Dienstag, 4. November, 07.37 Uhr, Norderende, Archsum

Claudia Augustin marschiert mit weit ausgreifenden Schritten die Straße entlang. Ihr Rauhaardackel Kalle ist allerdings weniger bewegungsfreudig und schlurft missmutig hinter ihr her.

»Na komm schon, Kalle, stell dich nicht so an. Du bist ohnehin zu fett, also lauf mal ein bisschen«, versucht Claudia ihn zu motivieren und zerrt an Kalles Leine. Aber der Dackel denkt gar nicht daran, sich zu beeilen.

Claudia wickelt sich die Leine ums Handgelenk und vergräbt dann beide Hände tief in die Taschen der alten Seehundsfelljacke, die schon ihre kürzlich verstorbene Mutter getragen hat. Blöderweise hat sie ihre Handschuhe zu Hause liegen lassen, aber sie wird ohnehin nicht lange unterwegs sein, und ihre Jackentaschen sind mit warmem Filz gefüttert.

Claudia ist eine sportliche Mitsechzigerin, sie trägt einen praktischen Kurzhaarschnitt, der gut zu ihrer direkten und zupackenden Art passt. Sie bewohnt eine winzige Dachgeschosswohnung in Archsum, die sie sich nur leisten kann, weil die hochbetagte Vermieterin eine Cousine ihrer Mutter

Claudia liebt ihre winzige Wohnung und ganz besonders den weiten Blick über die Landschaft aus ihrem Schlafzimmer. Schon beim Aufstehen wusste Claudia, dass heute ein schöner Tag werden würde. Bei diesem Prachtwetter kann einem einfach nichts die Laune verderben, denkt sie fröhlich und lässt ihren Blick über die verharschten Wiesen seitlich der Straße schweifen. Zwar wärmt die gerade aufgegangene Wintersonne noch lange nicht, aber allein der feurig rote Glanz, in den ihr Licht die ganze Insel taucht, weckt doch alle Lebensgeister, findet Claudia.

Seit ihrer Verrentung im letzten Sommer geht es ihr richtig gut. Wenn sie jetzt früh aufsteht, dann nicht um sich auf dem Weg ins Büro abzuhetzen, sondern nur weil sie einfach schon wach und unternehmungslustig ist und sich auf den kommenden Tag freut. Auch Kalle hat es anfangs sehr genossen, dass sein Frauchen viel mehr Zeit für ihn hat. Dass er ausgerechnet jetzt ein bisschen antriebsarm geworden ist, ärgert Claudia zwar, aber sie ist entschlossen, dem Dackel seine Faulheit nicht durchgehen zu lassen.

Zumindest bis zur Bahnschranke werden sie marschieren, anschließend ist Claudia bereit, umzukehren. Auf das Frühstück und eine ausführliche Zeitungslektüre in ihrer kleinen, aber sehr gemütlichen Küche freut sie sich jetzt schon. Aber erst mal ist die Bahnschranke dran. Wenn Claudia, die mittlerweile recht kurzsichtig ist und nicht nur ihre Handschuhe, sondern auch ihre Brille zu Hause vergessen hat, die Augen zusammenkneift, kann sie die Schranke schon

»Merkwürdig ist das«, murmelt Claudia und geht noch etwas schneller. Zu ihrer großen Überraschung scheint auch Kalle jetzt Gefallen an dem Morgengang gefunden zu haben. Anstatt sich widerwillig hinterherziehen zu lassen, prescht er vor, schnuppert neugierig in der Morgenluft, zerrt an der Leine und wird immer aufgeregter, je näher sie der Schranke kommen.

Irritiert kneift Claudia die Augen zusammen. Irgendetwas ist an der Schranke festgebunden. Mit einem grellgrünen Seil. Es sieht aus wie eine lebensgroße Puppe. Weiblich, mit Brüsten, Schamhaaren und langem strähnig dunkelblondem Haupthaar, das im Wind flattert.

Claudia kennt sich da nicht aus, aber vielleicht ist das eine von diesen Sexpuppen, von denen man immer mal wieder hört. Vielleicht hat sich jemand einen durch und durch geschmacklosen Scherz erlaubt. Aber haben diese Puppen Haare? Es könnte natürlich auch eine ausgemusterte Schaufensterpuppe sein, die irgendein Idiot hier festgebunden hat.

Höchstens noch zwanzig Meter trennen Claudia von der Bahnschranke. Kalle ist inzwischen so aufgeregt, dass sie die Leine loslassen muss, weil er sie sonst umreißen würde. Prompt stürmt er wie der Blitz davon und stoppt erst laut kläffend direkt vor der Schranke. Claudia ist eher langsamer geworden. Mit jedem ihrer zögernden Schritte wird ihr klarer, dass es sich bei dem Körper keineswegs um eine Sexpuppe handelt. Sondern um einen echten Menschen.

Claudia bleibt etwa fünf Meter vor der Frauenleiche stehen und atmet tief durch. Alles ist so unwirklich, so durch

Es muss eine andere Erklärung geben, sagt sie sich verzweifelt.

Ein Filmset? Nein, ringsherum ist alles leer und einsam.

Und träumen tut sie auch nicht. Da braucht sie sich gar nicht erst in den Arm zu kneifen, das weiß sie auch so.

Claudia kämpft einen Brechreiz nieder und atmet gleichzeitig gegen ein starkes Schwindelgefühl an. Dann zwingt sie sich, etwas näher zu treten.

An der Schläfe und auf der Stirn des leblosen Kopfes befinden sich zwei unschöne Blessuren, unter denen ausgedehnte Blutergüsse zu sehen sind. Und am rechten Ringfinger der Figur entdeckt Claudia einen breiten Ehering. Unwillkürlich sucht sie den Boden nach Blut ab, aber viel ist da nicht zu sehen. Fast gegen ihren Willen hebt Claudia noch einmal ihren Blick, um der Toten ins Gesicht zu schauen.

Obwohl die Züge verzerrt sind, die Augen schreckweit geöffnet und der Mund irgendwie schief im Gesicht sitzt, erkennt sie jetzt auch die Frau.

Es ist Brith Bleiken, sie wohnt nur ein paar Häuser weiter die Straße hinauf und hat oft ein Leckerli für Kalle in der Tasche. War Brith Bleiken, korrigiert sich Claudia sofort. Und hatte oft ein Leckerli für Kalle in der Tasche. Denn jetzt hängt direkt vor ihr nur die leere Hülle von Briths Körper in dem Seil, das um die Bahnschranke geschlungen ist.

Brith Bleiken selbst muss woanders sein, ihre Stimme, ihre Bewegungen, ihre Güte und ihr leises Lachen können doch nicht einfach von dieser Welt verschwunden sein, schießt es Claudia durch den Kopf. Und zum ersten Mal in ihrem Leben wünscht sich die überzeugte Atheistin, sie könnte gläubig