sich zurück, schließt die Augen und ist wenig später im Einklang mit dem beruhigenden Rütteln des Zuges eingeschlafen.